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Sprechen lernen: Babys lernen mit Zungenbrechern

Die Zunge muss früh geübt sein, um später einmal sprechen zu können - sehr früh. Tatsächlich beginnt das Training, schon lange bevor Baby "Mama", "Papa" oder "Ball" sagt.
Schreihals

Babys müssen schon früh auch ihre Zunge trainieren, um Laute verstehen und dann später einmal nachsprechen zu können, berichten Forscher nach Experimenten mit sechs Monate alten Kindern. In diesem Alter sind die Kleinen noch in ihrer typischen vorsprachlichen Entwicklungsphase: Sie beginnen gerade höchstens, ihre Muttersprache am Klang zu erkennen, und können erst einige Monate später als ungefähr Einjährige selbst Wörter bilden. Trotzdem scheint es schon zu diesem frühen Zeitpunkt wichtig zu sein, die Zunge auf eine je nach Muttersprache unterschiedliche Weise bewegen zu können, meinen die Forscher um Alison Bruderer von der University of British Columbia: Werden charakteristische Zungenbewegungen beim Hören von bestimmten subtilen Lautunterschieden unterbunden, so können diese Laute auch später nicht mehr produziert oder auseinandergehalten werden.

In ihrem Experiment hatten die Wissenschaftler die kleinen Probanden – alle aus dem englischsprachigen Raum – auf das Erkennen eines für ihre eigentliche Muttersprache unwichtigen Lautunterschieds getestet: einen auf zwei Weisen auszusprechenden, im indischen Hindi relevanten "D"-Laut, den ausgewachsene Nichthindisprecher meist weder erkennen noch gar produzieren können. In den ersten sieben Monaten gelingt diese Differenzierung prinzipiell noch allen Babys auf der Welt: Sie sind in diesem Alter noch nicht auf eine Sprache festgelegt, und ihr Gehirn unterscheidet nicht zwischen der Muttersprache der Eltern und Fremdsprachen; es aktiviert stattdessen unabhängig von allen Sprachen identische sensorische und motorische Sprachverarbeitungsareale.

Gerade das sensomotorische Zungentraining scheint in dieser Phase für später sehr wichtig zu sein, belegen die Forscher nun mit einem kleinen Trick: Während sie die indischen D-Laute hören ließen, blockierten sie die Zungenbewegungen bei einer Hälfte der Babys mit einem speziell angefertigten Schnuller, der das Nachahmen speziell dieses Lauts und das dazu nötige Anheben der Zungenspitze unmöglich macht. Tatsächlich lernten die durch den Schnuller beeinträchtigten Babys dann auch gar nicht erst, die zwei Formen des D-Lauts überhaupt zu unterscheiden, wie anschließende Tests und Vergleiche mit der zweiten Gruppe belegten.

Die Testschnuller behinderten nur eine ganz bestimmte Zungenbewegung, und dies auch nur während der kurzen Phasen, in denen die für die englische Sprache unwichtigen Laute zu hören waren, betonen die Forscher: Die eigentliche sprachliche Entwicklung der Kleinen sei demnach nicht beeinträchtigt worden. Ähnliches gelte wahrscheinlich für alle Babys, die nicht wirklich ständig über Monate einen Schnuller im Mund hätten. Immerhin aber sei nun belegt, dass ein ungehindertes Üben mit der Zunge eine bis dato unterschätzte Voraussetzung für die spätere Lautbildungskompetenz sowie das Differenzieren zwischen verschiedenen Lauten sei: Bis jetzt, so Bruderer, hatte man vor allem das Ausmaß der Sprech- und Hörerfahrung als wichtigen Faktor in den ersten Phasen des Spracherwerbs im Blick. Dabei sollte die Bedeutung der oralmotorischen Bewegungsmuster aber nicht unterschätzt werden.

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