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Spracherwerb: Von den Lippen gelesen

Wer von den Gesprächen um sich herum nur Bahnhof versteht, muss sich anderweitig orientieren, um sich zurechtzufinden. Kleinkinder haben hier in den ersten Monaten ihres Lebens einen besonderen Kniff parat: Sie erkennen anhand der Mimik ihres Gegenübers, ob dieser eine bekannte Sprache spricht.
Abgelenktes Baby beim Beobachtungstest
"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche bleibt den Augen unsichtbar", sagt der Fuchs in dem berühmten Märchen von Antoine de Saint-Exupéry zu dem Kleinen Prinzen. Und vielleicht sagt das auch gerade die freundliche Frau auf dem Monitor in dem kleinen, mit schwarzen Tüchern verhangenen Raum einer Universität. Doch das Kleinkind, das ihr vom Schoß der Mutter aus gebannt zuschaut, kann sie leider nicht verstehen. Der Ton ist abgeschaltet. Und dennoch scheint es, als wolle der Säugling den Fuchs Lügen strafen. Denn die Augen des gerade einmal vier Monate alten Babys verraten ihm eine ganze Menge über die Person, die gerade vor ihr tonlos rezitiert.

Visuelle Reize sind für die Entwicklung eines Kleinkindes in den ersten Monaten des Lebens von entscheidender Bedeutung. Die ersten Wörter, die ein Baby spricht, beziehen sich meist auf Dinge, von denen auffällige optische Signale ausgehen. Es lernt schneller, wenn die Mutter es liebevoll anlächelt, und es kann in frühem Alter schon eine Menge unterschiedlicher Gesichter auseinander halten. Kein Wunder – schließlich spielen Gesichter für die kleinen Neubürger eine entscheidende Rolle. Das Gesicht der Mutter, die sich redend über ihren Nachwuchs beugt, ist meist einer der ersten Eindrücke, den ein Baby von der neuen Welt mitbekommt.

Ein Baby beobachtet die tonlose Sprecherin auf dem Monitor | Ein Baby beobachtet die Sprecherin auf dem Monitor. Seiner Mutter haben die Forscher eine blickdichte Sonnenbrille aufgesetzt, damit ihre Reaktionen nicht das Verhalten des Kindes beeinflussen.
Forscher aus aller Welt finden es darum besonders interessant, herauszufinden, was genau die Säuglinge mit diesen Eindrücken anzufangen wissen. Ab wann können sie die Mimik ihres Gegenübers deuten, was sagt ihnen eine Gesichtsbewegung beim Sprechen? Erkennen sie womöglich allein anhand der Mimik, welche Sprache jemand spricht? Whitney Weikum von der University of British Columbia in Vancouver wollte genau dies herausfinden. Deshalb wählte sie zusammen mit Forschern aus Montreal, Oxford und Barcelona 36 Babys im Alter von vier, sechs und acht Monaten aus, die sich für wenige Sekunden bestimmte Videoclips anschauen sollten. Darauf sprachen drei bilinguale Sprecher einzelne Sätze aus dem Kinderbuch "Der Kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry – jeweils in Englisch oder Französisch.

Um herauszufinden, ob die Kinder allein an der Mimik einen Unterschied zwischen den beiden Sprachen machen konnten, wurde der Ton abgeschaltet. Eine Zeit lang zeigten die Forscher den Kleinkindern nur Sätze jeweils einer Sprache, so lange, bis die Kinder gelangweilt im Raum umherblickten. Dann ließen sie die Sprecher die Sprache wechseln – und überprüften, ob die kleinen Zuschauer nun häufiger oder länger auf den Bildschirm starrten, sie also irgendeine Veränderung entdeckt hatten.

Tatsächlich zeigten die Kinder im Alter von vier und sechs Monaten ein erhöhtes Interesse am Geschehen auf dem Monitor, wenn der jeweilige Sprecher die Sprache gewechselt hatte. In einer Kontrollgruppe, bei der die Rezitatoren ihre Sprache nicht wechselten, verloren die Kleinen hingegen zunehmend die Motivation hinzuschauen und blickten lieber im Raum umher. Bei acht Monate alten Kindern jedoch konnten die Forscher keine Veränderungen feststellen. Sie scheinen die Fähigkeit, den Sprachwechsel zu bemerken, verloren zu haben.

Baby beim Beobachtungstest | Der Fotograf scheint hier eindeutig spannender zu sein als die tonlose Videopräsentation.
Warum die älteren Kinder die Fähigkeit des Lippenlesens wieder verlieren, zeigt womöglich ein Blick auf das Verhalten gleichaltriger Babys, die in einem bilingualen Elternhaus aufwachsen. Sie zeigten vor dem Monitor von Weikum noch immer deutlich erhöhte Aufmerksamkeit, wenn sich die Sprache veränderte. Die Kleinen brauchen also bei einer bilingualen Umgebung eventuell länger, um sich auf die unterschiedlichen Anforderungen einzustellen. Die visuellen Eindrücke könnten ihnen helfen, das Gehörte zusätzlich einzuordnen. Bei den englischsprachig aufwachsenden Kindern jedoch scheint dieser Prozess bis zum Alter von acht Monaten weit gehend abgeschlossen. Ihnen reichen nun die auditiven Reize, um sich in der Welt der Sprache zurechtzufinden.

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