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Sprachentwicklung: Erst denken, dann sprechen

Entzückt klatschen stolze Eltern in die Hände, beim ersten halbwegs erkennbaren „Mama, Papa, Ball“ des kleinen Lieblings. Dabei beginnt der Nachwuchs vielleicht gerade in diesem Augenblick etwas zu verlieren, für das Erwachsenen längst die Worte fehlen.
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Eine durchschnittliche Koreanerin sieht die Welt mit anderen Augen. Wobei nun nicht die exotisch-mandelförmige Anatomie der Lider gemeint ist: Eine Koreanerin – genau wie ihr männlicher Gegenpart – nimmt die Beziehungen zwischen den Gegenständen unserer Umwelt grundsätzlich anders wahr als durchschnittliche Europäer.

Etwa beim Einkaufen: Sollen Europäerinnen, nachdem die wirklich wichtigen Dinge wie Form-, Bequemlichkeits- und Farbfragen geklärt sind, spontan ein Einkaufsstillleben wie "Pumps mit Schuhkarton" beschreiben, so kommen sie typischerweise irgendwann auf Lagebeziehungen wie: "Der Schuh liegt im Karton". Dieselbe Gegenstandsbeschreibung ist im koreanischen zwar durchaus auch wiederzugeben – zunächst einmal aber fällt Koreanerinnen automatisch etwas ein, was im Deutschen zugegebenermaßen ziemlich dahinholpert. Etwa: "Der Schuh steht in einer ziemlich engen räumlichen Beziehung zum Karton". Pumps in einer großen Kiste würde dagegen mit dem koreanisch-phonetischen Sprachbaustein "weniger enger, lockerer Kontakt" umschrieben. Ob der Schuh sich dabei in, auf oder unter Karton und Kiste befindet, ist dagegen eine aus koreanischer Sicht zunächst einmal eher zu vernachlässigende, typisch europäische Petitesse.

Schwer nachvollziebar? Eben – Sie sprechen wahrscheinlich kein Koreanisch. Einige Sprachwissenschaftler gehen so weit zu sagen, dass erst der Erwerb einer Sprache das Denken von Beziehungen unserer dreidimensionalen Umgebung formt – erst wenn ein Kind lernt, sich mit den typischen phonetischen Mitteln der eigenen Muttersprache auszudrücken, wird überhaupt die spezifische Sicht auf Zusammenhänge in der eigenen inneren Welt fest verdrahtet. Solche gegenständlichen Konstellationen, die in den Eigenheiten der jeweiligen Muttersprache vernachlässigt werden, können später vielleicht als logisches Konzept dazu gelernt werden – das allerdings fällt schwer. Spracherwerb also, so die Forschermeinung, macht Denken erst möglich.

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Experiment | Babys signalisieren durch die Länge ihres Blickkontaktes, ob ihnen eine Situation bekannt vorkommt oder neu ist. In diesem Experiment zeigte sich, dass sie verschiedene räumliche Konzepte erfassen können, die ihnen später womöglich durch Spracherwerb verloren gehen.
Falsch, sagen andere Wissenschaftler. Vielmehr ist bereits vor dem ersten Wort eine reiche, nahezu universelle Gedankenwelt im kleinen Kopf angelegt – nur diese verständlich auszudrücken und zu nutzen, geht eben noch nicht recht. Susan Hespos von der Vanderbilt- und Elisabeth Spelke von der Harvard-Universität vermuteten, dass der Erwerb der Sprache selbst – mit deren unterschiedlichen Präferenzen bei der Darstellung dreidimensionaler Konstellationen – eine bereits vorhandene universell angelegte Denkfähigkeit des Nachwuchses unweigerlich in bestimmte Richtungen drängt. Später dann, im Alter von wenigen Jahren, gerieten die in der erlernten Sprache brachliegenden Konzepte des ursprünglich auf alle Eventualitäten angelegten Gedanken-Grundgerüstes dann mehr und in Vergessenheit.

Lenkt und prägt Sprache wirklich auf diese Weise unser aller zunächst noch universelles Denken? Wenn dies stimmt, so die Wissenschaftlerinnen, dann müssten noch nicht sprechende Kleinkinder eigentlich die verschiedenen Lage- und Beziehungskonzepte, die in europäischen und koreanischen Sprachen so unterschiedlich stark zum Ausdruck gebracht werden, noch ohne erkennbare Präferenzen verstehen.

Um das zu prüfen, testeten Hespos und Spelke fünf Monate alte Babys aus unterschiedlichen Kulturen. Erkennen im westlichen Zivilisationskreis heranwachsende – in diesem Fall zukünftig wohl einmal englischsprachige – Kleinkinder auch die koreanisch-sprachtypischen "eng/locker"-Beziehungen, welche die Erwachsenen gar nicht mehr wahrnehmen? Und sind koreanische Kinder an später typischen "westlichen" Gegenstandbeziehungen interessiert – ein Beispiel: "Welcher Gegenstand von zweien steht auf welchem?"

Versuchskandidaten diesen zarten Alters können kaum mehr als zweierlei: Sie verlieren schnell das Interesse und lösen einen Blickkontakt, sobald ihnen etwas Altbekanntes präsentiert wird – schauen aber umso länger und aufmerksamer, sobald sie unterschiedliche Dinge geboten bekommen, die für sie jedes Mal etwas Neues sind. Die Forscher boten nun Kombinationen aus unterschiedlich großen Zylindern und Kästchen, von denen sie je ein Objekt zufällig wechselnd mal auf, mal unter dem anderen präsentierten. Immer, wenn einem Kind hintereinander wechselnde Lagebeziehungen präsentiert wurden, erkannte es dies – signalisiert durch eine längere Blickanteilnahme als bei aufeinander folgenden Objektpaaren mit gleichen Konstellationen der Objekte zueinander. Das europäische Konzept von "welcher Gegenstand steht auf dem anderen" war für die noch sprachlosen Kinder also erkennbar – auch für die Koreanischen.

Umgekehrt war die für Europäer so unmaßgebliche "eng/locker"-Gegenstandsbeziehung für westliche Kleinkinder anschaulich: Sie erkannten diese offenbar problemlos in Versuchs-Konstellationen von Zylindern und Kästchen, die einerseits knapp ("enge Beziehung") oder ohne Probleme ("lockere Beziehung") ineinander passten: Die Kleinkinder signalisierten jeden Wechsel zwischen angebotenen "knapp"- und "locker"-Objektsituationen durch erhöhte Aufmerksamkeit.

Alles in allem ein Beleg dafür, dass es nicht die Sprache selbst ist, die unser Denken erst in bestimmte Bahnen lenkt. Vielmehr engt sie unsere eigentlichen Möglichkeiten offenbar in gewisser Hinsicht sogar ein – gedankliche Konzepte, die im Baby noch angelegt sind, verkümmern zunehmend durch den Gebrauch einer Sprache, die sich dieser Denkwege nicht bedient. Vom noch nicht sprechenden potenziellen Generalisten werden wir also automatisch, durch das ständige Verbessern unserer individuellen Ausdrucksfähigkeit, irgendwann zum sprechenden Spezialisten – der kann manches ziemlich gut, anderes aber eben nicht mehr.
22.07.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22.07.2004

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