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Covid-19: Wie gut funktionierte der Schutz von Risikogruppen?

Vorerkrankte Menschen zu isolieren und so vor Covid-19 zu schützen, funktionierte nicht wie erhofft, legt eine Untersuchung nahe. Die Studie hat allerdings ihre Grenzen.
Eine ältere Frau blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung.

Als sich das neuartige Coronavirus im Frühjahr 2020 weltweit ausbreitete, empfahlen Fachleute unter anderem, Risikogruppen durch Isolation vor einer Ansteckung zu schützen. Doch Menschen mit einer Vorerkrankung ließen sich so offenbar weniger gut als erhofft vor Sars-CoV-2 abschirmen, berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Jill Pell von der University of Glasgow im Fachblatt »Scientific Reports«.

Pell und ihr Team analysierten die Hausarztdaten von mehr als 1 315 000 Patienten in und um Glasgow. Die Gesundheitsinformationen waren zwischen März und Mai 2020 erfasst worden. Die Auswertung ergab: Wer zur Hochrisikogruppe gehörte, erkrankte im Vergleich zu sonst gesunden Menschen achtmal häufiger an Covid-19 – und starb fünfmal häufiger an der Infektion. Eine Isolation könne zwar Einzelne schützen, betont die Forschergruppe, aber besser funktioniere es im Zusammenspiel mit Maßnahmen, die bevölkerungsweit gelten, wie Abstandhalten und die Verwendung von Atemmasken.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zur Delta-Variante lesen Sie hier. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Etwa 27 750 Menschen, etwas über zwei Prozent der Studienteilnehmer, zählten zur Hochrisikogruppe und erhielten die Anweisung, sich zu Hause zu isolieren. Zu dieser Gruppe zählten Menschen, die an einer Atemwegs- oder Krebserkrankung leiden, deren Immunsystem durch eine Therapie geschwächt ist, eine Organtransplantation durchlaufen haben oder regelmäßig zur Dialyse müssen. Knapp 27 Prozent – rund 353 100 Menschen –, so schätzten die Forscher, seien einem mittelmäßigen Infektionsrisiko ausgesetzt gewesen. Hierzu zählten vor allem Menschen im Alter von über 70 Jahren oder Diabetespatienten. Für alle übrigen galt ein geringes Infektionsrisiko.

Trotz der Maßnahmen seien die Infektions- und Sterberaten in den Risikogruppen weit höher gewesen als bei sonst gesunden Menschen, berichtet das Forscherteam. Auch Menschen mit mittlerem Infektionsrisiko, denen nicht ausdrücklich zur Isolation geraten worden war, infizierten sich viermal häufiger als die Gruppe mit niedrigem Risiko, die Sterberate lag ähnlich wie in der Hochrisikogruppe. Als Problem erwies sich, dass die Strategie für viele Hochrisikopatienten in der Praxis schlicht nicht umsetzbar war. Befragungen zeigten, dass längst nicht alle in der Lage waren, sich dauerhaft zu isolieren. 41 Prozent konnten sich an die Anweisung halten. Von 21 Prozent ist hingegen bekannt, dass die Umstände in ihrem Haushalt dies nicht zugelassen hätten.

Schutz durch Isolation hätte laut Pell und ihren Kollegen nur funktioniert, wenn sich deutlich mehr Menschen von anderen ferngehalten hätten. »In unserer Studie hätte mehr als ein Viertel der Allgemeinbevölkerung wirksam abgeschirmt werden müssen, um über 80 Prozent der Todesfälle zu verhindern«, schreiben die schottischen Forscher. Für praktikabel halten sie diese Strategie aber nicht. Am besten würden Menschen aus Risikogruppen wohl geschützt sein, wenn die gesamte Bevölkerung bestimmte Regeln, wie Abstandhalten und Masken aufsetzen, einhalten würde. Allerdings werteten die Forscher ausschließlich Daten aus dem schottischen Glasgow aus. Wie aussagekräftig ihre Ergebnisse für andere Regionen und Länder sind, ist unklar. Die Gruppe weist darauf hin, dass ihre Erkenntnisse womöglich nicht übertragbar sind.

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