Direkt zum Inhalt

Mikrobiom: Darmflora in den Kinderschuhen

Eine natürliche Geburt, Muttermilch sowie häusliche Mitbewohner beschleunigen die Besiedlung des Verdauungstrakts in den ersten Lebensjahren.
Krabbelndes Baby

Der Darm von Neugeborenen ist weitgehend unbewohntes Land. Im Verlauf der ersten Lebensjahre siedeln sich dort Millionen Kleinstlebewesen an und stärken unter anderem die Widerstandskraft gegen Krankheitserreger. Wie diese Entwicklung vom Neubaugebiet zur mikrobiellen Metropole verläuft, hat jetzt ein Forschungsteam um Joseph Petrosino vom Baylor College of Medicine in Houston anhand von rund 12 000 Stuhlproben von mehr als 900 Kindern analysiert.

Die Besiedlung des Darms lasse sich in drei Phasen gliedern, berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift »Nature«: zunächst die »Entwicklungsphase« vom 3. bis 14. Monat, die »Übergangsphase« vom 15. bis 30. Monat und die »stabile Phase« vom 31. bis zum 46. Monat. Dabei förderten besonders vier Bedingungen die Vielfalt der Mikrobengemeinschaften: eine vaginale Geburt, die Stilldauer, der Ort und das Zusammenleben mit Geschwistern oder Haustieren. Ob das Kind – zumindest phasenweise – gestillt wurde, hatte im Schnitt den stärksten Einfluss auf seine Darmflora.

Hatten die Babys den Geburtskanal der Mutter passiert, befanden sich in ihrem Darm in der Folge mehr Bakterien der Gattung Bacteroides, die unabhängig von der Art der Geburt zur schnelleren Entwicklung und größeren Vielfalt der Darmbewohner beitrugen. Stillte die Mutter ihr Kind zumindest phasenweise, traten außerdem vorübergehend vermehrt zwei Arten von Bifidobakterien auf, und je länger sie die Brust gab, desto früher erreichte das kindliche Mikrobiom die »stabile Phase«, gekennzeichnet unter anderem durch mehr Bakterien vom Stamm Firmicutes. Und auch das Zusammenleben mit Geschwistern oder mit felligen Haustieren beschleunigte das Heranreifen des Mikrobioms. Das typische Mikrobenprofil unterschied sich zwar von Land zu Land, aber die Vielfalt der Bakteriengemeinschaft entwickelte sich ortsunabhängig in vergleichbarer Weise.

Im Körper eines erwachsenen Menschen leben schätzungsweise zehnmal mehr Mikroben als Zellen, aus denen der Körper selbst besteht, erläutert der Mikrobiologe und Immunologe Petrosino. Allein im Dickdarm sollen sich mehrere hundert verschiedene Stämme tummeln, darunter zum Beispiel Milchsäurebakterien, aber auch Streptokokken, die anderenorts zwar Krankheiten verursachen können, im Darm jedoch nützlich sind. Mikrobielle Vielfalt gilt typischerweise als vorteilhaft, so Petrosino, »doch wir verstehen immer noch nicht ganz, welche Mikroben beim Start ins Leben für die Entwicklung wichtig sind«.

Das neu gewonnene Wissen könne helfen, die Bedeutung des schnellen Heranreifens sowie Unterschiede zu identifizieren, die möglicherweise mit Krankheiten in Verbindung stehen. Die Daten dienten bereits dazu, die Rolle von Umwelteinflüssen bei Typ-1-Diabetes aufzuklären: Die von Petrosinos Team verwendeten Proben stammen aus der TEDDY-Studie (The Environmental Determinants of Diabetes in the Young), die nach Auslösern von Typ-1-Diabetes bei Kindern mit erhöhtem genetischem Risiko forscht. Dafür gaben mehr als 8600 genetisch vorbelastete Kinder ab dem Alter von drei Monaten monatlich Stuhlproben an klinischen Zentren in den USA, Schweden, Finnland und Deutschland ab. Es handle sich um die bisher größte Mikrobiomstudie an Säuglingen, so das Team in einer Presseerklärung.

44/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2018

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos