Direkt zum Inhalt

Infektionskrankheiten: Das neue Coronavirus macht Masern noch tödlicher

Der Masern-Erreger ist das weltweit ansteckendste Virus. Es tötet zehntausende Menschen. Dennoch haben 23 Länder jüngst ihre Impfkampagnen ausgesetzt – sie müssen mit Sars-CoV-2 fertigwerden.
Seit Oktober 2018 sind Tausende Menschen in der Demokratischen Republik Kongo an Masern gestorben.Laden...

Ein Virusausbruch hat bislang mehr als 6500 Kinder in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) getötet und breitet sich weiter im Land aus. Der Feind ist nicht das gefürchtete neue Coronavirus, das gerade erst die Demokratische Republik Kongo erreicht hat. Es ist ein alter, bekannter und unterschätzter Gegner: die Masern.

Seit Oktober 2018 steigen die Fallzahlen. Die Kinder wurden schwach, fieberhaft, hatten rote Augen und schmerzhafte Wunden im Mund, alle mit dem verräterischen Ausschlag von Masern. »Seitdem laufen wir dem Virus hinterher, sagt Balcha Masresha, Epidemiologe des Regionalbüros für Afrika der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Brazzaville in der Nachbarrepublik Kongo. Es handelt sich laut WHO-Experten möglicherweise um den größten dokumentierten Masernausbruch in einem Land, seit die Welt 1963 einen Masernimpfstoff erhalten hat.

Das hochansteckende Masernvirus breitet sich in der Welt weiterhin aus. Im Jahr 2018 stiegen die Fälle auf schätzungsweise zehn Millionen weltweit, mit 140 000 Todesfällen, was einem Anstieg von 58 Prozent seit 2016 entspricht. In den reichen Ländern kommt es immer wieder zu vereinzelten Ausbrüchen, weil manche Eltern sich weigern, ihre Kinder zu impfen. In den armen Ländern sind die Gesundheitssysteme hingegen so kaputt und unterfinanziert, dass es nahezu unmöglich ist, den Impfstoff an Menschen zu liefern, die ihn brauchen. Die Fälle in der DRK zeigen, warum die Masern trotz der Bemühungen um ihre Bekämpfung weiter aufflammen werden. Und die Situation wird sich mit der Covid-19-Pandemie nur noch verschlimmern: Mehr als 20 Länder haben bereits Impfkampagnen gegen Masern ausgesetzt, da das Gesundheitspersonal sich um den Umgang mit dem Coronavirus bemüht.

Das andere tödliche Virus

In armen Ländern sind Masern eine tödliche Krankheit, insbesondere in Kombination mit Unterernährung und Vitamin-A-Mangel. Schätzungen sind unsicher, aber die Sterblichkeitsrate in den Entwicklungsländern bewegt sich um drei bis sechs Prozent, und sie kann laut WHO bei den schlimmsten Ausbrüchen bis zu 30 Prozent betragen. Ihre Opfer sterben häufig an Komplikationen wie Lungenentzündung oder Durchfall und Dehydrierung. Diejenigen, die sich erholen, können dauerhafte Behinderungen erleiden, darunter Blindheit, Hörverlust und Hirnschäden. Das Virus beeinträchtigt auch das Immunsystem für Monate oder Jahre nach der Infektion, wodurch eine »Immunamnesie« entsteht, die Kinder anfällig für andere Infektionen macht.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unserer FAQ. Mehr zum Thema lesen Sie auf unserer Schwerpunktseite »Ein neues Coronavirus verbreitet sich weltweit«. Montags bis freitags liefern wir Ihnen zudem ein Corona-Update als Podcast.

Das Virus ist so ansteckend, dass nur wenige ungeimpfte Personen, die mit ihm in Kontakt kommen, von seinen Auswirkungen verschont bleiben. Wissenschaftler definieren die Infektiosität anhand der Reproduktionszahl – wie viele Menschen in einer Bevölkerung, die keine Immunität besitzt, im Durchschnitt von einer einzigen Person mit dem Virus infiziert werden würden. Für Ebola wird diese Zahl auf 1,5 bis 2,5 geschätzt. Das neue Coronavirus Sars-Cov-2 scheint irgendwo zwischen 2 und 3 zu liegen. Der Masernerreger steht mit einer Reproduktionszahl von 12 bis 18 an der Spitze, was ihn zum ansteckendsten bekannten Virus macht. Man muss nicht im selben Raum wie eine infizierte Person sein, um sich mit dem Virus anzustecken – es wird durch Atemtröpfchen verbreitet, die stundenlang in der Luft verweilen können.

Zwei Dosen eines sicheren und wirksamen Impfstoffs können Masern verhindern; eine Dosis bietet einen teilweisen Schutz. Viele Kinder in armen Ländern haben das Glück, eine einzige Dosis zu erhalten. Da das Virus so ansteckend ist, müssen 92 bis 95 Prozent einer Bevölkerung vollständig geimpft werden, um Ausbrüche abzuwehren. In der Demokratischen Republik Kongo erhielten laut einer UNICEF-Studie im Jahr 2018 nur 57 Prozent der Kinder auch nur eine einzige Dosis Masernimpfstoff, was ideale Bedingungen für die Explosion des Virus schafft.

Auch in anderen Ländern sind die Masern eine Konstante. »Nennen Sie so ziemlich jedes Land, und Sie werden dort Masern finden«, sagt Robb Linkins, ein Masern-Spezialist in der globalen Impfabteilung der US Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, Georgia, und Vorsitzender der Masern-&-Röteln-Initiative, einer Partnerschaft von fünf Organisationen. In jeder Region führt eine leicht unterschiedliche Mischung von Faktoren zu einem Ausbruch.

In der Ukraine ist die Impfquote nach dem Tod eines Kindes, das 2008 an einer Masernimpfung starb, von 95 Prozent in diesem Jahr auf 31 Prozent im Jahr 2016 gesunken, sagt Linkins. Er sagt, niemand sei überrascht gewesen, als 2017 ein riesiger Ausbruch stattfand, der zu mehr als 115 000 Fällen führte.

In Madagaskar trug ein Mangel an Masernimpfstoff dazu bei, einen Ausbruch zu schüren, der den Inselstaat ab 2018 heimgesucht und mehr als 240 000 Fälle und 1000 Todesfälle verursacht hat.

Impfkampagnen in der DRK sind ein logistischer Albtraum

Der DRK hat auf mehreren Ebenen Schwierigkeiten. Das Land hat eine so hohe Geburtenrate – 3,5 Millionen Kinder werden jedes Jahr geboren –, dass es alle zwei Jahre Massenimpfkampagnen durchführen muss. Diese Kampagnen, bei denen sich Zehntausende von Gesundheitsfachkräften in diesem riesigen Land verteilen, sind ein logistischer Albtraum. Zunächst muss die Regierung den Impfstoff aus der Hauptstadt Kinshasa in abgelegene Dörfer bringen, die nur per Hubschrauber erreichbar sind – oder durch blutige Konfliktzonen im Osten des Landes.

»Wenn man sich im Feuerlöschmodus befindet, ist es schwer, zu sagen: ›Hier ist die langfristige Sichtweise‹«
(Katrina Kretsinger, medizinische Epidemiologin)

Der Impfstoff muss vom Zeitpunkt des Verlassens des Lagers bis zur Verabreichung zwischen zwei Grad Celsius und acht Grad Celsius gehalten werden – eine Herausforderung in einer tropischen Umgebung, in der es häufig zu Stromausfällen kommt. Das Gesundheitspersonal muss darin geschult werden, den Impfstoff sicher zu spritzen – eine weitaus schwierigere Aufgabe als das Tropfen des flüssigen Polio-Impfstoffs auf die Zunge eines Kindes. Der Impfstoff wird in Form eines Pulvers geliefert, das mit einer begleitenden Lösung aus sterilem Verdünnungsmittel rekonstituiert und dann innerhalb von sechs Stunden verwendet werden muss. Er wird auch in Ampullen mit zehn Dosen geliefert; aus Sorge vor der Verschwendung zögern die Impfärzte manchmal, eine solche Ampulle zu öffnen, wenn nur wenige Kinder zu einer Sitzung kommen, so dass die Kinder nicht immunisiert werden.

Hinzu kommt, dass die Kliniken offen sein müssen, wenn die Eltern es dorthin schaffen können. Auch müssen die Menschen, die impfen, bezahlt werden, weil sie sonst nicht kommen – ein Problem in einem von Korruption geplagten Land.

Die Demokratische Republik Kongo kämpft gegen Ebola, Cholera- und Gelbfieberausbrüche und nun noch gegen das Coronavirus. Und die Masern sind eine solche Konstante, dass sie oft eine geringere Priorität haben als andere Krankheiten. Zusätzlich zu diesen Ausbrüchen »sieht sich die DRK nicht nur mit politischen Herausforderungen, sondern auch mit einem lang anhaltenden Bürgerkrieg konfrontiert«, sagt Katrina Kretsinger, medizinische Epidemiologin und globale Masernexpertin bei der WHO in Genf, Schweiz. »Wenn man sich im Feuerlöschmodus befindet, ist es schwer, sich zurückzulehnen und zu sagen: ›Hier ist die langfristige Sichtweise.‹«

»Der Ausbruch wird einen tief greifenden Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben«
(Francisco Luquero, Epidemiologe)

Geld ist ein großes Problem. Impfkampagnen kosten in der DRK rund 1,80 US-Dollar pro Kind, sagt Masresha; internationale Spender tragen einen Teil der Rechnung, aber das Land soll einen Anteil zahlen. Im Jahr 2010 konnte die DRK die Mittel nicht aufbringen und sagte eine geplante Kampagne ab. Ein Ausbruch, der Ende des Jahres einsetzte, wütete länger als 30 Monate. Weitere Kampagnen in den Jahren 2013/14 und 2016/17 erreichten nicht genug Kinder. Im Juni 2019, nachdem die Zahl der Fälle zu Beginn des Jahres auf mehr als 3500 pro Woche angestiegen war, erklärte die Regierung der DRK eine Epidemie und öffnete damit die Tür für weitere internationale Hilfe. Bis Ende des Jahres waren 18,5 Millionen Kinder geimpft worden.

Die WHO schätzt, dass es mehr als 348 000 Fälle und 6500 Todesfälle gegeben hat, aber der Epidemiologe Francisco Luquero hält den Ausbruch für viel schlimmer. Die Fallzahlen spiegelten nur Menschen wider, die in Gesundheitszentren gehen, sagt er. Was die Sterblichkeitsschätzungen betrifft, »zählen sie die Todesfälle, die direkt nach einem Masern-Fall auftreten«, sagt er. »Sie sollten in den nächsten fünf Jahren aufpassen«, sagt er, wegen der Immunamnesie. »Der Ausbruch wird einen tief greifenden Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben.«

Ein Microarray-Pflaster könnte helfen, Masern auszurotten

Steve Cochi, Kinderarzt und leitender Berater der CDC-Abteilung für globale Immunisierung, ist besonders frustriert über die weltweite Verbreitung der Masern, weil die Krankheit aus biologischer und technischer Sicht, wie er sagt, ausgerottet werden könnte. Im Gegensatz zu Ebola, Gelbfieber oder (wahrscheinlich) dem neuen Coronavirus hat es keinen tierischen Wirt, und es gibt einen billigen und wirksamen Impfstoff.

Eine neue Methode, um Impfstoffe zu verabreichen, könnte ein »Wendepunkt« für die Kontrolle und Eliminierung von Masern sein, sagt Cochi. Es geht um eine Technologie namens Microarray-Pflaster, das wie ein kleiner runder Verband mit Hunderten von Mikronadeln aussieht, von denen jede eine kleine Menge lebenden, gefriergetrockneten Impfstoff trägt. Mit einem kleinen Druck wird der Impfstoff innerhalb von fünf Minuten unter die Haut gebracht.

»Es ist sehr thermostabil, nimmt wenig Platz ein, und man muss sich keine Sorgen um die Sicherheit machen«, sagt Cochi. Doch das Masern-Pflaster sei mangels Finanzierung in der Entwicklung stecken geblieben und habe noch keine klinischen Studien erreicht, obwohl diese Ende 2020 oder Anfang 2021 beginnen sollen. »Es ist total frustrierend«, sagt er.

Im Jahr 2010 erklärte die wichtigste Strategische Beratende Expertengruppe der WHO für Impfungen (SAGE), dass die Masern ausgerottet werden können und sollten, aber sie hat keinen Termin mehr empfohlen. Seitdem haben die Befürworter bei der WHO Lobbyarbeit betrieben, um eine globale Kampagne zur Ausrottung der Masern zu starten und ein Datum für den Abschluss festzulegen, wie sie es auch bei den Pocken und der Kinderlähmung getan hat.

Bei einem Treffen im Oktober 2019 empfahl SAGE jedoch eine andere Vorgehensweise: Die Gruppe riet dazu, erst zu warten, bis ein Erfolg tatsächlich in Sicht ist – sagen wir, in fünf Jahren – bevor man mit voller Kraft auf die Ausrottung der Krankheit drängt. Dazu müssten die Raten der Routineimpfungen mit zwei Dosen Masernimpfstoff auf ein nie zuvor erreichtes Niveau angehoben werden. Die Demokratische Republik Kongo ist eines von etwa 20 Ländern, die die zweite Dosis noch nicht in die Behandlung aufgenommen haben. Und selbst das würde nicht ausreichen. Die Ausrottung würde unter anderem auch davon abhängen, dass ein verbesserter Impfstoff zum Einsatz kommt.

Rund 80 Millionen Kinder werden wohl doch nicht geimpft

Die Coronavirus-Pandemie erschwert die Lage. Am 26. März empfahl SAGE, die Länder sollten alle präventiven Massenimpfkampagnen, auch die gegen Masern, vorübergehend aussetzen. Die DRK kämpft weiter gegen den aktuellen Masernausbruch. Doch 23 Länder sind dem Aufruf bereits gefolgt, andere würden nachziehen, sagt Linkins. Das bedeute, dass 78 Millionen Kinder nicht wie geplant geimpft werden.

»Wir müssen gefährdete Bevölkerungsgruppen vor der Verbreitung von Covid-19 schützen«, sagt Linkins, aber die Einschränkung der Masernfrüchte-Immunisierungsaktivitäten wird »gefährliche Immunitätslücken« schaffen. Die Modellierer beginnen gerade erst mit der Arbeit, um die Auswirkungen von Covid-19 auf die Masernkontrolle abzuschätzen. Doch es ist klar, dass die Länder in der Lage sein müssen, ihre Kampagnen nach dem Abklingen der Pandemie schnell wieder aufzunehmen, sagt er.

Da die Kampagnen abgesagt wurden und die weltweite Masern-Immunisierungsrate für nur eine Impfstoffdosis bei 86 Prozent zum Stillstand gekommen ist, wird sich der unerbittliche Zyklus der Ausbrüche fortsetzen. Dieser Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wird nachlassen, doch laut Masresha wird es bloß ein »vorläufiger Sieg« sein: Das Virus wird sich wieder erholen.


www.nature.com
doi: 10.1038/d41586-020-01011-6

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnervideos