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Covid-19: Lässt sich die Coronavirus-Ausbreitung in Deutschland kontrollieren?

In mehreren Bundesländern gibt es Covid-19-Fälle. Wie Behörden die Ausbreitung verhindern wollen und wie man sich schützen kann, eine FAQ.
Gesichtsmasken schützen nur bedingt vor dem Coronavirus.Laden...

Stand des Artikels: 26. Februar 2020, 20:22 Uhr.

Das Coronavirus wird vermehrt in Deutschland nachgewiesen. In Baden-Württemberg, NRW und Rheinland-Pfalz gibt es bekannte Fälle. Die Behörden beraten nun über das weitere Vorgehen. Es gilt, die Situation zu bewerten und die nächsten Schritte zu planen.

Eine Schwierigkeit: So viele Berichte und Nachrichten über das Coronavirus im Umlauf sind, so wenig weiß man bisher wirklich über das neue Virus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Mitte Februar beschlossen, der Krankheit den offiziellen Namen Covid-19 zu geben, das Virus heißt Sars-CoV-2. Vieles an dem erschreckenden Erreger und seinem Verhalten ist noch rätselhaft. Selbst Fachleute können derzeit nur sehr schwer beurteilen, wie schlimm die Epidemie wirklich ist – besonders in China, wo laut offiziellen Angaben mehr als 78 000 Menschen erkrankt sind. Die wahre Zahl dürfte allerdings weit höher sein. Die Situation rund um das neue Coronavirus ist unübersichtlich.

China ist nach wie vor der Hauptschauplatz der Epidemie; mittlerweile melden alle Landesteile Kranke. Laut des WHO-Lageberichts vom 26. Februar 2020 sind außerhalb von China 2918 Menschen nachweislich infiziert.

Derzeit sind noch zahlreiche Fragen offen: Wie viele Kranke wird es in Deutschland geben? Woher kommt das Virus überhaupt? Kann ein Impfstoff die Pandemie stoppen? Und nicht zuletzt: Was bedeutet es für uns, wenn 2019-nCoV China lahmlegt? Wir haben hier die wichtigsten Fragen zum neuen Coronavirus zusammengestellt – und die Antworten, die zu diesem Zeitpunkt möglich sind.

Was sind die Symptome?

Viele Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen oder gar keine Symptome. Hinzukommen können Fieber, Husten und Atemprobleme, wie sie auch bei einer Grippe auftreten. Kopfschmerzen oder Durchfall sind ebenfalls möglich. Der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen – die Inkubationszeit – beträgt nach jetziger Kenntnis meist zwei bis 14 Tage.

Wie leicht das neue Coronavirus von Mensch zu Mensch überspringt, können Fachleute im Moment nur sehr grob einschätzen, weil es noch nicht genug Daten gibt. Um zu verhindern, dass sich der Erreger weiter ausbreitet, hat die chinesische Regierung mittlerweile über 90 Millionen Menschen Quarantäne gestellt. Doch es ist völlig unklar, ob eine globale Pandemie noch verhindert werden kann.

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Wie tödlich ist das Coronavirus?

Auch nach drei Monaten Epidemie ist noch unklar, welchen Anteil der Infizierten das neue Coronavirus tatsächlich tötet. Sicher ist derzeit nur, dass Covid-19 viel weniger schwer verläuft als die verwandten Krankheiten SARS und MERS, an denen etwa zehn beziehungsweise 30 Prozent der Erkrankten sterben. Wie hoch die Sterblichkeit beim aktuellen Seuchenzug tatsächlich ist, hängt auch davon ab, wen man fragt oder welche Stichprobe man betrachtet.

Von den 138 Infizierten, die eine Arbeitsgruppe am 7. Februar in einer Veröffentlichung zusammenfasste, starben etwa vier Prozent. Da sich aber fast die Hälfte der Betroffenen in einer Klinik angesteckt hatten, hatten viele von ihnen zum Teil ernste Vorerkrankungen. Am 17. Februar veröffentlichte das chinesische Epidemiologische Notfallteam eine Übersicht des Ausbruchs, laut der etwa 2,3 Prozent der Erkrankten starben.

Allerdings bezieht sich diese Zahl nur auf die bestätigten Krankheitsfälle, vermutlich ist die Zahl der tatsächlich Infizierten weit höher. Fachleute gehen von einer erheblichen Dunkelziffer aus, zumal selbst unter den bestätigten Fällen laut der Übersicht etwa 80 Prozent aller Erkrankungen mild verlaufen. Infizierte, die keine Symptome haben, zählen die chinesischen Behörden erst gar nicht.

Unter den exportierten Krankheitsfällen jedenfalls scheint die Sterblichkeit bisher deutlich niedriger zu sein. Von knapp 700 Infizierten außerhalb Chinas sind bisher erst drei gestorben, etwa ein halbes Prozent. Auch der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin schätzte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die reale Sterblichkeit durch das neue Coronavirus auf nur einige Zehntelprozent.

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Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt?

Coronavirus-Fälle in Deutschland waren zu erwarten. Dass infizierte Personen einreisen, lässt sich während solch einer Epidemie nicht verhindern. Virusträger ohne Krankheitszeichen durch systematische Tests an Flughäfen oder Grenzübergängen abzufangen, ist völlig unrealistisch, weil solche Tests Zeit brauchen und die Labore die dadurch entstehenden Mengen an Tests überhaupt nicht bewältigen könnten.

In Deutschland waren schon vor einiger Zeit erste Infektionen mit Sars-CoV-2 nachgewiesen worden. Vor allem bei einer Firma in Bayern, aber auch bei Rückkehrern aus Wuhan. Diese Fälle führten aber nicht zu weiteren bekannten Ansteckungen. Seit Ende Februar gibt zudem es Fälle in Baden-Württemberg und Nordrhein Westfalen.

Bei dem Patienten aus Baden-Württemberg handelt es sich nach Angaben des Landes-Gesundheitsministeriums vom Dienstag um einen 25-Jährigen aus dem Landkreis Göppingen. Er habe sich vermutlich während einer Italienreise in Mailand angesteckt. Nach dpa-Informationen ist der Patient in Nordrhein Westfalen Mitte 40 und in kritischem Zustand. Er hat eine Vorerkrankung. Bei der Ehefrau des Mannes, die ebenfalls mit Symptomen einer Viruserkrankung stationär behandelt wurde, handele es sich weiterhin um einen Verdachtsfall.

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Lässt sich die Ausbreitung von 2019-nCoV in Deutschland eindämmen?

Dass sich das Virus innerhalb Deutschlands unkontrolliert verbreitet, gilt noch immer als wenig wahrscheinlich. Das liegt unter anderem am Melde- und Kontrollsystem, das die Chance erhöht, Erkrankte zu isolieren, bevor sie andere infizieren können. Laut Infektionsschutzgesetz müssen medizinische Einrichtungen und Labors eine Reihe meldepflichtiger Infektionen wie Masern oder Milzbrand, aber auch »das Auftreten einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit« an das Gesundheitsamt melden.

Diese Meldungen werden kontinuierlich an die Landesbehörden und von dort an das Robert Koch-Institut (RKI)weitergeleitet. Das ist die zentrale Einrichtung zur Erkennung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten. Auf diese Weise erfassen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Ausbruch meldepflichtiger Krankheiten schnell und können darauf reagieren.

»Ziel dieser Strategie ist es, in Deutschland Zeit zu gewinnen, um sich bestmöglich vorzubereiten«, heißt es in der Risikobewertung des RKI vom 26. Februar 2020. Und weiter: »Sobald in Deutschland mehr Fälle auftreten, die nicht mehr auf einen bereits bekannten Fall zurückgeführt werden können und deutlich würde, dass die Verbreitung auch in Deutschland auf Dauer nicht zu vermeiden ist, wird die Bekämpfungsstrategie schrittweise angepasst.«

Künftig könnten mehr Fälle erkannt werden, weil öfter auf das Virus getestet wird. So hat das RKI hat mittlerweile standardisierte Sars-CoV-2-Untersuchungen bei vermeintlichen Influenzakranken beschlossen. Zumindest wenn es einen begründeten Verdacht gibt, die Person etwa in China war oder direkten Kontakt mit jemanden, der Norditalien besucht hat.

Laut einer Empfehlung des Europäischen Zentrums für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sollten Erkrankte, die in den 14 Tagen zuvor in der betroffenen Region unterwegs waren oder Kontakt mit bekanntermaßen infizierten Personen hatten, so schnell wie möglich Blut, Urin und Schleim abliefern, der dann mit Hilfe eines an der Charité in Berlin entwickelten Gentests auf den Erreger überprüft wird. Viele Krankenhäuser sind bereits darauf vorbereitet, diese Tests durchzuführen. Ein positives Testergebnis soll nach dieser Empfehlung von einem der beiden spezialisierten Coronavirus-Konsiliarlabore in Berlin und Rotterdam überprüft werden, um falsche Treffer auszusortieren.

Anschließend isoliert man die Infizierten für die Dauer der Krankheit, um zu verhindern, dass sich der Erreger verbreitet. Selbst bei einem wenig ansteckenden Krankheitserreger ist die Gefahr für medizinisches Personal sehr hoch. Betroffene Patientinnen und Patienten werden deswegen auf einer Isolierstation behandelt, in der besonders strenge Hygieneregeln gelten.

Außerdem versuchen die Gesundheitsbehörden, alle Menschen aufzuspüren, die mit dem Patienten Kontakt hatten, und untersuchen sie auf Zeichen einer Ansteckung. So lässt sich sicherstellen, dass von einem Patienten keine weitere Gefahr ausgeht, man schafft gewissermaßen Sackgassen für den Erreger – er kommt nicht weiter. Dieses als »contact tracing« bezeichnete Vorgehen nutzten deutsche Behörden auch 2012, als das damals neue Mers-Coronavirus in Deutschland auftauchte. In China gehen die Verantwortlichen derzeit ebenfalls so vor.

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Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen?

Jeder kann dazu beitragen, dass der Erreger hier in Europa nicht dauerhaft Fuß fasst. Dass der Erreger über die Luft übertragen wird, heißt nicht, dass das der wichtigste oder gar einzige Übertragungsweg ist. Einen gewissen Schutz vor der Ansteckung bieten Maßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen, ein Mundschutz sowie einfach, Menschenmengen zu vermeiden.

Eine Anleitung zum richtigen Händewaschen gibt es hier. Wer unterwegs ist, sollte Desinfektionsmittel dabei haben. Weniger Körperkontakt zu haben, auf Hygiene beim Husten und Niesen zu achten sowie Ansteckungsquellen im Alltag zu identifizieren kann ebenfalls helfen.

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Wird sich das Coronavirus weltweit unkontrolliert ausbreiten?

Ob die neue Krankheit Covid-19 global außer Kontrolle gerät und möglicherweise auf Jahre hinaus ihr Unwesen treibt, hängt von zwei Faktoren ab. Zum einen davon, wie leicht das Virus auf andere Länder überspringt. Bisher scheint es den meisten Ländern der Welt zu gelingen, die Coronavirus-Fälle im Land auf eingereiste Kranke und ihre Kontakte zu beschränken – wie das auch in Deutschland geschah.

Ob das bisher überall gelungen ist, weiß niemand. In Afrika zum Beispiel ist derzeit die Situation ziemlich unklar. Lange gab es dort nur zwei Labore, die eine Infektion mit dem neuen Coronavirus bestätigen konnten. Erst seit wenigen Tagen haben die meisten Länder dort die Möglichkeit, möglicherweise Infizierte auf Covid-19 zu prüfen. Bisher ist auf dem Kontinent nur ein Fall in Ägypten bekannt, Verdachtsfälle in über einem Dutzend weiterer Länder haben sich nicht bestätigt.

Zusätzlich deutet eine statistische Analyse der Fallzahlen und Reisetätigkeit darauf hin, dass in einigen Ländern mit engen Kontakten zu China, zum Beispiel Thailand und Indonesien, viel weniger Fälle entdeckt wurden, als man erwarten würde. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Infizierte – möglicherweise mit nur leichten Symptomen – unentdeckt die Krankheit weiter tragen. Die große Gefahr: Je mehr Länder eine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus haben, um so mehr Infizierte gelangen auch in bisher nicht betroffene Länder. Und jeder neue importierte Fall ist eine neue Chance für das Virus, sich unentdeckt zu verbreiten.

Deswegen ist der zweite wichtige Faktor, wie lange die Epidemie in China noch dauert – und damit, wie viele Chancen das Coronavirus bekommt, an den Gegenmaßnahmen vorbeizukommen. Deswegen ist die Frage so entscheidend, wann die Seuche ihren Höhepunkt überschreitet. Doch wie es mit der Epidemie in China weitergeht, ist an diesem Punkt völlig unklar.

Zwischenzeitlich sank laut einer Untersuchung vom 17. Februar die Zahl der neu diagnostizierten Fälle – von etwa 3500 Fällen pro Tag am 5. Februar auf ungefähr 2500 pro Tag eine Woche später. Das könnte darauf hindeuten, dass die Seuche langsam ihren Höhepunkt überschreitet. Doch Fachleute warnen vor übereilten Vorhersagen. »Zunächst erscheint die epidemiologische Kurve der sinkenden Anzahl von bestätigten Diagnosen ermutigend«, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der Klinik Schwabing in München. »Aber als Kliniker hege ich noch Zweifel, ob es sich dabei schon um die erhoffte Trendwende bei diesem gewaltigen Ausbruch handelt.«

Tatsächlich warnen die Autoren des Übersichtsartikels sogar vor der entgegengesetzten Entwicklung: Wegen der vielen aus dem verlängerten Neujahresurlaub zurückkehrenden Chinesen müsse sich das Land darauf vorbereiten, dass die Infektionszahlen wieder deutlich steigen. Ein »zweiter Frühling« des Coronavirus würde natürlich die Gefahr, dass die Seuche sich weltweit verbreitet – womöglich für geraume Zeit – deutlich erhöhen.

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Verursacht das Coronavirus Engpässe bei Medikamenten?

Einst führten alle Straßen nach Rom – heute führen sie nach China. Zumindest was viele globale Lieferketten betrifft. Eine der wichtigsten: jene für Medikamentengrundstoffe. Viele Wirkstoffe basieren auf Stoffen, die weit überwiegend oder ausschließlich in China hergestellt werden – stehen die Fabriken dort wegen des Coronavirus still, können solche Medikamente nicht mehr hergestellt werden. Deswegen besteht die Möglichkeit, dass die Epidemie in China auch hier in Europa Medikamente knapp werden lässt.

Dass Lieferengpässe durch das Coronavirus eine reale Gefahr sind, zeigt schon ein Bericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), auf den sich der »Spiegel« letzte Woche bezog. Demnach kommen allein 17 wichtige Medikamente aus Wuhan, das derzeit von den chinesischen Behörden unter Quarantäne gestellt ist.

Tatsächlich sind Engpässe bei Medikamenten auch unter normalen Umständen keineswegs ungewöhnlich. Derzeit sind mehr als 250 Medikamente in Deutschland nur schlecht zu bekommen. Das betrifft nicht so sehr neue Hightech-Medikamente, sondern bewährte Wirkstoffe, deren Patente lange ausgelaufen sind.

Diese Generika werden möglichst billig meist in China und Indien produziert und erst in Europa zu fertigen Medikamenten verarbeitet. Insbesondere hängen auch viele indische Generikaproduzenten stark von den chinesischen Lieferanten in Hubei ab.

Tabletten und Kapseln in verschiedenen Farben liegen durcheinander.Laden...
Verschiedene Tabletten und Kapseln durcheinander

Der Kostendruck erzeugt ein massives strukturelles Problem im Medikamentenmarkt, der das ganze System anfällig macht – zum Beispiel für das Coronavirus. Zum einen schließen Krankenkassen Rabattverträge mit bestimmten Herstellern und bezahlen nur noch dessen Medikament. Andere Hersteller werden dadurch aus dem Markt gedrängt – fällt der Vertragshersteller aus, gibt es kaum Alternativen. Dieser Mechanismus setzt sich durch die gesamte Lieferkette fort – Hersteller schließen gegen günstige Konditionen Exklusivverträge mit Lieferanten –, so dass schließlich bei vielen Grundstoffen nur noch ein oder zwei Hersteller den gesamten Weltmarkt beliefern.

Besonders ausgeprägt ist diese Abhängigkeit bei Antibiotika. Das führt schnell zu Problemen. Im Oktober 2016 explodierte zum Beispiel in China eine Fabrik, die ein Kombinationspräparat der Antibiotika Tazobactam und Piperacillin herstellte. Sie war eine von zweien weltweit, so dass plötzlich nur noch die Hälfte der Nachfrage bedient wurde. Das Präparat wurde auch in Deutschland knapp.

Die Coronavirus-Epidemie gefährdet die Versorgung mit Medikamenten auf verschiedene Arten. Etwa dadurch, dass Fabriken im Quarantänegebiet liegen und deswegen schlicht nicht oder nur mit Verzögerungen liefern können. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass auch in anderen Regionen Chinas ein Teil der Belegschaft nicht zur Arbeit kommt und die Fabriken deswegen nicht mit voller Kapazität produzieren.

Auch Verkehr und Transport innerhalb Chinas und aus China heraus sind beeinträchtigt. Dass die chinesischen Neujahrsferien verlängert wurden und deswegen ein Teil der Produktion fehlt, trägt schließlich ebenfalls zu möglichen Problemen bei der Versorgung bei.

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Wie ansteckend ist das Virus wirklich?

Das neue Virus gehört zur großen Gruppe der sarsähnlichen Coronaviren, ist aber nur entfernt mit dem Epidemievirus von 2003 verwandt und verhält sich anders. Derzeit kristallisiert sich heraus, dass der Erreger etwa weniger ansteckend ist als Sars – seine Reproduktionszahl R0 liegt vermutlich zwischen zwei und drei, die von Sars um die drei –, er verbreitet sich aber schneller, weil Infizierte schneller ansteckend werden. Wie schnell sich der Erreger genau verbreitet, ist allerdings noch sehr schwer zu bestimmen und hängt unter anderem von der Situation ab.

Eine aktuelle Veröffentlichung zum Beispiel gibt einen möglichen Hinweis auf den Grund für die explosive Ausbreitung in China. Wie eine Arbeitsgruppe in »Journal of the American Medical Association« berichtet, hatten sich von den in der Studie beschriebenen 138 Patientinnen und Patienten 41 Prozent wohl im Krankenhaus angesteckt.

Einige Fachleute behaupten, dass auch Patienten, die noch gar keine Symptome haben, den Erreger weitergeben können. Dadurch wäre 2019-nCoV extrem schwer zu kontrollieren, es gibt für die Behauptung bisher jedoch keine Belege. Eine Veröffentlichung, laut der eine symptomlose Trägerin des Virus die ersten Ansteckungen in Deutschland verursachte, wurde nun wegen Fehlern zurückgezogen. Die Charité in Berlin, die München Klinik Schwabing und das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr teilten nun aber mit, dass das Virus nach ihren Beobachtungen auch von Patienten mit nur sehr milden Krankheitssymptomen übertragen wurde.

Einige der derzeit in der München Klinik Schwabing wegen der Lungenkrankheit behandelten Patientinnen und Patienten mit Coronavirus-Infektion wiesen demnach auch bei nur schwachen Krankheitssymptomen ansteckende Viren in ihrem Nasen-Rachen-Raum auf. Zudem sei festgestellt worden, dass sich das neuartige Coronavirus bei den betroffenen Patienten unabhängig von der Lunge auch im Nasen-Rachen-Raum und im Verdauungstrakt vermehrt.

Diese Beobachtungen seien deutliche Hinweise auf eine Übertragbarkeit des Virus schon bei milder oder beginnender Erkältungssymptomatik wie zum Beispiel Halsschmerzen, einer Nasennebenhöhlen-Infektion oder bloß einem leichten allgemeinen Krankheitsgefühl ohne Fieber, meldete die dpa.

Mehrere Arbeitsgruppen haben bereits versucht, Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Zahl der Infizierten anhand der vorhandenen Daten zu berechnen; hinter solchen Modellen stehen allerdings immer Annahmen, von denen wir nicht wissen, ob sie stimmen. Vieles ist auch noch unbekannt, so könnten einzelne Individuen weit ansteckender sein als die durchschnittlichen Infizierten, so genannte »Superspreader«. Ein weiteres Problem ist der Anteil der milden Infektionen. Die tauchen nicht in den Statistiken auf, aber auch leicht Erkrankte geben das Virus weiter.

Eingang zu einer Notaufnahme eines Krankenhauses.Laden...
Notaufnahme | Einige Indizien deuten darauf hin, dass sich das Coronavirus vor allem zu Beginn in Krankenhäusern stark verbreitet hat. Medizinisches Personal ist deswegen besonders gefährdet; strenge Hygienemaßnahmen müssen eingehalten werden, um das Virus am Entkommen zu hindern.

Bisher deutet alles darauf hin, dass 2019-nCoV weit mehr leichte Infektionen verursacht – deswegen wird die Seuche vermutlich weit schwerer einzudämmen sein als sein Vorläufer Sars. Der Erreger von 2003 hat nicht nur sehr schwer verlaufende Krankheiten verursacht, seine Opfer waren außerdem auf dem Höhepunkt der Symptome am ansteckendsten. Dadurch war die Gefahr, sich irgendwo im Alltag bei einem Kranken zu infizieren, geringer als beim aktuellen Coronavirus.

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Wann wird es einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben?

Das ist schwer zu sagen. Zwar hat die globale Impfstoff-Koalition CEPI sich das Ziel gesetzt, bereits in vier Monaten mit den ersten Tests solcher Vakzinen zu beginnen, aber die Geschichte lehrt, dass der Weg zu einem neuen Impfstoff voller unvorhersehbarer Hindernisse und oft lang ist. Mehrere Unternehmen versuchen sich an der Herausforderung und haben dafür mehrere Millionen Dollar von CEPI erhalten.

Bisher dauerte es meist Jahre und erfordert erhebliche Mittel, einen Impfstoff gegen einen neuen Erreger zu entwickeln. Beim Sars-Coronavirus dauerte es 20 Monate, bis auch nur ein Impfstoffkandidat bereit für die klinische Prüfung war. Deswegen setzen die beteiligten Unternehmen und Arbeitsgruppen auf neue, womöglich schnellere Verfahren. Bei manchen dieser Ansätze liefert man künstliche DNA und lässt den Körper Teile des Virus selbst produzieren, bei anderen konfrontiert man die Körperabwehr nicht einmal mehr mit dem feindlichen Material. Künstlich hergestellte RNA liefert die Bauanleitung für die Antikörper direkt in die Zellen.

Solche Erbgut-Impfstoffe könnten deutlich schneller entwickelt werden als klassische Impfstoffe, wie ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit zeigt: Das Unternehmen Inovio entwickelte 2015 mit Hilfe künstlicher DNA binnen sieben Monaten einen testfertigen Impfstoff gegen das Zika-Virus. Außerdem können sich die Entwicklungsteams nicht nur auf die bereits verfügbaren Gendaten von 2019-nCoV stützen, sondern auf jahrelange Erfahrung mit der Suche nach anderen Coronavirus-Impfstoffen gegen Sars und Mers.

Unklar ist allerdings, wie viel diese Erfahrungen an den entfernt verwandten Erregern in der Praxis wert sind. Gleichzeitig liefern sich die Impfstoffentwickler gleich ein doppeltes Rennen gegen die Zeit: Nicht nur die sich rapide ausweitende Pandemie könnte sie zu spät kommen lassen, sondern auch ihre Bekämpfung. Verliert die Epidemie nämlich zwischenzeitlich an Schwung oder erweist sich gar mit den bisherigen Mitteln als kontrollierbar, haben die Vakzinenteams das Nachsehen: Entweder besteht dann kein Interesse mehr an dem Impfstoff – oder es gibt gar keine Infizierten mehr, um ihn zu testen.

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Woher kommt die neue Krankheit?

Wie der Erreger auf den Menschen übersprang, weiß bislang niemand genau. Eine neue Untersuchung von Chen Yongyi und Xiao Lihua von der South China Agricultural University in Guangzhou deutet nun auf das Pangolin als Infektionsquelle hin. Wie die beiden Fachleute auf einer Pressekonferenz am 7. Februar berichteten, stimmt das Genom eines Coronavirus aus dem Tannenzapfentier an einer für die Ansteckung wichtigen Stelle mit jenem von 2019-nCoV zu 99 Prozent überein.

Damit wäre das Pangolin das fehlende Glied in der Infektionskette. Fachleute gehen davon aus, dass das neue Coronavirus ursprünglich aus Fledermäusen kommt, in denen man auch 2018 seine nächsten Verwandten fand. Eine direkte Übertragung jedoch ist unwahrscheinlich. Vermutlich fungierte bei dieser Epidemie ein anderes Tier als Vermittler zwischen ihnen und dem Menschen – bei Sars war es genauso, dort trug eine Schleichkatzenart namens Larvenroller das Virus zum Menschen.

Für die Pangolin-Hypothese sprechen, neben den Daten der beiden Forscher, eine Reihe weiterer Argumente. Zum einen werden die Schuppentiere in China tatsächlich gehandelt und verkauft, obwohl das illegal ist – zum anderen ist bekannt, dass Coronaviren Pangoline töten. Und schon vor der neuen Studie galten sie als mögliche Kandidaten für den gesuchten Zwischenwirt.

Ein Schuppen- oder Tannenzapfentier spaziert auf Ameisensuche über den SandbodenLaden...
Schuppentier

Allerdings sind die Ergebnisse bisher weder veröffentlicht noch unabhängig überprüft – das soll, so Chen Yongyi und Xiao Lihua, erst in den nächsten Tagen geschehen. Deswegen ist die Pangolin-Hypothese bisher kaum mehr als eine Behauptung. Doch schon jetzt gilt die Vermutung unter Fachleuten als plausibel. Plausibler allemal als jene Studie, die Schlangen als Überträger vorschlug.

Möglicherweise ist 2019-nCoV auch keineswegs der erste Erreger, der diesen Weg ging. Es gibt Indizien dafür, dass dieses oder ein sehr ähnliches Coronavirus schon einmal auf Menschen übergesprungen ist, sich aber nicht halten konnte: In einer Studie von 2018 fand eine chinesische Arbeitsgruppe Antikörper gegen sarsähnliche Viren bei sechs Personen in Südchina. Was der Unterschied zu den früheren Ansteckungen war, ist noch unbekannt. Möglicherweise begann der Ausbruch, weil ein Infizierter zufällig besonders gut darin war, den Erreger weiterzugeben – ein Muster, das man schon bei Sars beobachtete. Womöglich war es auch einfach Pech, dass ein Erkrankter im falschen Moment an einem sehr belebten Ort war.

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Kommt die neue Seuche wirklich überraschend?

In mancher Hinsicht ist das neue Coronavirus jene Art von Seuche, die Fachleute seit Jahren erwarten. Tatsächlich spielte erst im Oktober 2019 eine internationale Gruppe, eingeladen unter anderem vom Weltwirtschaftsforum und der Gates-Stiftung, ein Szenario durch, bei dem ein in China auftretendes Coronavirus 65 Millionen Menschen weltweit tötet. Die Veranstalter sahen sich nun genötigt, in einem Statement darauf hinzuweisen, dass das keine Vorhersage war.

Es gibt einige Gründe, weshalb diese Art von Viren seit Jahren unter Beobachtung steht. 2019-nCoV ist bereits das dritte Coronavirus, das binnen weniger Jahre von Tieren auf den Menschen übersprang – nach neuen genetischen Analysen bereits im November 2019. Allein dass es sich um ein Coronavirus handelt, ist Grund zur Sorge: Beide Vorgänger, Sars und Mers, erwiesen sich als gefährliche Viren, die einen beträchtlichen Anteil der Menschen töteten, die sich mit ihnen ansteckten. Der neue Erreger scheint nach den bisherigen Zahlen aus China weit weniger tödlich zu sein als seine beiden Vorgänger, dafür ist er wohl ungefähr so ansteckend wie Sars, das 2003 nur knapp gestoppt wurde. Coronaviren sind genetisch sehr variabel, was die Möglichkeit offenlässt, dass ein solches Virus sich schnell besser an den Menschen anpasst oder einen größeren Anteil der Erkrankten tötet.

Daneben ist die in China umgehende Lungenkrankheit nur die neueste Ausprägung eines Furcht erregenden und rätselhaften Trends: Immer mehr neue, zuvor unbekannte Infektionskrankheiten tauchen scheinbar wie aus dem Nichts auf. In diese Kategorie fallen weit verbreitete Seuchen wie Ebola, HIV oder Zika, aber auch die Afrikanische Schweinepest, die derzeit in China immense wirtschaftliche Schäden verursacht. China ist eine jener Regionen, in denen Menschen engen Kontakt mit vielen Wild- und Nutztieren haben – wodurch oft neue Erreger in Kontakt mit Menschen kommen. Wie speziell das neue Coronavirus zum Menschen fand, ist noch unklar.

Auch in anderer Hinsicht bietet China gute Bedingungen für aufkommende Seuchen. Trotz Verbesserungen in den letzten Jahren ist das Gesundheitssystem besonders in ländlichen Regionen immer noch lückenhaft – genau dort, wo Mensch und Tier am stärksten in Kontakt sind. Außerdem muss sich noch zeigen, wie effektiv der chinesische Staat solche Ausbrüche heute tatsächlich bekämpfen kann. Die Erfahrungen der Vergangenheit jedenfalls machen viele Menschen im In- und Ausland skeptisch: Dank einer Kombination aus staatlicher Vertuschung und Pech stand das Sars-Coronavirus im Jahr 2003 kurz davor, außer Kontrolle zu geraten.

Nur mit großer Mühe verhinderten damals Behörden, dass sich der Erreger in andere Ländern ausbreitete. Nach diesem Schock haben Fachleute in den folgenden Jahren die bis dahin geltenden Verfahren zur Kontrolle solcher Krankheiten überarbeitet. Die chinesischen Behörden kooperieren seitdem besser mit ihren internationalen Partnern. Außerdem nehmen seither Gesundheitsbehörden weltweit jedes neue Coronavirus sehr ernst.

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Was bedeutet es, dass das Coronavirus ein »internationaler Notfall« ist?

Anders als die alarmierende Bezeichnung vermuten lässt, ist ein »Public Health Emergency of International Concern« (PHEIC), der internationale medizinische Notfall nach WHO-Regeln, erst mal eine eher bürokratische Angelegenheit. Mit dieser Bezeichnung stellt die Weltgesundheitsorganisation fest, ob eine Krankheit die formalen Kriterien erfüllt: ob sie ernst, ungewöhnlich oder unerwartet ist, sich international ausbreitet und internationale Zusammenarbeit erfordert.

Dann berät der WHO-Notfallausschuss, welche international koordinierten Maßnahmen nötig und sinnvoll sind. Zum Beispiel kontrolliert man Passagiere an Flughäfen, aber auch Fracht und Gepäck. Die Weltgesundheitsorganisation berät die Staaten und koordiniert das gemeinsame Vorgehen – und versucht, unnötige Störungen von Reisen und Handel zu vermeiden.

Ob ein internationaler Gesundheitsnotfall ausgerufen wird, ist nämlich eine heikle Frage. Unter Umständen kann der Gesundheitsnotstand mehr schaden als nützen. Das Konzept ist sehr vage gefasst, und die ihm zu Grunde liegenden Internationalen Gesundheitsregeln (IHR) sind in der Vergangenheit öfter in die Kritik geraten. Insbesondere nach der Ebola-Epidemie in Westafrika gab es eine heftige Diskussion über den Sinn der Maßnahmen.

Zum einen schaffen es gar nicht alle Staaten, den Empfehlungen zu folgen. Ihnen und ihren Gesundheitssystemen fehlen die in den Internationalen Gesundheitsregeln festgelegten »Kernfähigkeiten« zur Bekämpfung solcher Ausbrüche. Gleichzeitig führt, wie die Vergangenheit zeigte, bereits die öffentliche Wahrnehmung eines Notstandes zu erheblichen und oft unkoordinierten Einschränkungen von Reisen und Handel – was oft nichts bringt und das betroffene Land weiter schwächt.

Deswegen kritisieren Fachleute auch die dramatischen Quarantänemaßnahmen gegen das Coronavirus in China. Lawrence Gostin, Direktor des WHO-Zentrums für Internationales Gesundheitsrecht, sagte in »CNN«, die Quarantäne sei womöglich ineffektiv und könnte sogar sowohl medizinisch als auch politisch zu einem Bumerang werden.

Durch den nun von der WHO ausgerufenen internationalen Gesundheitsnotfall könnten möglicherweise mehr Staaten und Organisationen Reisen aus und nach China einschränken. Deswegen stand die WHO bei der Frage nach einem internationalen Gesundheitsnotfall immer vor der Abwägung, ob die Vorteile die potenziellen Risiken wert sind.

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Was weiß man bisher über die Gene des Virus?

Inzwischen liegen die Erbgutsequenzen von Viren aus mehreren Patienten vor. Eine Arbeitsgruppe um Fan Wu von der Fudan University in Shanghai hat außerdem eine detaillierte Analyse des Erregers vorgenommen. Das Team verglich das etwa 29 900 Basenpaare lange Genom mit dem seiner zwei engsten bekannten verwandten Viren aus Fledermäusen sowie dem Sars-Coronavirus. Dabei stellte sich heraus, was Fachleute schon länger stark vermuten: 2019-nCoV ist, ebenso wie Sars und die beiden sarsähnlichen Viren, ein Fledermausvirus, das auf den Menschen übergesprungen ist.

Diese Fähigkeit verdankt es seinem Spike-Protein, dem Strukturelement an der Oberfläche, das es an Zellen binden lässt. Anders als die Spike-Proteine der beiden in Fledermäusen entdeckten Erreger enthält es zwei kurze zusätzliche Abschnitte, dank derer es an den menschlichen Rezeptor ACE-2 bindet – eine Eigenschaft, die es mit Sars teilt. »Das Virus nutzt den gleichen Rezeptor, die gleiche Tür, um in die Zelle zu gelangen. Das erklärt, warum es zwischen Menschen weitergegeben wird und Lungenentzündungen verursacht«, sagte Ian Jones, Virologe an der University of Reading, gegenüber dem britischen Science Media Center. Das sei ermutigend, weil es darauf hindeute, dass Medikamente und Impfstoffe gegen Sars ebenfalls gegen 2019-nCoV wirken könnten.

Diese Bindungsstelle könnte auch mehr darüber verraten, ob Infizierte tatsächlich bereits ohne Symptome ansteckend sind. Der ACE-2-Rezeptor nämlich sitzt tief in der Lunge, was eine frühe Weitergabe unwahrscheinlich macht. Die Spike-Proteine von 2019-nCoV und Sars unterscheiden sich in den zusätzlichen Abschnitten genug, um die Möglichkeit offenzulassen, dass das neue Coronavirus aus Wuhan an ein Molekül in den oberen Atemwegen bindet. Sialinsäure zum Beispiel, mit dem auch das Influenzavirus wechselwirkt.

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