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Verblüffender Fund: Ein ganz alter Grieche

Erreichte der moderne Mensch den europäischen Kontinent mehr als 100 000 Jahre früher als gedacht? Ein außergewöhnlicher Fund in Griechenland legt genau das nahe.
Blick auf eine Landschaft auf der Mani-HalbinselLaden...

Die steilen Kalksteinklippen an der Westküste der Mani-Halbinsel weit im Süden des griechischen Peloponnes ähneln mit ihren ungezählten Karsthöhlen ein wenig einem Schweizer Käse. Die wohl bekannteste Höhle liegt in der Nähe des Dorfs Pyrgos Dirou und lockt jedes Jahr viele Touristen an, die auf Booten durch eine fantastisch anmutende Tropfsteinlandschaft gestakt werden. Der nur ein paar Kilometer weiter nördlich gelegene Apidima-Höhlenkomplex könnte nun dieser Topattraktion den Platz streitig machen – zumindest unter Frühmenschenforschern: Katerina Harvati von der Universität Tübingen und ihre Kollegen schließen in der Zeitschrift »Nature« aus dort gefundenen Teilen eines Schädels, dass moderne Menschen unserer eigenen Art Homo sapiens den Südosten Europas bereits vor 210 000 Jahren und damit 150 000 Jahre früher als bisher angenommen erreicht hatten.

Forscher der Universität Athen hatten diese Teile eines Schädels zwischen 1978 und 1985 bei Ausgrabungen entdeckt. Sie befanden sich auf der Oberfläche einer so genannten Brekzie. So nennen Geologen kantige Gesteinstrümmer, die mit Kalk und feinem Sediment zu einer festen Masse verbunden sind. Da diese Brekzie eingekeilt zwischen zwei Höhlenwänden steckte, lösten die Forscher einen Block mit 65, 45 und 35 Zentimeter langen Kanten heraus, um die Schädelfragmente in den Labors des Museums weiter zu untersuchen. Dabei fanden sie nur wenige Zentimeter von diesem Apidima 1 genannten Kopf entfernt Teile eines anderen Frühmenschenschädels, den sie als Apidima 2 bezeichneten.

Im Labor untersuchten die Forscher die Schädel genauer, erhielten dabei aber keine zuverlässigen Ergebnisse. Das Alter der Brekzie, in die beide Schädel eingebettet waren, schätzten die Forscher zunächst grob auf etwa 100 000 bis 300 000 Jahre und damit auf einen Zeitraum, für den eine Radiokohlenstoffdatierung nicht mehr angewendet werden kann. Katerina Harvati und Kollegen grenzten diesen Wert 2011 dann auf 100 000 bis 190 000 Jahre ein.

Viel ist nicht erhaltenLaden...
Viel ist nicht erhalten | Diese Rekonstruktion des Apidima 1-Schädels (rechts mit anhängendem Gestein) interpretieren Katerina Harvati und ihre Kollegen als Schädel eines frühen Homo sapiens.

Ähnlich unklar war auch, zu welcher Menschenlinie die beiden Schädel gehören könnten. Anfangs hatten die Forscher Apidima 2 für einen Homo heidelbergensis gehalten, der vor mehr als 200 000 Jahren in Europa lebte. 1999 vermuteten Harvati und Eric Delson vom American Museum of Natural History in New York dann, dass es sich um einen jener frühen Neandertaler gehandelt haben könnte, deren Linie vor etwa 200 000 Jahren aus der des Heidelberg-Menschen hervorgegangen war.

Viel schwieriger war die Analyse von Apidima 1, weil von diesem Schädel erheblich weniger Teile erhalten waren und zum Beispiel die gesamte Gesichtspartie fehlte. Da diese Fragmente aber unmittelbar neben Apidima 2 lagen, tippten die Forscher ebenfalls auf einen frühen Neandertaler. Diese lebten in dieser Zeit anscheinend in vielen Teilen Europas, ihre Fossilien finden sich sogar im Altai-Gebirge im Süden Sibiriens. Und da in diesem Bereich bisher keine Überreste vom modernen Menschen Homo sapiens entdeckt wurden, die vor mehr als 50 000 oder 60 000 Jahren lebten, lag die Annahme ohnehin nahe, dass auch Apidima 1 ein Neandertaler war.

Kam Homo sapiens schon viel früher nach Europa?

In den letzten Jahren haben Frühmenschen- und Geoforscher allerdings verschiedene Methoden erheblich weiterentwickelt, mit denen sie auch solche vertrackten Fälle wie im Apidima-Höhlenkomplex besser in den Griff bekommen. So waren beide Schädel über die Jahrtausende durch geologische Prozesse deutlich deformiert worden, was eine Analyse erheblich erschwert. Harvati und ihre Kollegen haben daher mit aufwändigen Computerberechnungen versucht, die ursprüngliche Form zu rekonstruieren. Bei Apidima 2 fanden sie dabei die typischen Eigenschaften eines Neandertalerschädels und konnten so die früheren Analysen bestätigen.

Apidima 1 aber brachte eine Riesenüberraschung. Diesem Schädel fehlen typische Neandertalereigenschaften wie der Knochenwulst am Hinterkopf, der an einen Haardutt erinnert. Auch sonst hat der Hinterkopf von Apidima 1 kaum Neandertalereigenschaften und ähnelt viel stärker dem typisch runden Hinterkopf eines modernen Menschen, fassen Harvati und ihre Kollegen zusammen. Offensichtlich lebten damals weit im Süden des heutigen Griechenlands also neben Neandertalern auch moderne Menschen, folgern die Forscher in »Nature«.

»Das ist eine faszinierende Analyse«, meint Philipp Gunz, der am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig genau solche Rekonstruktionen der Schädel von Neandertalern und modernen Menschen macht. Apidima 2 gehört seiner Meinung nach eindeutig zur Linie der Neandertaler. »Auch die Interpretation von Apidima 1 als Homo sapiens ist durchaus möglich«, meint Gunz. Allerdings weist der Leipziger Forscher auf einen großen Schwachpunkt der Analyse hin: Aus der Zeit vor 30 000 bis 50 000 Jahren kennen Forscher in Europa sowohl von Neandertalern wie auch von modernen Menschen eine ganze Reihe von Schädeln und können die beiden Linien daher gut voneinander unterscheiden. Aus jener früheren Zeit gibt es in Europa dagegen gar keine und in Afrika nicht allzu viele Funde von Homo sapiens. Ein stichhaltiger Vergleich fällt darum schwer, und hinter der Analyse des Teams um Harvati bleibt so ein Fragezeichen. »Zumal auch die früheren Neandertaler einen etwas runderen Schädel als ihre Verwandten vor 50 000 Jahren hatten«, sagt Gunz. »Leider fehlt bei Apidima 1 das ganze Gesicht, das eindeutige Hinweise auf Neandertaler oder moderne Menschen liefern würde.«

Es gibt demnach deutliche Hinweise darauf, dass Apidima 1 ein früher moderner Mensch unserer Art Homo sapiens gewesen sein könnte. Sicher scheint diese Annahme bisher aber nicht zu sein. Ein eindeutiges Ergebnis könnte eine Analyse des Erbguts oder von Proteinen in den Knochen ergeben. »Das wollen wir in Zukunft zwar versuchen, allerdings sind die Erfolgsaussichten eher gering«, erklärt die Forscherin: Im warmen Mittelmeerklima zersetzen sich Proteine und Erbgut viel schneller als in kühleren Regionen.

Apidima 2 und RekonstruktionLaden...
Apidima 2 und Rekonstruktion | 170 000 Jahre alt soll dieser im Süden Griechenlands gefundene Neandertalerschädel Apidima 2 sein (rechts das Original, links die Rekonstruktion mit den vorhandenen Knochen in Farbe und den ergänzten in Grau).

Es gibt aber durchaus Hinweise darauf, dass Neandertaler und moderne Menschen sich vor mehr als 120 000 Jahren einmal begegnet sind. So finden Forscher wie Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena im Erbgut von Neandertalern aus dieser Zeit recht eindeutige Hinweise, dass in der weiblichen Linie der Vorfahren mindestens eine frühe Homo-sapiens-Frau eine Liaison mit einem Neandertaler hatte. Das könnte etwa im heutigen Israel passiert sein, wo sich beide Menschengruppen begegnet sein könnten. Folgt man der Analyse des Teams um Katerina Harvati, könnten frühe moderne Menschen Europa allerdings auch schon weit vorher erreicht und die dort lebenden Neandertaler getroffen haben.

Wann kamen die Schädel in die Höhle?

Aber auch die Datierung der griechischen Schädel steht noch auf wackligen Füßen. Spezialist für solche vertrackten Fälle ist bei Frühmenschenforschern Rainer Grün von der Griffith University in Nathan im australischen Queensland. Auch die Apidima-Schädel analysierte er. Dafür nutzen Grün und andere Spezialisten wie Dirk Hoffmann von der Universität in Göttingen zum Beispiel Sinterschichten, die sich in Kalkgestein wie auf der Mani-Halbinsel bilden. Diese Schichten aus Kalkstein entstehen, wenn Wasser, das von der Oberfläche mit Kohlendioxid angereichert ist, Kalk löst, in die Höhle sickert. Dort fällt dann der Kalk wieder aus und hinterlässt eine dünne Schicht, die mit der Zeit zum Beispiel zu Tropfsteinen wächst, eine Sinterschicht auf Steinzeitfunden bildet oder eben auch kantige Gesteinstrümmer und feines Sediment zu einer festen Brekzie verbinden kann.

Zusammen mit dem Kalk löst das Wasser praktisch immer sehr kleine Mengen des natürlich vorkommenden Urans, während das beim radioaktiven Zerfall dieses Urans entstehende Thorium sich nicht in Wasser löst. Bildet sich auf einem Frühmenschenknochen dann eine Sinterschicht, enthält dieser Kalk zwar ein wenig Uran, aber kein Thorium. Wird danach kein Uran aus der Kalkschicht ausgeschwemmt, sollte alles in diesem Sinter enthaltene Thorium erst später durch den radioaktiven Zerfall des ursprünglich enthaltenen Urans entstanden sein. Da Naturwissenschaftler aber sehr genau wissen, welche Uranmengen in einer bestimmten Zeit zu Thorium zerfallen, können sie das Alter des Kalks recht genau bestimmen. »Darunterliegende Knochen sollten daher etwas älter sein, die Sinterschicht zeigt also ein Mindestalter«, erklärt Dirk Hoffmann, der nicht an der Untersuchung der Apidima-Fossilien beteiligt war.

Genau mit diesem Prinzip bestimmte Rainer Grün daher das Alter der Brekzie, in der die beiden Schädel eingebettet waren auf rund 150 000 Jahre. Die Knochen von Apidima 2 verraten mit der gleichen Methode, dass dieser Neandertaler vor etwa 170 000 Jahren gelebt haben dürfte. Verblüfft waren die Forscher aber, als sie die Daten für die Knochen des Homo-sapiens-Anwärters Apidima 1 erhielten. Nach diesen Uran-Thorium-Analysen könnte er vor 210 000 Jahren gelebt haben. Das aber würde den Beginn der Geschichte des modernen Menschen in Europa um glatte 150 000 Jahre zurück verschieben.

Zumindest wenn sich der Verdacht auf eine Zugehörigkeit zu Homo sapiens bestätigt, würde Apidima 1 also nicht nur zeigen, dass unsere Art Afrika schon viel früher verlassen hat, als es die Fossilien in Europa, Asien und Australien bisher nahelegten. Obendrein könnte Apidima 1 auch noch die alten Homo-sapiens-Spuren im Erbgut der Neandertaler untermauern. Weshalb aber lagen die beiden Schädel dann unmittelbar nebeneinander in und an der Oberfläche der Brekzie? Katerina Harvati und ihre Kollegen vermuten, dass die beiden Köpfe vor rund 210 000 und vor 170 000 Jahren auf einer steilen Geröllhalde landeten und später vielleicht mit einer Schlammlawine in die Tiefe rutschten. Die Masse blieb schließlich zwischen den beiden Höhlenwänden stecken, wo der aus dem Wasser ausfallende Kalk Schlamm, Gesteinsbrocken und Frühmenschenfossilien zu einem Konglomerat verband.

Leider hat die Uran-Thorium-Datierung eine potenziell gravierende Fehlerquelle: »Die Gesteinsschichten dort sind sehr porös, dadurch kann Wasser eindringen und Uranverbindungen wieder aus dem Material herauswaschen«, erklärt Dirk Hoffmann. Das aber würde die Ergebnisse stark verfälschen, Brekzie und die Knochen könnten erheblich jünger sein, als die Analysen es vermuten lassen. Die Forscher machen daher sehr viele verschiedene Analysen an etlichen Stellen. Unterscheiden sich die Ergebnisse stark voneinander, könnte das auf ein solches »Leaching« genanntes Ausschwemmen hinweisen. Tatsächlich legen die Daten von Rainer Grün nahe, dass Leaching aufgetreten sein könnte.

Laut Hoffmann müsste man in einem solchen Fall mit niedrigeren Mindestaltern kalkulieren. »Allerdings sollte dieser Fund auch bei sehr vorsichtiger Interpretation noch deutlich älter sein als die bisher in Europa bekannten Homo-sapiens-Fossilien«, meint der Forscher. Eine kleine Sensation dürfte die Apidima-Höhle also auf jeden Fall preisgegeben haben.

28/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28/2019

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