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Die Tschernobyl-Katastrophe: "Ein Super-GAU kann stattfinden"

Edmund Lengfelder vom Institut für Strahlenbiologie der Universität München und der kernenergiekritischen Gesellschaft für Strahlenschutz sieht auch in Niedrigstrahlung eine Gefahr.
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spektrumdirekt: Herr Professor Lengfelder, vor zwanzig Jahren ereignete sich die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Welche Gedanken schossen Ihnen damals in den Kopf, als Sie zum ersten Mal von dem Unglück erfuhren?

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Edmund Lengfelder | Prof. Dr. med. Dr. h. c. Edmund Lengfelder forscht am Institut für Strahlenbiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und gehört zu den Initiatoren der 1990 gegründeten Gesellschaft für Strahlenschutz, die er von 1990 bis 1995 leitete.
Edmund Lengfelder: Mein erster Gedanke war: Jetzt ist das passiert, was wir immer erwartet haben. Technische Anlagen haben eine Versagenswahrscheinlichkeit. Kein Flugzeughersteller kann behaupten, dass seine Produkte hundertprozentig sicher sind, dass es nie wieder einen Flugzeugabsturz geben wird. Dies gilt ebenso für Atomkraftwerke.

spektrumdirekt: Um die Zahl der Opfer wird heftig gestritten: Das Tschernobyl-Forum der Vereinten Nationen spricht von 47 unmittelbaren Todesopfern sowie von etwa 4000 vorzeitigen Todesfällen durch die Strahlenbelastung. Sie selbst gehen davon aus, dass durch die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe bereits 15 000 Menschen umgekommen sind; mit bis zu 100 000 zusätzlichen Schilddrüsenkrebsfälle sei zu rechnen. Wie sind diese unterschiedlichen Einschätzungen zu erklären?

Lengfelder: In die Bewertung sollte man nicht nur die akuten Strahlentoten unmittelbar nach dem Unfall, sondern beispielsweise auch die Liquidatoren einbeziehen, die in der Folge der Strahlenbelastung bei den Aufräumarbeiten erkrankten und deren gesundheitliche Widerstandsfähigkeit dadurch stark eingeschränkt ist. Sie haben deshalb zum Teil die Arbeit verloren, oder die Lebenspartnerin hat sie wegen der körperlichen Hinfälligkeit verlassen; viele sind dem Alkohol verfallen und haben sich später wegen der Perspektivlosigkeit das Leben genommen. All diese Menschen sind Opfer der Tschernobyl-Katastrophe.

spektrumdirekt: Welche gesundheitlichen Auswirkungen – unmittelbar durch die Strahlung, mittelbar durch kontaminierte Lebensmittel – hatte die Explosion des Kernreaktors auf Deutschland sowie auf andere europäische Länder?

Lengfelder: Auch im Westen gibt es nachweislich gesundheitliche Effekte nach Tschernobyl. Hagen Scherb und seine Mitarbeiter vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg haben die jährliche Totgeburtenrate einer westlichen europäischen Ländergruppe und einer näher an Tschernobyl liegenden östlichen europäischen Ländergruppe verglichen [1]. Die Daten der östlichen europäischen Ländergruppe zeigten 1986 und 1987 im Vergleich zu 1985 eine deutliche absolute Zunahme der Totgeburtenrate und eine Verschiebung des Trends der Kurve nach oben. Für das Zeitfenster von 1986 bis 1992 bedeutet dies insgesamt zusätzliche 1639 Totgeburten. Die westliche europäische Ländergruppe zeigte keine besondere Auffälligkeit.
"Auch im Westen gibt es nachweislich gesundheitliche Effekte nach Tschernobyl"
Scherb und Mitarbeiter untersuchten auch die zehn am höchsten durch Tschernobyl belasteten Landkreise in Bayern [2]. Hier überstieg die Zahl der Totgeburten im Jahr 1987 den erwarteten Wert um 45 Prozent. Das Ergebnis ist ein deutliches Indiz für die schädliche Wirkung radioaktiver Niedrigstrahlung.
Die Wissenschaftler um Karl Sperling vom Berliner Institut für Humangenetik stellten fest, dass neun Monate nach der Tschernobyl-Katastrophe in Berlin bei Neugeborenen die Zahl der Down-Syndrom-Fälle sprunghaft angestiegen ist [3]. Im Hinblick auf die Erfassung der Trisomie-21-Fälle war zur Zeit des Reaktorunfalls die Situation in Berlin aus epidemiologischer Sicht einzigartig: Wegen der damaligen Insellage der Stadt – eingeschlossen durch das Gebiet der ehemaligen DDR – konnte für einen großen Zeitraum die Häufigkeit praktisch aller prä- und postnatal diagnostizierten Fälle angegeben und in Bezug zu allen relevanten demografischen Faktoren gesetzt werden.
In dem Zehn-Jahres-Zeitraum von Januar 1980 bis Dezember 1989 lag in Westberlin die monatliche Zahl von Trisomie-21-Fällen bei durchschnittlich zwei bis drei. Aber im Januar 1987, neun Monate nach der Tschernobyl-Katastrophe, wurden zwölf Fälle beobachtet. Dieser Anstieg war nach einer Zeitreihenanalyse hoch signifikant und konnte nicht mit dem Alter der Schwangeren oder einer häufigeren Inanspruchnahme der vorgeburtlichen Diagnostik erklärt werden.

spektrumdirekt: Welche Lehren haben wir aus dem Unglück gezogen und welche sollten wir noch ziehen?

Lengfelder: Verschiedene Kreise unserer Gesellschaft haben unterschiedliche Lehren aus dem Unglück gezogen. Die wichtigste Lehre ist: Ein Super-GAU kann stattfinden! Obwohl wir 1986 in Deutschland 19 AKWs hatten, konnte man an der Konfusion nach dem Unfall sehen, dass niemand auf diesen Ernstfall vorbereitet war.
"Die Bevölkerung ist im Falle eines Super-GAUs weit gehend ungeschützt"
In Europa haben wir heute etwa 230 AKW-Blöcke. Die Bevölkerung ist im Falle eines Super-GAUs weit gehend ungeschützt, weil bei der großen Bevölkerungsdichte für die betroffenen Millionen Menschen ein wirksamer Schutz nicht möglich ist; die Menschen können auch nicht geordnet evakuiert werden. Konsequenz: Die Risikoquelle eliminieren!

spektrumdirekt: In Deutschland galt der Ausstieg aus der Kernenergie als beschlossene Sache, wird jedoch jetzt wieder diskutiert. Hat die Kernenergie seit Tschernobyl keine Zukunft mehr oder können wir – beispielsweise um unsere Klimaschutzziele zu erreichen – auf Kernenergie in den nächsten Jahrzehnten nicht verzichten?

Lengfelder: Die Kernenergie trägt zum Erreichen der Klimaschutzziele so gut wie nicht bei. Kernenergie wird von der Energiewirtschaft und zum Teil von politischen Kreisen favorisiert, weil durch besondere Begünstigungen, wie mangelhafte Haftpflichtversicherung oder Befreiung von Brennstoffsteuer, extrem hohe Renditen erwirtschaftet werden. Diese kommen allerdings nicht der Bevölkerung, sondern den Aktionären zugute. Zudem ist die Kernenergie die einzige Stromerzeugungsform, die einen Energiezentralismus aufrechterhält. Diese Tatsache steht einem längst notwendigen Umbau auf dezentrale Energieerzeugung als massive Bremse im Wege.
29.04.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29.04.2006

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