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Paläobiogeografie: Entenschnabelsaurier haben den Ozean überquert

Gegen Ende der Dinosaurier-Ära war der Riesenkontinent Pangäa in eine Nord- und Südhälfte zerbrochen, dazwischen lag Meer. Für einige herumwandernde Dinos war das aber irgendwie kein Hindernis.
Drei Hadrosaurier flanieren am Strand. Die Abbildung ist eine künstlerische Darstellung, was streng genommen heißt, dass nahezu nichts daran stimmt.

Die Hadrosaurier lebten in der Oberen Kreidezeit und sind vor allem wegen ihrer originellen Schnauzenform bekannt, die ein wenig an den Schnabel von Enten erinnert. Die Heimat der vor rund 70 Millionen Jahren ausgestorbenen Tiere war ursprünglich das Gebiet des heutigen Nordamerika, einige Arten schafften es aber, auf dem nördlichen Kreidezeit-Superkontinent Laurasia auch die Landmassen des späteren Asien und Europa zu erreichen. Nach Süden konnten die Entenschnabeldinosaurier allerdings nicht vordringen, denn das Tethysmeer und der zukünftige Atlantik waren seit dem späten Jura zwischen dem Nordkontinent Laurasia und dem Südkontinent Gondwana mitsamt dem späteren Afrika immer breiter geworden. Und so dürfte es den neuen Hadrosaurierfossil-Fund eines englischen Forscherteams in Marokko eigentlich gar nicht geben: denn wie war das Tier aus dem Norden auf den südlichen Kontinent gelangt?

Das erste je entdeckte afrikanische Exemplar des Entenschnabeldinos Ajnabia odysseus gehörte zu einer Spezies, die vor etwa 66 Millionen Jahren am Ende der Kreidezeit ausgestorben ist. Bei dem Fund handelte sich um einen eher kleinen Vertreter der Verwandtschaftsgruppe, der nur rund drei Meter von Entenschnabel zu Schwanzspitze lang wurde, beschreibt das Team um Nicholas Longrich von der University of Bath den neu entdeckten Dinosaurier im Fachblatt »Cretaceous Research«. Nach der Analyse der Anatomie gehört A. odysseus zur Gruppe der Lambeosaurinae, im Normalfall eher groß gewachsenen Hadrosauriern aus Nordamerika mit typischem Kopfkamm.

Zu Lebzeiten des Tiers hatten der Protoatlantik und das Tethysmeer das spätere Afrika schon längst vom Nordkontinent isoliert. Daher ist rätselhaft, wie das nun gefundene Exemplar oder seine Ahnen den tiefen, wahrscheinlich hunderte Kilometer breiten Meeresarm von Norden aus überwunden haben. Wahrscheinlich, so spekuliert das Team um Longrich, ist es geschwommen oder hat die Reise angeklammert an Treibgut überstanden, um dann als wohl einziges Tier seiner Art sein Leben in Afrika zu beschließen. Sein Gattungsname Ajnabia leitet sich aus dem arabischen Wort für »Fremder« ab, der Artname odysseus ist eine Referenz auf die größte altgriechische Irrfahrt übers Mittelmeer.

Dass selbst schlecht schwimmende Tiere weite Strecken übers Meer treiben können, ist nicht unbekannt. So vermutet man etwa, dass Landschildkröten von den Seychellen auf Treibgut durch den Indischen Ozean nach Afrika gelangt sind. Spekuliert wird auch über weite Seereisen von afrikanischen Lemuren, von Flusspferden und gar von einer Linie südamerikanischer Frösche nach Madagaskar.

Seltene Zufallsereignisse kommen in sehr langen Zeitabschnitten eben doch gelegentlich vor, meinen Longrich und Kollegen. Und ganz wasserdichte Hindernisse können die Ozeane für Dinosaurier nicht gewesen sein, weil man sich sonst auch die Ausbreitung anderer Gruppen über von Meeren getrennte Regionen hinweg nicht erklären könnte. Es wird etwa diskutiert, warum Vertreter der Titanosaurier, einer Gruppe von körperlich riesigen, Pflanzen fressenden Sauropoden, sowohl auf dem Nordkontinent Laurasia als auch im südlichen Gondwana lebten. Womöglich sind die Vorfahren der Tiere noch vor dem späten Jura auf dem Riesenkontinent Pangäa entstanden und haben sich verbreitet, bevor dieser auseinanderbrach. Dagegen ist der marokkanische Ajnabia odysseus ein kurioses Einzelstück: Das Team um Longrich meint, damit erstmals den Beleg für eine Ozeanüberquerung eines Dinosauriers gefunden zu haben.

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