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Homo sapiens: Ankunft in einem eiskalten Europa

Analysen an zirka 45 000 Jahre alten Tierzähnen aus Bulgarien legen ein neues Klimaszenario bei der Besiedlung Europas nahe: Es war nicht gerade warm, als Homo sapiens kam.
Ausgrabungen in der bulgarischen Bacho-Kiro-Höhle im Jahr 2021.

Als die ersten anatomisch modernen Menschen vor rund 45 000 Jahren den europäischen Kontinent erreichten, war es dort deutlich kälter als bislang angenommen. Geradezu subarktische Verhältnisse sollen geherrscht haben, schreiben Sarah Pederzani vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen im Fachmagazin »Science Advances«. Klimamodelle legten bisher nahe, dass sich Homo sapiens von Afrika aus stets in wärmeren Phasen gen Norden nach Europa und Asien aufmachte. Das Gegenteil legen nun Isotopenanalysen an Tierzähnen aus der bulgarischen Bacho-Kiro-Höhle nahe. Sie würden auf Temperaturen schließen lassen, die im Durchschnitt ungefähr 14 Grad Celsius niedriger lagen als heute.

Die Max-Planck-Wissenschaftler hatten 2020 in der Bacho-Kiro-Höhle die bisher ältesten bekannten Überreste von Homo sapiens in Europa identifiziert. Nun werteten sie zwischen 61 000 und 43 000 Jahre alte Tierzähne aus der Höhle aus. Zum Teil waren die Tiere einst von Menschen erbeutet und geschlachtet worden. Die untersuchten Überreste stammen von Pferden und Auerochsen, andere Knochen aus der Höhle aber auch von Arten, die vornehmlich in kälteren Regionen beheimatet waren wie das Wollhaarmammut.

Um die damaligen Klimabedingungen zu rekonstruieren, bestimmte Pederzani die Strontium- und Sauerstoffisotope, die sich beim Wachstum im Zahnschmelz eingelagert haben. Die Isotopensignatur gibt auch Auskunft darüber, wo ein Lebewesen aufgewachsen ist. Die Strontiumwerte der Tierzähne zeigten kaum Schwankungen, offenbar waren die Wildtiere nicht über weite Strecken migriert. Anders das Ergebnis zu den Sauerstoffisotopen: Daraus leiteten Pederzani und ihre Kollegen die damaligen Temperaturbereiche ab, die mit skandinavischen Bedingungen vergleichbar gewesen seien. Laut den Forschern waren die Menschen der späteren Altsteinzeit also deutlich flexibler gewesen und passten sich selbst harschen Temperaturen leichter an als gedacht.

Dass Homo sapiens mit sehr kalten Klimabedingungen zurechtkam, legt auch die Besiedlung Amerikas nahe, vor mehr als 15 000 bis 20 000 Jahren – vielleicht auch früher. Jäger und Sammler waren damals bei kaltem Klima aus Ostsibirien über Beringia auf den amerikanischen Kontinent vorgedrungen.

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