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Jean de La Fontaine: Günstling, Rebell, Fabeldichter

Dank seines Mäzens Fouquet wurde La Fontaine zum Dichter. Doch erst Fouquets Sturz machte ihn zum berühmtesten Fabelschreiber Frankreichs – gegen den Willen des Sonnenkönigs.
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Was wäre gewesen, wenn Finanzminister Nicolas Fouquet im August 1661 nicht das größte Fest seiner Zeit gegeben hätte? Wenn er nicht sein prächtiges kleines Schloss mit Bankett, Feuerwerk, Theater und Tombola eingeweiht hätte? Der als Ehrengast geladene König Ludwig XIV. (1638–1715) wäre wohl nicht vor Neid erblasst und hätte nicht beschlossen, dass ihm solch eine Blamage nie wieder passieren dürfte.

Fouquet (1615–1680) hatte bis dahin eine steile Karriere hingelegt. Und gerade spekulierte er auf das nächste Amt. Er wollte Premierminister werden. Damit wäre er neben dem König der mächtigste Mann im Land. Ob sich der Absolutismus in Frankreich unter seiner Staatsägide derart stark hätte entwickeln können? Es ließe sich trefflich spekulieren, aber Fouquet hatte eben doch eine üppige »fête« gegeben und damit seiner Laufbahn ein jähes Ende bereitet.

Nicht nur für ihn, sondern auch für sein Umfeld war die Lage plötzlich kritisch geworden. Der Liebhaber der schönen Künste hatte Musiker, Dichter und Künstler an sein Schloss geholt und gefördert. Einer von ihnen war Jean de La Fontaine (1621–1695), der vor 400 Jahren am 8. Juli 1621 getauft wurde – sein Geburtsdatum ist unbekannt. Der Schriftsteller schrieb Gefälligkeitsgedichte und genoss ein sorgenfreies Leben am Hof in Vaux-le-Vicomte südlich von Paris. Bis ihn Fouquets Fall aus dieser feinen Gesellschaft riss und eine nachhaltige Abneigung gegen den König bescherte. Zugleich entdeckte La Fontaine eine literarische Form, die ihm bis heute Berühmtheit verschaffte: die Macht der Fabel.

Zwei Leben, eine Leidenschaft

Bevor er und Fouquet sich begegneten, führte La Fontaine zwei Leben – das eines Bürgers und das eines Künstlers. In Château-Thierry in der Champagne arbeitete er wie schon sein Vater als Maître des Eaux et Forêts, als eine Art Forstverwalter. Er war mit der deutlich jüngeren Marie verheiratet, gemeinsam hatten sie einen Sohn. Das war der bürgerliche Teil von La Fontaines Leben. Doch wann immer er konnte, fuhr er nach Paris, wo er sich mit seinen Künstlerfreunden traf. Molière, Racine und Boileau – drei der bedeutendsten Schriftsteller des französischen Barock – gehörten dazu. Sie diskutierten, stritten, tranken und dichteten. Dazu trafen sie sich in den Kneipen und literarischen Salons, die sich in den 1650er Jahren zu wichtigen kulturellen Treffpunkten entwickelt hatten. Meist waren es adlige und wohlhabende Frauen, die Salonnières, die in ihren Häusern und Palais zu Lesungen, Gesprächen und Musikvorführungen luden. La Fontaine verdingte sich in jener Zeit als Gelegenheitsdichter, sein erstes Theaterstück war allerdings ein Flop.

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Nicolas Fouquet | Der Finanzminister Frankreichs hatte Ambitionen auf das Amt des Premiers. Allerdings entschied Ludwig XIV., allein zu regieren, und sägte Fouquet (1615–1680) ab.

Doch La Fontaines Pechsträhne währte nicht lange. Vermutlich begegnete er in den späten 1650er Jahren im Salon der Schriftstellerin Madeleine de Scudéry oder dem der Marquise de Plessis-Bellière zum ersten Mal seinem späteren Mäzen. Fouquet war viel in Künstlerkreisen unterwegs. Er besuchte die Salons und hatte bei seiner Suche nach neuen Talenten ein ausgesprochen glückliches Händchen. Die kreativsten Künstler seiner Zeit holte er nach Vaux-le-Vicomte: Der Architekt Louis Le Vau entwarf das Schloss, der Maler Charles Le Brun dekorierte die Wände und Decken mit mythischen Szenen, der Landschaftsarchitekt André Le Nôtre legte einen Garten an, der später zum Vorbild des französischen Barockgartens werden sollte. Der noch unbekannte Molière und der Komponist Jean-Baptiste Lully verfassten für das Einweihungsfest »Les Fâcheux« (»Die Lästigen«), die erste Ballett-Komödie. In Frankreich gewann die Mischform aus Oper, Ballett und Sprechtheater danach rasch an Beliebtheit.

Auch an dem nicht mehr ganz jungen Dichter aus der Provinz fand Fouquet Gefallen und holte ihn an seinen Hof. Endlich lebte La Fontaine wie ein Künstler, schrieb Gedichte für seinen Gönner und probierte sich in verschiedenen Gattungen. Sein langes Lobgedicht über den Park von Vaux-le-Vicomte sollte er jedoch nicht mehr vollenden können.

Aspirationen auf das Amt des Premiers

Am 17. August 1661 hatte Nicolas Fouquet zur Einweihung seines Schlosses geladen. Zu diesem Zeitpunkt war er einer der mächtigsten Männer Frankreichs. Er diente als Oberintendant der Finanzen und Generalstaatsanwalt. Aber er hoffte auf mehr. Premierminister Jules Mazarin (1602–1661), der gemeinsam mit der Königinmutter lange für den jungen Ludwig XIV. die Staatsgeschäfte geleitet hatte, war im März desselben Jahres gestorben. Mazarin hinterließ ein Machtvakuum und schwer durchschaubare Staatsfinanzen. Vermutlich wussten nur er und Fouquet, wer welche Gelder bewilligte, Kredite aufnahm oder beglich. Und bisweilen verliefen die Grenzen zwischen dem Privatvermögen Fouquets und der Staatskasse fließend.

Mazarin war tot, ein wichtiges Amt unbesetzt. Fouquet drängte darauf, dass ihn der junge König zum Nachfolger ernennen würde. Doch Ludwig XIV. dachte nicht daran. Er misstraute dem ehrgeizigen Emporkömmling. Dann, zur Überraschung vieler, erklärte der König, er wolle von nun an allein regieren – ohne einen Premierminister. Wie viele Höflinge und Politiker ging Fouquet zwar davon aus, dass sich der vergnügungssüchtige König bald schon wieder mit Festen, Jagd und Frauen statt mit Politik beschäftigen würde. Zur Sicherheit setzte Fouquet dennoch alles daran, Ludwig von seinem Entschluss abzubringen. Und das Fest war Teil seines Plans. Der Finanzminister wusste, dass sich der Bourbone schon häufiger für einen gelungenen Abend mit einer Beförderung bedankt hatte. Zudem: Der König selbst hatte um eine Einladung nach Vaux-le-Vicomte gebeten. Fouquet legte sich ins Zeug. Drei Wochen hatte er Zeit, um ein pompöses Fest auf die Beine zu stellen. Alle Künstler seines Hofs waren in die Planung involviert, nichts sollte schiefgehen.

Von Löwen, Schlangen und Eichhörnchen

Fouquet wollte Ludwig XIV. beeindrucken: 30 verschiedene Büfetts, goldenes Geschirr, ein Theater, eine Tombola, schließlich noch ein Feuerwerk. Doch der Sonnenkönig war alles andere als hingerissen. Feuerwerk durfte nur bei königlichen Festen oder großen Siegen gezündet werden – und Fouquet ließ den Nachthimmel sogar mit zwei Feuerwerken erleuchten. Prunk, Pracht und überbordender Luxus – der König mit den leeren Kassen fühlte sich vorgeführt und bedroht. Gierte dieser Ehrgeizling etwa nach königlicher Macht? Sicher ist: Ludwig war außer sich.

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Vaux-Le-Vicomte | Nicolas Fouquet ließ sein Chateau samt Parkanlage zwischen 1656 und 1661 errichten. Heute ist das Schloss ein Beispiel für die Kunst- und Architekturepoche des klassizistischen Barock.

Ludwig XIV. hatte als Kind die Fronde erlebt, den Aufstand der Prinzen und des Parlaments gegen die Königsfamilie zwischen 1648 und 1653. Damit die Noblesse nicht wieder einen Staatsstreich versuchte, hatte er den Schwertadel degradiert und Höflinge um sich geschart. Das Bürgertum erstarkte, denn es konnte nun Ämter kaufen und als Amtsadel aufsteigen. Fouquet war so ein Bürger. Reich, kultiviert, ehrgeizig. Und um zu zeigen, dass sein Ehrgeiz noch nicht befriedigt war, sparte Fouquet auf seinem Fest nicht mit viel sagender Symbolik.

Das Wappentier der Familie Fouquet, das Eichhörnchen, war allgegenwärtig – an der Schlossfassade, auf den allegorischen Gemälden, es wimmelte von Eichhörnchen. Im Wappen prangte der Spruch »Quo non ascendet?«, »Wohin wird es noch hinaufsteigen?«. Der König sah sich wahrscheinlich an ein Bild erinnert, das in seinen Gemächern hing, in dem das Eichhörnchen ausgerechnet mit dem Löwen und einer Schlange spielte.

Mit Löwen und Schlangen sollte man vorsichtig sein. Das wussten die Zeitgenossen schon, bevor La Fontaine Moralgeschichten in Tierfabeln versteckte. Der Löwe symbolisierte stets den mächtigen Herrscher, die Schlange seinen doppelzüngigen Berater. Tatsächlich kooperierten Schlange und Löwe, um das Eichhörnchen loszuwerden. Der königliche Berater Jean-Baptiste Colbert (1619–1683), auf dessen Wappen sich eine Natter schlängelte, war seit Mazarins Tod näher an den König herangerückt. Auch er strebte den Posten des Premierministers an, der Finanzjongleur und Kunstförderer Fouquet war ihm dabei im Weg.

Colbert war ein Aktenmensch. Feste lagen ihm nicht – aber Zahlen. Schon lange führte er Buch über allerlei Verfehlungen Fouquets. Nach dem Fest, als Ludwig vor Neid schäumte, war sein Moment gekommen. Er legte dem König seine Liste vor. Sechs Wochen nach den Feuerwerken in Vaux-le-Vicomte wurde Nicolas Fouquet verhaftet. Der Vorwurf: Hochverrat und Veruntreuung von Staatsgeldern. Nach drei Jahren Gerichtsprozess verurteilten ihn die Richter zu lebenslanger Haft. Sein Schloss wurde vernagelt. Zuvor ließ der König die Kunstwerke, die Tapisserien, sogar die Bäume an seinen Hof schaffen – auch die Künstler holte er zu sich. Er brauchte Le Vau, Le Brun und Le Nôtre für sein Großprojekt: Das alte Jagdschloss seines Vaters in Versailles sollte zu einem herrlichen Prunkhaus umgebaut werden.

Die Kunst wurde politisch

Fouquets Entourage war erschüttert. Einige Künstler standen vor dem Nichts. Manche gingen zu Ludwig XIV., andere verhielten sich still. Doch La Fontaine wurde laut. Er ging in die Salons und versuchte, seine Freunde zu überreden, für Fouquet zu kämpfen – vergeblich. An den König schickte er eine Ode, mit der er um Fouquets Freilassung bat. Als sein Onkel, ein Freund des gefallenen Finanzministers, 1663 ins Exil nach Limoges geschickt wurde, begleitete er seinen Verwandten. Warum, war nicht klar. Vielleicht handelte er aus Solidarität. Womöglich aber folgten ihm Colberts Spione, denn: Der aufmüpfige Dichter war dem Hof mit seiner Fouquet-Treue ein Dorn im Auge. La Fontaine galt als unbedeutender Schriftsteller und sollte es bleiben. Wer in Zukunft zur Künstler-Avantgarde gehörte, sollten nicht mehr die Salons oder Mäzene entscheiden, sondern der Hof. Colbert, der inzwischen zum Finanzminister aufgestiegen war, interessierte sich nicht für Kunst. Doch er wusste, dass er mit Künstlern Politik machen konnte, weil sie das Lob des Herrschers in die Theater und Opernhäuser brachten und so die allgemeine Meinung lenkten.

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»Die Grille und die Ameise« | Der französische Maler Gustave Doré (1832–1883) wählte für Jean de La Fontaines Fabel von der fleißigen Ameise, die Wintervorräte anlegte, und der musizierenden Grille, die das Sammeln versäumte, menschliche Pendants. Illustration und Stich, um 1870.

Wer dem König genehm war, wurde gefördert – diese Musiker, Maler und Autoren landeten auf einer Liste und erhielten eine königliche Pension. Einige der Dichter aus Fouquets Kreis standen bald auf der königlichen Gehaltsliste, etwa Molière, Racine und Boileau. Sie hatten sich mit der Situation arrangiert – La Fontaine nicht. Er tauchte nie auf der Liste auf. Ohne Geldgeber, so Colberts Kalkül, würde die Gegenwehr des Dichters bald gebrochen sein.

In der Tat: Ohne Mäzen wurde La Fontaines Leben unstet. Immer wieder ging er nach Château-Thierry, immer wieder kam er nach Paris zurück. Eine Zeit lang arbeitete er als Diener bei der Witwe von Gaston d'Orléans, einem Onkel von Ludwig XIV. Als sie starb, kam er bei Madame de la Sablière unter. Jetzt hatte er wieder eine Mäzenin und einige Sorgen weniger. In beiden Häusern hatte er Kontakt zu denen, die Ludwig und den Hof kritisch sahen: ehemaligen Frondeuren, Hugenotten, Naturwissenschaftlern, alten Freunden von Fouquet. Die falsche Gesellschaft für Dichter, die auf die Liste wollten.

Die Neuschöpfung der Fabel

Jean de La Fontaine beobachtete die politischen Verhältnisse, die Höflinge, die sich in Versailles um den König scharten, seine Berater, die Richter – auch die einfachen Leute, ihr Handeln und ihre Not. Er begann, seine Erkenntnisse über das Leben der Menschen niederzuschreiben, indem er die antike Fabel neu erfand. Viele Inhalte übernahm er von dem griechischen Dichter Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.), gab den Geschichten aber einen besonderen Dreh. Er schrieb seine Fabeln in freien Versen, so dass kleine geistreiche, auch ironische Texte entstanden, die zeitlos und leicht rezipierbar waren.

Eine Fabel wie »Die Grille und die Ameise« lässt sich heute so lesen wie damals: Eine Grille wird vom Wintereinbruch überrascht. Sie hat versäumt, sich Vorräte anzulegen, weil sie den ganzen Sommer musizierte. Als sie die fleißige Ameise um etwas Brot bittet, wird sie hart abgewiesen. Sie solle doch tanzen, das mache warm. Wer hat Recht, die verträumte Künstlerin oder die fleißige und geizige Ameise? Das Urteil überlässt La Fontaine dem Leser. Manche Fabeln, wie »Das Leichenbegängnis der Löwin«, beschreiben fast unverhüllt die heuchlerischen Höflinge rund um Ludwig XIV. »Der Wolf und das Lamm« ist ein Lehrstück über richterliche Willkür, das wohl den Fouquet-Prozess spiegelte. Hier treffen sich ein Wolf und ein Lamm am Bach zum Trinken. Der Wolf beschuldigt das Lamm, sein Wasser zu verschmutzen und das habe es auch schon im letzten Jahr getan. Das Lamm argumentiert, es trinke doch stromabwärts und im letzten Jahr sei es noch gar nicht auf der Welt gewesen. Egal, dann war es eben ein Verwandter von dir, sagt der Wolf und frisst das Lamm.

La Fontaines Fabeln waren sehr schnell sehr beliebt. Nicht nur in den vornehmen Salons, sondern auch auf den Straßen Frankreichs, wo viele Menschen arbeiteten, die weder lesen noch schreiben konnten. Wegen der einfachen Reime ließen sich die Stücke leicht auswendig lernen. Selbst am Hof kursierten die eingängigen Verszeilen.

Der König kannte die Geschichten. Schließlich hatte La Fontaine ihm und Madame de Montespan, der offiziellen königlichen Mätresse, ein Buch gewidmet. Auf die Künstlerliste von Colbert schaffte es La Fontaine trotzdem nicht. Dafür gelang ihm später ein Schritt, der für viele wohl umso erstaunlicher war: Der aufmüpfige Dichter und Fouquet-Freund wurde 1684 in die Académie française aufgenommen, die französische Gelehrtengesellschaft. Seine Fabeln waren inzwischen so beliebt und seine Bücher hatten sich so gut verkauft, dass man an ihm nicht mehr vorbeikam. Als Mitglied der Akademie war er abgesichert und galt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs. Trotz seiner politischen Leichtsinnigkeit, trotz seiner literarischen Form, die sich so sehr von der geschätzten klassischen Tragödie unterschied.

In der Akademie wurde immer dann ein neuer Gelehrter aufgenommen, wenn ein anderer verstorben war. La Fontaine erhielt deshalb ausgerechnet den Platz von Colbert. Sein Widersacher war im September 1683 gestorben. Üblicherweise hielt der Nachfolger die Antrittsrede auf seinen Vorgänger. La Fontaine aber sprach über den Buchstaben F wie Fabel. Colbert erwähnte er mit keiner Silbe.

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