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Interview: Jodmangel: »Wir sollten wieder mehr Jod zu uns nehmen«

Schätzungsweise ein Drittel der Deutschen leidet an Jodmangel. Der kann schwere gesundheitliche Folgen haben. Was man dagegen tun kann, erklärt der Endokrinologe Joachim Feldkamp im Interview.
Salz auf Holzspatel auf schwarzem Stein
Früher kam jodiertes Speisesalz viel häufiger zum Einsatz als heute. (Symbolbild)

Wenn die Schilddrüse nicht genügend Jod bekommt, kann das erhebliche gesundheitliche Probleme verursachen. Und da in Deutschland traditionell eine Unterversorgung der Bevölkerung mit Jod herrscht, versucht man dieser seit den 1980er Jahren entgegenzuwirken, etwa durch die Verwendung von jodiertem Speisesalz. Das war lange Zeit sehr erfolgreich, doch die Zeiten haben sich geändert, wie der Endokrinologe Joachim Feldkamp vom Klinikum Bielefeld Mitte berichtet. Im Interview erzählt er, wieso sich die Jodsituation in Deutschland wieder verschlechtert hat und was sich dagegen unternehmen ließe.

Spektrum.de: Herr Feldkamp, die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie warnt vor einem Jodmangel. Haben wir ein Problem?

Joachim Feldkamp: In Deutschland herrscht wie in Österreich und der Schweiz traditionell ein Jodmangel. Das liegt an den jodarmen Böden in diesen Gegenden. In dem Obst, Gemüse und Getreide, das darauf wächst, ist daher weniger Jod enthalten. Solchem Mangel versucht man seit Ende der 1980er Jahre zu begegnen, indem man Salz künstlich Jod beisetzt. Der eigens dafür gegründete Arbeitskreis Jodmangel hat sich erfolgreich dafür eingesetzt. In den 1990er Jahren hatten viele Bäckereien einen Aufkleber an der Ladentür: »Wir backen mit Jodsalz.« Das war ein Qualitätsmerkmal; man zeigte, dass man sich um die Gesundheit seiner Kunden kümmerte. Auch zahlreiche Unternehmen in der Lebensmittelindustrie verwendeten für ihre Produkte jodiertes Speisesalz. Infolgedessen hatten wir 2004 den Jodmangel in Deutschland fast beseitigt.

Joachim Feldkamp | Der Internist, Endokrinologe und Diabetologe ist seit 2002 Direktor der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie und Infektiologie am Klinikum Bielefeld Mitte. Feldkamp war Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie und ist derzeit Sprecher der Akademie für Fort- und Weiterbildung dieser Fachgesellschaft.

Das hat sich nun wieder geändert?

Seit zehn Jahren dokumentiert das Robert Koch-Institut eine rückläufige Jodversorgung. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Deutschland wieder zum Jodmangelgebiet geworden. Viele Erwachsene kommen hier im Durchschnitt nicht auf den minimalen Tagesbedarf von 100 Mikrogramm Jod täglich. Wir schätzen, dass derzeit etwa ein Drittel der Bevölkerung unzureichend versorgt ist. Wenn wir jetzt noch 15, 20 Jahre warten, ohne etwas zu tun, würden wir wieder vermehrt die Folgen eines Jodmangels sehen.

Wie zeigen die sich?

Wir brauchen Jod, damit die Schilddrüse gut versorgt ist; das Organ ist unser mit Abstand größter Jodspeicher. Ist der Mangel zu ausgeprägt, kann es beispielsweise zu Entwicklungsstörungen bei Kindern kommen. Früher kannte man so genannte Kretins, das waren Kinder, bei denen der Jodmangel dazu geführt hatte, dass sie kleinwüchsig und geistig zurückgeblieben waren.

Mit solchen Entwicklungen rechnen Sie jetzt auch?

Nein, ich denke nicht, dass wir einen neuen Kretinismus sehen werden oder riesige Kröpfe, also stark vergrößerte Schilddrüsen, wie es früher manche Menschen vor allem in bergigen Regionen hatten. Dafür müsste der Jodmangel deutlich ausgeprägter sein. Doch man muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Jodmangel gerade in der Schwangerschaft gravierende Konsequenzen für das Kind haben kann. Mehrere große Studien haben gezeigt, dass die betroffenen Kinder kognitive Defizite, zum Beispiel in der Sprache, haben.

Weshalb wird die Schilddrüse auf Grund eines Jodmangels größer?

Vereinfacht gesagt: weil sie mit einer größeren Oberfläche mehr Blut auf Jod hin absuchen kann. Schaut man sich die Schilddrüsen weltweit an, zeigt sich, dass schon eine gesunde Schilddrüse in Jodmangelgebieten wie bei uns im Durchschnitt größer ist als die Durchschnittsschilddrüse in Gebieten mit einer sehr guten Jodversorgung. Die Schweden zum Beispiel haben kleinere Schilddrüsen als wir.

Warum ist es nicht gut, wenn die Schilddrüse anschwillt?

Aus zwei Gründen. Die Größe kann zu Schluckbeschwerden und einem Druckgefühl führen. Betroffene haben häufig einen Hustenzwang und räuspern sich oft. Das ist nicht schlimm, es nervt halt. Kosmetisch kann es natürlich stören, wenn sie stark gewachsen ist und es von außen sichtbar wird. Der zweite Effekt ist, dass sich in dem Gewebe Knoten bilden. Diese sind in der Regel gutartig und harmlos. Sie können sich aber zu so genannten heißen Knoten entwickeln, die eine Schilddrüsenüberfunktion verursachen. Als Resultat läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren, was zu verschiedenen Symptomen wie Bluthochdruck, Schlafstörungen oder Gewichtsverlust führen kann.

Jod ist ein lebensnotwendiges Spurenelement, das wir vor allem brauchen, um Schilddrüsenhormone aufzubauen, die zahlreiche Stoffwechselprozesse steuern. Dementsprechend ist Jod wichtig für das Wachstum des Körpers, die Bildung von Knochen, die Entwicklung des Gehirns und den Energiestoffwechsel. Da unser Körper den Stoff nicht selbst herstellen kann, müssen wir es mit der Nahrung aufnehmen. Ist die Versorgung gesichert, speichert der Körper Jod – allerdings nur in begrenztem Umfang. In Phasen der Mangelversorgung können wir die Reserven aufbrauchen; länger als ein paar Monate halten diese aber nicht an. Nehmen wir dauerhaft zu wenig des Spurenelements auf, entsteht ein chronischer Jodmangel, der gesundheitliche Risiken birgt. 80 Prozent des Jods, das wir täglich essen, geht in die Schilddrüse. Bekommt sie über einen längeren Zeitraum nicht genug, reagiert sie darauf mit einer Vergrößerung: Das Gewebe wächst und bildet neue Drüsenzellen, um das wenige Jod bestmöglich verwerten und die nötige Menge an Schilddrüsenhormonen produzieren zu können. Diese so genannte Struma ist typisch für Jodmangelgebiete. Auch – meist gutartige – Knoten, die sich mit dem Alter in der Schilddrüse bilden und sonst keine Symptome verursachen, können zur Schilddrüsenvergrößerung führen. Bei etwa der Hälfte aller über 70-Jährigen werden Knoten entdeckt – in der Regel als Zufallsbefund.

Wieso sind wir überhaupt erneut im Jodmangel gelandet?

Weil die Verwendung von Jodsalz freiwillig ist. In den Haushalten waren wir mal bei einer Verwendung von gut 80 Prozent, das hat wieder abgenommen. Die Leute wollen sich heute »natürlicher« ernähren und vermeiden Zusatzstoffe. Also kaufen sie das Salz ohne Jod. Oder sie greifen zu Trendsalzen wie Meersalz oder Himalajasalz – die sind jodfrei. Zudem kostet Salz mit Jod ein wenig mehr als solches ohne. Ausschlaggebender aber ist, dass Lebensmittelindustrie und lebensmittelverarbeitendes Handwerk weniger Jodsalz verwenden.

Aus Kostengründen?

Das ist vermutlich ein Grund. Ein weiterer ist, dass immer mehr Produzenten im europaweiten und internationalen Handel tätig sind. In den verschiedenen Ländern gelten unterschiedliche Höchstmengen für jodiertes Speisesalz, in gut versorgten Ländern will man sogar Salze, die vollständig ohne auskommen. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass sie ein Produkt in unterschiedlichen Varianten anbieten müssen. Das ist zu aufwändig, also verzichten sie lieber komplett darauf. Ein dritter Punkt ist die neue Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten (NRI). Diese Vorgaben, die es ähnlich in ganz Europa gibt, sollen den Gehalt von Zucker, Fett und Salz in industriell und handwerklich hergestellten Lebensmitteln senken. Doch durch den so verringerten Salzkonsum könnten sie zu einem Jodmangel beitragen.

»Wir plädieren dafür, den Jodgehalt in jodiertem Speisesalz auf 30 Milligramm pro Kilogramm anzuheben«

Sollen wir also wieder mehr Salz essen?

Nein. Es ist grundsätzlich richtig, weniger Salz zu konsumieren. Gleichwohl können wir den Jodgehalt im Salz erhöhen. Das empfiehlt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Derzeit werden dem Salz 15 bis 25 Milligramm Jod pro Kilogramm hinzugegeben. Wir plädieren dafür, den Jodgehalt in jodiertem Speisesalz auf 30 Milligramm pro Kilogramm anzuheben.

Wäre diese Maßnahme ausreichend?

Die Universität Gießen hat 2019 in einer Untersuchung festgestellt , dass 28,5 Prozent der mit Salz hergestellten Lebensmittel aus den Warengruppen Brot und Backwaren, Fleisch und Fleischerzeugnisse sowie Milchprodukte jodiertes Speisesalz enthalten. Das BfR hat ausgerechnet, dass dieses höher jodierte Salz in mindestens 36 Prozent und in nicht wesentlich mehr als 42 Prozent aller Lebensmittel genutzt werden muss, damit wir nicht länger Jodmangelland sind.

Wie kommt das Jod denn in Fleisch und Milch?

Über das Tierfutter. Das wird hauptsächlich zugegeben, damit die Tiere gesund sind, es hat aber auch einen Effekt auf die Jodversorgung der Menschen. Wobei Fleisch da viel weniger relevant ist als Milch; mit der wird mehr Jod weitergegeben. Allerdings ist der Jodgehalt in Biomilch deutlich niedriger als in solcher aus konventioneller Landwirtschaft. Das liegt daran, dass Biobauern ihren Tieren kein jodiertes Futter geben.

Welche Möglichkeiten gibt es darüber hinaus noch, Jod aufzunehmen?

Im Wesentlichen durch Seefisch, der enthält relativ viel Jod. Man müsste dafür zwei- bis dreimal die Woche zum Beispiel Seelachs, Kabeljau, Hering oder Rotbarsch essen. Wer keinen Fisch isst, kann Jod über Algen aufzunehmen. Allerdings ist da Vorsicht geboten, denn die Mengen schwanken. Mal enthalten die Algen sehr wenig, mal extrem viel Jod. Menschen, die häufig Sushi essen, können davon ausgehen, dass sie ausreichend mit Jod versorgt sind.

Wenn man weder Seefisch noch Sushi isst, sollte man dann Jodtabletten nehmen?

Meine erste Wahl wäre immer noch Jodsalz. Hier hilft Aufklärung: Den Menschen muss zunächst einmal bewusst werden, dass sie womöglich ein Problem mit ihrer Jodversorgung haben. Und wenn sie dann den Mangel durch ihre Ernährung nicht beseitigen können, wären auch Tabletten eine Option. Sinnvoll ist dann, zwei- bis dreimal die Woche eine Tablette mit 100 Mikrogramm Jod einzunehmen. Mehr als 500 Mikrogramm pro Tag sollten es auf keinen Fall sein, damit riskiert man eine Überdosierung und dann eine Überfunktion der Schilddrüse.

Wie ist das bei Menschen mit einer Schilddrüsenerkrankung wie Hashimoto?

Es ist ein Irrtum, dass Hashimoto-Patienten kein Jod zu sich nehmen dürfen. Sie sollten nur darauf achten, dass es dauerhaft nicht erheblich mehr ist als die empfohlene Tagesdosis von 200 Mikrogramm pro Tag. Daher können auch diese Menschen bedenkenlos Jodsalz verwenden oder Fisch essen. Erst bei einer regelmäßigen Aufnahme von mehr als 500 Mikrogramm Jod am Tag ist von einer ungünstigen Wirkung auszugehen. Das wird bei einer normalen Ernährung in Deutschland aber nahezu nie erreicht.

Anmerkung der Redaktion: Die letzte Frage und Herrn Feldkamps Antwort darauf wurden auf Grund von Leserrückfragen zu diesem Aspekt nachträglich hinzugefügt.

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