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Psychische Erkrankungen: Papa, warum weinst du?

Kinder von psychisch kranken Eltern leben oft im Schatten der seelischen Störung. Bisher finden sie kaum Hilfe und Unterstützung.
VerzweiflungLaden...

In den Augen von Merle Seiwert* glitzern die Tränen, wenn sie von ihrer Kindheit berichtet, doch sie tut es, sogar öffentlich in einem Vortrag. »Ich wusste einfach nicht, was mit Papa los ist«, sagt die heute 25-Jährige. Sie ist das Kind von Eltern mit einer psychischen Erkrankung, und ihre Zuhörer an diesem Tag sind überwiegend Psychiater, Neurologen und Psychotherapeuten, die sich für den Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. in Berlin zusammengefunden haben. »Es war so erschreckend, meinen Vater weinen zu sehen. Ich wollte nur, dass alles wieder gut wird.«

Merle Seiwert wurde mit neun Monaten adoptiert, weil ihr Vater und ihre Mutter Alkoholiker und schwer depressiv waren. In ihrer Adoptivfamilie wuchs sie zunächst behütet auf. Doch das seelische Leid verfolgte sie: Ihre Adoptivmutter erkrankte an einer Essstörung und starb, als Seiwert elf Jahre alt war. »Da fing es mit Papa an«, erzählt sie im Gespräch. Bis dahin sei ihr Adoptivvater ihr großer Held gewesen und auch ein Spaßvogel. Doch plötzlich habe er abgebaut, körperlich und psychisch. »Im einen Moment war er der Clown, dann plötzlich war er in sich gekehrt und handelte wie ferngesteuert«, sagt sie. Später bekam ihr Vater die Diagnose »bipolare Störung«.

In Deutschland leben schätzungsweise drei bis vier Millionen Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil; etwa 175 000 machen jedes Jahr die Erfahrung, dass Mutter oder Vater stationär psychiatrisch behandelt werden. Die Erkrankung betrifft immer die gesamte Familie, mehr oder weniger schwer. Kinder haben feine Antennen dafür, wenn sich ihre Eltern auf Grund einer psychischen Störung anders verhalten als sonst, zum Beispiel abwesender oder leichter überfordert sind, weniger feinfühlig und liebevoll oder sie übermäßig beschützen wollen.

»Familien sind mit einer psychischen Krankheit anders konfrontiert als mit einer rein körperlichen Erkrankung«
(Sabine Wagenblass, Professorin für Geschichte und Theorien Sozialer Arbeit)

In einer Schweizer Studie mit über 100 (mittlerweile erwachsenen) Kindern psychisch kranker Eltern fühlten sich fast 60 Prozent der Befragten in ihrer Kindheit und Jugend sehr stark belastet. »Familien sind mit einer psychischen Krankheit anders konfrontiert als mit einer rein körperlichen Erkrankung«, sagt Sabine Wagenblass, Professorin für Geschichte und Theorien Sozialer Arbeit an der Hochschule Bremen, die seit mehr als 20 Jahren zu dem Thema forscht. Seelische Leiden brächten ein Stigma mit sich. Das Umfeld meide die betroffenen Familien daher oft oder habe Hemmungen, Hilfe anzubieten.

Schuldgefühle, Sorgen, Wut

Das spüren auch die Kinder. »Sie besprechen das Thema häufig nicht«, so Sabine Wagenblass. Wie die jungen Menschen die Situation subjektiv erleben und bewältigen, versuchen Wissenschaftler vor allem durch qualitative Studien, also durch die Befragung einzelner Betroffener herauszufinden. Demnach empfinden Kinder und Jugendliche häufig Schuldgefühle, Sorgen oder Wut. Manche glauben, dass sie für die Erkrankung ihrer Eltern verantwortlich sind. Viele übernehmen Aufgaben in der Familie, für die sie eigentlich noch zu jung sind. Besonders die Trennung von den Eltern durch einen Klinikaufenthalt löst bei einigen Verlustängste aus.

»Ich hätte jemanden gebraucht, der mich an die Hand nimmt und mir erklärt, dass es Krankheiten gibt, die man nicht sieht«
(Merle Seiwert, Betroffene)

»Der schwerste Moment kam, als mein Vater zum ersten Mal in die Klinik musste«, sagt auch Merle Seiwert. Nach außen versuchte sie, den Schein zu wahren, kümmerte sich um den Haushalt. »Ich verhielt mich wie eine Erwachsene«, erzählt sie. Innerlich fühlte sie sich mutterseelenallein. »Ich hätte jemanden gebraucht, der mich an die Hand nimmt und mir erklärt, dass es Krankheiten gibt, die man nicht sieht.« Doch ihre Fragen blieben unbeantwortet – sowohl vom Vater, der keine Worte fand, als auch vom Klinikpersonal. »Die Ärzte und Krankenschwestern schüttelten nur den Kopf, als ich fragte, mit wem ich mal reden kann«, berichtet Merle Seiwert.

Statistisch gesehen hätte es allerdings bereits in ihrem direkten Umfeld weitere Kinder geben müssen, denen es ähnlich ging. In einer Schulklasse mit 30 Heranwachsenden finden sich mindestens drei, die in einem Haushalt mit einem psychisch kranken oder unter einer Sucht leidenden Elternteil leben, rechnet die Landesarbeitsgemeinschaft für Kinder psychisch erkrankter Eltern in Baden-Württemberg auf ihrer Internetseite vor. Doch wie sollen sie zueinanderfinden, sich austauschen, wenn ihre Situation ein Geheimnis bleibt?

Kinder psychisch kranker Eltern werden selbst häufiger krank

Psychologen sehen in einem verlässlichen und vertrauensvollen sozialen Umfeld einen der wichtigsten Faktoren für die gesunde Entwicklung von Kindern. »Gut funktionierende Familiensysteme fangen auf, wenn die Mutter mal drei Monate wegen einer akuten psychischen Erkrankung ausfällt«, sagt Sabine Wagenblass. Doch je weniger Ressourcen und Unterstützung eine Familie habe, desto schwieriger werde es für sie.

Das ist besonders brisant, weil auch die psychische Gesundheit des Kindes in Gefahr ist. Eine Auswertung von Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus 22 Ländern einschließlich Deutschland ergab, dass Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil ein 1,8- bis 2,9-fach erhöhtes Risiko gegenüber der Gesamtbevölkerung haben, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Sind beide Elternteile erkrankt, steigt das Risiko auf das 2,2- bis 4,6-Fache an. Dabei wirken eine genetische Veranlagung und Umweltfaktoren zusammen.

Forscher sind den neuronalen Grundlagen dieses Risikos auf der Spur. Eine aktuelle Studie der Columbia University in den USA zeigte, dass bei Kindern mit einem depressiven Elternteil eine bestimmte Hirnstruktur, das rechte Putamen, kleiner ist als bei solchen, deren Eltern nie unter einer Depression litten. Das Putamen steht in Verbindung mit Belohnungslernen, Motivation und dem Gefühl von Freude – Aspekte, die auch bei Depressionen eine Rolle spielen.

Unterstützung ist schwierig – und rar

Viele Kinder würden von gezielten Hilfsangeboten profitieren, die ihre Resilienz stärken und ihnen verlässliche Ansprechpartner und Bezugspersonen vermitteln. Darauf wies 2017 etwa eine Metaanalyse von 96 Studien zum Thema hin: Die untersuchten Programme für Kinder und Jugendliche konnten unter anderem die allgemeine psychische Gesundheit verbessern, allerdings waren die Effekte klein.

Die betroffenen Kinder angemessen zu unterstützen, ist nicht leicht. Jede Familie bringt ihre eigenen Schwierigkeiten und Ressourcen mit. Oft ist der Hilfebedarf zudem schwer kalkulierbar, weil er sich zum Beispiel erst in unvorhersehbaren psychischen Krisen ergibt. Und: Die Angebote sollten auf den Entwicklungsstand des Kindes zugeschnitten sein – vom Säuglings- bis ins junge Erwachsenenalter.

Am weitesten ausgebaut sind die regionalen Netzwerke der »Frühen Hilfen« für Eltern mit Kindern bis zu einem Alter von etwa drei Jahren. Deren Experten wollen beispielsweise durch individuelle Beratung und Kurse die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken und die elterliche Feinfühligkeit verbessern. Davon profitiert auch die kindliche Entwicklung. Die häufigste psychische Störung junger Mütter ist eine postpartale Depression, die so genannte Wochenbettdepression: Zwischen 10 und 15 Prozent der Frauen erkranken in den ersten Monaten nach der Geburt – manche so schwer, dass sie stationär behandelt werden müssen. Spezielle Mutter-Kind-Einrichtungen können sie gemeinsam mit ihrem Säugling aufnehmen. Doch längst nicht alle psychiatrischen Krankenhäuser verfügen über eine solche Möglichkeit.

»Es gibt keine verlässlichen und flächendeckenden Hilfesysteme für jedes Alter«
(Sabine Wagenblass, Professorin für Geschichte und Theorien Sozialer Arbeit)

Angebote für ältere Kinder über drei Jahre sind meist schwieriger zu finden. In einigen Städten wie Hamburg gibt es mehrere Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen, in anderen Regionen fehlen sie ganz. Hinzu kommt: »Sehr viele Angebote sind projektfinanziert, sprießen also wie Pilze aus dem Boden und gehen dann wieder ein«, erklärt Sabine Wagenblass. »Es gibt keine verlässlichen und flächendeckenden Hilfesysteme für jedes Alter.«

Das Problem scheint auch in der Struktur der Hilfesysteme zu liegen. Während die Eltern von der Erwachsenenpsychiatrie betreut werden, sind für den Nachwuchs Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie -psychiatrie zuständig. Nur: »Zwischen den Systemen gibt es wenig gute Kooperationsbeziehungen«, so Wagenblass. Wissen wird kaum ausgetauscht, zudem ist es kompliziert, einen gemeinsamen stationären Aufenthalt von Mutter und Kind zu organisieren und zu finanzieren.

Inzwischen ist die Politik auf das Problem aufmerksam geworden. In den Jahren 2018 und 2019 hat eine Arbeitsgruppe auf Initiative des Bundestags die Situation analysiert und Vorschläge zur Verbesserung entwickelt. Die Experten empfehlen in ihrem Abschlussbericht konkrete Wege, um unter anderem den Zugang zu den Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe zu fördern und deren Austausch mit der Psychiatrie zu stärken.

Jede Klinik sollte fragen: Wie geht es Ihrem Kind?

In der Praxis könnte schon ein größeres Bewusstsein für das Leid der Jüngsten viel bewirken. Noch haben Ärzte und Therapeuten offenbar selten Kontakt mit den Kindern ihrer Patienten. Eine Studie aus dem Jahr 2012 an sieben psychiatrischen Krankenhäusern ergab, dass die Mehrheit der Behandler zwar wusste, ob ihre Patienten Kinder haben oder nicht. Darüber hinaus hatten die Psychiater aber keine Informationen über die Lebensumstände des Nachwuchses oder mögliche präventive Angebote für die Familien. Sabine Wagenblass bestätigt: »Die Kliniken führen nicht regelhaft Gespräche mit den Kindern, wenn ein Elternteil stationär aufgenommen wird. Dabei sollte jede Klinik fragen: Wie geht es Ihren Kindern? Können wir etwas für die Kinder tun?« Damit dieses Vorhaben im Alltag nicht untergeht, müsse jemand in der Klinik Verantwortung dafür übernehmen.

»Wir erschaffen uns so eine neue Generation psychisch Kranker«
(Merle Seiwert, Betroffene)

Das Psychiatrische Krankenhaus Rickling hat diesen Vorschlag bereits umgesetzt. Andrea Rothenburg arbeitet dort als Projektbeauftragte für Kinder psychisch kranker Eltern. Die Filmemacherin engagiert sich seit Jahren für das Thema, unter anderem im Rahmen einer Kampagne (siehe Weblink), und führt Fortbildungen zum Beispiel für Mitarbeiter von Klinik und Jugendamt sowie für Lehrer und Erzieher durch. Sie plädiert dafür, direkt das Gespräch mit den Kindern zu suchen. »Viele Angehörige wissen gar nicht, wie belastet die Kinder sind«, so Rothenburg. Wichtig findet sie außerdem, bereits in Kindergarten und Schule über seelische Gesundheit zu informieren. »Man muss den Kindern Ängste nehmen und das Stigma abbauen.« Auch Sabine Wagenblass bietet Weiterbildungen für die Mitarbeiter von Kindertagesstätten in Bremen an.

Merle Seiwerts Welt brach in die Pubertät vollends zusammen. Sie kam nicht mehr aus dem Bett und verletzte sich selbst. Es folgten ein Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Umzug in eine betreute Mädchenwohngemeinschaft und jahrelange Psychotherapie. Heute sei sie »stinksauer«, dass sie als Kind und Jugendliche nicht mehr Unterstützung erfahren habe. »Warum werden die Kinder übersehen? Sie gehören doch zum Erwachsenen dazu«, sagt sie. »Wir erschaffen uns so eine neue Generation psychisch Kranker.«

* Der Name der Protagonistin wurde zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert. Er ist der Redaktion bekannt.

Weblinks

Initiative »Netz und Boden« für Kinder psychisch kranker Eltern, unter anderem mit einem Überblick über regionale Angebote: http://netzundboden.de/index.html

Verein »Psychiatrie in Bewegung« mit einer Kampagne für Kinder psychiatrieerfahrener Eltern, unter Beteiligung von Andrea Rothenburg: https://www.psychiatrie-in-bewegung.de/kampagne

Listen der psychiatrischen Kliniken mit Mutter-Kind-Plätzen: https://www.mutter-kind-behandlung.de/?c=6 und https://www.schatten-und-licht.de/index.php/de/mutter-kind-einrichtungen

Arbeitsgruppe »Kinder psychisch und suchtkranker Eltern« auf Initiative des Bundestags: https://www.ag-kpke.de/

Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern, mit einer Liste von Einrichtungen und Projekten sowie Literatur zum Thema: http://bag-kipe.de/

Filme von Andrea Rothenburg über Kinder psychisch kranker Eltern: https://psychiatriefilme.de/

3/2020 (Mai/Juni)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2020 (Mai/Juni)

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  • Quellen

Franz, M. et al.: Was wissen Psychiater über die Kinder ihrer Patienten? Psychiatrische Praxis 39, 2012

McLaughlin, K.A. et al.: Parent psychopathology and offspring mental disorders: Results from the WHO World Mental Health Surveys. The British Journal of Psychiatry 200, 2012

Pagliaccio, D. et al.: Brain volume abnormalities in youth at high risk for depression: Adolescent brain and cognitive development study. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 10.1016/j.jaac.2019.09.032, 2019

Plass, A., Wiegand-Grefe, S.: Kinder psychisch kranker Eltern. Beltz, Weinheim, Basel, 2012

Thanhäuser, M. et al.: Do preventive interventions for children of mentally ill parents work? Results of a systematic review and meta-analysis. Current Opinion in Psychiatry 30, 2017

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/

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