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Körpergeruch: Es riecht nach Gefahr

Bedrohungen lassen sich wittern – Hundehaufen ebenso wie verdorbenes Essen, Angst oder Krankheiten. Das kann vor Unheil schützen. Doch ob man einen Geruch mag, ist auch erlernt.
Illustration eines Mannes, der während seines Vortrags stark schwitzt

Der Atem von Scharlach-Patienten stinkt faulig, der Stuhl von Cholera-Kranken süßlich; bei Typhus erinnern die Körperausdünstungen an frisch gebackenes Brot, bei Gelbfieber an Fleisch. Dass sich manche Krankheiten durch charakteristische Gerüche bemerkbar machen, wissen Ärzte schon seit Langem. Solch Ausdünstigen lassen sich sogar zu diagnostischen Zwecken nutzen. Schon kurz nach Beginn der Corona-Pandemie kamen Forschende auf die Idee, Hundenasen als Schnelltests einzusetzen. In einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover gelang es Hunden, die auf den Covid-Krankheitsgeruch trainiert waren, mehr als 82 Prozent der virenbelasteten Speichelproben zu identifizieren.

Viele Tiere erkennen ihre kranken Artgenossen am Geruch und meiden sie daraufhin. Der kanadische Psychologe Mark Schaller hat für Verhaltensweisen wie diese den Begriff »behaviorales Immunsystem« geprägt. Ihm zufolge ist es eine wichtige erste Verteidigungslinie gegen Viren, Bakterien und Parasiten: Wer Abstand hält, läuft weniger Gefahr, sich selbst anzustecken.

Doch gibt es das bei Menschen auch? Eine schwedische Forschungsgruppe vom Karolinska-Institut in Stockholm wollte diese Frage mit Hilfe einer Substanz namens Lipopolysaccharid (LPS) beantworten. 50 milliardstel Gramm von dieser Verbindung bekamen acht gesunde Freiwillige in die Vene gespritzt.

Themenwoche »Die Signale des Körpers«

Menschen kommunizieren nicht allein mit Worten: Sie senden und empfangen auch viele nonverbale Botschaften. Wie die Signale wirken und was sie tatsächlich bedeuten, schildert diese sechsteilige Serie. Klingt der Charakter eines Menschen in seiner Stimme durch? Offenbart eine Handschrift womöglich mehr, als geschrieben steht? Was passiert beim Blickkontakt? Und welche Rolle spielen verschwitzte T-Shirts in der Liebe? »Spektrum.de« entschlüsselt die Signale des Körpers.

Die Versuchspersonen hatten sich auf das Experiment gut vorbereitet: Sie hatten ausgiebig geschlafen, geduscht und sich gründlich mit unparfümierter Flüssigseife gereinigt. Dann zogen sie frische, eng anliegende T-Shirts an. Exakt vier Stunden nach der LPS-Gabe mussten sie die Shirts wieder abgeben. Die Stoffpartien unter den Achseln wurden herausgeschnitten und in Plastikflaschen verstaut. Vier Wochen später fand das Prozedere ein zweites Mal statt. Diesmal enthielt die Spritze jedoch eine Kochsalzlösung, also ein Placebo. Bei einigen Versuchspersonen war die Abfolge umgekehrt; sie erhielten zunächst die Kochsalz-Injektion und vier Wochen später das LPS.

Vier Stunden nach der LPS-Injektion hatte sich die Körpertemperatur der Versuchspersonen um gut ein Grad erhöht. Das Team um den schwedischen Neurowissenschaftler Mats Olsson hatte nichts anderes erwartet: LPS ist ein Bestandteil bakterieller Zellwände. Es ruft das Immunsystem auf den Plan und regt die Produktion von Entzündungsbotenstoffen an, den Zytokinen. Die Betroffenen bekommen Fieber und fühlen sich krank. Aber verändert die akute Entzündungsreaktion auch den Körpergeruch merklich?

Körpergeruch verrät Krankheiten

40 Studierende absolvierten den Riechtest. Sie schnüffelten an den Flaschen und gaben an, wie angenehm oder unangenehm sie den Geruch fanden. Die Hälfte der Stoffproben stammte dabei aus den Placebo-Experimenten. Die Studierenden bewerteten die Ausdünstungen der LPS-Infizierten im Vergleich zur Kochsalz-Gruppe als deutlich unangenehmer: Offenbar konnten sie die Krankheit riechen, und zwar bereits vier Stunden nach der Infektion. Weitere Studien der Arbeitsgruppe bestätigen diese Beobachtung. »Die gefundenen Effekte sind jedoch klein; ich würde daher gerne Replikationen anderer Laboratorien sehen, bevor ich sie als definitiv bezeichne«, sagt Mats Olsson.

Ob sich der Körpergeruch von Kranken auch auf das Verhalten auswirkt und so andere vor einer Infektion schützen kann, ist bislang kaum erforscht. Experimente zeigen zwar, dass Versuchspersonen Porträtfotos weniger sympathisch finden, wenn ihnen dabei gleichzeitig der Geruch infizierter Personen in die Nase steigt. »Doch wenn ich jemanden weniger mag, heißt das nicht unbedingt, dass ich ihn meide«, erklärt die Neurowissenschaftlerin und Psychotherapeutin Christina Regenbogen, die als Postdoc in der Olsson-Gruppe zu diesem Thema geforscht hat. »Wir hatten damals überlegt, unsere Probandinnen und Probanden mit einem Joystick entscheiden zu lassen, ob sie sich der jeweiligen Person nähern oder auf Abstand gehen würden. Wir haben diese Idee bislang aber noch nicht umgesetzt.«

Laut der Neurowissenschaftlerin lassen sich die Ergebnisse zum behavioralen Immunsystem von Tieren nicht einfach auf Menschen übertragen. »Ich gehe zwar davon aus, dass so ein Meideverhalten tatsächlich in uns angelegt ist«, sagt sie. »Als soziale Wesen verspüren wir aber auch den Drang, kranken Artgenossen zu helfen. Gerade dann, wenn es sich um ein Familienmitglied handelt, einen Freund oder sonst jemanden aus unserer In-Group.« Krankheiten zu vermeiden, sei gut fürs Überleben. Sich für Angehörige einzusetzen aber vermutlich auch.

Denkbar wäre ebenso, dass Keime den Körpergeruch zu ihren Gunsten manipulieren, damit sie leichter neue Opfer finden. Beobachtungen bei Plasmodium falciparum, dem Erreger der Malaria, deuten darauf hin. Der einzellige Parasit sorgt allerdings nicht dafür, dass Gesunde Kranken näher auf die Pelle rücken. Das wäre auch wenig sinnvoll: Malaria-Plasmodien werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen, sondern benötigen dazu Mücken als Zwischenwirt. Um sich effektiv zu verbreiten, müssen sie dafür sorgen, dass Infizierte möglichst häufig gestochen werden.

Keime irritieren Mücken

Und genau das scheinen sie zu tun: Bei einem Experiment wurden mit Malaria infizierte Kinder von doppelt so vielen Moskitos besucht wie gesunde Altersgenossen. Nach erfolgreicher Behandlung verschwand dieser Unterschied. Folgestudien belegen, dass die einzelligen Parasiten den Schweiß befallener Menschen so verändern, dass sich Mücken davon angezogen fühlen. Die Forschenden konnten sogar die verantwortlichen chemischen Komponenten identifizieren. Wenn sie damit Socken von Gesunden präparierten, wurden diese für die lästigen Stechinsekten deutlich attraktiver.

Es ist jedoch nicht bekannt, dass Krankheitserreger Menschen auf ähnliche Weise manipulieren. »Ein Virus, der uns nach Bratäpfeln riechen lässt, so dass wir einander küssen wollen? Davon habe ich noch nie etwas gehört«, sagt Ilona Croy, Professorin für klinische Psychologie an der Universität Jena. Denkbar sei das zwar. Ob wir einen Geruch mögen oder nicht, sei aber in Teilen erlernt. »Sobald wir ihn mit etwas Negativem assoziieren, zum Beispiel einer schweren Krankheit, wird er für uns unangenehm oder wirkt sogar abstoßend.«

Ein gegensätzliches Immunrepertoire zieht an

Nicht zuletzt dank Croys Forschung ist eine andere These mittlerweile mehr oder weniger widerlegt: dass der Geruchssinn des Menschen bei der Wahl des Ehepartners mitmischt.

Schon seit einiger Zeit wissen Zoologen, dass sich viele Tiere bei der Partnersuche auch nach der Nase richten. Ein möglicher Grund dafür: Um Krankheitserreger wie Viren und Bakterien zu erkennen, verfügen Tiere über spezielle Rezeptoren. Deren Bauanleitung ist in den MHC-Genen festgeschrieben. MHC steht für »major histocompatibility complex«, zu Deutsch: Hauptgewebeverträglichkeitskomplex.

Möglichst viele unterschiedliche MHC-Gene zu haben, kann ein lebensrettender Vorteil sein, da sie gegen eine große Vielfalt von Mikroben schützen. Tiere suchen sich deshalb vorzugsweise Geschlechtspartner, die andere MHC-Gene tragen als sie selbst, um so ihren Nachkommen ein möglichst breites Immunrepertoire mitzugeben. Und sie finden diese Partner mit ihrem Geruchssinn.

Lange Zeit dachte man, das sei bei Menschen ähnlich. Denn auch uns scheint die Nase wichtige Erkenntnisse über die immunologische Ausstattung unseres Gegenübers zu liefern. Die entsprechenden Erbanlagen tragen beim Menschen nicht das Kürzel MHC, sondern HLA (Humane Leukozyten-Antigene). Frauen – zumindest solche, die keine chemischen Verhütungsmittel nehmen – finden Studien zufolge den Geruch von Männern attraktiver, deren HLA-Gene sich von ihren eigenen unterscheiden. Ähnliches hat man auch für Männer festgestellt.

Frauen, deren Partner ähnliche Immungene haben, gehen öfter fremd

»Allerdings sind die Effekte klein«, relativiert Croy. »Es scheint zudem, als ob sie in unserer jetzigen Gesellschaft keine große Relevanz für die Wahl eines Sexualpartners haben.« Eine groß angelegte Analyse stützte 2017 diese Einschätzung. Der Grund könnte in der gesellschaftlichen Entwicklung liegen: Früher lebten die Menschen in kleinen Gruppen zusammen; die Auswahl der Partner war dadurch beschränkt und ihre genetische Ähnlichkeit vergleichsweise hoch. Heute sei das anders, zumindest in den gut durchmischten westlichen Gesellschaften, sagt Croy. »Die Wahrscheinlichkeit, auf jemanden mit sehr ähnlichen Immun-Erbanlagen zu treffen, ist gering.«

Anders gesagt, reichen die genetischen Unterschiede normalerweise aus, um etwaige Nachkommen gegen mikrobielle Gefahren ausreichend zu wappnen. Dieser Faktor verliert daher für die Partnersuche an Bedeutung. Croy hat kürzlich mit Kolleginnen und Kollegen mehr als 3500 Ehepaare aus Deutschland genetisch untersucht. »Bei unserer Studie fällt die Antwort eindeutig aus: Die HLA-Gene beeinflussen nicht, wen wir heiraten«, berichtet sie.

In einer Hinsicht scheinen die HLA-Gene dennoch Einfluss zu haben, und zwar bei der sexuellen Zufriedenheit in der Partnerschaft. So gehen Frauen mit einem HLA-ähnlichen Partner Selbstauskünften zufolge häufiger fremd. »Wir sind vor einigen Jahren in einer eigenen Analyse zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen«, sagt Croy. »Umgekehrt gaben Frauen mit Partnern, die sich von ihnen in den HLA-Genen unterschieden, öfter an, mit diesen Männern Kinder haben zu wollen.«

Gute Dienste leistet unsere Nase, wenn es um potenziell gefährliche Situationen geht. So können unterschwellige Angstsignale im Schweiß der Mitmenschen die Wahrnehmung und das Verhalten messbar verändern. Ängstliche Gesichter springen dann mehr ins Auge. Das Gehirn sucht gewissermaßen nach einer möglichen Bedrohung, erkennt so potenzielle Risiken schneller und kann gegebenenfalls darauf reagieren.

Angstschweiß macht misstrauisch

Die Psychologin Bettina Pause von der Universität Düsseldorf und ihr Mitarbeiter Lukas Meister haben das unlängst genauer untersucht. In ihrer Studie ließen sie Männer vor Publikum ein gestelltes Bewerbungsgespräch absolvieren, gefolgt von einem schwierigen Wissenstest – also Situationen, die gemeinhin Angst auslösen. Einige Tage später sollten sie auf einem Ergometer schwitzen. Beide Male trugen die Probanden T-Shirts mit im Achselbereich eingenähten Baumwoll-Pads, die ihren Schweiß auffingen.

Dann baten Pause und Meister 60 Frauen, an einem Verhaltensexperiment teilzunehmen, dem so genannten Trust Game. Damit lässt sich messen, wie sehr Versuchspersonen einem Mitspieler vertrauen, den sie nie zu sehen bekommen. Um die Aussagekraft zu erhöhen, geht es dabei um echtes Geld. In der Düsseldorfer Studie wehte den Teilnehmerinnen in manchen Spieldurchgängen der Angstschweiß aus der Prüfungssituation um die Nase, in anderen dagegen der Sportschweiß.

Im ersten Fall vertrauten sie ihrem Mitspieler deutlich weniger Geld an als im zweiten, auch ihre Risikobereitschaft sank. Angstschweiß zu riechen, scheint Frauen demnach misstrauischer und vorsichtiger zu machen; vermutlich, weil er auf eine gefährliche Situation hindeutet. Die Nase hilft ihnen so, Risiken zu vermeiden.

Auch wenn die Forschung längst nicht genug über diese Signale und ihre Wirkung weiß: Unserer Geruchssinn scheint uns vor vielen Gefahren zu schützen.

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