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Körpersprache: Was Gesten verraten

Die Körpersprache ist reich an versteckten Botschaften: Mit Armen und Beinen, Händen und Füßen geben Menschen so manches über sich preis. Ausladende Gesten und Selbstberührungen sind besonders viel sagend.
Illustration eines mit den Händen gestikulierenden Mannes

Team-Meeting: Ein Kollege kratzt sich am Kopf, ein anderer wippt beständig mit den Füßen, und eine Kollegin zwirbelt versonnen eine Haarsträhne um den Finger. Ob mit Händen oder Füßen: In den meisten Fällen laufen solche Bewegungen völlig unbewusst ab. Körpersprache gilt deshalb als echter, unverfälschter und verlässlicher als die gesprochene Sprache. Stimmt das? Und was verraten Gesten wirklich über das Gegenüber?

Lange hielt man die Körpersprache für bloßes Beiwerk. Dass sie einen Grundpfeiler der Kommunikation darstellt, erkannte als einer der Ersten der Psycholinguist David McNeill von der University of Chicago Anfang der 1990er Jahre. Für ihn waren Gesten »in Form gegossene Gedanken«. Wer genau auf sie achte, könne beinahe in die Köpfe hineinsehen, erklärt er in seinem Buch »Hand and Mind«.

Einstudierte Körpersprache hinkt hinterher

Noch bevor sie zu sprechen beginnen, teilen sich Babys mit Gesten mit. Typischerweise zeigen sie schon mit einem Jahr gezielt auf Dinge in ihrer Umgebung. Ob unsere Vorfahren Gesten benutzten, bevor sie sich mit Lauten ausdrückten, oder ob sich beide Formen der Kommunikation im Lauf der Evolution parallel entwickelt haben, ist noch unklar. Gewiss ist hingegen: Auch wenn wir uns längst verbal ausdrücken können, reden wir weiter mit Händen und Füßen. Und das sogar, wenn niemand zuschaut, denn die Bewegungen helfen beim Denken.

Wir betonen damit zum Beispiel, was uns wichtig ist. Etwa mit der Taktstockgeste, die Politiker häufig nutzen, wenn sie eine flammende Rede halten: Daumen und Zeigefinger formen dabei einen Ring, und wie ein Dirigent verleiht der Sprecher dem Gesagten mit dem Auf- und Abschnellen des unsichtbaren Stabs einen Beat. Sind solche Gesten einstudiert, erkennen wir das recht schnell. Sie wirken nicht spontan und hinken dem Gesagten leicht hinterher.

»Nordeuropäer gestikulieren aus dem Handgelenk, Südeuropäer eher aus Schulter und Ellenbogen«
(Cornelia Müller, Kommunikationswissenschaftlerin)

Südländer reden angeblich besonders viel mit den Händen. Doch das stimmt so nicht: Deutsche und Südeuropäer fuchteln beim Reden gleich viel. Der entscheidende Unterschied: »Südeuropäer neigen zu ausladenderen Gesten«, sagt Cornelia Müller von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Die Professorin für Sprachgebrauch und Multimodale Kommunikation hat die Gestik deutscher und spanischer Sprecher miteinander verglichen: »Nordeuropäer gestikulieren aus dem Handgelenk, Südeuropäer eher aus Schulter und Ellenbogen.« Deswegen spielen sich diese Gesten weiter weg vom Körper auf Kopfhöhe ab, während Deutsche eher verhalten vor der Brust gestikulieren.

Themenwoche »Die Signale des Körpers«

Menschen kommunizieren nicht allein mit Worten: Sie senden und empfangen auch viele nonverbale Botschaften. Wie die Signale wirken und was sie tatsächlich bedeuten, schildert diese sechsteilige Serie. Klingt der Charakter eines Menschen in seiner Stimme durch? Offenbart eine Handschrift womöglich mehr, als geschrieben steht? Was passiert beim Blickkontakt? Und welche Rolle spielen verschwitzte T-Shirts in der Liebe? »Spektrum.de« entschlüsselt die Signale des Körpers.

Auch das Gegenüber beeinflusst die Gestik. Unbewusst verhalten wir uns zuweilen wie soziale Chamäleons: Wir lehnen uns nach vorne, wenn die andere Person das tut, oder schlagen wie sie die Beine übereinander. Passt sich jemand in seiner Gestik und Körperhaltung auffallend an, so deutet das auf Sympathie hin.

Die Körpersprache lässt aber auf mehr als das schließen. Gesten können verraten, was im Gegenüber gerade vorgeht. Ein Hinweis darauf, dass jemand angespannt, gestresst oder verlegen ist, sind spontane, unbewusste Selbstberührungen. Der Impuls, sich kurz an den Hals, das Kinn, die Nase oder Wange zu fassen, lässt sich nur schwer unterdrücken.

Selbstberührungen wirken beruhigend

Der Psychologe Martin Grunwald vom Haptik-Forschungslabor der Universität Leipzig hat untersucht, warum dieser Impuls vor allem in Stresssituationen auftritt. Er und sein Team gaben Versuchspersonen eine Gedächtnisaufgabe. Während diese sich anstrengten, das Gelernte im Kopf zu behalten, fassten sie sich häufiger ins Gesicht, und die im EEG vor und nach der unbewussten Berührung gemessenen Hirnströme unterschieden sich stark. »Wir erklären diese Veränderungen damit, dass der kurze Berührungsreiz jene Hirnaktivität verstärkt, die für eine Stabilisierung des emotionalen Zustands und eine Stabilisierung des Arbeitsgedächtnisses verantwortlich ist«, sagt Martin Grunwald. Das heißt: Spontane Selbstberührungen helfen offenbar, sich zu beruhigen und sich zu konzentrieren.

Gesten liefern also Anhaltspunkte für die momentane Stimmungslage des Gegenübers. Aber offenbaren sie auch, was für ein Mensch es ist? Eine 2021 veröffentlichte Metaanalyse beschäftigte sich mit dieser Frage.

Die Forschungsgruppe um den Psychologen Simon Breil von der Universität Münster analysierte dafür 32 Studien zum Zusammenhang von nonverbalen Signalen und der Persönlichkeit, erhoben mit Fragebogen zu den »Big Five«, den fünf zentralen Dimensionen der Persönlichkeit. Zusätzlich zum Charakter betrachteten einige der Studien noch die Intelligenz. Hinsichtlich der Körpersprache betrachteten die einzelnen Studien Dinge wie Handbewegungen, Haltung, Breitbeinigkeit und Schrittlänge. Die große Frage: Spiegelt sich darin der Charakter wider?

»Wer geselliger ist und gerne auf andere zugeht, gestikuliert tendenziell mehr«
(Simon Breil, Psychologe)

Die kurze Antwort: ja. Den stärksten Zusammenhang fanden die Forschenden für das Merkmal Extraversion. Wer als extravertiert gilt, ist herzlich, gesellig, durchsetzungsfähig, aktiv, abenteuerlustig und fröhlich. Diese Kontaktfreudigkeit sieht man entsprechenden Zeitgenossen offenbar relativ schnell an. Neben einer ausdrucksstarken Mimik, einer lauten Stimme, einem gepflegten und modischen Äußeren wiesen auch eine entspannte, dem Gegenüber zugewandte Haltung und ausholende Gesten auf Extraversion hin.

»Nicht jeder, der gerade wild gestikuliert, ist extravertiert«, stellt Simon Breil klar. »Aber von allen Charaktermerkmalen, die wir uns angeschaut haben, schlug sich Extraversion am stärksten in der Gestik nieder. Wer geselliger ist und gerne auf andere zugeht, gestikuliert tendenziell mehr.« Zudem neigten extravertierte Menschen weniger dazu, sich klein zu machen oder nervös herumzunesteln. Insgesamt nahmen sie sich mehr Raum und zeigten im Schnitt eine entspannte und offene Körpersprache.

Für die anderen Charaktermerkmale fanden sich weniger Hinweise: Verträglichere Menschen machten im Schnitt etwas kleinere Schritte; gewissenhafte berührten sich etwas seltener selbst am Körper und im Gesicht, hatten einen breiteren Stand und eine geradere Haltung. Letztere zeugte ebenfalls von Offenheit für neue Erfahrungen. Emotionale Labilität spiegelte sich ähnlich wie Introvertiertheit in einer steiferen Körperhaltung und gelegentlichem nervösem Zappeln wider.

Die gefundenen Zusammenhänge waren allerdings nicht sehr groß. »Ja, es gibt Hinweise auf die Validität der Körpersprache im Hinblick auf die Persönlichkeitsdeutung. Die sind aber auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau«, sagt Uwe Kanning. Er ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück und beschäftigt sich kritisch mit unwissenschaftlichen Methoden in der Personalauswahl. Ihm zufolge lässt sich nur ein kleiner Anteil der Persönlichkeitsunterschiede zwischen Menschen überhaupt aus der Körpersprache vorhersagen.

»Wenn man einzelne körpersprachliche Merkmale betrachtet, bewegt sich das zwischen null und fünf Prozent. Die höchsten Zusammenhänge findet man für Extraversion. Für Intelligenz zum Beispiel gibt es gar keine«, berichtet Kanning. »Fügt man verschiedene körpersprachliche Merkmale zu einem Gesamtbild zusammen, steigt die Zahl wahrscheinlich maximal auf zehn Prozent«, schätzt er. Das heißt umgekehrt: 90 Prozent der Charakterunterschiede lassen sich nicht aus der Gestik herauslesen.

Die Bedeutung der Körpersprache wird überschätzt

An der Idee, dass sich das Innerste in der Gestik offenbart, ist also durchaus etwas dran – nur eben nicht so viel wie vermutet. »Menschen überschätzen die Bedeutung von Körpersprache«, sagt Simon Breil. »Gerade beim ersten Eindruck, wenn wir noch nichts über die Person wissen, verlassen wir uns stark darauf, etwa beim Dating oder im Bewerbungsprozess.«

Verarbeitet werden die Botschaften von Händen und Füßen dort, wo auch Sprache im Gehirn ankommt: im Sulcus temporalis superior – einer Furche im seitlichen Bereich der Großhirnrinde. Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, analysiert nonverbale Signale auf ihren emotionalen Gehalt.

»Wir neigen dazu, Menschen, die viel gestikulieren, positive Eigenschaften zuzuschreiben«
(Simon Breil, Psychologe)

Die Metaanalyse von Breil und seinen Kollegen zeigte zwar, dass die Beobachter die nonverbalen Signale, die tendenziell auf ein bestimmtes Charaktermerkmal hinweisen, weitgehend richtig deuteten. So erkannten sie zum Beispiel viele und ausholende Armbewegungen beim Sprechen als Zeichen für Geselligkeit. Der Zusammenhang war aber weitaus geringer, als sie intuitiv annahmen. Dass wildes Gestikulieren bei Weitem nicht immer von Aufgeschlossenheit zeugt und umgekehrt nicht jeder Salonlöwe mit Händen und Füßen redet, ist den meisten Menschen offenbar nicht klar.

Was besonders gut bei anderen ankommt, ging aus der Analyse ebenfalls hervor. »Wir neigen dazu, Menschen, die viel gestikulieren, positive Eigenschaften zuzuschreiben«, sagt Breil. »Wir halten sie eher für intelligent und extravertiert.« Einen breiten Stand werten wir dagegen offenbar als Zeichen für Dominanz, und wer die Arme verschränkt, erscheint uns neurotisch – dabei ist demjenigen vielleicht einfach nur kalt. Die Gestik ist also kein eindeutiger Geheimcode. Beim genauen Hinsehen aber kann sich manche unausgesprochene Gefühlsregung offenbaren.

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