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Modellrechnung: Was eine moderate Tierwohlverbesserung kostet

Bis 2040 sollen deutsche Nutztierhalter auf höhere, wenn auch nicht hohe Tierwohlstandards verpflichtet werden. Was das kostet, hat jetzt das Thünen-Institut abgeschätzt.
Kühe im StallLaden...

Rund drei bis vier Milliarden Euro im Jahr müsse der deutsche Staat den Landwirten zuschießen, um bessere Haltungsbedingungen für Nutztiere zu erreichen. Das ist das Ergebnis eines Berichts des bundeseigenen Thünen-Instituts, den der Leiter der Einrichtung, Folkhard Isermeyer, am Montag in Berlin vorstellte. Sein Institut hatte im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums analysiert, welche Folgen es hat, sollten die Empfehlungen des so genannten Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung in geltendes Recht übersetzt werden.

Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung ist eine vom ehemaligen Landwirtschaftsminister Jochen Borchert geleitete Kommission, die im Jahr 2020 Szenarien für eine artgerechtere Haltung von Nutztieren entwarf. Demnach soll bis 2040 die gesamte deutsche Nutztierhaltung auf ein deutlich höheres Tierwohlniveau gebracht werden. Bis in 20 Jahren sollen sämtliche Tiere zusätzlichen Platz erhalten, ihre Haltungsumgebung soll stärker strukturiert sein, und sie müssten Kontakt zum Außenklima bekommen, etwa über offene Bereiche im Stall oder in einem befestigten Auslauf. Wie die Thünen-Forscher nun in ihrer Folgeabschätzung schreiben, erfordert dies »zumeist bauliche Änderungen an der Stallhülle oder Stallneubauten, das heißt zusätzliche Investitionen. Außerdem sind durch Mehrarbeit und zusätzliche Beschäftigungsmaterialien deutlich höhere laufende Kosten zu erwarten.«

In beiden Fällen könnte der Staat einspringen. Zum einen über eine Tierwohlprämie, bei der die öffentliche Hand 80 Prozent der Mehrkosten übernimmt, sowie eine Investitionsförderung in Höhe von 40 Prozent der zu erwartenden Baukosten. Der konkrete Finanzbedarf für diese Maßnahmen hängt stark davon ab, wie sich Fleischkonsum und Viehwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten verändern werden. Auch von Tierart zu Tierart sind die Kosten unterschiedlich hoch. Als durchschnittlich zu erwartenden Finanzbedarf ermitteln die Fachleute des Thünen-Instituts 2,5 bis 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings sprechen sie sich dafür aus, Prämie und Investitionszuschuss mit 100 Prozent respektive 60 Prozent anzusetzen, wodurch der Finanzbedarf im finanziell ungünstigsten Szenario auf 4,1 Milliarden Euro steigt.

Hinzu kommt, dass sich die Vorschriften und Ansprüche an das Tierwohl in den kommenden 20 Jahren stark verändern könnten. Der Mindeststandard (»Stufe 2«), den das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung für das Jahr 2040 identifizierte, ist vergleichsweise moderat. Er bleibt beispielsweise deutlich unter Biofleisch-Niveau, das in den Empfehlungen als »Stufe 3« Niederschlag findet.

Besonders hoch sind die Mehrkosten bei der Schweinehaltung. Hier dürfte es den Landwirt oder die Landwirtin 25 Prozent mehr kosten, die gleiche Menge Fleisch zu produzieren, als unter den derzeit geltenden Mindeststandards. Fünf Prozent entfallen dabei auf Anfangsinvestitionen. Am geringsten sind die Zusatzkosten bei Milchkühen: Inklusive vier Prozent Investitionskosten liegen sie bei nur neun Prozent. Im Mittel liegen die Mehrkosten bei zehn Prozent (Umstieg auf Stufe 2) beziehungsweise 16 Prozent (Umstieg auf »Öko«-Stufe 3).

Der von Isermeyer und Team errechnete Milliardenbedarf könnte zumindest teilweise über den Verbraucher refinanziert werden. »Wenn man es umrechnet auf eine Mahlzeit pro Tag, sind es fünf Cent pro Mahlzeit«, sagte der Institutsleiter laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) bei der Präsentation des Berichts.

Bundesagrarministerin Julia Klöckner hält es nach eigenen Worten für machbar, entweder die Mehrwertsteuer für tierische Produkte zu erhöhen oder eine Tierwohlabgabe einzuführen. »Es gibt kein Recht auf Billigstfleisch«, sagte die CDU-Politikerin der dpa. Fleisch werde aber auch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Sie glaube, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher bereit seien, Mehrkosten zu tragen. Klöckner will den Bauern auch Verträge mit der Regierung ermöglichen, die ihre Investitionen absichern.

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