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Ernährung: Der Traum vom Leben als Selbstversorger

Wer den Großteil seiner Lebensmittel selbst produzieren will, braucht viel Zeit und Engagement. Was man beachten muss – und wo die Grenzen der Selbstversorgung liegen.
Frau mit Gemüsekorb in der HandLaden...

Es ist ein Traum, der gerade in Pandemiezeiten von immer mehr Menschen geträumt wird: unabhängig sein von Supermärkten und Lieferketten, sich selbst versorgen mit allem, was der Boden und vielleicht auch der Stall so hergibt. Dem Gedanken, einem Samen beim Wachsen und einer Frucht beim Reifen zuzuschauen, haftet etwas Romantisches an. Es weckt aber auch den Do-it-yourself-Ehrgeiz in uns.

Viele unterschätzen allerdings, was es bedeutet, seine Lebensmittel im größeren Stil selbst anzubauen. Wer meint, er könne neben seinem Bürojob zur Entspannung ein wenig Unkraut zupfen und im Sommer abends einmal die Beete gießen, den belehren Schneckenplagen, Mineralstoffmangel und Wurzelkrankheiten schnell eines Besseren. Selbstversorger benötigen eine hohe Frustrationstoleranz und – sofern das Projekt auf Nachhaltigkeit angelegt ist – einen langen Atem. Und selbst wer all das mitbringt, muss sich am Ende damit abfinden, dass Nahrungsmittelproduktion in Eigenregie immer nur bis zu einem gewissen Punkt funktioniert.

Forschung zu der Frage, wie man seine Lebensmittel am besten selbst anbaut, gibt es bislang nicht. Dafür aber Erfahrungen en masse von denen, die es bereits ausprobiert haben. Um gerade Anfänger vor typischen Fehlern zu bewahren, schildern viele Hobbygärtner und Selbstversorger in Blogs, auf Youtube-Kanälen und in Büchern ihre Erlebnisse.

Themenwoche Gärtnern

In Zeiten der Pandemie sind Natur und Garten für viele Menschen zu einem wichtigen Rückzugsort geworden. Warum tun Pflanzen uns gut? Wie kann jeder und jede Einzelne die Umwelt beim Gärtnern schützen? Und welche Trends gibt es derzeit beim Anbau? Antworten auf diese und weitere Fragen liefert »Spektrum.de« in einer Themenwoche. Mit dabei: praktische Tipps für Menschen, die bislang an der Pflanzenpflege verzweifelt sind.

Am besten klein anfangen

Einer von ihnen ist Wolf-Dieter Storl. Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker beschäftigt sich unter anderem mit biologischer Landwirtschaft und hat auf einem Hof in einer abgeschiedenen Gegend des Allgäus seine vierköpfige Familie jahrelang zu großen Teilen selbst versorgt. Seine Erkenntnisse und Tipps gibt Storl auf seinem Youtube-Kanal und in seinen Büchern weiter. Sein wichtigster Rat: so klein wie möglich anfangen. »Die Leute übernehmen sich schnell, weil sie große Träume haben, was alles im eigenen Garten möglich sein soll«, sagt Storl. Das führt dann vor allem zu Enttäuschungen. Stattdessen sollte der Garten im besten Fall mit den eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten wachsen. Denn im Grunde – davon ist Storl überzeugt – kann jeder gärtnern und seine eigenen Lebensmittel anbauen. Man muss es nur wollen und bereit sein, viel Lehrgeld zu zahlen.

Der wichtigste Verbündete im Kampf um eine reiche Ernte ist der Boden. Je nährstoffreicher er ist, desto besser wachsen und tragen die Pflanzen. Eine eher dürftige Basis können Humus und Mist – am besten von hauseigenen Kaninchen und Hühnern – zu einem nahrhaften Untergrund machen. Wer den Platz hat, sollte zudem in seinem Garten immer wieder Ecken frei lassen, in denen sich die Natur ungehindert entfalten kann. »Einen Streifen Brennnesseln zum Beispiel kann man wunderbar wachsen lassen. Das sind die besten Futterpflanzen für Schmetterlinge«, erklärt Storl. Auch ein kleiner Teich mit ein paar Kröten trage zu einem ökologischen Gleichgewicht im Garten bei. Ein solches ist die beste Voraussetzung dafür, dass Schädlinge und Krankheiten nicht die Oberhand gewinnen.

Wer sich gerne, so gut es geht, mit selbst Angebautem versorgen möchte, braucht vor allem einen Plan: Was wird wann wo in welcher Menge angepflanzt? Im Internet gibt es dazu Ratgeber, Tabellen und Pflanzpläne in Hülle und Fülle. Man kann die Wintermonate jedoch auch nutzen, um sich seinen eigenen Plan zurechtzulegen. Soll sich die Ernte über einen langen Zeitraum erstrecken, ist es sinnvoll, beispielsweise Salat oder Möhren etappenweise anzubauen.

Es lohnt sich zudem, sich mit Mischkulturen zu befassen. Sie wirken sich mitunter beträchtlich auf den Ernteerfolg aus. Denn Pflanzen können sich gegenseitig beim Wachsen unterstützen, obwohl sie unterschiedliche Ansprüche im Hinblick auf die Versorgung mit Nährstoffen und Wasser haben. Die Ressourcen im Boden werden dann nicht einseitig, sondern in Gänze genutzt. Wurzeln die Pflanzen unterschiedlich tief, kommen sie sich nicht ins Gehege. Die jeweiligen Wurzelausscheidungen und Gerüche können wiederum Schädlinge und Krankheiten abwehren, wovon auch der Pflanzpartner profitiert. Dreamteams sind beispielsweise Erdbeeren und Porree, Tomaten und Petersilie, Bohnen und Mais oder Kartoffeln und Meerrettich. Weniger harmonisch gestaltet sich hingegen die Nachbarschaft zwischen Kartoffeln und Tomaten oder Möhren und Rote Bete.

Wie viel muss man anbauen?

Wie groß der Jahresbedarf an Fleisch und Gemüse in einer Familie ist, lässt sich ausrechnen. Der einfachste Weg ist, ein paar Monate lang alle Kassenzettel vom Supermarkt aufzuheben und zu notieren, wovon man wie viel kauft und verbraucht hat. »Was sich allerdings nicht berechnen lässt, ist, wie gut ein Gartenjahr sein wird«, sagt Storl. »Das hängt nicht nur vom Wetter ab: Jeder Hobbygärtner hat schon einmal festgestellt, dass in einem Jahr bestimmte Pflanzen besonders gut wachsen, im nächsten Jahr dann wieder andere. Woran das liegt, lässt sich nicht genau sagen.«

»Wie gut ein Gartenjahr sein wird, lässt sich nicht berechnen«
(Wolf-Dieter Storl)

Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist nur mit Zeit und Mühe möglich. Und selbst dann gelingt sie nur teilweise, sagt Judit Pfenning. Die Expertin für Gemüsebau am Institut für Kulturpflanzenwissenschaften der Universität Hohenheim erlebt seit vielen Jahren, wie ihre Studenten in Begeisterung geraten, wenn sie zum ersten Mal auf dem Balkon ihrer WG Chili oder Süßkartoffeln bis zur Erntereife bringen. Social Gardening, Urban Gardening, Urban Agriculture, Vertical Farming – Judit Pfenning hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Formen des Gärtnerns kommen und gehen sehen. »Es wurde und wird viel ausprobiert. Einige Projekte sind sicher interessant. Doch von Basilikum und Salat allein können wir nun mal nicht leben«, erklärt die Forscherin.

Mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel

Dass sich viele Hobbygärtner einen eigenen Komposthaufen anlegen, Schnecken von kleinen Pflänzchen absammeln und im Hochsommer täglich Dutzende von Gießkannen schleppen, um am Ende Kartoffeln, Paprika und Gurken aus eigenem Anbau servieren zu können, freut Judit Pfenning dennoch. Vor allem Kinder könnten davon profitieren, wenn sie sehen, wie aufwändig es ist, Nahrung zu produzieren. Im eigenen Garten kümmert es uns nicht, wenn eine Tomate am Ende nicht perfekt aussieht. Beim Obst und Gemüse im Supermarkt ist das anders: Hier haben wir eine völlig andere Erwartungshaltung. Mit der Folge, dass jedes Jahr Millionen Tonnen Gemüse im Müll landen, weil sie den Ansprüchen für den Verkauf nicht genügen. »Wenn das Selbermachen dazu führt, dass die Wertschätzung für unsere Lebensmittel zumindest ein bisschen steigt, ist damit schon etwas Gutes getan«, sagt Pfenning.

Die Wertschätzung, die wir Obst und Gemüse aus eigenem Anbau entgegenbringen, entsteht nicht nur durch den Preis (Saatgut für Gemüse ist teuer), sondern vor allem durch die Zeit, die man den Pflanzen widmen muss. Wer Pech und keinen guten Boden hat, muss deutlich mehr Energie aufwenden, um eine reiche Ernte einzufahren. »Wenn eine Pflanze ausreichend mit Wasser und Nährstoffen versorgt ist, braucht sie nicht tief zu wurzeln. Dann ist der Boden zunächst zweitrangig«, erklärt Pfenning. An diesen Punkt muss man allerdings erst einmal kommen. Zumal Dünger aus dem Baumarkt auch schnell zu Überdüngung führen kann – und damit zu einer Belastung des Grundwassers.

Auch Pfenning rät dazu, sich beim heimischen Anbau von Lebensmitteln nicht zu viel vorzunehmen. Ein paar Naschtomaten gelingen jedem, egal ob auf dem Balkon oder im Schrebergarten. Radieschen und Salat lassen sich ebenfalls einfach anbauen. Wer über einen langen Atem verfügt, kann Chili und Paprika beim langsamen Wachsen zusehen. »Und statt immer davon zu reden, die Dächer zu begrünen, wären ein paar Kartoffeln im Vorgarten eine tolle Alternative zu Beton und Steinen.«

Sich komplett aus dem System ausklinken: Das funktioniert nicht

»Selbstversorgung ist zwar ein enorm populäres Wort geworden, mit der Realität hat das aber nichts zu tun«, sagt Ralf Roesberger, der auf Youtube den »Selbstversorgerkanal« sowie einen Blog zum Thema betreibt. »Wenn man alles rausrechnet, was man nicht selbst produzieren kann – also Getreide, Milchprodukte, Öle und Fette sowie Zucker –, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Selbstversorgung ist eine Illusion.« Unsere Vorfahren, die sich noch von früh-morgens bis spät-abends um Ackerbau und Viehzucht gekümmert haben, kamen dem Selbstversorgungsgedanken sehr viel näher, als wir es jemals tun werden.

Ralf Roesberger hat es versucht. Auf 200 der 2000 Quadratmeter, die ihm zur Verfügung stehen, baute er Weizen und Roggen an. Stundenlang habe er auf den Ähren herumgedroschen – nur um am Ende wenige Körner in der Hand zu halten. »Und die waren dann auch noch von einem Pilz befallen«, erinnert sich Roesberger. Getreide selbst anzubauen oder Kühe für den Eigenbedarf zu halten, steht in einem Aufwand-Nutzen-Verhältnis, das sich kaum rechnet.

»Wenn man alles rausrechnet, was man nicht selbst produzieren kann – also Getreide, Milchprodukte, Öle und Fette sowie Zucker –, dann bleibt nicht mehr viel übrig. Selbstversorgung ist eine Illusion«
(Ralf Roesberger)

Roesberger hat sich deshalb im Anschluss gefragt, ob es nicht auch auf anderen Wegen möglich wäre, die nötige Kalorienzahl zu produzieren, um seine vierköpfige Familie zu ernähren. Dafür legte er jedes Radieschen und jede Kartoffel auf die Waage und rechnete den Energiegehalt genau aus. Theoretisch – so sein Fazit – ist die Selbstversorgung mit Lebensmitteln möglich. Man isst dann allerdings hauptsächlich Honig, Eier und Gemüse. »Wir kämen damit zurecht und müssten nicht verhungern. Aber es würde schon beim einfachen Dressing für einen Salat scheitern. Das gäbe es nämlich nicht.«

Als Roesberger beim kommunalen Amt erste Erkundigungen einholte, was man bei der Schweinehaltung beachten muss, wurde der zuständige Sachbearbeiter sehr schnell sehr deutlich. Bei Roesbergers in Rommerskirchen würde nie ein Schwein leben. Die gesetzlichen Hürden für die Schweinehaltung seien hoch, sagt Roesberger. Mit Hühnern hat es immerhin geklappt. Der Blogger ist seinem Ziel damit ein Stück näher gekommen: sich und seine Familie mit so vielen Dingen wie möglich selbst zu versorgen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wie gut das gelingen kann, erklärt Roesberger auch in seinem Buch »Selbstversorgung: Was im eigenen Garten wirklich möglich ist«. Die Lektüre lohnt sich vor allem für Menschen, die ehrlich zu sich selbst sein möchten – mit Blick auf ihre Arbeit, die Zeit, die noch fürs Selbstversorgerprojekt übrig bleibt, und die eigenen Ansprüche daran.

Sich komplett aus dem System ausklinken und autark versorgen: Laut Roesberger ist das nicht möglich. Und auch nicht nötig. »Wenn jeder das tut, was er kann, ist uns allen geholfen. Jede Tomate, die nicht aus den Niederlanden zu uns kommt und für deren Transport keine Ressourcen gebraucht werden, ist ein kleiner Beitrag.« Er empfiehlt, einfach loszulegen, statt lange einem unrealistischen Ideal hinterherzueifern. Ein paar Quadratmeter im Garten umgraben, einen Apfelbaum pflanzen, ein Bienenvolk pflegen: »Jeder Energieaufwand, jedes Pestizid, jeder Transportweg, den wir in der Nahrungsmittelproduktion einsparen, nutzt der Allgemeinheit. Am Ende ist es die Masse, die einen Beitrag zur Ökologie leistet.«

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