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Streit um Weltraumteleskop: NASA will das James Webb Space Telescope nicht umbenennen

Diskriminierte der Namensgeber des Hubble-Nachfolgers Homosexuelle? Es gebe keine Beweise für die Anschuldigungen, sagt die Weltraumbehörde NASA. Doch manche Astronomen zweifeln an der Recherche.
Techniker arbeiten in einem Reinraum im NASA Goddard Space Flight Center am James Webb Space Telescope. (Archiv)

Das bald startende James Webb Space Telescope (JWST) soll seinen Namen behalten. Das hat die amerikanische Weltraumbehörde NASA mitgeteilt, nachdem untersucht worden war, ob sein Namensgeber, der ehemalige NASA-Leiter James Webb, in den 1950er und 1960er Jahren an der Verfolgung von Schwulen und Lesben beteiligt war. Die Behörde sagt, sie habe keine Beweise für diese Anschuldigungen gefunden.

Die Entscheidung und die mangelnde Transparenz, mit der sie bekannt gegeben wurde – die NASA veröffentlichte keinen Bericht über den Umfang der Untersuchung –, hat eine Reihe von Astronominnen und Astronomen verärgert.

»Ich bin enttäuscht«, sagt Johanna Teske, eine Astronomin an der Carnegie Institution for Science in Washington DC. »Ohne zu wissen, welche Faktoren berücksichtigt wurden, fällt es mir schwer, die Entscheidung , den aktuellen Namen beizubehalten, zu respektieren.«

Seit Mai haben mehr als 1200 Menschen, darunter auch Wissenschaftler, die das Teleskop nach dem geplanten Start im Dezember nutzen sollen, eine Petition unterzeichnet, die eine Umbenennung des JWST fordert. Webb bekleidete mehrere Führungspositionen in der US-Regierung in einer Zeit, in der schwule und lesbische Bundesbedienstete systematisch wegen ihrer sexuellen Orientierung entlassen wurden. So war er beispielsweise NASA-Leiter, als 1963 ein Mitarbeiter der Behörde wegen des Verdachts, schwul zu sein, seinen Job aufgeben musste.

»Wir haben derzeit keine Beweise gefunden, die eine Änderung des Namens des James Webb Space Telescope rechtfertigen«
(Brian Odom, NASA-Chefhistoriker)

Als Reaktion auf diese Bedenken begann die NASA mit einer internen Untersuchung historischer Dokumente, die Aufschluss über Webbs Verhalten gegenüber Schwulen und Lesben geben könnten. Am 27. September 2021 gab der derzeitige Chef der Behörde, Bill Nelson, gegenüber einigen Medien, darunter »Nature«, eine Erklärung in einem Satz ab, in der es hieß: »Wir haben derzeit keine Beweise gefunden, die eine Änderung des Namens des James Webb Space Telescope rechtfertigen.« Der amtierende Chefhistoriker der NASA, Brian Odom, der die Untersuchung leitete, erklärte am 30. September 2021 gegenüber »Nature«, er betrachte die Untersuchung als abgeschlossen.

Zahlreiche historische Materialien waren für die Historiker unerreichbar

Ein NASA-Beamter hatte im Juni erklärt, dass die Behörde bei ihrer Entscheidung gegenüber der wissenschaftlichen Gemeinschaft transparent sein würde, aber es gibt keinen schriftlichen Abschlussbericht, der veröffentlicht werden könnte. Laut Odom war »unter den Umständen von Covid die Untersuchung so gründlich wie möglich und sehr objektiv«. Ihm zufolge hätten mehrere Archivare die internen Unterlagen der NASA gelesen, andere Historiker befragt, die sich mit Webb befasst hatten, und einen externen Historiker beauftragt, um Aspekte wie Webbs Karriere bei anderen Regierungsbehörden zu untersuchen.

Mehrere relevante Aufbewahrungsorte wie die National Archives in Washington DC und die Harry S. Truman Presidential Library & Museum in Independence, Missouri, waren wegen der Covid-19-Pandemie für längere Zeit geschlossen; Odoms Team war nicht in der Lage, Materialien von dort zu studieren, die nicht bereits digitalisiert waren.

»Das Problem ist die völlige Weigerung, die Stimmen von queeren Astronomen zu hören«
(Brian Nord, Astrophysiker)

Odom sagt, er habe sich mehrmals mit Nelson getroffen, um ihm das Material zu präsentieren, das die Ermittler sammeln konnten. »Die Beteiligung war sehr durchdacht und sehr objektiv«, sagt er. Nelson traf die Entscheidung, den Namen des Teleskops beizubehalten.

Einige halten die Entscheidung der NASA jedoch für falsch. Webb, so sagen sie, stand der Behörde in einer Zeit der Diskriminierung vor und trägt die Verantwortung. »Das Problem ist die völlige Weigerung, die Stimmen von queeren Astronomen zu hören«, sagt Brian Nord, Astrophysiker am Fermi National Accelerator Laboratory in Batavia, Illinois. »Man weigert sich, sich der Geschichte zu stellen. Wenn wir das nicht können, wie sollen wir dann die Unterdrückung aufklären, mit der die Menschen konfrontiert sind?«

Nord ist einer von vier Astronomen, die die Petition für die Umbenennung des Teleskops angeführt haben. Die anderen drei sind Lucianne Walkowicz vom Adler-Planetarium in Chicago, Illinois; Chanda Prescod-Weinstein von der University of New Hampshire in Durham und Sarah Tuttle von der University of Washington in Seattle. In einer E-Mail an »Nature« über die Entscheidung der NASA schrieben sie: »Bei all dem Gerede der Institution über Gleichberechtigung und Vielfalt scheint sie sich nicht sonderlich um die öffentliche Rechenschaftspflicht bei sensiblen Themen zu kümmern, die eine historisch marginalisierte Gruppe betroffen haben.«

Webb war in der US-Regierung tätig, als die Entlassung von Homosexuellen als akzeptabel galt

Im Mittelpunkt der Kontroverse steht die Frage, welche Verantwortung Regierungsbeamte für diskriminierende Handlungen und Strategien in den von ihnen geleiteten Einrichtungen tragen. Webb leitete die NASA zwischen 1961 und 1968, also in der Hochphase der Forschungsprogramme, die schließlich Astronauten auf den Mond schickten. Kritiker weisen darauf hin, dass Webb daher 1963 die Leitung innehatte, als Clifford Norton, ein mutmaßlich schwuler Mitarbeiter, entlassen wurde.

Odom sagt, er habe den Fall Norton genau untersucht, um herauszufinden, ob Webb an der Entlassung beteiligt war: »Es hat sich einfach nichts ergeben.«

Aber der breitere Kontext ist wichtig für die Beurteilung von Webbs Vermächtnis, sagen Kritiker. Webb war in der US-Regierung tätig – unter anderem bekleidete er von 1949 bis 1952, also während der Regierung Truman, den einflussreichen Posten des Unterstaatssekretärs –, als die Entlassung von Homosexuellen als akzeptabel galt und sogar gefördert wurde.

Rolf Danner, Astronom am Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, Kalifornien, und Vorsitzender des Ausschusses der American Astronomical Society für sexuelle Orientierung und geschlechtliche Minderheiten in der Astronomie, sagt, dass Webb in diesem Rahmen wahrscheinlich ein effektiver Manager war. »Ich glaube nur nicht, dass ihn das mehr als 60 Jahre später zur richtigen Wahl für das wichtigste Wissenschaftsprojekt der NASA macht.«

»Webb hat seinen Job gemacht, im Guten wie im Schlechten, und wird in die Geschichte eingehen«
(Peter Gao, Planetenforscher)

Als Nachfolger des Hubble-Weltraumteleskops wird das JWST kosmische Phänomene wie Sternentstehung, Galaxienentwicklung und Exoplaneten untersuchen. Zu den internationalen Partnern der Mission gehören die europäischen und kanadischen Raumfahrtbehörden. Es wurde 2002 vom ehemaligen NASA-Leiter Sean O'Keefe benannt, der damit Webbs Leistungen in der Regierung hervorheben wollte. Webb »hatte die Fähigkeit, Menschen aus verschiedenen Disziplinen zusammenzubringen und gemeinsam an etwas zu arbeiten, was größer ist als sie selbst«, sagt O'Keefe, der jetzt an der Syracuse University in New York arbeitet. Ihm zufolge wäre die NASA heute nicht mehr dieselbe, wenn Webb nicht Leiter gewesen wäre, und dass die Untersuchung der Behörde die Schlussfolgerung untermauert, zu der er und andere gekommen waren: »Das ist in der Tat eine Persönlichkeit mit Charakter.«

Einige sind jedoch der Meinung, Webbs Leistungen würden es nicht rechtfertigen, das Teleskop nach ihm zu benennen, wenn man bedenkt, in welchem Kontext er gearbeitet hat. »Webb hat seinen Job gemacht, im Guten wie im Schlechten, und wird in die Geschichte eingehen«, sagt Peter Gao, Planetenforscher an der Carnegie Institution. »Es ist nicht nötig, ihn weiter zu feiern, wenn man bedenkt, was während seiner Amtszeit passiert ist.«

Astronomen, die mit der Entscheidung der NASA nicht einverstanden sind, machen sich nun Gedanken über die Zukunft. Für viele ist ein Boykott des JWST auf Grund seiner transformativen Fähigkeiten keine Option. Einige sprechen über Möglichkeiten, die Kontroverse anzuerkennen, während sie weiterhin mit JWST-Daten arbeiten, vielleicht indem sie Informationen über Webbs Verbindungen zu Anti-LGBT+-Aktionen in die Danksagungen von Veröffentlichungen aufnehmen. Andere könnten das Teleskop in ihrem Umgang mit ihm anders nennen. So twitterte Prescod-Weinstein am 30. September 2021: »Ich bin persönlich begeistert von dem Just Wonderful Space Telescope (JWST).«

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