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Geschlechterverhältnis: Plötzlich übermannt

Das Verhältnis von Männern und Frauen in der Gesamtbevölkerung beträgt nie exakt 1:1 - in den meisten Industrienationen gibt es einen leichten Frauenüberschuss. Doch dieses Verhältnis scheint sich nun zu wandeln. Was sind die Folgen?
Neigen Gesellschaften mit Männerüberschuss schneller zu GewaltLaden...

Zum ersten Mal seit Beginn der historischen Aufzeichnungen leben in Schweden plötzlich mehr Männer als Frauen. Im Mai 2016 betrug der Vorsprung etwa 12 000 – nicht gerade viel also. Überraschend ist die Nachricht dennoch, weil es in den meisten EU-Ländern bislang stets einen leichten Frauenüberschuss gab. Auf 100 weibliche kamen etwa 95 männliche Einwohner. Doch diese Lücke scheint sich in den letzten Jahren immer weiter zu schließen – auch in Dänemark, Norwegen und der Schweiz leben mittlerweile etwa gleich viele Männer und Frauen. Woran liegt das?

Prinzipiell ist bei den meisten Tierarten die Anzahl der Weibchen und Männchen einer Art ungefähr gleich. Auch der Mensch macht da keine Ausnahme – von kleineren Schwankungen einmal abgesehen. Demografen schätzen, dass weltweit nur etwa ein Prozent mehr Männer als Frauen auf der Erde leben. Laut der so genannten Fisher-Regel, benannt nach dem britischen Statistiker und Biologen Ronald Fisher (1890-1962), sorgen evolutionäre Prozesse stets annähernd für ein Gleichgewicht. Das zeigt das folgende Gedankenexperiment: Nehmen wir an, in der Allgemeinbevölkerung gebe es viel mehr Frauen als Männer. Eltern, die dann durch eine genetische Besonderheit zufällig mehr Jungen als Mädchen zur Welt brächten, könnten sich dann auf zahlreiche Enkelkinder freuen. Schließlich wären ihre Söhne als Hahn im Korb bei der Partnerwahl umso stärker gefragt. Das besondere Genmerkmal würde sich also rasch weiterverbreiten, bis das Missverhältnis allmählich von selbst wieder verschwinden würde. Biologen bezeichnen eine ausgewogene Geschlechterverteilung deswegen auch als evolutionär stabile Strategie.

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Eine Partie Karten | Gerade in der Generation der Ü-65-Jährigen herrscht hier zu Lande ein Frauenüberschuss: Das hat zum einen historische Gründe, da im Zweiten Weltkrieg viel mehr Männer als Frauen starben. Zum anderen pflegten Frauen auch bereits in der Vergangenheit durchschnittlich einen gesünderen Lebensstil.

Mehr Jungen, aber weniger Großväter

Betrachtet man jedoch die Geschlechterverhältnisse über die gesamte Lebensspanne hinweg, lassen sich einige Unregelmäßigkeiten festmachen. Das beginnt schon bei der Geburt: In den Kreißsälen kommen auf 100 Mädchen etwa 105 Jungen. Lange Zeit glaubten Forscher, der menschliche Körper würde mehr männliche Embryos hervorbringen, da diese verletzlicher seien und deswegen die Schwangerschaft häufiger nicht überlebten. Eine Studie aus dem Jahr 2015 kommt jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis. Der Biologe Steven Orzack untersuchte mit seinem Team den Verlauf von etwa 140 000 Schwangerschaften. Zu seiner Überraschung war das Geschlechterverhältnis zum Zeitpunkt der Befruchtung ausgeglichen. Allerdings starben im Lauf der Schwangerschaft weitaus mehr weibliche Embryos und Föten als männliche. Nur im dritten Trimester überwog die Zahl der männlichen Fehlgeburten, was jedoch kaum ins Gewicht fiel: Bei der Geburt hatten die Jungen zahlenmäßig dennoch die Nase vorn.

Im Lauf des Älterwerdens schmilzt dieser Vorsprung allerdings immer weiter. Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher, was vor allem an ihrem ungesünderen Lebensstil liegt. Diesen statistischen Unterschied scheint allerdings nur ein Teil der Männer zu verursachen, wie eine Untersuchung des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung nahelegt. Die Wissenschaftler identifizierten verschiedene Verhaltensmuster: Die "aktiven Lebemenschen" arbeiteten viel und neigten zu Alkohol, Tabak und üppigen Speisen. In dieser Gruppe fanden sich mehr Männer als Frauen, und sie verursachen den Unterschied. So genannte Interventionisten, die auf gesunde Ernährung achteten, wenig rauchten und kaum über Stress im Job klagten, waren hingegen häufiger weiblich. Die "Nihilisten" schlussendlich glaubten nicht daran, dass sich ihr Verhalten irgendwie auf ihre Gesundheit auswirken könnte – sie mieden Sport und andere Vorsorgemaßnahmen. In dieser Gruppe waren beide Geschlechter zu etwa gleichen Teilen vertreten. Die Nihilisten starben am frühesten, während den Interventionisten – wenig überraschend – die längste Lebensdauer vergönnt war.

Je nach Region fällt der Gendergap in der Lebenserwartung recht unterschiedlich aus. Besonders schlimm trifft es die Staaten der ehemaligen Sowjetunion – allen voran die Ukraine, wo es nur noch halb so viele Männer wie Frauen älter als 65 Jahre gibt. Zum Vergleich: In Deutschland sind etwa 44 Prozent dieser Altersgruppe männlich. Zumindest in Westeuropa scheinen sich die Geschlechter hinsichtlich Lebenserwartung seit den 1990er Jahren stetig anzunähern. Das mag ein Grund dafür sein, warum der Frauenüberschuss in vielen EU-Ländern immer weiter zurückgeht. In Schweden kommt hinzu, dass das Land in den letzten Jahren viele minderjährige Geflüchtete aufnahm – den größten Anstieg im Männeranteil registrierte Schweden in der Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren.

Frauenmangel begünstigt klassische Familienbilder

Bislang kann noch nirgendwo in Europa von einem echten Männerüberschuss die Rede sein. Doch schon die schiere Möglichkeit ruft bereits Alarmisten auf den Plan. Die Wochenzeitung "The Economist" schreibt über die Situation in Schweden etwa: "Ungleiche Geschlechterverteilung bedeutet: viele sexuell frustrierte Männer, ein Garant für Konflikte also."

Einmal abgesehen davon, dass der bisherige Frauenüberschuss in Europa kaum Anlass zur Sorge gab: Die Rechnung ist allzu simpel. Klassische Mutter-Vater-Kind-Familien mit lebenslanger Partnerschaft sind eher die Ausnahme als die Regel – man denke an homosexuelle Beziehungen, Patchwork-Familien oder Menschen, die mit ihrem Singledasein völlig zufrieden sind. Diese Vielfalt an möglichen Lebensformen könnte leichte Ungleichgewichte in beide Richtungen abfedern.

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Chinesische Arbeiter | China gehört zu den Staaten mit starkem Männerüberschuss. Doch ob dies zwangsläufig zu mehr Gewalt und vor allem Gewalt gegen Frauen führt, ist nicht abschließend geklärt.

Aber: Stärkere Missverhältnisse in der Geschlechterverteilung könnten sich durchaus auf unser Zusammenleben auswirken. Das legt eine viel zitierte Studie von Scott South und Katherine Trent aus dem Jahr 1988 nahe. Die Hypothese der beiden Forscher: Sind Frauen in der Minderzahl, werden sie für die Eheschließung umso wichtiger, können sich aber jenseits ihrer Partnerschaft schwerer behaupten. Eine Analyse von Datensätzen aus mehr als 100 Ländern konnte diese Annahme zumindest teilweise bestätigen. Waren die Männer in der Überzahl, heirateten Frauen früher und bekamen im Schnitt mehr eheliche und weniger uneheliche Kinder. Zudem ließen sie sich seltener scheiden. Gesellschaften mit ungewöhnlich wenigen Frauen schienen also traditionelle Familienbilder zu begünstigen. Gleichzeitig konnten die Frauen aus diesen Ländern seltener lesen und schreiben. Allerdings basieren die Befunde nur auf Korrelationen, sie spiegeln also nicht zwingend ursächliche Beziehungen wider. Zudem gelten diese Ergebnisse vor allem für Industrienationen. In Entwicklungsländern fielen die Zusammenhänge weitaus schwächer aus, teilweise gingen sie gar in die entgegengesetzte Richtung.

Mehr Männer, mehr Gewalt?

Die prominentesten Beispiele für ungleiche Geschlechterverteilung liefern Indien und China. Ein Grund dafür sind gezielte Abtreibungen von Mädchen: Jungen sind als familiäre Stütze oftmals erwünschter. In Indien kommt hinzu, dass die teure Mitgift für Mädchen eine Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen kann. Auf 100 weibliche Babys kommen dort 112 männliche. Gleichzeitig ist Indien immer wieder wegen gewalttätiger Übergriffe gegen Frauen in den Medien präsent. Zuletzt sorgte die Gruppenvergewaltigung einer Mutter und ihrer 14-jährigen Tochter im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh für Schlagzeilen.

In der Öffentlichkeit werden auch die sozialen Begleitumstände diskutiert, die derartige Taten begünstigen – sexistische Rollenbilder etwa, ökonomische Unsicherheiten oder das in Indien verbreitete Kastensystem. Zuweilen wird auch vermutet, dass schon der zahlenmäßige Männerüberschuss zwangsläufig mehr Gewalttaten nach sich ziehe. Die Idee orientiert sich an einem Konzept aus der evolutionären Psychologie: Durch den Mangel an potenziellen Partnerinnen würde die Konkurrenz umso größer, was zu aggressivem Gerangel unter den heiratswilligen Männern führe. Laut der US-Politikwissenschaftlerin Valerie Hudson neigen insbesondere die leer ausgegangenen Männer aus unteren sozialen Schichten zu Gewalt und stellen somit eine ernsthafte Gefahr für die Gesellschaft dar. Gegen diese "kahlen Zweige", wie sie in China genannt werden, helfen laut Hudson auf kurze Sicht nur brachiale Lösungen: "Bekämpft sie, ermutigt sie zur Selbstzerstörung oder exportiert sie."

Einmal abgesehen von Hudsons eher zweifelhaftem Politikverständnis – der Zusammenhang zwischen Männeranteil und Verbrechensrate in einer Gesellschaft ist längst nicht so eindeutig, wie die Forscherin es vermutet. In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2014 zieht der Anthropologe Ryan Schacht 20 empirische Arbeiten heran, die allesamt Gewalt und Geschlechterverteilung zueinander in Beziehung setzen. Je nach untersuchter Stichprobe kamen die Studien zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen: Mal war der Zusammenhang positiv, mal negativ, mitunter waren die beiden Variablen unabhängig voneinander. Ein Muster schien sich jedoch nicht zu ergeben. Offenbar entschieden ganz andere Faktoren über die Gewaltrate einer Gesellschaft, etwa die wirtschaftliche Situation, Substanzmissbrauch oder politische Entwicklungen. Die Geschlechterverteilung jedoch spielte anscheinend eine eher untergeordnete Rolle.

Auch andere Befürchtungen hinsichtlich einer ungleichen Geschlechterverteilung stellen sich bei näherer Betrachtung als spekulativ heraus. So soll die hohe Zahl männlicher Wanderarbeiter in China auch Prostitution und Frauenhandel vorangetrieben haben. Doch laut der britischen Demografin Therese Hesketh hat das wenig mit dem Männerüberschuss zu tun, sondern eher mit einem liberaleren Umgang mit Sex und der gestiegenen Mobilität im Land. Tatsächlich arbeiten Prostituierte vor allem in den Gegenden Chinas, die ein eher ausgewogenes Geschlechterverhältnis haben.

Freilich ist kaum von der Hand zu weisen, dass ein stark unausgewogenes Geschlechterverhältnis soziale Probleme mit sich bringen könnte – schließlich wird dann ein Teil der Bevölkerung in puncto Partnerschaft stets leer ausgehen, was in vielen Fällen sexuelle Unzufriedenheit und Einsamkeit bedeuten könnte. Doch ein rein zahlenmäßiger Überschuss hat nicht automatisch gleich Sicherheitsprobleme zur Folge – zumal in Europa die Geschlechterverteilung nach wie vor ziemlich ausgeglichen ist. Zumindest momentan besteht also noch kein Grund zur Panik.

37/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2016

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