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Anthropologie: Steinzeitlicher Morbus Koch

Als ein Stück der levantinischen Küste vor rund 9000 Jahren im Meer versank, entstand eine für heutige Archäologen gut konservierte Fundgrube voller Pflanzenreste, Werkzeuge, Tier- und Menschenknochen. Zusammen mit Letzteren wurden kleinste Lebewesen beerdigt, die eine alte Geißel der Menschheit bezeugen: die Erreger der Tuberkulose.
Tuberkulose-Erreger <i>Mycobacterium tuberculosis</i>Laden...
Schwindsucht, weiße Pest, die Motten, Morbus Koch – die Tuberkulose bekam eine Vielzahl von Namen während ihres Wütens. Vielfältig sind auch die Symptome: Müdigkeit und Schwäche, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust, geschwollene Lymphknoten und Fieber, Nachtschweiß sowie leichtes Hüsteln bis hin zu blutigem Auswurf. Ohne Behandlung führt die Infektion immer zum Tod. Dagegen merken 90 Prozent der Infizierten – immerhin rund ein Drittel der Weltbevölkerung – überhaupt nichts von ihrer Erkrankung, denn sie schlummert still in ihnen.

Bereits Hippokrates hat den Krankheitsverlauf plastisch beschrieben, und selbst bei altägyptischen Mumien fanden Wissenschaftler nicht nur Spuren der Erkrankung, sondern auch die DNA ihrer Erreger. Wie weit geht der Ursprung dieser Infektionskrankheit also zurück?

Unscheinbares GrabLaden...
Unscheinbares Grab | Auf den ersten Blick lässt sich noch nicht erkennen, was unter Sand, Lehm und Wasser seit Jahrtausenden begraben ist.
Zehn Kilometer südlich von Haifa, 300 Meter vor der israelischen Küste, tauchten Wissenschaftler um Helen Donoghue vom University College London und Israel Hershkovitz von der Universität Tel-Aviv nun hinab. Dort liegt ein versunkener Ort – Atlit-Yam, eine neolithische Siedlung, errichtet vor rund 9000 Jahren, als die damaligen Menschen gerade den Übergang von Jägern und Sammlern zu Bauern und Viehzüchtern vollzogen.

9000 Jahre altes SkelettLaden...
9000 Jahre altes Skelett | In Ton und unter Wasser konserviert, fanden Wissenschaftler in diesen Überresten DNA des Tuberkulose-Erregers.
Zu den Funden zählt auch das Grab einer jungen Frau, die dort zusammen mit einem etwa einjährigen Kind beerdigt wurde. Jetzt holten die Forscher die zwei menschlichen Skelette wieder an die Oberfläche, eingebettet noch immer in schwarzem Ton, weichten sie in Süßwasser ein und entfernten so das Salz. Die perfekt konservierten Knochen zeigen Schädigungen: Der Schädel des Kleinkindes offenbarte geschwungene Riefen, Zeichen einer Entzündung des Knochens. Und auch der Schienbeinknochen und die Rippen der jungen Frau zeigten verräterische Spuren. Alles nicht sehr spezifisch, doch Grund genug, einige Proben zu entnehmen und auf das Erbgut des Tuberkulose-Erregers zu testen.

Das Ergebnis war positiv: In beiden Knochen fanden die Wissenschaftler DNA von Mycobacterium tuberculosis, den Robert Koch (1843-1910) zum ersten Mal 1882 beschrieben hatte. "Was faszinierend ist: Der infektiöse Organismus ist definitiv der menschliche Stamm", stellt Helen Donoghue fest, als sie alten Proben untersuchte.

Denn Tuberkulose gibt es nicht nur bei Menschen, auch Rinder werden beispielsweise davon befallen. Der dafür verantwortliche Erreger, M. bovis, galt lange als Vorläufer der humanen Tuberkelstämme, da bei menschlichen Überresten Anzeichen der Krankheit erst seit der neolithischen Revolution gefunden wurden – Wissenschaftler vermuteten daher, dass M. bovis in dieser Phase vom Rind auf den Menschen übersprang und sich in ihm über die Jahrhunderte hinweg zu M. tuberculosis entwickelte. Bereits 2002 zeigten allerdings Genanalysen, dass die Rinder befallende Form einer jüngeren Linie entstammt.

Dass M. tuberculosis bereits deutlich älter ist, hatten auch charakteristische Veränderungen an den 500 000 Jahre alten Knochen eines Homo erectus angedeutet – doch fehlt hier der klare DNA-Nachweis. Orte wie Atlit-Yam könnten trotzdem eine wichtige Rolle in der gemeinsamen Geschichte von Tuberkulose und Mensch gespielt haben: Da Ackerbau und Viehzucht zu größerer und dichterer menschlicher Besiedlung führten, konnte sich die Krankheit wahrscheinlich wesentlich schneller und besser verbreiten und so erst zu dem heute globalen Phänomen werden.
42. Woche 2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 42. Woche 2008

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