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Stigmatisierung: Die Scham überwinden

Ob Ängste, Depressionen oder Zwangsstörungen: Viele Menschen schämen sich für ihre psychische Erkrankung – und leiden dadurch doppelt. Dem lässt sich entgegenwirken.
Nahaufnahme einer Frau, die aus Scham ihr Gesicht mit ihren Händen bedeckt
Wenn die Selbstvorwürfe überhandnehmen, ziehen sich manche Menschen zunehmend zurück. (Symbolbild)

Nicht genug damit, dass Menschen mit einer psychischen Störung die Symptome ihrer Erkrankung ertragen müssen – oft machen sie sich zusätzlich noch Selbstvorwürfe deswegen oder quälen sich mit dem Gefühl, versagt zu haben, weil sie eine seelische Krankheit haben. Psychologen bezeichnen das als »internalisierte«, also verinnerlichte Scham. Sie sorgt häufig dafür, dass die Betroffenen sich von Freunden und Familie zurückziehen, sich seltener professionelle Hilfe suchen und eine Therapie bei ihnen schlechter anschlägt. Ein australisches Forschungsteam hat sich deshalb mit der Frage beschäftigt, ob der internalisierten Scham mit speziellen Übungen beizukommen ist.

Die Arbeitsgruppe um Susanne Norder von der Macquarie University in Sydney fasste dafür die Ergebnisse von 16 zuvor veröffentlichten Studien zusammen. Die darin untersuchten Interventionen zielten alle auf das Schamempfinden der psychisch erkrankten Versuchspersonen ab. Dieses wurde mit Hilfe eines Fragebogens gemessen, der Statements enthielt wie »Im Vergleich zu anderen Menschen habe ich das Gefühl, nicht gut genug zu sein« oder »Ich denke, dass die Leute auf mich herabschauen«.

Da es noch keine etablierte Behandlung für verinnerlichte Schamgefühle gibt, waren die verwendeten therapeutischen Ansätze sehr unterschiedlich: Sie umfassten zwischen 2 und 16 Sitzungen, sowohl Einzel- als auch Gruppentherapie, und stützt sich auf eine Vielzahl von Techniken. Am häufigsten kam die Akzeptanz- und Commitmenttherapie zum Einsatz, die unter anderem auf dem Konzept der Achtsamkeit beruht. Daneben gab es etwa Übungen zum Steigern des Selbstmitgefühls, Aufklärung über die Entstehung von Schamgefühlen bei psychischen Erkrankungen oder kunsttherapeutische Ansätze.

In 12 der 16 Studien hatten die Betroffenen nach der Behandlung weniger selbstbeschämende Gedanken und Gefühle. In 7 von 10 Untersuchungen zeigte sich zudem, dass es Personen in einer Behandlungsgruppe besser erging als Probanden unter Kontrollbedingungen (in den übrigen Studien gab es keinen solchen Gruppenvergleich).

Verinnerlichte Scham lässt sich demnach durch diverse Interventionen mit unterschiedlichen theoretischen Ansätzen verbessern, so die Forscher. Die beobachtete Effektstärke war jedoch meist als »klein bis mittel« einzustufen. Ihre Übersicht ermögliche außerdem keinen direkten Vergleich der Wirksamkeit verschiedener Ansätze. Zudem fehle es bislang an Behandlungsstrategien, die sich auf Erkenntnisse der Emotionspsychologie zum Entstehen von Schamgefühlen beziehen.

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