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Ukraine: Wegen des Krieges breiten sich Krankheiten aus

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Gesundheitsversorgung stark beeinträchtigt. Infektionskrankheiten verbreiten sich. Betroffene kommen nicht mehr an Medikamente.
Station des Ukrainischen Roten Kreuzes in Mukatschewo.

Der brutale Krieg in der Ukraine trifft die dortige Bevölkerung hart – und das nicht nur durch die Kämpfe. Zusätzlich zu den unmittelbaren Auswirkungen der russischen Invasion kommt ein massiver Anstieg von Infektionskrankheiten in den betroffenen Gebieten. Unter anderem verbreitet sich Covid-19 schnell und unmittelbar, wenn Menschen dicht gedrängt in Kellern, U-Bahn-Stationen und Notunterkünften Schutz vor Bombenangriffen suchen. Vielerorts ist die Wasserversorgung außerdem schlecht oder ganz unterbrochen, was Durchfallerkrankungen begünstigt. Auch das Risiko für Polio- und Masernausbrüche ist hoch – und wenn Gesundheitseinrichtungen und Straßen in Schutt und Asche gelegt sind, wird der Zugang zu Diagnosediensten und Behandlungen für Tuberkulose und HIV/Aids unterbrochen, was die in der Ukraine ohnehin schon enorm hohe Krankheitslast durch diese Seuchen weiter erhöht.

»Ich bin sehr, sehr besorgt um die Ukraine. Vor allem, weil das zu einem langfristigen Konflikt führen könnte, der das Gesundheitssystem dauerhaft lähmt«, sagt Lucica Ditiu, eine rumänische Ärztin und Geschäftsführerin der Organisation Stop TB Partnership in Genf. Der Krieg folgt schließlich auf die verheerenden Folgen der Covid-19-Pandemie, bei der der Zugang zu Impfungen und Gesundheitsdiensten ohnehin schon stark eingeschränkt war.

Als Russland am 24. Februar einmarschierte, hatte die Ukraine gerade den Höhepunkt der Omikron-Welle hinter sich. Seit Kriegsbeginn wird weniger getestet, vermutlich gebe es viele unentdeckte Ansteckungen, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), auf einer Pressekonferenz am 2. März 2022. Im ganzen Land sind die Covid-19-Impfraten gefährlich niedrig – etwa 65 Prozent in Kiew, aber nur 20 Prozent in einigen anderen Regionen, sagte Jarno Habicht, der Leiter des WHO-Büros in der Ukraine. Das erhöht das Risiko schwerer Erkrankungen und Todesfälle.

Polio und Masern breiten sich aus

Dazu kommt, dass in der ukrainischen Bevölkerung schon seit Längerem ein verbreitetes Misstrauen gegenüber Impfungen herrscht, so dass es unter anderem immer wieder Masernausbrüche und Fälle von Kinderlähmung gibt. 2021 gab es zwei Poliofälle im Westen des Landes, den letzten im Dezember. Das Poliovirus wurde auch bei 19 gesunden Kontaktpersonen isoliert. Allerdings lähmt das Poliovirus nur eine von etwa 200 infizierten Personen: Der Ausbruch ist viel größer, als die Fallzahlen allein vermuten lassen. Der Konflikt hat eine dreiwöchige Kampagne zur Impfung von fast 140 000 Kindern unterbrochen, die am 1. Februar begonnen wurde; er hat auch die Polioüberwachung beeinträchtigt, so dass sich das Virus möglicherweise unentdeckt ausbreitet, warnt die Global Polio Eradication Initiative mit Sitz in Genf.

Auch die Masern sind ein Problem. Da sie so ansteckend sind, »sind Masern eines der ersten Probleme in jeder humanitären Krise«, sagt James Goodson, ein Masernexperte bei den US Centers for Disease Control and Prevention (CDC). In der Ukraine gab es einen großen Ausbruch zwischen 2017 und 2020 mit mehr als 115 000 Fällen. Bis 2020 lag die gemeldete landesweite Durchimpfungsrate mit zwei Dosen nach Angaben der CDC bei 82 Prozent – eine große Verbesserung, aber immer noch nicht hoch genug, um tödliche Ausbrüche zu verhindern. Weitaus besorgniserregender ist die Tatsache, dass die Durchimpfungsrate in einigen Oblasten wie Charkiw, wo eine große Zahl von Menschen vor dem Konflikt flieht, unter 50 Prozent liegt.

»Masern sind eines der ersten Probleme in jeder humanitären Krise«
(James Goodson, Masernexperte)

»Wir müssen in den umliegenden Ländern die Überwachung auf Polio, Masern und Covid verstärken, um sicherzustellen, dass wir Ausbrüche stoppen können«, sagte Heather Papowitz, die WHO-Verantwortliche für die Ukraine, bei der Pressekonferenz. »Die Bereitstellung von Impfstoffen gegen Masern, Polio und Covid ist von größter Bedeutung.«

Die Ukraine hat zudem eine der weltweit höchsten Belastungen durch multiresistente Tuberkulose (MDR). Schätzungsweise 32 000 Menschen erkranken dort jedes Jahr an Tuberkulose, und etwa ein Drittel aller neuen Tuberkulosefälle sind medikamentenresistent.22 Prozent der Tuberkulosekranken in der Ukraine sind mit HIV infiziert – Tuberkulose ist die häufigste Todesursache bei Menschen, die mit HIV leben. Tuberkulose wird durch Mycobacterium tuberculosis verursacht und ist eine Krankheit, die durch ein enges Zusammenleben und Armut verschlimmert wird. Sie zerstört langsam die Lunge und verbreitet sich über Tröpfcheninfektion der Atemwege.

Medikamentenresistente Tuberkulose entsteht, wenn Patienten ihre Medikamente nicht regelmäßig einnehmen. »Jede Unterbrechung der Behandlung führt zu arzneimittelresistenter TB, einschließlich MDR-TB«, sagt Ditiu. »Nach fünf Jahren ohne Behandlung sterben im Schnitt 50 Prozent der Menschen mit pulmonaler TB. In der Zwischenzeit infizieren sie viele andere um sich herum.« Und wenn man die Behandlung von MDR-TB unterbricht, so Ditiu, »ist es möglich, eine extrem arzneimittelresistente TB zu entwickeln, gegen die nur wenige Medikamente wirken.« Die Diagnose und Behandlung von Tuberkulosefällen war bereits während der Covid-19-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 um etwa 30 Prozent zurückgegangen, was zu einer erhöhten Übertragung führte.

HIV-Behandlungen werden unterbrochen

Auch der Zugang zur HIV/Aids-Behandlung ist in der Ukraine gefährdet, die zudem die zweithöchste Rate an HIV-Infizierten in Osteuropa aufweist. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist infiziert, aber in Risikogruppen ist die Zahl deutlich höher: 7,5  Prozent bei männlichen Homosexuellen und fast 21 Prozent bei Menschen, die Drogen injizieren. »Sie sollten die Behandlung nicht unterbrechen, die Medizin ist lebensrettend«, sagt Raman Hailevich, der Länderdirektor des Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS (UNAIDS).

Eine antiretrovirale Therapie (ART) kann HIV unter Kontrolle halten und die Immunabwehr stärken, um vor zusätzlichen Infektionen wie Tuberkulose zu schützen, um Risikopersonen vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen und um die Übertragung von Mutter zu Kind zu verhindern. Bei konsequenter Einnahme kann ART die Viruslast so weit unterdrücken, dass eine Person HIV nicht übertragen kann.

»Die Ukraine hatte schon vor dem Krieg Probleme, eine antiretrovirale Therapie anzubieten, und der Krieg hat diese Probleme noch vergrößert«, sagt Hailevich, der am 4. März Kiew in Richtung Moldawien verlassen hat. In der Ukraine lebten Ende 2020 schätzungsweise 260 000 Menschen mit HIV. Nach Angaben von UNAIDS wussten nur 69 Prozent von ihnen über ihren Status Bescheid, 57 Prozent erhielten eine ART und bei 53 Prozent war das Virus durch die Behandlung komplett unterdrückt. Das jüngste globale Ziel der Organisation liegt bei 95 Prozent für jeden dieser Indikatoren bis 2025.

»Dieser Krieg kann uns in der Aids-Bekämpfung um zehn Jahre zurückwerfen«
(Valeriia Rachynska, All Ukrainian Network of People Living with HIV/AIDS)

Das Land hatte Fortschritte gemacht, aber »dieser Krieg kann uns wieder um zehn Jahre zurückwerfen«, sagt Valeriia Rachynska vom All Ukrainian Network of People Living with HIV/AIDS. Inmitten des wahllosen Beschusses werden viele Menschen nicht in der Lage sein, ihre Medikamente zu besorgen. »Und selbst wenn man es zu einer medizinischen Einrichtung schafft, muss diese mit Medikamenten ausgestattet sein«, sagt Hailevich.

Menschen, die sich in Sicherheit bringen, haben vielleicht einen Medikamentenvorrat für einen Monat, vielleicht auch nur für zwei Wochen oder noch weniger, sagt Rachynska. Diejenigen, die sich nicht in Sicherheit bringen können, und diejenigen, die sich in den von Russland besetzten Gebieten befinden, seien am stärksten gefährdet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ukraine Anfang März eine große Lieferung von antiretroviralen Medikamenten aus Indien erwartete. Die Initiative »President's Emergency Plan for AIDS Relief« (Notfallplan des Präsidenten zur Bekämpfung von Aids) ist nun dabei, die Medikamente zu einem Lager in Polen zu fliegen, von wo aus sie per LKW zu den medizinischen Einrichtungen in der Ukraine gebracht werden.

»Alles, was in der Ukraine passiert, wirkt sich auch auf die anderen Länder aus, in die die Menschen fliehen«
(Heather Papowitz, WHO-Verantwortliche für die Ukraine)

Eine Opioid-Substitutionstherapie (OST), beispielsweise mit Methadon, ist nun für zahlreiche ehemalige injizierende Drogenkonsumenten – von denen viele mit HIV leben – unerreichbar. Obwohl das Land über Vorräte verfügt, die bis Oktober reichen sollten, sagt Hailevich: »Wenn Sie sich in Charkiw oder Mariupol oder in einem von den Russen kontrollierten Gebiet befinden, ist es sehr unwahrscheinlich, dass Sie es bekommen, da Russland die OST nicht zulässt.«

Das Netzwerk von Rachynska, das seine Büros von Kiew in die Westukraine verlegt hat, rät Infizierten, bei der Einreise in andere europäische Länder keine Angst zu haben, ihren HIV-Status offenzulegen, sondern stattdessen in Krankenhäuser zu gehen und nach Medikamenten zu fragen. »Alles, was in der Ukraine passiert, wirkt sich auch auf die anderen Länder aus, in die die Menschen fliehen«, sagte WHO-Mitarbeiterin Papowitz.

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