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Arbeitsmedizin: Unter Druck

Immer mehr Menschen klagen im Büro über einen gereizten Rachen, tränende Augen oder Kopfschmerzen. Als Schuldige gelten Laserdrucker oder Kopierer. Wie gefährlich sind diese Geräte wirklich?
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Ohne sie wäre unser Arbeitsalltag undenkbar: Tag für Tag spucken Drucker und Kopierer leise vor sich hin summend stapelweise Papier aus. Allerdings – nicht nur Papier, sondern auch unangenehme Stoffe verlassen bei jedem Druckvorgang die Bürogeräte.

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Tonerkassette | Bei modernen Laserdruckern ist der Toner fest in Kassetten verschlossen. Die winzigen Tonerpartikel aus Kunstharz, Pigmenten, magnetisierbaren Metalloxiden sowie Hilfsstoffen können beim Druck jedoch in die Außenluft entweichen.
"Wir stellten fest, dass beim Drucken und Kopieren eine Vielzahl flüchtiger organischer Verbindungen sowie Staubpartikel frei werden", erklärt Volker Mersch-Sundermann. Der Mediziner, der das Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg leitet, hat im Auftrag des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung eine 2008 veröffentlichte Studie geleitet, die mögliche Zusammenhänge zwischen Druckeremissionen und Gesundheitsbeschwerden klären sollte. Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Gießen hatten hierfür die Raumluft in 63 Büroräumen in Deutschland analysiert und 69 der dort arbeitenden Personen untersucht.

Unerwünschte Stoffe

Zwangsläufig sondern Laserdrucker und Fotokopierer im Betrieb unerwünschte Substanzen ab: Zu Beginn des Arbeitsvorgangs, bei dem Farbpartikel unter Einwirkung von Licht, Druck, elektrischen Ladungen und Temperaturen bis zu 180 Grad Celsius auf das Papier aufgeschmolzen werden, kann – je nach Gerät – Ozon entstehen.
"Beim Drucken und Kopieren werden eine Vielzahl flüchtiger organischer Verbindungen sowie Staubpartikel frei"
(Volker Mersch-Sundermann)
Während des Aufschmelzens entweichen feinste Teilchen aus Papier und Toner. Das Tonerpulver besteht wiederum neben Farbpigmenten zu 90 Prozent aus Harzpartikeln wie Styrolacrylatpolymere, die das Pulver auf das Papier fixieren, sowie magnetisierbare Metalloxide für die elektrostatischen Ladevorgänge und Trennmittel wie Siliziumoxidstäube.

In geringen Mengen können beim Druck- und Kopiervorgang auch flüchtige organische Kohlenwasserstoffe entstehen oder aus den Gerätebauteilen entweichen. Diese VOC (Volatile Organic Compounds) wie Styrol, Toluol, Formaldehyd und Benzol, das als Krebs auslösend gilt, sind besonders gefürchtet. Wie viel von welchem Stoff frei gesetzt wird, hängt allerdings stark von verschiedenen Faktoren ab wie Gerätetyp und -alter, dem Wartungszustand, der Kartuschenbauart, der Betriebstemperatur sowie der Kopiergeschwindigkeit.

Mersch-Sundermann kann hier jedoch entwarnen: "In unserer Untersuchung wurden keine gesundheitlich bedenklichen VOC-Konzentrationen oder Ozon gemessen." Der Umweltmediziner sieht vielmehr in den frei werdenden Staubpartikeln ein großes Problem: "Durch Druck- und Kopiervorgänge kommt es zu einem generellen Anstieg der Konzentrationen an Feinstaub der unterschiedlichen Größenklassen. Besonders zu Druckbeginn beobachteten wir einen Anstieg der Feinstaubpartikel der Größen 10 bis 1000 Nanometer bis zu dem fünf- bis zehnfachen der normalen Innenraumkonzentration."

Die Zusammensetzung dieser Ultrafeinstaubpartikel konnten die Forscher allerdings nur schwer bestimmen.
"Zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang von hoher Feinstaubbelastung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen"
(Volker Mersch-Sundermann)
Bei bis zu zehn Prozent der Partikel könnte es sich um Tonersubstanz handeln, der große Rest sind wahrscheinlich Zusammenballungen verschiedener organischer Verbindungen, vermutet Mersch-Sundermann.

Die winzigen Ultrafeinstaubpartikel gelten als besonders tückisch, da sie bis in die tiefen Atemwege und von dort in die Blutbahn und schließlich ins Herz oder Gehirn gelangen können. "Zahlreiche Studien zeigten einen Zusammenhang von hoher Feinstaubbelastung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen", erklärt Mersch-Sundermann.

Seit Anfang 2005 schreibt die Europäische Union zwar einen Feinstaubgrenzwert für die Außenluft vor, aber noch keinen für Innenräume – obwohl sich unsereins fast den ganzen Tag im Innern aufhält. "Ein Richtwert für Innenräume ist aber in Diskussion", beruhigt der Wissenschaftler, der auch in der Arbeitsgruppe Feinstaub der Kommission Reinhaltung der Luft vom Verein Deutscher Ingenieure und dem Deutschen Institut für Normung an technischen Regeln mitwirkt.

Reizvoller Büroalltag

Sind die Drucker nun wirklich gesundheitlich bedenklich? Tatsächlich litten etliche der von den Gießener Forschern befragten Büroangestellten unter unspezifischen Symptomen wie Reizungen der Atemwege, der Augen und der Haut oder unter Kopfschmerzen.
"Wir haben keine gesundheitlich bedenklichen VOC-Konzentrationen oder Ozon gemessen"
(Volker Mersch-Sundermann)
Schwerwiegende Gesundheitsschäden konnten die Wissenschaftler aber nicht finden. Auch wissen sie nicht, welche Substanzen diese Reaktionen ausgelöst haben könnten.

Doch bei etwa 70 Prozent der Personen, die sich über Toneremissionen beschwerten, offenbarten Lungenfunktionstests eine so genannte unspezifische bronchiale Hyperreagibilität, also eine erhöhte Empfindlichkeit der Bronchien gegenüber Reizen. "Ob die Partikelbelastung für die erhöhte Empfindlichkeit der Bronchien verantwortlich ist, oder ob Personen mit empfindlichen Bronchien für Feinstaubexposition besonders empfänglich sind, gleicht der Frage nach Henne oder Ei", meint Mersch-Sundermann.

Die toxische Wirkung von Feinstäuben für Zellen gilt als sicher. So konnte die Freiburger Arbeitsgruppe von Mersch-Sundermann nachweisen, dass Tonerpartikel die Erbsubstanz von humanen Lungenzellkulturen schädigen. Außerdem scheinen feine und ultrafeine Partikel die Bildung von Sauerstoffradikalen in menschlichen Zellen zu fördern – eine typische Zellreaktion auf Schadstoffe.

Was tun?

"Dringend nötig sind Studien, die klären, ob die komplexen Emissionen aus Bürogeräten gesundheitliche Effekte haben und welche Wirkungsmechanismen dann gegebenenfalls dafür verantwortlich sind", mahnt Mersch-Sundermann. Solche Studien seien geplant; Untersuchungen über die Beschaffenheit die feinen und ultrafeinen Partikel laufen bereits.

Bis die gesundheitlichen Auswirkungen von Druckeremission vollständig geklärt sind, empfiehlt der Umweltmediziner als allererste Vorsichtsmaßnahme, Laserdrucker vom Schreibtisch zu verbannen. Sie sollten ebenso wie Kopierer in einem separaten und gut durchlüfteten Raum aufgestellt werden.

Außerdem sollte man beim Druckerkauf auf den "Blauen Engel" achten. Das begehrte Umweltzeichen erhalten nur Geräte, die wenig flüchtige organische Verbindungen wie Benzol emittieren. In Zukunft sollen bei der Vergabe auch Feinstaubemissionen berücksichtigt werden.

Wenig empfehlenswert ist dagegen, beim Papierstau das Papier aus dem Drucker oder Kopierer mit roher Gewalt herauszureißen, denn dabei wird zusätzlich noch nicht fixierter Tonerstaub freigesetzt. Und wer Tonerpulver oder Flüssigtoner nachfüllt, sollte besser zu Einweghandschuhen greifen.

Wer diese leicht einzuhaltenden Vorsichtmaßnahmen beherzigt, braucht vor den technischen Bürohelfern keine Angst zu haben. Und ab und zu ein kleiner Spaziergang zum Drucker- und Kopierraum tut bestimmt auch der Gesundheit gut.
8. Woche 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 8. Woche 2009

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