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HIV-Epidemiologie: Wie, wann und mit wem kam Aids in die USA?

Über die Vorgeschichte der tragischen Aidsepidemie in den USA ist auch nach Jahrzehnten nicht alles bekannt. Wann kam das Virus, wie breitete es sich aus - und hatte ein Einzelner Schuld?
Mit HIV-1 infizierte T-ZelleLaden...

Rund 32 Millionen Menschen starben bisher weltweit an der Immunschwäche Aids, schätzt UNAids – und jedes Jahr kommen noch immer zwischen ein und zwei Millionen dazu. Dabei drang das tausendfache Sterben nach der HIV-Infektion erst in den frühen 1980er Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, als sich das damals unbekannte tödliche HI-Virus epidemieartig auch in den USA und Europa ausbreitete. Ein paar Jahre danach, 1984, war der Streit um die Ursache der so plötzlich, scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Krankheit beendet und das Virus enttarnt. Dann ging es daran herauszufinden, wo es herkam und warum es so plötzlich und heftig zuschlug. Eine neue Untersuchung erklärt beides nun genauer.

Vorher hatten Mediziner und Epidemiologen nach jahrelanger Forschung schon erkannt, dass die verschiedenen Varianten des HI-Virus von Affenvirus-Ahnen aus Afrika abstammen, die sich subtil verändert hatten und so auf Menschen überspringen konnten. Dies geschah wohl Anfang des 20. Jahrhunderts – womöglich sogar schon um 1908, wie Stammbaumvergleiche nahelegen. Sie waren nach Sequenzanalysen von fast vergessenen Blutplasmaproben aus unterschiedlichen Ecken Afrikas möglich: Diese enthielten die ältesten konservierten Exemplare eines HIV-1-Erregers aus den Jahren 1959 und 1960 – und enthüllten, dass die HIV-1-Familie schon damals recht vielfältig war. Ein gemeinsames Ur-HIV sollte daher rein rechnerisch schon deutlich früher existiert haben, und HIV muss über Jahrzehnte unter der Wahrnehmungsschwelle von Mediziner zirkuliert sein, bis die Fallzahlen plötzlich auffällig zunahmen.

Aus der Karibik in die Partyszene – aber wann?

Die erste, damals gar nicht als solche erkannte Aidsepidemie brach in den späten 1960er Jahren in der Karibik auf Haiti aus. Das Virus war wohl um 1966, vielleicht von im Kongo arbeitenden Arbeitsmigranten, nach Haiti mitgebracht worden. Irgendwann später – so meinte 2007 eine Gruppe von Aidsexperten der University of Arizona um Michael Worobey nach dem Vergleich von Virenstämmen – gelangte das Virus dann mit Einwanderern aus Haiti in die USA, wo es in der sexuell hochaktiven Szene der späten 1970er Jahre ideale Bedingungen für seine rasante Verbreitung fand.

Diese Version war allerdings umstritten – und sie ist vielleicht ein wenig zu glatt, meint nun wieder Worobeys Gruppe aus Arizona knapp zehn Jahre nach ihrer ersten Studie. Diesmal wollten die Forscher genau herausarbeiten, welchen Weg die ersten Erreger der karibischen Variante "HIV-1 Gruppe M Subtyp B" in den USA tatsächlich genommen hatten – und wann. Das ist Jahrzehnte nach den Ereignissen schwierig, wenn man nicht höchst genau sehr viele Sequenzen der verschiedenen Virenstämme analysieren kann, die in den 1970er und 1980er Jahren in den USA zirkulierten. Nur: woher nehmen? Gibt es Blutproben von Aidspatienten aus einem Jahrzehnt, in dem es die Wörter HIV und Aids noch gar nicht gab?

Tatsächlich gibt es sogar recht viele, und aus unterschiedlichen Ecken der USA, wie die Forscher herausarbeiten konnten: Blutserumproben, die 1978 und 1979 von gut 9000 Hepatitis-B-Patienten aus San Francisco und New York City genommen worden waren. Hunderte dieser Patienten waren zudem zum Zeitpunkt ihrer Serumspende auch HIV-positiv, meint Worobeys Team nach HIV-Antikörperuntersuchungen der alten Proben.

Grafik: Ausbreitung von HIV-1 Laden...
Ausbreitung von HIV-1 | Die Karte dokumentiert, welche Varianten des Virus "HIV-1 Gruppe B Subtyp M" sich in Amerika in den 1970er und 1980er Jahren ausgebreitet haben. Deutlich wird, dass der Erreger aus Haiti nach New York importiert wurde, von wo aus er sich weiterverbreitet hat.

Solche Antikörpertests sind technisch einfach. Ganz andere Herausforderung stellten sich, als die Wissenschaftler aus den alten Proben genug alte HIV-RNA für eine Sequenzanalyse des für die Infektion verantwortlichen Virusstamms extrahieren wollten, um dann per Vergleich mit modernen Viren einen HIV-Familienstammbaum aufzustellen. Die Experten um Worobey entwickelten daher ihre eigene Variante eines aufwändigen und hochsensitiven Verfahrens zur Sequenzierung geringer Virus-RNA-Spuren aus Uraltproben, das "RNA-Jackhammering". Im Wesentlichen basiert die Methode auf mehreren, ganz am Ende kombinierten Ansätzen von Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktionen (RT-PCR) mit einem Multiplex-PCR-Zwischenschritt, der der Vervielfältigung der im Ansatz herausgefischten RNA-Bruchstücke dient. So werden viele unterschiedliche, teilweise überlappende Virus-RNA-Bruchstücke kopiert und vervielfältigt, bis am Ende – trotz der minimaler Ausgangsmenge – die gesamte Sequenz des Virusstamms aus den überlappenden Bruchstücken rekonstruiert werden kann. Schließlich entzifferten die Forscher auf diesem Weg acht vollständige HIV-1-Sequenzen, die die Blutspender aus San Francisco und New York in den späten 1970er Jahren infiziert hatten.

Patient 0: Opfer, nicht Täter

Und wieder, wie Jahre zuvor bei der Analyse afrikanischer Ur-HIV-Varianten, zeigte sich, dass man das Alter von HIV-Stämmen leicht unterschätzen kann. Denn 1978/79 waren die HIV-1-Stämme in den USA so unterschiedlich, dass ihre gemeinsame Urform bereits zwischen 1969 und 1973 in die USA gelangt sein muss. Das ist früher als gedacht: HIV muss auch in den USA schon rund ein Jahrzehnt lang kursiert sein, bevor es als tödliche Gefahr erkannt wurde. Dabei wurde HIV-1 wohl nur einmal eingeführt: Alle späteren, aus der Mitte und dem Ende der 1980er Jahre schon bekannten Formen sind mit den bereits Ende der 1970er Jahre zirkulierenden Gruppen verwandt. Klar wird durch die Vergleiche nun auch, wo das Virus zuerst Fuß fasste: in New York City. Nach San Francisco gelangte es erst später, wohl etwa 1976, wie die geringere Bandbreite von Varianten in den Blutproben aus Nordkalifornien belegt.

Mit diesem Ergebnis ist übrigens auch eine der frühen Gruselgeschichten widerlegt, die sich seit der Zeit der ersten Aidspanik hartnäckig gehalten hat: Die Story von "Patient 0", einem 1984 an Aids verstorbenen Flugbegleiter aus Kanada, der spätestens seit einem 1987 erschienenen Bestseller als Quelle, Auslöser oder Hauptverbreiter der "Sexseuche" dämonisiert wurde. Die Analyse der Blutprobe von "Patient 0" zeigt nun, dass der Mann keinesfalls mit einer Urform aller HIV-1-Viren der USA infiziert war, sondern einfach eines der vielen Opfer einer der längst zirkulierenden Virenvarianten Nordamerikas ist. Zudem war "Patient 0" – der eigentlich als "Patient 'O'" für "Outside-of-California" in eine kalifornische Datenbank mit Aidsfällen eingetragen war, was dann falsch gelesen wurde – nicht derjenige, der die Seuche um 1976 von New York nach San Francisco gebracht hatte: Der Flugbegleiter reiste zwar oft von der Ost- zur Westküste und hatte dabei ausgiebige und wechselnde Sexualkontakte, doch er infizierte sich erst später und mit einer nicht passenden Virusvariante.

43/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 43/2016

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