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Saisonale Störungen

Winterblues für Zwangsneurotiker

Menschen mit einer Zwangsstörung entwickeln besonders häufig eine Winterdepression. Dabei verschlimmern sich auch ihre Zwangshandlungen.
Traurige Frau sitzt am Fenster

Wenn die Tage kürzer werden, verschlechtert sich die Stimmung vieler Menschen. In stark ausgeprägter Form ist dieses Phänomen als "saisonal-affektive Störung" oder kurz Winterdepression bekannt. Laut einer Studie, die Psychiater um Oğuz Tan von der Üsküdar-Universität in Istanbul veröffentlichten, sind offenbar Patienten mit einer Zwangsstörung besonders anfällig dafür – und einige Symptome der Zwangserkrankung treten dann häufiger auf als im Sommer.

Tan und sein Team befragten rund 230 Personen, von denen etwa die Hälfte an Zwangsstörungen litt. Von den Patienten gab jeder zweite an, im Winter mit Stimmungsschwankungen zu kämpfen, rund 20 Prozent erfüllten laut einem Screening-Fragebogen sogar die Kriterien einer saisonal-affektiven Störung. In der Kontrollgruppe berichteten jeweils nur halb so viele Teilnehmer von solchen Problemen.

Da sich die Datensammlung über ein Jahr erstreckte, konnten die Forscher außerdem genauer analysieren, welchen Einfluss die Jahreszeit auf die Symptome hatte. Tatsächlich zeigten Zwangspatienten, die nach eigenen Angaben zu winterlichen Stimmungseinbrüchen neigten, stärkere Anzeichen einer Depression, wenn sie im Winter statt in anderen Jahreszeiten befragt wurden. Zugleich berichteten diese Teilnehmer von mehr Zwangshandlungen als Leidensgenossen, die den Wissenschaftlern im Sommer Rede und Antwort standen. Darunter fällt das unwillkürliche Ausleben von beispielsweise Kontroll- oder Waschzwängen. Zwangsgedanken hingegen, also unerwünschte Vorstellungen und Grübeleien, blieben das Jahr über gleich stark ausgeprägt.

Schon länger spekulieren Forscher, dass manche Formen von Depression und Zwangsstörungen auf ähnliche biologische Mechanismen zurückgehen. "Vor allem Zwangshandlungen werden mit einer Störung des Serotonin- und des Dopaminhaushalts in Verbindung gebracht, Zwangsgedanken dagegen weniger", erklärt Oğuz Tan. Auch die saisonal-affektive Störung begründen einige Wissenschaftler mit Veränderungen des Serotoninsystems in der dunklen Jahreszeit, was die gefundenen Zusammenhänge möglicherweise erklären könne. Noch wüssten wir allerdings zu wenig über die Neurobiologie dieser Krankheiten, räumt Tan ein.

Außerdem gibt der Psychiater zu bedenken, dass die Winterdepression in der Kontrollgruppe mit rund zehn Prozent überraschend oft auftrat, zumal die Tageslänge in Istanbul weniger stark schwankt als in nördlicheren Gefilden. Dies könne darauf hindeuten, dass der eingesetzte Fragebogen die Anfälligkeit für diese Störung generell überschätze.

1/2018 (April/Mai)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 1/2018 (April/Mai)

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