Direkt zum Inhalt

»Das deutsch-russische Jahrhundert«: Zwischen enger Verflechtung und brutaler Abgrenzung

Der Historiker Stefan Creuzberger beschreibt ein Jahrhundert besonderer Beziehungen zwischen Deutschen und Russen. Eine Rezension
Friedensdemo am 13.3.2022 in Köln

Wenn die »Neue Zürcher Zeitung« kürzlich schrieb, dass kaum ein europäisches Land seit Ende des Kalten Krieges so mit Russland verflochten sei wie Deutschland und dass gerade SPD-Politiker besonders dazu beigetragen hätten, ist das nur die halbe Wahrheit. Diese aktuell in Zweifel geratene gegenseitige Verbundenheit rührt schon aus den Zeiten des Niedergangs des Deutschen Kaiserreiches und des Russischen Zarenreiches Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wer sich über die deutsche Haltung zu Russland et vice versa kompetent informieren und manches deutsche Zögern im aktuellen Krieg in der Ukraine verstehen möchte, dem sei das kürzlich erschienene Werk des Rostocker Historikers Stefan Creuzberger empfohlen: »Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung« ist ein fakten- und umfangreiches Buch, das auf gesichertem Wissen und eigener Archivarbeit beruht.

Eine ungewöhnliche und spannende Chronologie

Es besteht aus drei großen Kapiteln (»Revolution und Umbruch«, »Terror und Gewalt« sowie »Abgrenzung und Verständigung«), die jeweils vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis heute die Geschichte der Beziehungen analysieren. Indem Creuzberger sie nicht kontinuierlich erzählt, sondern sich anhand markanter Ereignisse und Umbrüche entlanghangelt, entsteht eine ungewöhnliche und spannende Chronologie.

Man könnte sich die Augen reiben angesichts der Tatsache, dass Kaiser Wilhelm II und Zar Nikolaus II Cousins waren und dennoch einen der blutigsten Kriege gegeneinander führten. Dabei war die wirtschaftliche Verflechtung zwischen den beiden Kaiserreichen von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt: 1913 bezog das Zarenreich 47,6 Prozent seiner Gesamteinfuhren aus dem Deutschen Kaiserreich; umgekehrt flossen 44,3 Prozent der gesamten russischen Warenexporte nach Deutschland. Während des Kriegs fand, bislang wenig bekannt, in Russland der erste Giftgaseinsatz Deutschlands statt. Insgesamt starben mehr als eine halbe Million Russen während dieses Kriegs den Giftgastod.

Am Ende des Ersten Weltkriegs waren beide Länder politische Parias, Russland auf Grund der linken Revolution und des erzwungenen Diktatfriedens von Brest-Litowsk, Deutschland nach dem demütigenden Versailler Friedensvertrag. Auch um dieser Isolation zu entkommen, schlossen beide Nationen den Rapallo-Vertrag von 1922, den die Siegermächte argwöhnisch betrachteten. Mit ihm erkannte Deutschland als erste Nation das revolutionäre Russland an; im Gegenzug bekam sie Zugang zu russischen Rohstoffen und Energie sowie die Möglichkeit, das Verbot militärischer Forschung zu umgehen, indem man sie auf russisches Gebiet verlagerte. Dieser Vertrag ist für Creuzberger gleichsam Angel- und Drehpunkt der Beziehungen zwischen den beiden Ländern, nicht zuletzt, weil er Deutschland in den Augen der Westmächte zum unsicheren Kantonisten machte.

Auch der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 markiert die besonderen Verbindungen der zwei Staaten. Beide regierten zynische Diktatoren, die sich dennoch gegenseitig bewunderten. Der Vertrag ordnete die Machtsphären zwischen den Ländern neu – und Polen wurde zum dritten Mal aufgeteilt. Der Pakt, der nur 22 Monate hielt, sicherte Hitler bis zum Einmarsch in die Sowjetunion Ruhe für seine Eroberungen und pünktliche Rohstofflieferungen selbst noch am Vortag des Einmarsches. Der damit beginnende Krieg gegen die Sowjetunion brachte unsägliches Leid über beide Länder, der allein auf sowjetischer Seite mehr als 26 Millionen tote Bürger forderte.

Nachdem mit Adenauer als Kanzler nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine sichere Westbindung der Bundesrepublik erfolgt war – und damit die Abgrenzung zum Warschauer Pakt, in den die DDR eingebunden war –, brachte ab Anfang der 1970er Jahre die Regierung Willy Brandts eine neue Ostpolitik der Aussöhnung mit Russland. Danach entwickelten deutsche Bundeskanzler ausgeprägte Freundschaften zu den Führern der Sowjetunion bis hin zur ungewöhnlichen Freundschaft Schröders zu Putin, welche die heutige Abhängigkeit Deutschlands von russischer Energie markiert.

Creuzbergers Buch breitet eine Fülle an Fakten aus, ist leicht, verständlich und gut geschrieben: ein Muss für jeden, der die besonderen Beziehungen der beiden Länder verstehen und den tagesaktuellen Polarisierungen mit einem erweiterten Zugang begegnen möchte.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Wie gefährlich sind die Affenpocken?

Die Affenpocken breiten sich aus. Zwar verläuft die Krankheit eher mild, trotzdem kommen in einigen Ländern bereits Ringimpfungen zum Einsatz. Wie sinnvoll ist das? Und könnte das Virus auch hierzulande bei Tieren heimisch werden? Außerdem in dieser »Woche«: Wie sieht guter Sportunterricht aus? (€)

Spektrum - Die Woche – Wie lebende Zäune Klima und Umwelt schützen

Hecken tun Umwelt und Klima gut. Allerdings müssten sie heute vielerorts erst wieder neu angelegt werden – in den letzten Jahrzehnten ist die Hälfte der grünen Zäune verloren gegangen. Außerdem in dieser »Woche«: wie ein brasilianischer Dino für eine postkoloniale Bewegung sorgte. (€)

Spektrum - Die Woche – Chemiewaffen sind wieder eine globale Gefahr

Fachleute warnen vor der nächsten Eskalation in der Ukraine und dem Einsatz von Chemiewaffen: Kommt der Gaskrieg zurück nach Europa? Darum geht es in dieser »Woche«. Außerdem gehen wir der Frage nach, wie sehr die Corona-Pandemie die medizinische Versorgung von Krebspatienten beeinträchtigt hat. (€)

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte