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Experten - eine Gefahr für die Demokratie?

Wie die politische Nähe zur Wissenschaft die Demokratie verändert.

Virologen und Epidemiologen bestimmten die öffentliche Diskussion zu Beginn der Corona-Pandemie. Rasch drangen Begriffe wie Reproduktionszahl, Inzidenz, Herdenimmunität, PCR-Test in den Alltag ein. Die Politik zeigt sich bis in die Gegenwart als »alternativlos«, so das Mantra von Kanzlerin Merkel. Sie folgte lange fast blind dem Rat weniger Wissenschaftler und Experten, die kurz darauf auch als Helden der Öffentlichkeit die Medien dominierten. Inzwischen ist die Auseinandersetzung deutlich breiter, sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch zwischen ihren Hauptakteuren, den Politikern, Journalisten und der breiten Öffentlichkeit.

Probleme anderen Ursprungs

Den Einfluss und die Auswirkungen von zunehmender Expertise auf die Politik analysiert der Wiener Soziologe Alexander Bogner in seinem Buch »Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet«. Seine Ausgangsthese: In einer Gesellschaft, in der »Kalkül, Wissen und Expertisen« in den Vordergrund rücken, könne »das Vertrauen in die Macht des Wissens selbst demokratiepolitisch zweifelhafte Folgen« haben. So würden viele »politische Krisen und Konflikte primär als ›epistemische‹ Probleme verstanden«, obwohl sie einen anderen Ursprung haben.

Die epistemischen Konflikte verlagern sich zunehmend zwischen Experten, Gegenexperten und Laienexperten, so Bogner. Tatsächlich seien es aber häufig versteckte Werte, die miteinander in Konflikt geraten, während sich die Beteiligten nur auf Wissen fokussieren. Dadurch tritt ein epistemischer Populismus auf die große Bühne, der Impf- und Klimawandelleugner in den Vordergrund schwappen lässt: Aus Pippi Langstrumpfs kindlichem Kredo »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt« werden Donald Trumps Fakten.

Bogner analysiert soziologisch die Mechanismen hinter derartigen Konflikten an Beispielen der Coronakrise, des Klimastreits, der Impfkontroverse oder der Kriminalitätsdebatte. Er diskutiert dabei Aspekte der liberalen Demokratie und der in ihr beschworenen Gefahr der »Diktatur der Dummen«. Er rekapituliert die Idee Platons von einer Regierung von Philosophen, behandelt spannende Fragen, etwa ob »mehr Demokratie wagen« in Politik und Wissenschaft der richtige Weg sei. Er zeigt, dass Forderungen von den Philosophen Paul Feyerabend (»Wider den Methodenzwang«) und Bruno Latour (»Dinge zum Sprechen« bringen) einen zutiefst anarchischen Freiheitsbegriff zur Grundlage haben.

In der Folge differenziert er zwischen Experten, die »im Labor forschen und das Wissen vorantreiben«, und Intellektuellen, die dieses Wissen in der Öffentlichkeit verbreiten. Nach Bogner sind Intellektuelle aus der Krise der Experten geboren. Das zeigt Bogner insbesondere am Beispiel der Dreyfuss-Affäre im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts, als der Schriftsteller Emile Zola besagten Justizskandal in seinem Essay »J'accuse« auf den Punkt brachte, nachdem die »Experten öffentlichkeitswirksam vorgeführt hatten, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind …«. Heute habe man inzwischen in »der Universität nicht länger mit Intellektuellen zu tun, sondern mit ängstlichen, jargonbesessenen Karrieristen, die von Leistungsvereinbarungen gequält und von Evaluationsgremien vor sich her getrieben werden«.

Die Konsequenz ist nach Bogner, dass aus einer »fortschreitenden Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft« die »Wiederverrätselung der Welt durch die Komplexitätssteigerung« erfolgt. In dieses Feld stießen Populisten, die im schmalen Grat zwischen »Wissenschaftsleugnung im Dienst der Komplexitätsreduktion und handfester Verschwörungstheorie« agierten.

Die Lösung könne nur aus der Einsicht folgen, »dass Politik und Wissenschaft voneinander getrennte Sphären sind: So wenig sich wissenschaftliche Wahrheit nach der Mehrheitsmeinung richtet, so wenig ist die Aufgabe von Politik, die Wahrheit zu vollstrecken.«

Bogners Studie ist sprachlich klar und verständlich geschrieben. Die Argumentation ist offen, kritisch und gut nachvollziehbar. Und dennoch gibt es Leerstellen, die womöglich der knappen Seitenzahl der Reihe »Was bedeutet das alles?« des Reclam-Verlags geschuldet ist. So postuliert Bogner »Wahrheit« als eine Leitidee der Wissenschaft, ohne zu diskutieren, dass dies nicht für alle Disziplinen gleichermaßen gelten kann. Daher fehlt im Buch zum Beispiel eine Diskussion über die »Sorte Wissenschaftler«, die sich zunehmend selbst als Aktivisten verstehen, denen damit die Studie freien Lauf zur politischen Einflussnahme bietet. Zudem wünscht man sich eine soziologische Diskussion darüber, wie und wo sich die Grenzen zwischen Wissenschaftlern und Politikern verwischen, ebenso einen Beitrag, welchen Einfluss politisch motivierte Gutachten und Projekte sowie der durch sie vorangetriebene Geldfluss auf die Wissenschaft haben. Dennoch ist die Lektüre des Buchs uneingeschränkt zu empfehlen.

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