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Keine Angst vor der KI

Der Theologe und Physiker Stefan Bauberger bespricht die möglichen Folgen der KI für unsere Gesellschaft.

»Künstliche Intelligenz wird viele Bereiche unseres Lebens grundlegend verändern!« – so steht es prominent auf dem rückwärtigen Einband des Buchs »Welche KI?« des Theologen und Physikers Stefan Bauberger, Professor an der Hochschule für Philosophie in München. Der Autor möchte damit die möglichen Konsequenzen der Technologie für den gesellschaftlichen und menschlichen Zusammenhalt darstellen. Man müsse sich der schon vor mehr als 40 Jahren von dem berühmten Informatiker Joseph Weizenbaum beklagten »instrumentellen Vernunft« widersetzen, welche die Wirklichkeit auf das reduziert, was technisch beschreibbar und lösbar ist.

KI im alltäglichen Leben

Von den Grundlagen der künstlichen Intelligenz erfährt man im ersten Teil des Buchs nur das Nötigste. Er erklärt kurz den historischen Verlauf: die bereits in den 1960er Jahren entwickelten ersten KI-Programme sowie die neueren Methoden, die seit der Jahrtausendwende entstanden. Insbesondere das maschinelle Lernen – vor allem mit Hilfe so genannter neuronaler Netzte – hat zu Gesichts- und Spracherkennungssoftware geführt, die inzwischen in alltäglichen Bereichen Anwendung finden. Wie solche Algorithmen funktionieren, reißt Bauberger dabei nur kurz an. Er betont jedoch ausdrücklich, dass das maschinelle Lernen zu prinzipiell nicht vorhersagbaren Resultaten führt, anders als klassische Computerprogramme, deren Ergebnisse determiniert sind.

Einen großen Abschnitt widmet der Autor der künftigen Wirtschafts- und Sozialstruktur. Er beschreibt das rasante Wachstum großer Internetkonzerne wie Google oder Amazon, die nach der Devise »the winner takes it all« kleinere Unternehmen aufgekauft oder zur Aufgabe gezwungen haben. Zudem verstärken die von den Großkonzernen gesammelten Datenschätze die Monopolisierung. Der technologische Fortschritt verändert darüber hinaus die Arbeitswelt radikal: Es entstehen neue Berufsfelder, während andere verschwinden.

Demgegenüber fordert der Verfasser, Interessen zu zähmen, die soziale Ungleichheit befördern und Menschen zur Anpassung an die Technik zwingen oder sie aus dem Arbeitsleben fallen lassen, wenn sie diesem Zwang nicht gewachsen sind. »Nicht KI ist gefährlich oder problematisch, sondern die Rahmenbedingungen können ihre Anwendung zum Fluch werden lassen – oder zum Segen.« Bauberger deutet an, wie mit Hilfe einer gezielten Industriepolitik und staatlich gesteuerter Infrastrukturen das Stichwort »KI made in Europe« zu einem Markenzeichen für Sicherheit und Datenschutz werden könnte.

In den Kapiteln »Medizin und Pflege«, »Autonomes Fahren« und »Autonomes Töten« kommen die Forschungsschwerpunkte des Autors besonders zum Tragen. Man verpasse eine Chance, wenn etwa bei der Pflege »rein utilitaristische Kriterien« angewendet würden. Denn »das Gesundheitssystem (kann) im Idealfall durch KI menschlicher werden«. Selbstlernende Programme können bei Diagnose und Therapie viele Aufgaben im medizinischen Sektor übernehmen, daher sollte man die Entlastung nutzen, um Kranke mit »Zuwendung, mit Einfühlung, mit menschlicher Verantwortung und mit einem viel umfassenderen Blick auf die Situation des Patienten« zu behandeln.

Im Zusammenhang mit der Fahrzeugautomatisierung nimmt Bauberger ausführlich Stellung zum Sicherheitsproblem mit neuronalen Netzen, deren Verhalten letzten Endes nicht vorhersehbar ist. Auch die Vorstellung, Maschinen könnten eigenständig Entscheidungen treffen, hält er für irreführend, denn sie reagieren bloß auf ihre Programmierung. »Menschen übernehmen Verantwortung. Maschinen können keine Verantwortung übernehmen.« Das gelte umso stärker für das autonome Töten: »Die Entscheidung über das Töten an eine KI zu übertragen, ist ein bequemer Weg, Menschen aus der Verantwortung zu nehmen. Und weil es bequem ist, wird der Krieg dadurch nicht unwahrscheinlicher.«

Darüber hinaus stehe das demokratische System mit dem umfassenden Einsatz von Computertechnik vor neuen Herausforderungen. Mit Hilfe von KI lassen sich Sprache, Bilder und Videos manipulieren, wodurch es immer schwieriger wird, Realität und Fälschung voneinander zu unterscheiden. Die neuen Technologien sind zudem perfekte Mittel zur Kontrolle, da fast jeder Bürger ein potenzielles Überwachungsgerät wie ein Smartphone besitzt. Gesichts- und Stimmerkennung liefern immer mehr Daten, was den Datenschutz und die individuelle Privatheit gefährdet.

Die Herausforderungen der Zukunft sind nur zu meistern, so Baubergers abschließendes Plädoyer, wenn die Zivilgesellschaft gefördert und Verantwortung der Bürger gestärkt werden, damit die Würde des Menschen höchste Priorität behält.

Die philosophische Einstellung des Verfassers durchzieht das Buch, das auf Fachsprache verzichtet und nüchtern und allgemein verständlich seine Botschaft präsentiert. Der Autor stellt die Chancen der KI für unsere Gesellschaft sehr realistisch dar und wägt diese gegen die großen Gefahren sorgfältig ab. Seine eindrücklichen Warnungen halte ich für überzeugend. Sie sollten allen Verantwortlichen in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen bei ihren Entscheidungen bewusst sein. Das Buch gehört deshalb in die Hände all derer, die gesellschaftliche Verantwortung tragen.

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