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Für eine menschlichere Medizin

Michael de Ridder möchte zu einer kritischen Diskussion über die Medizin anregen, die er aktuell im größten Umbruch sieht, seit sie sich an den Naturwissenschaften orientiert. De Ridder ist seit mehr als dreißig Jahren als Arzt tätig, zuletzt als Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses. Zudem hat er Erfahrungen in Psychiatrie und Unfallchirurgie und setzt sich seit Jahrzehnten für eine bessere Medizin ein. Im vorliegenden Buch fasst er seine Erfahrungen zusammen und spricht verschiedene Probleme an, vom teils wenig würdevollen Umgang mit dem Patienten bis hin zur übertriebenen Ökonomisierung des Gesundheitssystems.

Der Autor gibt einen Überblick über technologische, ökonomische und ethische Fragen im Medizinbetrieb. Er hinterfragt Behandlungsmethoden – sowohl die eigenen als auch die seiner Kollegen –, zitiert aus zahlreichen Gesprächen mit Ärzten und Patienten und geht auf die wissenschaftliche Literatur ein. Auch die Perspektive eines Erkrankten kennt de Ridder gut: Nach einem Herzinfarkt war er lange in Behandlung, zudem ist er Risikopatient für Prostatakrebs und chronisch schmerzkrank. Dass er diese persönlichen Erfahrungen einbindet, macht ihn sympathisch und bereichert das Buch.

Zunächst beschreibt der Autor anekdotisch und anschaulich seine ersten Eindrücke vom Gesundheitssystem, beginnend bei seiner Kindheit und Ausbildungszeit in den 1970er Jahren. Er unterfüttert seinen Text mit den Einschätzungen von Kollegen und mit wissenschaftlichen Fakten. Dabei führt er sowohl negative als auch positive Punkte auf. Empathie ist für ihn der zentrale Wert einer guten Medizin.

Die Gier im Gesundheitssystem

Mit Blick auf den Patienten kritisiert er die Sprache der Mediziner, die unnötig viele Fachbegriffe enthalte und weitgehend unkritisch Begriffe übernehme, welche die Ökonomisierung der Medizin vorantreiben, etwa wenn ein Arzt als "Anbieter von Gesundheitsleistungen" bezeichnet wird. Auch an anderer Stelle gebe es Schieflagen, etwa beim übermäßig häufigen Einsatz finanziell lukrativer Verfahren, die nicht immer dem Wohl der Patienten dienten, beispielsweise der Verwendung von Herzkathetern. De Ridder will nach eigenem Bekunden gegen die Gier im Gesundheitssystem kämpfen. Er beschreibt unter anderem extreme Wartezeiten in der Notfallmedizin, die die Patienten entwürdigen und gefährden und sogar zu Fehlbehandlungen führen können. Gründe hierfür seien einerseits der Personalmangel, andererseits eine falsche Prioritätensetzung: Die Rettungsstellen würden blockiert von zu vielen "Selbsteinweisern" (Patienten, die auf eigene Initiative mit einem nicht akuten Problem in die Notaufnahme kommen, um die Wartezeit beim niedergelassenen Facharzt zu umgehen) und Überweisungen von "Nicht-Notfällen".

De Ridder plädiert für die Leitlinien der evidenzbasierten Medizin, die seiner Ansicht nach helfen können, eine flächendeckend bessere Versorgung für alle Patienten zu erreichen, sofern sie nicht zu starr angewendet werden. Am Ende des Buchs widmet er sich einem Thema, das ihm ebenfalls sehr am Herzen liegt: der Palliativmedizin. Er kritisiert die künstliche Verlängerung des Lebens alter Menschen auf Intensivstationen, die ihm zufolge unnötig und oft unmenschlich ist und nur dazu dient, juristisch auf der sicheren Seite zu bleiben. Nicht alles medizinisch Mögliche sei nötig oder human. Den Auftrag an die Palliativmedizin, Leiden zu lindern und die verbleibende Lebenszeit so gut wie möglich zu gestalten, hält er für genauso wichtig wie den kurativen Ansatz, der auf Heilung abzielt. Auch den assistierten Suizid in einem geregelten Rahmen befürwortet de Ridder. Er selbst hat ein Hospiz gegründet und ist Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin.

Tote anatomische Fakten

Der Autor geht auf diverse Schwierigkeiten der heutigen Medizin ein und kann sich dabei großteils auf profundes Wissen und langjährige Erfahrungen stützen. Manchmal wirken seine Erörterungen jedoch ein wenig oberflächlich, und seine Kritik könnte mitunter differenzierter sein, etwa wenn er über das Medizinstudium schreibt, "toten" anatomischen Fakten komme ein zunehmendes Gewicht bei. Das entspricht in dieser Absolutheit nicht (mehr) der Realität, da an vielen Universitäten, etwa in Hamburg, das Studium neu organisiert und der Praxisanteil erhöht wurde.

Zudem hätte der Autor mehr über seinen persönlichen Erfahrungshorizont hinaus recherchieren können. So bezeichnet er die Manuelle Medizin beziehungsweise Chirotherapie als Außenseitermethode und nennt sie in einem Atemzug mit Frischzellenkur und Ayurveda. Dabei lässt sich die Manuelle Medizin in einer von der Bundesärztekammer anerkannten Weiterbildung für Ärzte erlernen und ist damit in der kritisch-rationalen Schulmedizin durchaus angesehen. Sicher gibt es auch in diesem Bereich Scharlatane, doch das sollte nicht zur Abwertung der gesamten Disziplin führen.

Am Ende des Buchs zieht de Ridder sieben Thesen als Fazit. Darin fordert er weniger Verschwendung im Gesundheitssystem und eine ärztliche Sichtweise, die ihren Fokus auf den Patienten legt statt auf die Krankheit. Trotz der Schwächen an einigen Stellen ist das Buch insgesamt empfehlenswert.

24/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2015

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