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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines Navigators und der endlosen blauen See

Als 1976 ein Boot von Hawaii ablegte, sollte die vergessene Navigationskunst der Polynesier wiederentdeckt werden. Ob die »Hōkūle'a« ihr Ziel erreichte, erzählen unsere Kolumnisten.
Die »Hōkūle'a« vor Hawaii
Mit ihren zwei Rümpfen entspricht die »Hōkūle'a« den Hochseekanus der Polynesier. Auf der Jungfernfahrt waren zudem ein Schwein, ein Hund und Hühner an Bord.

Ozean in jeder Richtung auf einer Fläche größer als der afrikanische Kontinent: Das ist das »polynesische Dreieck«. Es reicht von Hawaii im Norden nach Neuseeland im Südwesten und zur Osterinsel im Südosten. Dazwischen: Inseln und Inselgrüppchen, wie zufällig hingeworfen, Tahiti, Samoa, Tonga und viele mehr.

Wie es Menschen schafften, dieses Gebiet zu besiedeln, woher sie wussten, dass sich tausende Seemeilen hinter dem Horizont noch eine neue Heimat befand, stellt die Wissenschaft noch immer vor ein Rätsel. Sicher ist, dass sich an Bord jener Schiffe Menschen befanden, die über außergewöhnliche Kenntnisse in der Navigation verfügten.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Als am 1. Mai 1976 ein Schiff namens Hōkūle'a von Hawaii aus in See stach, hofften die 15 Menschen an Bord, und mit ihnen Tausende von Polynesiern an Land, dass es gelingen würde, das Wissen der alten »Masternavigators« wiederzubeleben.

In den späten 1960er Jahren hatte insbesondere unter den Indigenen Hawaiis eine Rückbesinnung auf die polynesischen Wurzeln begonnen. Im Jahr 1973 gründete sich die Polynesian Voyaging Society unter Federführung von Ben Finney, einem US-amerikanischen Anthropologen, und dem hawaiianischen Künstler Herb Kawainui Kane. Ziel des Vereins: die polynesische Seefahrt vor dem Vergessen zu bewahren und noch vorhandenes Wissen zu mehr Verbreitung zu helfen.

Die Mitglieder der Polynesian Voyaging Society machten sich zunächst daran, ein traditionelles Hochseekanu zu bauen. Pläne gab es dafür nicht, sie orientierten sich aber an der überlieferten mündlichen Historie und an Zeichnungen aus der Zeit des berühmten »Südseeentdeckers« James Cook. Der englische Kapitän war beeindruckt von der Wendigkeit der Boote der polynesischen Bevölkerung und ließ Abbildungen davon anfertigen.

Nach dem Prinzip der experimentellen Archäologie wurde nun ein solches Boot gebaut: traditionell in der Bauweise, aber mit modernen Materialien. Das Resultat war ein Doppelkanu, also eine Art Katamaran. 19 Meter lang, ungefähr vier Meter breit, und in Teilen aus Sperrholz und Glasfaser. Sie tauften das Boot auf den Namen Hōkūle'a, den hawaiianischen Namen für jenen Stern, der uns als Arcturus bekannt ist.

Pius »Mau« Piailug

Geplant war, mit diesem Hochseekanu die ungefähr 3800 Kilometer von Hawaii nach Tahiti zurückzulegen, doch sie standen vor einem Problem: Sie wollten das Ganze nämlich so tun, wie ihre Vorfahren es getan hatten. Ohne moderne technische Hilfsmittel, also ohne Kompass, ohne Sextant und ohne Karten. Doch obwohl die nötigen Kenntnisse dazu in Teilen noch vorhanden waren, fand sich in der polynesischen Kultur niemand, der ein solches Vorhaben auch tatsächlich hätte umsetzen können – nicht zuletzt ein Ergebnis der generationenlangen Unterdrückung indigener Kultur.

Allerdings kam ihnen zu Ohren, dass ein Mann namens Pius Piailug, seit Jugendjahren auch mit dem Zusatznamen Mau benannt, gerade in Hawaii weilte. Mau Piailug, geboren und aufgewachsen auf der kleinen mikronesischen Insel Satawal, war noch einer der wenigen so genannten Masternavigators.

Im Gegensatz zum polynesischen Raum war die Tradition des Wayfindings, also des Wegfindens, im mikronesischen Raum weit länger überliefert worden, wie David Abulafia in seinem Buch »Das unendliche Meer« schreibt.

Auch Mau Piailug hatte von seinem Großvater und später von seinem Vater gelernt, wie man das Meer ohne moderne Hilfsmittel befährt. Dazu musste er einen Sternenkompass auswendig lernen, der mehr als 150 Sterne am Nachthimmel umfasste. Aber auch wie man die Zeichen der Natur erkennt, die Wellen liest oder den Geruch des Windes deutete, wurde ihm beigebracht.

Es war heiliges Wissen, das stark mit der Religion, den Mythen und den Gebräuchen Mikronesiens verknüpft war. Strengste Ansprüche wurden an diejenigen gestellt, die im Rahmen einer religiösen Zeremonie zum Masternavigator ernannt wurden. Mau Piailug war daher anfangs zögerlich, dieses Wissen an Mitglieder der polynesischen Kultur weiterzugeben. Schließlich gewann aber seine Überzeugung, dass es wichtiger sei, dieses Wissen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Eine erfolgreiche Jungfernfahrt

Und so machte sich die »Hōkūle'a« am 1. Mai 1976 tatsächlich auf die Reise, von Hawaii aus nach dem gut 4000 Kilometer entfernten Tahiti, an Bord 15 Menschen, einer von ihnen Mau Piailug als Navigator. Von Anfang an trieben ihn Zweifel um, ob sie ihr Ziel erreichen konnten. Mau war ein geübter Navigator, doch auch für ihn war es das erste Mal, dass er seine Fähigkeiten über eine solche Distanz beweisen musste.

Er verbrachte die meiste Zeit am selben Platz und schlief kaum. Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, was er alles unablässig im Auge behalten musste: Wasser, Sonne, Sterne und den Wind.

»Papa Mau« Piailug | Das Wandbild in Honolulu, Hawaii, zeigt den Mann, der maßgeblich an der Erhaltung polynesischer Wayfinder-Traditionen beteiligt war. Im Hintergrund die »Hōkūle'a«.

Je länger die Reise dauerte, desto strapaziöser wurde sie. 15 Menschen lebten auf engstem Raum zusammen, so gut wie ohne Unterschlupf, wochenlang auf dem offenen Meer. Gegen Ende der Reise gingen die Emotionen hoch, teilweise gab es sogar körperliche Auseinandersetzungen. Gestritten wurde in den vier Wochen auf See zum Beispiel darüber, ob ihre Fahrt eher eine anthropologische Forschungsreise war oder der Versuch, der polynesischen Kultur einen Teil ihrer Identität zurückzugeben. Beide Ansprüche prallten an Bord des 19-Meter-Seglers wiederholt aufeinander.

Doch nach etwas mehr als einem Monat war es geschafft. Am 4. Juni 1976 lief die »Hōkūle'a« in Pape'ete auf Tahiti ein. Der Empfang des Bootes und seiner Crew hätte nicht rauschender sein können: Um die 17 000 Menschen, beinahe die Hälfte der damaligen Bevölkerung Tahitis, waren gekommen.

Der Erfolg der Reise elektrisierte die Menschen Polynesiens, ihre Traditionen waren vor aller Augen wiederbelebt worden. Mau Piailug wurde mehr oder weniger über Nacht zur internationalen Berühmtheit.

Allerdings stand die »Hōkūle'a« mit einem Mal ohne Navigator da: Verstört vom Verhalten seiner Mitsegler gegen Ende der Reise ließ Mau die Crew ohne ihn nach Hawaii zurückfahren, zwang sie damit dazu, wieder auf moderne Technik zurückzugreifen. Nie wieder, so schwor er, wolle er mit Hawaiianern zur See fahren.

Erst vier Jahre später, zwei Jahre nachdem die »Hōkūle'a« bei einer weiteren Reise gekentert war und der berühmte Surfer Eddie Akau beim Versuch, Hilfe zu holen, spurlos verschwunden war, ließ sich Mau überreden, sein Wissen doch wieder mit den Hawaiianern zu teilen.

Er unterwies den Hawaiianer Nainoa Thompson, und im Jahr 1980 gelang die erste Reise der »Hōkūle'a« mit Nainoa als Navigator. Mau war ebenfalls anwesend, allerdings nur als Beobachter.

Mau Piailugs Vermächtnis

Damit begann eine Zusammenarbeit zwischen Hawaiianern und Mau Piailug, die schließlich im Jahr 2007 ihren Höhepunkt fand, als auf der Heimatinsel Mau Piailugs, Satawal, 16 Personen zu Masternavigators ernannt wurden – darunter Nainoa Thompson und vier weitere Hawaiianer.

Für die gesamte Region, vor allem aber für Hawaii, hatte die polynesische Renaissance weit greifende Auswirkungen. Schon kurz nach der Jungfernfahrt wurde im Jahr 1978 das Office of Hawaiian Affairs gegründet. Es sollte die Situation indigener Hawaiianerinnen und Hawaiianer im 50. Bundesstaat der USA nachhaltig verbessern und manche der Ungerechtigkeiten korrigieren, die seit der Annexion durch die Vereinigten Staaten bestanden.

Mau Piailug, der die Polynesier bei der Suche nach ihren Wurzeln auf Kurs gebracht hatte, starb im Jahr 2010 an den Folgen einer Diabeteserkrankung.

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