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Metzler Philosophen-Lexikon: Diogenes von Sinope

Geb. ca. 400 v. Chr. in Sinope;

gest. ca. 323 v. Chr.

»Diogenes sagte zu Alexander (dem Großen), als dieser ihn bat, er solle ihm doch sagen, wenn er etwas brauche: Geh mir jetzt ein wenig aus der Sonne!^« Diese wohl bekannteste Anekdote, die sich um die Gestalt des D. rankt – hier in der Version von Ciceros Gesprächen in Tusculum –, gewährt in ihrer prägnanten Form Einblick in die »Philosophie« des D.: Glück kann der Mensch nur erlangen, indem er nach seiner Natur und den Bedürfnissen seiner Natur lebt. Dieses Ziel kann nur durch eine völlige Unabhängigkeit von äußeren Gütern erreicht werden; denn alles Äußerliche kann dem Menschen wieder genommen werden und kann ihn deshalb, wenn er sein Leben auf den Erwerb und Genuß derartiger Güter ausrichtet, unglücklich machen. Dem, der nichts besitzt und keine Bedürfnisse hat, kann auch nichts genommen werden; nur ein derartiger Mensch kann das wahre Glück finden. Nicht ohne Grund wird D. in zahlreichen, zumeist wohl nachträglich erfundenen Geschichten mit Alexander dem Großen in Beziehung gebracht. Beide, Alexander militärisch, D. durch seine Lebenseinstellung, stellten das traditionelle soziale Gefüge der griechischen Welt, den Stadtstaat (»pólis«), in Frage; Alexander, indem er den demokratischen oder aristokratischen Poleis ihre Freiheit entriß; D., indem er ein Leben außerhalb der Gesellschaft und ihrer Verpflichtungen und Normen predigte und vorlebte; durch seinen provozierenden Lebenswandel und seine Äußerungen stellte er das Leben und Verhalten seiner Mitbürger als durch die Konvention (»nómos«) bestimmt bloß und setzte es seinem beißenden Spott aus.

Die Ursache von D.’ Kampf gegen Normen und Traditionen fand die spätere Legendenbildung in einem Befehl des Gottes Apollon: D.’ Vater Hiketas, der oberste Finanzbeamte von Sinope, sei von einflußreichen Bürgern aus der Heimat vertrieben worden, nachdem er minderwertiges Geld durch einen Stempel gekennzeichnet und so die Wohlhabenden geschädigt habe. Mit seinem Sohn habe er sich nach Athen begeben. D. nun habe in dieser schwierigen Lage das delphische Orakel um Rat gefragt und zur Antwort erhalten, er solle das »nómisma« (»Münze« oder »Konvention«) entwerten. D. habe »nómisma« im Sinne von »Konvention« verstanden und von da an dieser den Kampf angesagt. Seine unkonventionelle Lebensführung brachte D. den Spottnamen »Hund« (»kýon«) ein, den er als treffende Beschreibung seines bedürfnislosen Lebens annahm und den die, die sich in der Nachfolge des D. sahen, als Namen ihrer philosophischen Richtung führten (»Kyniker«).

Mag auch hinter den zahlreichen Anekdoten und Bonmots, die man D. zuschrieb, die historische Persönlichkeit kaum erkennbar sein, wird jedoch gerade durch den Tenor vieler Geschichten das Faszinierende deutlich, das von ihm ausgegangen sein muß. Wie keine andere Persönlichkeit – vielleicht mit Ausnahme Alexanders – drückte er durch seine Einstellung und Aussprüche aus, daß er in einer Zeit des Umbruchs lebte und gleichsam an einer Epochenschwelle stand. Als Schüler des Antisthenes, von dem er die Idee des bedürfnislosen Lebens empfing, steht er in der Nachfolge des Sokrates, besonders die Betonung der Eigenverantwortlichkeit des Menschen und die Provokation, die er für seine Mitbürger darstellte, weisen in diese Richtung. Sein Individualismus jedoch, die Mißachtung sozialer Normen und Schranken, seine Suche nach dem persönlichen Glück im Privaten und nicht in der Ordnung der »pólis«, das Predigen von Bedürfnislosigkeit, die Unabhängigkeit von jeglichen äußeren Gütern, die für ein glückliches Leben nicht nötig, ja sogar hinderlich sind: all dies läßt die Lehren der philosophischen Schulen des Hellenismus, der Stoiker und Epikureer, anklingen.

Long, Anthony Arthur: Hellenistic Philosophy. London 1974.

Bernhard Zimmermann

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