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Metzler Philosophen-Lexikon: Plessner, Helmuth

Geb. 4. 9. 1892 in Wiesbaden;

gest. 12. 6. 1985 in Göttingen

P. wurde 1892 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren, studierte zwei Semester Medizin, um sich dann der Zoologie zuzuwenden, die er bis zu den Vorstadien einer experimentell angelegten Dissertation betrieb. In Heidelberg und Göttingen zog es ihn bei Wilhelm Windelband und Edmund Husserl jedoch zur Philosophie, in der er 1916 promovierte. Seine ersten Publikationen, bereits 1913, zeigen den Doppelweg, den er nie ganz verließ: Die wissenschaftliche Idee. Ein Entwurf über ihre Form war der philosophische Erstling; parallel erschienen Untersuchungen über die Physiologie der Seesterne in den Zoologischen Jahrbüchern.

1917 wurde P. über seine Bekanntschaft mit dem Erlanger Oberbürgermeister im Rahmen des Zivildienstes nicht der Erlanger Milchversorgung zugeteilt, wie vorgesehen, sondern als Volontärassistent dem Germanischen Museum in Nürnberg, wo er Münzen sortierte und anderen nichtphilosophischen Tätigkeiten nachging. 1920 habilitierte er sich an der Universität Köln für Philosophie und blieb dort als Privatdozent bis zum Ende des Wintersemesters 1932/33: »Das Hitlerregime hatte den Professoren, die von den Bestimmungen für die sogenannten Nichtarier betroffen waren, liebenswürdigerweise empfohlen, für das Sommersemester nicht anzukündigen.«

P.s akademische Karriere und öffentliche Wirksamkeit in Deutschland war zunächst beendet. Nach einem fruchtlosen Intermezzo in Istanbul konnte er durch Vermittlung des Zoologen Frederik Buytendijk an der Universität Groningen Fuß fassen, mußte aber nach der deutschen Okkupation seine Stellung wieder räumen und tauchte in Utrecht, dann in Amsterdam unter. Mit knapper Not entkam er einer Gestapo-Falle. 1946 wurde er Ordinarius für Philosophie in Groningen, Nachfolger eines Mannes, der in Sachsenhausen umgebracht worden war. 1952 nahm er einen Ruf auf den neugegründeten Lehrstuhl für Soziologie in Göttingen an, behielt sich aber das Recht vor, auch Philosophie vertreten zu können. Nach seiner Emeritierung hat P. in New York unterrichtet (Theodor-Heuss-Lehrstuhl) und in Zürich, wohin er schließlich gezogen war. In hohem Alter kehrte er nach Göttingen zurück, wo er auch gestorben ist.

P.s Bücher standen nie im Rampenlicht, so wenig wie er selber. Ein äußerer Grund liegt natürlich in der erzwungenen Emigration, mit der auch seine Bücher in Deutschland zu existieren aufhörten. Aber keineswegs haben sich deutsche Verlage beeilt, sie nach dem Krieg neu zu edieren. P.s frühere philosophische Schriften waren zum Teil unveröffentlicht, zum Teil schulphilosophische Auseinandersetzungen mit der Tradition. 1923 kam jedoch sein erstes »originelles« Buch heraus: Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Aesthesiologie des Geistes, das »nie eine ernsthafte Besprechung bekam«, wie er selbst feststellte. Es paßte nicht in die Raster der Schulphilosophie und der Biologie. Wir wissen heute, daß es eine wichtige Vorstufe zu P.s eigentlicher philosophischer Leistung war, der Begründung einer philosophischen Anthropologie: der Untersuchung der Einheit von Körper und Geist. Gerade auf dem Gebiet der philosophischen Anthropologie hatte P. es jedoch bald mit zwei Konkurrenten zu tun, die seine Mitwirkung überhaupt nicht schätzten: Max Scheler und Arnold Gehlen. 1924, um doch auch einem größeren Publikum etwas zu bieten, tat P. seinen ersten Schritt in Richtung Sozialphilosophie und Soziologie mit dem kleinen Buch Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, das von der Zunft vermutlich nur einmal erwähnt wurde, von Helmut Schelsky.

P.s soziologisches Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg stand im Schatten der eher weltanschaulich geprägten deutschen Nachkriegssoziologie. Auch sein bedeutendes Buch Die verspätete Nation (zuerst 1935) – »1946 hätte es eine unmittelbare Wirkung gehabt« – erschien erst 1959 wieder. Das Hauptwerk P.s teilte das Schicksal der anderen Werke. Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie erschien 1928. P. hat in einem Rückblick geschildert, daß die Umstände mehr als ungünstig waren. Der Kölner Kollege Max Scheler schwankte zwischen Ignoranz und Plagiatsverdacht (den erst Nicolai Hartmann ausräumen konnte), schlimmer aber war der Ruhm des neuen philosophischen Stars: »Heideggers Wirkung überstrahlte alles.« Die Sächsische Akademie der Wissenschaften verlieh 1931 ihren Avenariuspreis an P., aber das half auch nichts. Das Bedürfnis nach Weltanschauung war größer, und da war, innerhalb und außerhalb der philosophischen Anthropologie, der Markt schon besetzt.

Was war sie eigentlich, diese merkwürdige philosophische Anthropologie, die es damals in Deutschland gab? Eine philosophische Lehre vom Menschen – aber wieso so spät, noch 1928? Die Einzelwissenschaften vom Menschen hatten sich ja längst von der Philosophie gelöst, und die Philosophie selber war akademische Einzeldisziplin geworden, keineswegs mehr eine Königin der Wissenschaften. Gerade an Schelers Versuch wird die weltanschauliche Komponente der philosophischen Anthropologie sichtbar: Sein Darmstädter Vortrag Die Stellung des Menschen im Kosmos (1927) beschwört schon im Titel die Rückbindung des Menschen an eine metaphysisch begründete Weltordnung, an die er als Triebwesen zwar gefesselt ist, die er aber als Geistwesen auch transzendiert. Die philosophische Anthropologie wurde von Arnold Gehlen weitergeführt, zuerst in einigen Aufsätzen der 30er Jahre, die in dem Hauptwerk Der Mensch (1940) gipfelten. Gehlen kannte die Fallstricke der altgewordenen Metaphysik sehr genau und desavouierte in seinem Buch mit Recht den Schelerschen Versuch ihrer Restauration. Gehlen ging »pragmatisch« vor, d.h. er konnte aus einer Fülle von Funktionsanalysen menschlicher Handlungen – und dadurch ohne zuviel Philosophie – ein Bild des Menschen und seiner Stellung »in der Welt« zeichnen. Biologen – wie jüngst Norbert Bischof in seinem Buch Das Rätsel Ödipus – haben jedoch darauf hingewiesen, daß Gehlens zentraler Begriff des »Mängelwesens« nicht ganz konsequent ist. Mit so vielen Mängeln, wie sie der Mensch in Gehlens anthropologischer Konstruktion hat, hätte er es schwerlich in der Welt zu etwas bringen können. In die Lücke, die das Mängelwesen in der Konstruktion ließ, setzte Gehlen jedoch die Institutionen, und hier konnte nun auch ein weltanschauliches Bedürfnis befriedigt werden. Gehlens philosophische Anthropologie verhieß, wenn schon nicht Orientierung, so doch wenigstens Ordnung. Und damit war er, wenn auch umstritten, ein brauchbarer Mann – von Scheler, aber auch von P. sprach nun niemand mehr.

Man muß diesen Hintergrund sehen, um sowohl die Leistung wie auch die Nichtbeachtung von P.s philosophischer Anthropologie genauer zu erkennen. Das Buch Die Stufen des Organischen und der Mensch ist freilich nicht auf Breitenwirkung hin geschrieben, im Grunde überhaupt nicht auf Wirkung. Der Titel ist nicht gerade verlockend, und der geneigte Leser erfährt das Geheimnis des Buches ziemlich spät. Erst im Schlußkapitel ist überhaupt vom Menschen die Rede. Der Witz des Buches besteht natürlich darin, wie der Autor überhaupt zu diesem Schlußkapitel kommt und welche Stufen des Organischen dem Menschen sozusagen vorausgehen. P. entwickelt in diesem Kapitel seinen inzwischen berühmten Gedanken von der »exzentrischen Position« des Menschen. Tiere, das weiß heute jeder Konrad-Lorenz-Leser, haben eine fest geordnete Position im Leben: Sie sind durch angeborene Triebe und Wahrnehmungen auf eine für sie spezifische Umwelt hin orientiert, und sie bleiben im fest geschlossenen System von Trieb, Wahrnehmung und Triebhandlung ihr ganzes Leben lang – sie können daran nichts ändern. Bei den Haustieren ist diese Zuordnung bereits gelockert, viel weitergehend ist sie es beim Menschen – wobei die Fachleute (wie etwa Norbert Bischof) über Einzelheiten und Grenzen dieser Betrachtungsweise durchaus streiten. P. betont gegenüber der Umweltfixiertheit des Tieres die Welt-Offenheit des Menschen als den unterscheidenden Außenaspekt. Es gibt aber auch einen Innenaspekt von großer Bedeutung: Der Mensch lebt mit sich selbst nicht in natürlichem Einklang (er hat keine natürliche, fest geprägte Identität); er kann und muß zu sich selbst Stellung beziehen. Der Mensch ist das Wesen, das nicht im Zentrum seiner Welt oder Umwelt oder Existenz steht – er ist von Natur aus in eine exzentrische Position gestellt, sozusagen ohne Mitte. P. hat seinen Zentralgedanken von der exzentrischen Position des Menschen später aus der etwas umständlichen Verpackung des Stufen-Buches herausgelöst und in zahlreichen Texten dargestellt, so etwa im Einleitungskapitel zur Propyläen-Weltgeschichte. Was »bedeutet« nun diese exzentrische Position? Ist sie doch – wie Scheler will – Anweisung für eine metaphysische Spitzenstellung des Menschen? Ist sie Beweis für die »Krone der Schöpfung«? P. warnt vor der »Metaphysizierung« des Homo sapiens: »Wir wissen nichts über die Zielkräfte der Evolution, nichts darüber, ob es so etwas wie Zielkräfte überhaupt gibt, die in der Gattung Mensch an ihr Ende gekommen sind und sich in ihr erschöpft haben.« P. spricht am Schluß der Stufen konsequent nicht irgendeine anthropologische »Wahrheit« aus, er formuliert, spröde genug, drei anthropologische Grundgesetze: das der vermittelten Unmittelbarkeit, das der natürlichen Künstlichkeit und das des utopischen Standortes. In seinen sozialphilosophischen und soziologischen Arbeiten hat er diese Begriffe genauer erläutert. Gerade diese Arbeiten zeigen, daß er nicht von einer Weltanschauung herkommt – wie Scheler – oder in einer endet – wie Gehlen –, sondern, getreu seiner anthropologischen Grundeinsicht, den Bereich von Geschichte und Gesellschaft prinzipiell offenhält. Mit der exzentrischen Position ist in der Tat das schützende Dach einer Ideologie oder einer ideologischen Gemeinschaft schlecht zu erreichen – der Begriff gibt ideologisch ein bißchen zu wenig her (vgl. das Alterswerk Diesseits der Utopie, 1966). P. hat bereits 1924, in einer Hoch-Zeit ideologischer Sinnsuche, mit seinem Buch Grenzen der Gemeinschaft die Gefahren der Gemeinschaftshuberei analysiert, die Illusion der distanzlosen sozialen Beziehung ohne Macht und ohne Differenzierung. Elf Jahre später, bereits im Exil, schrieb er sein Buch über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, das später den Titel Die verspätete Nation bekam. 1935 war es schon zu spät – die große »Gemeinschaft« hatte sich bereits zusammengeschlossen und wartete darauf, auch das übrige Europa »anzuschließen«.

Über vermittelte Unmittelbarkeit hat P. in einigen Studien über Entfremdung, soziale Rolle und Öffentlichkeit geschrieben. Er greift die klassische (eigentlich romantische) Dichotomie des »wahren« und des »bloß vermittelten« Selbst auf, an der sich alle Entfremdungstheorien gerieben haben. Exzentrische Position bedeutet jedoch, daß wir »unvermittelt« gar nicht bei uns selbst sein können, ein Gedanke, der bei Hegel und, interessant zugespitzt, auch bei Gehlen vorkommt. Heidegger (und viele andere »ursprüngliche Denker«) hatten gerade mit dem unmittelbaren »Sein« gelockt. Es ist aber, wie P. fast erbarmend zugibt, den Menschen nicht immer leicht, bei der »natürlichen Künstlichkeit« ihres Tuns zu verharren, das oft bloß in künstliche Künstlichkeit mündet. So landen sie denn, exzentrisch wie sie sind, beim dritten Gesetz ihres Wesens, dem utopischen Standort: »Nach dem Gesetz des utopischen Standorts ist der Mensch der Frage nach dem Sein ausgeliefert, das heißt, warum etwas ist und nicht lieber nichts. Diese Bodenlosigkeit, die schlechthin alles transzendiert, kann nur religiös beantwortet werden, weshalb keine Form von Menschsein ohne religiöses Verhalten zu finden ist, ob das der Anthropologie ohne eine sinnhafte Direktion paßt oder nicht.«

Es wird deutlich, warum man sich auf P.s Anthropologie nicht gerade gestürzt hat. An all die liebgewordenen Ausgänge aus dem irdischen Jammertal hat er »Verboten!« geschrieben. P. aber, offenbar von der eigenen Philosophie auch belehrt (was selten ist), läßt keinen Raum für Melancholie. Wenn wir denn schon exzentrische Positionisten sind, so scheint seine Weisheit zu lauten, dann muß man das eben genießen. In vielen Arbeiten hat er beschrieben, wie gerade die exzentrische Position zu den raffiniertesten Kulturleistungen führt. Schon der hereingeschneite Volontärassistent des Germanischen Nationalmuseums schrieb 1918 über die Geschichtsphilosophie der bildenden Kunst seit Renaissance und Reformation, kein Meisterschuß zwar, aber Zukünftiges anzeigend. In Köln denkt P. bereits Über die Möglichkeiten einer Ästhetik nach – hat aber selber keine geschrieben. Man lese statt dessen seine Rezensionen von Adornos Ästhetik (und der Negativen Dialektik), die leider in der Ausgabe der Gesammelten Schriften fehlen. Ebenfalls in Köln schreibt P. über die Phänomenologie der Musik. Die Deutung des mimischen Ausdrucks ist schließlich ein drittes Thema P.s in der frühen Kölner Zeit und auch dieses wegweisend. Gerade an der Anthropologie des Schauspielers (1948) konnte er das Exzentrische der exzentrischen Position besonders gut demonstrieren. Aufsätze über Spiel und Sport setzten das Thema fort, und eine seiner letzten Arbeiten hieß Die Musikalisierung der Sinne.

P.s bekanntestes Buch war wohl Lachen und Weinen (1941), mehrfach aufgelegt und für seine Verhältnisse fast ein Hit. Lachen und Weinen sind Extremsituationen des menschlichen Verhaltens, sozusagen extreme exzentrische Verhaltensweisen, die sich immer dann einstellen, wenn die normale Verhaltensregulation nicht ausreicht. Vielleicht ist das die wirklich utopische Situation, aber P.s Sprödigkeit läßt es zu dieser Deutung nicht kommen. Später hat er noch über das Lächeln geschrieben, die »vieldeutigere Form«, bei der man nie weiß, »was oder was nicht dahintersteht«. Keine schlechte Formel auch für die »conditio humana«, deren Rätsel hinter aller Philosophie und Wissenschaft P. stets gesehen hat.

Arlt, Gerhard: Anthropologie und Politik. Ein Schlüssel zum Werk Helmuth Plessners. München 1996. – Redeker, Hans: Helmuth Plessner oder die verkörperte Philosophie. Berlin 1993. – Pietrowicz, Stephan: Helmuth Plessner. Genese und System seines philosophisch-anthropologischen Denkens. Freiburg i.Br./München 1992. – Hammer, Felix: Die exzentrische Position des Menschen. Methode und Grundlinien der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners. Bonn 1967.

Werner Brede

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