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Infektionskrankheiten: Wie gefährlich sind die Affenpocken?

Die Zahl der Affenpockenfälle nimmt weltweit zu. Steckt eine Mutation dahinter? Und sollte man sich jetzt gegen Pocken impfen lassen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Fieberthermometer und Medikamente

Anfang Mai 2022 wurden die ersten Fälle in Großbritannien gemeldet, inzwischen häufen sie sich weltweit: Immer mehr Menschen stecken sich erstmals auch außerhalb Afrikas mit Affenpocken an. In Deutschland wurden mittlerweile ebenfalls mehrere Infektionen bestätigt.

Die Krankheit verläuft zwar in aller Regel deutlich milder als eine Infektion mit dem klassischen Pockenvirus, trotzdem beobachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Gesundheitsbehörden das Geschehen derzeit aufmerksam. Wir erklären, was an diesem Ausbruch neu ist, woher die Krankheit kommt, wie gut eine Pockenimpfung schützt und ob sich das Virus auch in hiesigen Tieren verbreiten könnte.

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Woher kommen Affenpocken?

Affenpocken sind Viren, die von Tieren auf den Menschen übergehen können. Anders als ihr Name vermuten lässt, kommen sie vor allem in Nagetieren in West- und Zentralafrika vor. In diesen Regionen haben sich bisher die meisten Menschen angesteckt. Zwei Virusvarianten sind für Menschen relevant: die westafrikanische und die zentralafrikanische Virusvariante, wobei letztere häufiger zu schweren Krankheitsverläufen führt. Bislang (Stand 23.05.) haben sich die aktuell Erkrankten alle mit der milderen, westafrikanische Variante angesteckt.

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An welchen Symptomen erkennt man, dass man Affenpocken hat?

Etwa 5 bis 21 Tage nach einer Ansteckung machen sich die Affenpocken bemerkbar; die meisten Menschen entwickeln nach 6 bis 13 Tagen erste Beschwerden. Dazu gehören typische Grippesymptome wie Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Erst ein bis drei Tage nach Beginn des Fiebers bilden sich ein Ausschlag und die namensgebenden Pocken auf der Haut aus: kleine Knötchen und flüssigkeitsgefüllte Bläschen, die im Verlauf der Krankheit verkrusten und abfallen. Häufig treten sie zuerst im Gesicht auf und breiten sich dann am ganzen Körper aus, vor allem an den Handinnenflächen und Fußsohlen, in der Mundschleimhaut, im Genitalbereich und an den Augen. Die aktuell Erkrankten berichten aber auch, dass die Hautveränderungen zuerst im Genitalbereich aufgetreten sind.

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Wie gefährlich sind Affenpocken?

Eine Infektion mit der bisher außerhalb von Afrika kursierenden westafrikanischen Variante der Affenpocken verläuft fast immer mild; die meisten Erkrankten erholen sich innerhalb von zwei bis vier Wochen wieder. Das heißt aber nicht, dass die Erkrankung harmlos ist: Vor allem für jüngere Kinder und immungeschwächte Menschen kann sie mitunter lebensgefährlich werden. Bis zu elf Prozent der Kinder unter 16 Jahren, die sich mit der zentralafrikanischen Virusvariante angesteckt haben, sind laut dem Robert Koch-Institut in der Vergangenheit an den Affenpocken gestorben. Wie gefährlich die westafrikanische Variante für Kinder ist, ist unklar. Insgesamt ist die bisherige Datenlage schlecht. Derzeit geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass drei bis sechs Prozent aller Infizierten sterben. Die Zahl basiert aber vor allem auf Todesfällen durch die gefährlichere zentralafrikanische Variante des Virus. Bei Ausbrüchen der westafrikanischen Variante ist die Sterblichkeit deutlich niedriger. Die Zahlen lassen sich außerdem nur sehr bedingt auf Europa übertragen.

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Was ist am aktuellen Ausbruch neu?

Bislang kannte man Fälle von Affenpocken fast ausschließlich aus Afrika. Hier werden seit Jahrzehnten regelmäßig Infektionen bei Menschen beobachtet, auch wenn diese relativ selten sind. Außerhalb des Kontinents konnten vor 2022 nach Angaben der WHO nur vereinzelt Infektionen bei Menschen nachgewiesen werden, etwa in Großbritannien, den USA, Israel und Singapur. Die Betroffenen hatten sich dabei auf Reisen nach Nigeria oder Ghana angesteckt oder waren mit kontaminierten Materialien in Kontakt gekommen, die Reisende bei ihrer Rückkehr mitgebracht hatten. 2003 infizierten sich in den USA rund 70 Personen über Präriehunde, die zusammen mit Nagetieren aus Ghana gehalten worden waren. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen wurden dabei aber wohl nicht beobachtet.

Dass Infektionen auftreten, die sich nicht mehr direkt nach West- oder Zentralafrika zurückverfolgen lassen, ist hingegen neu. Auch die hohe Zahl der gemeldeten Fälle und deren weite Verbreitung ist ungewöhnlich. Weit mehr als 200 Infektionen konnten weltweit inzwischen nachgewiesen werden, darunter in Deutschland, Großbritannien, Belgien, Schweden, Portugal, Spanien, Italien, den USA und Kanada. Ein ungewöhnlich hoher Anteil der Übertragungen hängt außerdem mit Geschlechtsverkehr zusammen. Da die Inkubationszeit der Krankheit bis zu drei Wochen beträgt, gehen Experten davon aus, dass in der nächsten Zeit auch noch mehr Fälle entdeckt werden.

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Wie groß ist die Gefahr einer neuen Pandemie?

Fachleute gehen bisher nicht davon aus, dass der Affenpocken-Ausbruch sich unkontrolliert international verbreitet oder gar zu einer Pandemie wird. Alles deutet darauf hin, dass das Virus weit weniger Ansteckend ist als zum Beispiel Sars-CoV-2 oder Grippe, und nur durch enge oder intime Kontakte übertragen wird. Das, und die lange Inkubationszeit von bis zu drei Wochen, schränkt die Ausbreitung des Virus ein und macht Gegenmaßnahmen wie Isolation und Kontaktverfolgung effektiver. Zusätzlich gibt es Medikamente und einen Impfstoff. Mit gezielten Impfstrategien wie Ringimpfungen, bei denen Personen im Umfeld Infizierter geimpft werden, kann man die Ausbreitung ebenfalls bremsen. Solche Ringimpfungen werden zum Beispiel bei Ebola-Ausbrüchen mit einigem Erfolg eingesetzt.

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Ist eine neue Virusvariante verantwortlich?

Prinzipiell könnten Veränderungen im Viruserbgut die Affenpocken ansteckender gemacht haben. Allerdings evolviert das Virus vergleichsweise langsam. Sein Erbgut besteht aus DNA und ist dadurch stabiler als das der sich recht schnell verändernden RNA-Viren wie der Influenzaviren oder Sars-CoV-2. Die Ergebnisse der ersten vorliegenden Genanalysen kann man bisher nicht sicher interpretieren. Um den aktuellen Ausbruch zu erklären, ist es auch nicht zwingend notwendig, dass das Virus ansteckender ist. Möglich ist ebenfalls, dass ein Zusammentreffen verschiedener Umstände – zum Beispiel besonders günstige Bedingungen für die Ausbreitung oder ein Superspreader-Ereignis – hinter der hohen Zahl der Infizierten steckt.

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Haben Affenpocken Langzeitfolgen?

Die wichtigste Langzeitfolge sind Hautveränderungen und Narben, die von den für Affenpocken typischen Pusteln zurückbleiben. Das können etwa örtliche Pigmentstörungen, aber auch schüsselförmig eingetiefte Hautnarben sein. Bei einem Teil der Infektionen – in einer Übersichtsstudie bei einem Viertel – sind außerdem die Augen betroffen. Das Virus verursacht eine Art Bindehaut- oder Hornhautentzündung, die in manchen Fällen Narben in der Hornhaut verursachen und so das Sehvermögen dauerhaft einschränken kann. Außerdem berichten Fachleute von weiteren ernsten Komplikationen, zum Beispiel bakteriellen Infektionen, Sepsis, neurologischen Problemen und Lungenentzündung, die ihrerseits dauerhafte Schäden verursachen können.

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Wie gut schützt eine Pockenimpfung?

Experten und Expertinnen gehen davon aus, dass die Pockenimpfung, die bis in die 1980er Jahre hinein in Deutschland für Kinder Pflicht war, auch gut gegen Affenpocken wirkt. Der klassische Pockenimpfstoff, der damals zum Einsatz kam, ist heute allerdings auf Grund seiner Nebenwirkungen hier zu Lande nicht mehr zugelassen. Mittlerweile gibt es jedoch einen neuen, veränderten Impfstoff, der Daten aus Afrika zufolge in etwa 85 Prozent der Fälle vor einer Ansteckung mit Affenpocken schützt; wer sich trotzdem infiziert, erkrankt milder. Auch Menschen, die bereits Kontakt zu einer erkrankten Person hatten, können sich prinzipiell noch impfen lassen. Wird das Vakzin innerhalb von vier Tagen nach der Ansteckung verabreicht, kann ein Ausbruch der Krankheit häufig immer noch verhindert werden.

Der Pockenimpfstoff, der heute für Erwachsene in der EU zugelassen ist, basiert wie frühere Vakzine auf einem modifizierten Vacciniavirus, das ebenfalls zu den Pockenviren gehört und dem Menschen- sowie dem Affenpockenvirus ähnelt. Im Vergleich zu Menschenpocken löst es allerdings kaum Symptome aus. In dem Lebendimpfstoff ist es in einer abgeschwächten Form zu finden, die sich im menschlichen Körper zudem nicht mehr vervielfältigen kann.

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Kann ich mich jetzt gegen Affenpocken impfen lassen?

Bislang gibt es im Zusammenhang mit den Affenpocken keine Empfehlung für Menschen in Deutschland, sich impfen zu lassen. Da für eine Übertragung nach aktuellem Kenntnisstand ein enger Kontakt notwendig ist, sind die Chancen hoch, dass der Ausbruch auch so im Sande verläuft. Die längsten Infektionsketten, die bislang dokumentiert werden konnten, waren nach Angaben der WHO etwa sechs bis neun Personen lang.

Über eine Impfempfehlung für besonders gefährdete Personen denke man aber nach, erklärte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach am 23. Mai am Rande der Weltgesundheitsversammlung in Genf. In Großbritannien rät die britische Gesundheitsbehörde inzwischen Kontaktpersonen mit einem hohen Risiko für eine Ansteckung zu einer Impfung mit dem Pockenimpfstoff. Dazu zählen etwa Haushaltsangehörige oder Sexualpartner von Infizierten.

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Muss ich in Quarantäne, wenn ich mich angesteckt habe?

Erste Regelungen für den Umgang mit Erkrankten sind in Arbeit: Am 24. Mai teilte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mit, dass für Infizierte und deren Kontaktpersonen eine angeordnete Isolation von mindestens 21 Tagen empfohlen werden soll. Die Empfehlung sei zusammen mit dem Robert Koch-Institut (RKI) entwickelt worden, sagte Lauterbach auf einer Pressekonferenz während des Deutschen Ärztetags.

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Könnten die Affenpocken sich auch in hiesigen Tieren verbreiten?

Die Affenpocken sind eigentlich eine Tierkrankheit, vermutlich bei Nagetieren, die nur gelegentlich auf Affen und Menschen überspringt. Außerdem ist eine ganze Reihe verschiedener Tierarten nachweislich empfänglich – auch außerhalb von Afrika. Theoretisch ist es deswegen möglich, dass sich Tiere ihrerseits bei infizierten Menschen anstecken und das Virus untereinander weitergeben. Ein solches tierisches Reservoir wäre ein großes Problem bei der Bekämpfung der Affenpocken, denn das Virus kann von dort jederzeit wieder auf den Menschen überspringen, wie zum Beispiel in Nigeria, wo jedes Jahr mehrere Fälle auftreten – seit 2017 mehr als 500.

Eine solche Situation ist in Europa denkbar, allerdings unwahrscheinlich: »Das Wirtsspektrum der Affenpocken für eine Spill-over-Infektion ist zwar breit, aber ob es auch Tierspezies in Europa gibt, die überhaupt als geeignete Reservoirwirte in Frage kommen und das Virus weiterverbreiten können, ist eher fraglich«, sagt Martin Beer, Leiter des Instituts für Virusdiagnostik am Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald. Man bräuchte erst einmal eine solche empfängliche Tierart, die dann auch ausreichend engen Kontakt zu einem infizierten Menschen haben und in der Lage sein müsste, weitere Tiere effizient anzustecken, erklärt der Virologe. Zwar könnte ein einzelnes Haustier wie eine Katze durch direkten Kontakt zu einem betroffenen Menschen infiziert werden – dann müsste das Virus jedoch erst einmal an weitere Individuen einer Population weitergeben werden. »Dass sich das Virus in einer neuen Tierpopulation in Europa etabliert, ist daher sehr unwahrscheinlich«, sagt Beer.

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