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Serie Auslandsstudium

Auf Englisch studieren - ein Handikap?

Es gibt viele gute Gründe, ein Auslandssemester oder gleich das ganze Masterstudium auf Englisch zu absolvieren. Sprachforscher haben jetzt die Kehrseite untersucht: wann es schwierig wird, den Lehrstoff in einer Fremdsprache zu bewältigen.
Englische Fachbegriffe auf einer Tafel sind für die meisten Studis heute kein Problem. Freies Reden in der Prüfung fällt vielen schon schwerer.

Eine fremde Kultur kennen lernen, die Luft der großen weiten Welt schnuppern – rund 100 000 junge Deutsche wagen jedes Jahr diesen Schritt und gehen für mindestens ein Semester ins nicht deutschsprachige Ausland. Und nicht nur sie erwerben ihr Fachwissen in einer Fremdsprache. Der Deutsche Akademische Austauschdienst listet mehr als 1300 Studiengänge in Deutschland mit Englisch als Unterrichtssprache auf. Der Vorteil versteht sich von selbst: Man lernt nicht nur die eigentlichen Studieninhalte, sondern quasi nebenbei eine Fremdsprache.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Das klingt verlockend. Allerdings ist wenig darüber bekannt, ob fremdsprachlicher Unterricht auch eine Kehrseite hat. Prägt sich der Stoff ebenso tief ein wie beim Lernen in der Muttersprache? Haben deutschsprachige Studierende, die eine Prüfung auf Englisch ablegen, im Vergleich zu Muttersprachlern ein Handikap?

Natürlich kommt es darauf an, wie gut man die betreffende Fremdsprache beherrscht. Doch auch bei guter Kenntnis einer Fremdsprache lesen wir darin langsamer als in unserer Muttersprache. Umso mehr, wenn wir mit dem Thema auch in unserer Muttersprache noch nicht sehr vertraut sind.

Wie die Wörter miteinander verknüpft sind

Das belegten unter anderem Wissenschaftler der belgischen Forschungsgruppe Lemma (Language Education and Memory in Multilingualism and Academia) mit einem Experiment an der Universität Gent. Die Psychologen Nicolas Dirix und Wouter Duyck verglichen darin, wie leicht Wörter in Muttersprache und Fremdsprache verarbeitet werden. Sie baten 19 Studierende, am Computer einen kompletten Krimi von Agatha Christie entweder auf Englisch oder in ihrer Muttersprache Flämisch vorzulesen. Eine Kamera verfolgte dabei die Bewegungen ihrer Augen und erfasste, wie lange sie jedes Wort fixierten und wie lange sie zum Vorlesen eines Satzes brauchten.

Wie erwartet lasen die Probanden auf Englisch langsamer und sprangen im Text öfter hin und her, um ein Wort oder einen Satzteil erneut zu lesen. In beiden Sprachen fixierten sie außerdem jene Wörter länger, die Kinder in der Regel später lernen, weil sie in der Alltagssprache weniger gebräuchlich sind. Erstaunlicherweise brauchten die Probanden für längere englische Wörter umso mehr Zeit, je später sie das zugehörige Wort in ihrer Muttersprache gelernt hatten. Um solche Vergleiche ziehen zu können, griffen die Forscher auf Ranglisten aus der Sprachentwicklungsforschung zurück.

Wie leicht wir ein schwieriges fremdsprachliches Wort verarbeiten, hängt demnach auch von dessen Bedeutung ab: Wenn das fremde Wort für etwas steht, was schon jedes Kind kennt, ist es auch in der Fremdsprache einfacher zu verstehen. Die Forscher schlussfolgern daraus: Gleichbedeutende Wörter teilen sich einen neuronalen "Gedächtnisknoten". Er repräsentiert ihre Bedeutung im semantischen Gedächtnis. Hat sich eine Wortbedeutung in der Muttersprache schon früh und tief eingeprägt, kann man diesen Knoten später schneller aktivieren, und das erleichtert die Verarbeitung des fremdsprachlichen Wortes.

Auf die Prüfung kommt es an?

Das Gedächtnis speichert den Wortschatz einer Fremdsprache demnach nicht in einem separaten Netzwerk, sondern verknüpft ihn mit dem der Muttersprache. Das gibt zwar einen ersten Einblick, wie das Sprachgedächtnis aufgebaut ist. Auf die Frage, ob wir Inhalte aus englischen Texten ebenso gut abspeichern und abrufen wie aus deutschen, gibt es derzeit allerdings keine glasklare Antwort.

Dieser Artikel ist der erste einer dreiteiligen Serie zum Thema Studieren im Ausland.

2. Teil: Wie ein Auslandssemester die Persönlichkeit verändert

Auf die Prüfung kommt es an, so glauben unter anderem Heleen Vander Beken und Marc Brysbaert, ebenfalls Mitglieder aus der Lemma-Gruppe. Sie ließen rund 200 Studierende kurze Fachtexte lesen, die eine Hälfte auf Englisch, die andere in ihrer Muttersprache Flämisch. Alle hatten jeweils sieben Minuten Zeit, konnten also Verständnisprobleme nicht durch längeres Lesen ausgleichen. Danach kreuzten sie in einem Multiple-Choice-Test an, welche der in derselben Sprache präsentierten Aussagen korrekt waren und welche nicht. Das gelang den Probanden in beiden Sprachen gleichermaßen gut. Sollten sie hingegen die Aussagen des Textes nacherzählen, fiel den Englischlesern merklich weniger ein. Das Problem lag demnach nicht im passiven Verständnis, sondern entstand erst, wenn sie sich aktiv erinnern und den Inhalt frei reproduzieren sollten.

Das Ergebnis blieb unverändert, als Vander Beken und Brybaert das Experiment gemeinsam mit Kollegen wiederholten. Weitere 170 Studierende lasen wiederum Sachtexte in Mutter- und Fremdsprache, absolvierten die Tests aber einen Tag, eine Woche sowie einen Monat später. Die Ergebnisse im Englischen waren auch noch nach einem Monat ebenso gut wie in der Muttersprache. Sollten die Probanden die Inhalte der Texte jedoch frei wiedergeben, fiel die Leistung in der Fremdsprache erneut deutlich schlechter aus.

Die Leistung von Studierenden könnte unterschätzt werden, wenn sie Aufsätze in einer Fremdsprache schreiben

Demnach wäre es wahrscheinlich, dass sich das Faktenwissen in Fremd- und Muttersprache gleichermaßen tief einprägte und es beim freien Reproduzieren lediglich am aktiven Wortschatz und an der Ausdrucksfähigkeit haperte. Doch die Autoren bleiben vorsichtig: Es sei nicht auszuschließen, dass die Gedächtnisspuren in der Fremdsprache doch leichter verblassen; vielleicht machte der Multiple-Choice-Test feine Unterschiede nur nicht sichtbar.

Eines sei jedoch klar: "Die Leistung von Studierenden könnte unterschätzt werden, wenn sie Aufsätze in einer Fremdsprache schreiben", warnen Vander Beken und Brysbaert. Auch bei mündlichen Prüfungen entstünde so womöglich ein falscher Eindruck von der fachlichen Kompetenz eines Prüflings. In diesem Fall sollte der Nachteil allerdings verschwinden, wenn lediglich die Lehre oder Lektüre in der Fremdsprache stattfindet, die Prüfung aber in der Muttersprache. Nur: Ist das tatsächlich so?

Was bei der fremdsprachlichen Lektüre helfen kann

Experimente der Sprachwissenschaftlerin Stéphanie Roussel von der Universität in Bordeaux lieferten dazu 2017 eine deutliche Antwort. Sie und ihr Team legten Jurastudierenden einen juristischen Fachtext vor: entweder in deren Muttersprache Französisch, in einer Fremdsprache oder in derselben Fremdsprache mit Übersetzungshilfen. Rund 100 Studierende durchliefen das Experiment auf Französisch und Deutsch, weitere 84 auf Französisch und Englisch – je nachdem, in welcher Fremdsprache sie gerade einen Kurs absolvierten. Im Schnitt verfügten die Probanden über ein niedriges mittleres Kompetenzniveau (B1).

Alle Probanden hatten für den ihnen zufällig zugeteilten Text insgesamt 15 Minuten Zeit zum Lesen und Einprägen. Im Anschluss absolvierten sie verschiedene Tests, bei denen sie unter anderem in ihrer Muttersprache frei auf inhaltliche Fragen zum Text antworteten. Am meisten Fachwissen war hängen geblieben, wenn die Studierenden auch in ihrer Muttersprache lesen durften: Sie erreichten im Schnitt 17 bis 18 von 21 möglichen Punkten. Beim deutschen Text mit Übersetzungshilfe kamen sie auf zirka 14 Punkte, ohne Hilfen nur noch auf 11. Im Englischen waren sie zwar in beiden Bedingungen ein wenig besser, aber ebenfalls schlechter als nach muttersprachlicher Lektüre.

Etwas geringer fiel der Unterschied bei rund 100 Informatikstudierenden aus, die das gleiche Experiment durchliefen: Der Vorteil für die muttersprachliche Lektüre war bei ihnen kleiner. Das könnte am Fach liegen, denn das Fachwissen liegt vor allem im Internet überwiegend in englischer Sprache vor. Die Informatikstudierenden dürften mit der englischen Terminologie deshalb viel vertrauter mit den Begrifflichkeiten ihres Fachs sein als Jurastudierende.

Forscher empfehlen, Sprach- und Fachkenntnisse separat zu vermitteln, solange die Sprachkenntnisse nicht weit genug fortgeschritten sind

In einer Fremdsprache zu lesen und zu lernen, ist demnach auch dann ein Handikap, wenn das neue Wissen in der Muttersprache abgefragt wird. Die Autoren deuten ihre Befunde als Beleg für die so genannte Cognitive Load Theory. Kurz gefasst: Wenn Menschen einen Teil ihrer begrenzten kognitiven Kapazität dafür benötigen, einen Text sprachlich zu verstehen, bleibe für den Inhalt weniger übrig.

Roussel und Kollegen empfehlen deshalb, Sprach- und Fachkenntnisse separat zu vermitteln, solange die Sprachkenntnisse nicht weit genug fortgeschritten sind. Ein Niveau von B1 reiche nicht aus; es bedürfe dafür schon beträchtlicher Sprachexpertise. Laut dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen kann ein Sprecher auf B1-Niveau "die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird"; er kann sich in einfachen Worten zu vertrauten Themen und persönlichen Interessen äußern, über Erfahrungen und Ereignisse berichten sowie Pläne und Ansichten erklären.

Wann der Wechsel zwischen den Sprachen schwerfällt

In einer Fremdsprache zu lernen, könnte also den Lernerfolg mindern. Prüfungen in der Muttersprache abzuhalten, löst das Problem wahrscheinlich nicht. Es kann die Sache sogar erschweren, wenn sich die Prüflinge im Ausland aufhalten oder anderweitig permanent mit der Fremdsprache konfrontiert sind. Denn der Wechsel in die Muttersprache kostet dann besondere geistige Anstrengung – nicht nur beim Sprechen oder Schreiben, sondern auch beim Lesen, wie 2017 ein Experiment mit zweisprachigen Probanden zeigte.

Weil die dominantere ihrer beiden Sprachen stärker aktiviert sei, so argumentieren die französischen Forscher, müsse sie auch stärker unterdrückt werden, sobald die schwächere Sprache gefragt ist. Möchte man zur dominanten Sprache springen, müsse man diese Unterdrückung unterdrücken, und das beanspruche offenbar mehr Kapazitäten als im umgekehrten Fall.

Dabei kommt es auch noch darauf an, wie verschieden die beiden Sprachen sind. Der Wechsel kostet beispielsweise weniger Anstrengung, wenn es sich bei einer der beiden Sprachen um Gebärden handelt, stellte ein Team um die Psychologin Simone Schaeffner von der Universität Aachen ebenfalls 2017 fest. Ihre Versuchspersonen sollten abwechselnd ihre Muttersprache Deutsch sprechen und in einer anderen Sprache Zahlen und Bilder benennen: auf Englisch, auf Französisch oder mittels Gebärden. Sie reagierten schneller und machten weniger Fehler, wenn sie zwischen Laut- und Gebärdensprache wechseln sollten als zwischen zwei Lautsprachen. Offenbar kamen Laute und Gesten einander weniger in die Quere.

Fazit: Ob ein Studium auf Englisch das Lernen von Fachwissen merklich erschwert, hängt von vielen Dingen ab, beispielsweise der Sprachkenntnis und Vertrautheit mit dem Vokabular. In jedem Fall ist es nicht falsch, für das Studium etwas mehr Zeit einzuplanen. Prüfungen auf Englisch absolviert zu haben, zahlt sich spätestens dann aus, wenn man vor internationalen Kollegen Präsentationen halten oder einfach nur locker mit ihnen plaudern kann.

Ob es um diese Art von Vor- oder Nachteilen überhaupt gehen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Neue Erfahrungen jenseits der Komfortzone können die neuronalen Netzwerke auf vielfältige Weise beflügeln. Das hilft nicht nur beim Lernen, sondern auch beim Leben.

01/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 01/2018

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