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Bjerringhøj: Der Wikinger in der falschen Kiste

Nach gut hundert Jahren ist das Skelett einer außergewöhnlichen Wikingerbestattung wieder aufgetaucht. Es stellt die Forscher vor dieselben Rätsel wie die Ausgräber von einst.
Manschetten aus dem Grabhügel BjerringhøjLaden...

Im Jahr 1868 wollte ein Bauer auf Jütland in Dänemark eine Senke auf seinem Land auffüllen. Das Füllmaterial dazu sollte ein rund vier Meter hoher, auffälliger Hügel in der Gegend liefern: der Bjerringhøj. Nachbarn kamen, um zu helfen. Doch schon bald merkten die Männer, dass mit dem Hügel etwas nicht stimmen konnte: Im Erdreich lagen Holzbohlen. Der Bjerringhøj, so dämmerte den Bauern, war in Wirklichkeit der künstlich aufgeschüttete Grabhügel eines Wikingers. Statt die Behörden zu informieren, gruben sie weiter und teilten, was sie an Funden aus dem Boden schaufelten, untereinander auf.

So wären die sterblichen Überreste jenes Wikingers beinahe zum ersten Mal verloren gegangen. Zum Glück erfuhr Arthur Feddersen davon, ein Dozent der katholischen Schule im nahen Viborg und zudem ein Archäologiefan. Er suchte den Bjerringhøj auf, fand noch vereinzelte Reste von Textilien, Knochen und verklumpte Daunen. Feddersen informierte das Nationalmuseum in Kopenhagen. Das schickte einen Fachmann ins Dörfchen Mammen, und gemeinsam überzeugten sie die Raubgräber, nicht nur ihre Beute dem Museum zu überlassen, sondern auch die jeweiligen Fundumstände genau zu schildern. Die Angaben nährten beispielsweise die Annahme, dass diese Grabkammer ein Giebeldach besaß, also aufwändiger als manch anderes Hügelgrab gebaut war.

Das Museum veranlasste eine Notgrabung, die aber nur wenig mehr Informationen erbrachte. Gleiches galt für eine Nachgrabung 1986. Die lieferte immerhin eine dendrochronologische Datierung mit Hilfe der Jahresringe des Holzes: Das Baumaterial der Grabkammer war in den Jahren 970 und 971 geschlagen worden. In jener Zeit war Dänemark ein junges, gerade christianisiertes Königreich mit enormem Expansionswillen, beherrscht von einer kriegerischen, statusbewussten Elite.

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Mit Stickereien verzierter Stoff | Machart und Materialauswahl sprechen dafür, dass im Grab ein hochrangiges Mitglied der damaligen Gesellschaft lag. In keinem Grab der Zeit wurde mehr Seide gefunden.

Der Bjerringhøj-Grabhügel – im Nachhinein als einer der bedeutendsten Bestattungsfunde aus dem Dänemark der Wikingerzeit eingeordnet – ist ein Beispiel dafür, wie sich die Elite über den Tod hinaus präsentierte: Die zentrale Kammer des Grabhügels barg einen Holzsarg, der vornehm gekleidete Leichnam war darin auf Daunenfedern oder eine damit gefüllte Matratze aus blauem Stoff gebettet worden. Zu seinen Füßen lagen zwei kostbare, mit Silber verzierte Eisenäxte, was die Vermutung nährte: Dort wurde ein Mann beigesetzt. Auf dem Sarg lag eine Bienenwachskerze, ein Hinweis auf einen Glauben, der bereits christliche Elemente aufwies. Zwei Holzeimer und ein Bronzekessel an einem Ende der Kammer vervollständigten die Beigaben.

Ein Wikingerfürst mit femininer Ferse?

Vom Skelett war nur wenig erhalten. Vielleicht hätte eine nach allen Regeln der damaligen Archäologie durchgeführte Grabung mehr Knochen, und diese zudem intakt, bergen können. So aber konnten die Experten, die 1872 die Knochen begutachteten, nur vermuten, dass es sich bei dem Bestatteten um einen Mann handelte. Elle und Speiche eines Unterarms sowie ein Fersenknochen muteten ihnen allerdings ungewöhnlich grazil an. Handelte es sich also womöglich doch um das Grab einer Kriegerin?

Dieser Frage mit den naturwissenschaftlichen Methoden der modernen Archäologie nachzugehen, war jedoch ausgeschlossen: Spätestens bei der Nachuntersuchung im Jahr 1986 stellte sich heraus, dass die Skelettreste unauffindbar waren. Was Feddersen einst für die Forschung gerettet hatte, schien nun endgültig verloren. Purem Zufall ist es zu verdanken, dass die Knochen nun wieder entdeckt wurden: in einer falsch etikettierten Kiste. Dass es sich tatsächlich um den Toten vom Bjerringhøj handelt, legten Charlotte Rimstadt, Expertin für archäologische Textilien am dänischen Nationalmuseum, und ihre Koautorinnen kürzlich im Fachblatt »Antiquity« detailliert dar.

Im Rahmen des Forschungsverbunds »Fashioning the Viking Age« hatten die Forscherinnen eine mit »Slotsbjergby« beschriftete Fundkiste aus dem Archiv des Nationalmuseums geholt. Sie war einem Wikingergrab auf Seeland zugeordnet und sollte laut dem Grabungsbericht von 1897 einen Knochen beinhalten, an dem zwei Stofffetzen hafteten. Stattdessen kam ein ganzes Ensemble von Skelettresten samt Textilien zum Vorschein.

Spuren eines anstrengenden Lebens

Darunter konnte die forensische Pathologin Marie Louise Jorkov von der Universität Kopenhagen elf größere Stücke anatomisch identifizieren, beispielsweise als Teil eines rechten Unterarms oder linken Oberschenkels. Zum Grabungsbericht von Slotsbjergby passte all das nicht, wohl aber zu dem vom Bjerringhøj; lediglich ein darin erwähntes Stück Backenzahnschmelz fehlte.

Die Grabkammer glich mit ihrem Giebeldach einem HausLaden...
Die Grabkammer glich mit ihrem Giebeldach einem Haus | Die knapp einen halben Meter lange Kerze spricht nach Ansicht von Fachleuten dafür, dass christliche Symbolik in die Bestattungsrituale Einzug hielt.

Die Breite des linken Kniegelenks, gemessen am entsprechenden Anteil eines Oberschenkelknochens, unterstützt die Annahme eines männlichen Toten, mutmaßlich 1,71 bis 1,78 Meter groß. Sein Alter schätzte Jorkov anhand einer Wachstumsfuge im Knochen, die sich mit fortschreitendem Lebensalter schließt, auf »in seinen Dreißigern«. Dazu passt ein gewisser Verschleiß im linken Kniegelenk sowie eine Verdickung dort, wo einst der Gesäßmuskel ansetzte. Beides legte überdies nahe, dass der Verstorbene häufig geritten sei, wie es einem Wikingervornehmen geziemte.

Doch wie schon 1872 fiel auf, dass eine Speiche und ein Fersenbein zu grazil für einen Mann sind und nicht ins anatomische Bild passen. Zudem errechnete sich aus einer Wachstumsfuge der Speiche ein Alter von nur 17 bis 20 Jahren. Vermutlich barg der Sarg also zwei Personen; ob die zweite eine junge Frau war, lässt sich derzeit leider nicht entscheiden. Denn für eine DNA-Analyse liefern die Knochen zu wenig Material.

Immerhin war eine Bestimmung verschiedener Isotope möglich. Das Verhältnis, in dem die Varianten häufiger Elemente zueinander stehen, liefert unter anderem einen Hinweis darauf, wie sich jemand ernährte. Demnach bestand die Nahrung jener Menschen zu etwa 15 Prozent aus Meerestieren. Auch die Altersbestimmung mittels Radiokarbondatierung ergab ein Sterbedatum von 893 bis 990, was zur erwähnten Dendrodatierung passte. Die Textilreste, die an den Knochen hafteten, bestätigen ebenfalls die Vermutung, dass in der Kiste in Wahrheit der Fund vom Bjerringhøj lagerte und nicht jener von Slotsbjergby, der bereits 1900 und 1940 genau beschrieben worden war.

Fetzen vom Feinsten

Obwohl die Raubgräber nur Fetzen übrig ließen, ist die 1868 gesammelte Menge an Stoffen von Bjerringhøj größer als die aus jedem anderen Wikingergrab. Insbesondere die schiere Menge an Seide erstaunt die Expertinnen. Die Verzierung der Kleidung mit Gold- und Silberfäden ist vom Feinsten. Erhalten ist auch gut ein Quadratmeter mit Gesichtern, Pflanzen und Vögeln bestickter Wollstoffe. All das unterstreicht die Bedeutung der Verstorbenen: Hier wurden keine Dorfgrößen beigesetzt, sondern Angehörige einer Dynastie, die vermutlich sogar im Königreich mitzusprechen hatte.

Teile des Mantels aus BiberpelzLaden...
Teile des Mantels aus Biberpelz | Die hochwertig verarbeiteten Bänder verzierten wohl einst den Mantel. Für sie gibt es in anderen Funden der Zeit keine Parallelen. Ganz sicher ist die Deutung also nicht: Sie könnten auch zu einem Gürtel gehört haben.

Charlotte Rimstadt und Ulla Mannering, Kuratorin am Nationalmuseum und Projektleiterin von »Fashioning the Viking Age«, verglichen die an den wiederentdeckten Knochen haftenden Materialien mit bereits bekannten und beschriebenen Bjerringhøj-Funden. So identifizierten sie bei einer Stoffrolle um ein Schienbein sowohl Teile in lockerer Leinwandbindung (Kett- und Schussfäden bilden ein gleichmäßiges Gitterwerk) als auch solche mit Köperbindung, bei der eine diagonale Struktur entsteht. In der Kiste fanden sich auch mit Webbrettchen gefertigte Bänder. Bei dieser Methode laufen die Kettfäden durch gelochte Brettchen, die man dreht, um jeweils einen anderen Faden nach vorn zu bringen. Auf ihrer Website beschreiben sie detailliert anhand einer Rekonstruktion, mit welch farbiger Pracht der Tote aus dem Bjerringhøj bei seiner Bestattung angezogen war und wie die Kleidung hergestellt wurde.

Die Forscherinnen sind sich sicher, dass die Fragmente zusammengehörten und eine Manschette bildeten – offenbar den Abschluss eines langen Hosenbeins. Ein vergleichbares Manschettenpaar für die Handgelenke (siehe Bild ganz oben) wurde schon früher aus Bjerringhøj-Textilfragmenten rekonstruiert. Alles in allem bestätigt sich: Die Wikingerüberreste aus Jütland hatten das Museum nie verlassen, sie waren nur falsch etikettiert worden.

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