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Familie: Bloß keine negativen Gefühle zeigen?

Viele Eltern meinen, ihren persönlichen Frust und Stress vor ihren Kindern verstecken zu müssen. Doch das kann unerwünschte Folgen haben.
Vater und Tochter stehen an einem GrabLaden...

Damit ihre Kinder nicht mitleiden müssen, bemühen sich Eltern zuweilen, ihre Gefühle zu verbergen. Welche Folgen das hat, untersuchte ein Team um Emotionsforscherin Wendy Mendes von der University of California in San Francisco in einem kleinen Experiment. Die Psychologinnen luden mehr als 100 Mütter und Väter mit ihren sieben- bis elfjährigen Kindern ins Labor ein. Die Eltern wurden zunächst einzeln mit einem bewährten Stresstest unter Druck gesetzt: Sie sollten eine Präsentation halten und mussten sich dabei Kritik gefallen lassen. Danach trafen sie ihren Nachwuchs wieder und sollten sich von ihm zum Bau eines Legohauses anleiten lassen. Die eine Hälfte der Väter und Mütter wurde instruiert, sich wie immer zu verhalten; die anderen sollten ihre Kinder nicht spüren lassen, wie sie sich gerade fühlten.

Letztere verhielten sich daraufhin auch generell weniger interessiert und weniger warmherzig gegenüber ihren Kindern, und umgekehrt reagierten diese dann ebenfalls verhaltener auf die Eltern. Betrachtete man Väter und Mütter getrennt, ließ sich der Effekt zwar nur bei den Vätern und bei Kindern gegenüber ihren Müttern beobachten. Auf die Stimmung schlug sich die Gefühlsunterdrückung aber bei den Kindern und Eltern beiderlei Geschlechts nieder.

Wie kamen die Unterschiede zwischen Vätern und Müttern zu Stande? Die Psychologinnen stellten fest, dass das Verhalten der Kinder deutlich enger mit dem der Mütter zusammenhing als mit dem der Väter. Deshalb, so die Vermutung, übertrug sich die Gefühlsunterdrückung seitens der Väter auch kaum auf den Nachwuchs. Mendes und ihre Kolleginnen können aber nicht erklären, warum sich der Effekt bei den Mutter-Kind-Dyaden nachweisen ließ, obwohl sich die Mütter nach Aufforderung zur Gefühlsunterdrückung nicht sichtbar anders verhielten als die der Kontrollgruppe. Womöglich waren ihre zwischenmenschlichen Signale so fein, dass sie sich bei der Verhaltensbeobachtung nicht in den verwendeten Kategorien niederschlugen.

»Kinder sind gut darin, subtile Hinweise auf Emotionen zu erkennen«, kommentiert Koautorin Sara Waters in ihrer Pressemitteilung. »Wenn sie das Gefühl haben, dass etwas Negatives passiert ist, die Eltern sich aber normal verhalten, ist das für sie verwirrend.« Anstatt Emotionen vor ihren Kindern zu unterdrücken, sollten die Eltern einen Konflikt auf gesunde Weise vor ihnen bis zum Ende austragen: »Es ist am besten, den Kindern zu sagen, dass du wütend bist und was du dagegen tun wirst, um die Situation zu verbessern.« Das helfe den Kindern zu lernen, ihre eigenen Emotionen zu regulieren und Probleme zu lösen.

2/2019 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2019 (März/April)

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