Direkt zum Inhalt

Sars-CoV-2: Die schwierige Suche nach neuen Covid-Medikamenten

Neue Mittel gegen Corona zu entwickeln, wird zunehmend anspruchsvoller: Da immer mehr Menschen geimpft sind, gibt es immer weniger Testpersonen. Dabei sind Fortschritte in der Therapie dringend nötig.
Blister des Coronamedikaments Paxlovid
Das antivirale Mittel Paxlovid senkt das Risiko, mit Covid-19 ins Krankenhaus zu müssen oder daran zu sterben. Vergleichbare Mittel zu entwickeln und zu testen, wird inzwischen immer schwieriger.

In den vergangenen zwei Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine ganze Reihe von Therapien für Menschen mit Covid-19 entwickelt. Doch nun fürchten sie, dass die Fortschritte auf diesem Feld ins Stocken geraten könnten: Es wird immer schwieriger, neue Behandlungsmethoden in klinischen Studien zu erproben. Ein Grund dafür sind die Impfungen, die vielerorts dazu geführt haben, dass schwere Verläufe abnehmen, wodurch die Zahl der potenziellen Studienteilnehmer schrumpft. Andererseits zögern aber auch immer mehr Menschen, an klinischen Versuchen teilzunehmen, und die Existenz wirksamer Behandlungen erschwert wiederum die statistische Analyse der Ergebnisse derjenigen Studien, die noch durchgeführt werden.

»In der Vergangenheit war es definitiv leichter zu forschen. Heute muss man eine Studie entwerfen, die den Behandlungsstandards entspricht und an der Ärzte sowie Patienten teilnehmen wollen. Und das ist viel schwieriger«, sagt Elizabeth Hohmann, Expertin für Infektionskrankheiten am Massachusetts General Hospital in Boston.

Ärzte, die Menschen mit Covid-19 behandeln, können inzwischen aus etwa einem halben Dutzend Therapieformen wählen, die von der Weltgesundheitsorganisation oder von nationalen Behörden wie der US Food and Drug Administration empfohlen werden. Dazu gehören Steroide, synthetische Antikörper und antivirale Tabletten. Einige verringern das Sterberisiko für diejenigen, die bereits im Krankenhaus liegen; andere verringern die Wahrscheinlichkeit, überhaupt ins Krankenhaus zu müssen.

In einigen Ländern, die das Glück haben, Zugang zu diesen Therapien zu haben, gehen die Sterberaten zurück, und Modellrechnungen zufolge könnte eine flächendeckende antivirale Behandlung die Mehrzahl der Covid-19-Todesfälle verhindern. Vielerorts sind die aktuellen Covid-19-Wirkstoffe jedoch nur begrenzt verfügbar und sehr teuer. Außerdem droht die Gefahr einer Resistenz gegen Medikamente wie das antivirale Paxlovid von Pfizer. Forschende fürchten deshalb, dass die Entwicklung neuer Therapien immer langsamer vonstattengehen könnte, während in vielen Teilen der Welt noch gar keine Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Durch die Impfungen nimmt die Zahl der schweren Verläufe ab

Vor allem dank der Impfstoffe hat die Zahl der Todesfälle in einigen Ländern, die besonders stark betroffen waren, drastisch abgenommen. In Brasilien beispielsweise, wo die Zahl der Todesfälle einst bei 3000 pro Tag lag, sterben inzwischen weniger als 200 Menschen pro Tag an Covid. Gute Nachrichten, die die Forschung dennoch erschweren, wie etwa die TOGETHER-Studie zeigt.

Wie tödlich ist das Coronavirus? Was ist über die Fälle in Deutschland bekannt? Wie kann ich mich vor Sars-CoV-2 schützen? Diese Fragen und mehr beantworten wir in unseren FAQ. Ausführliche Antworten zu den Varianten lesen Sie hier. Mehr zum Thema finden Sie auf unserer Schwerpunktseite »Wie das Coronavirus die Welt verändert«. Die weltweite Berichterstattung von »Scientific American«, »Spektrum der Wissenschaft« und anderen internationalen Ausgaben haben wir zudem auf einer Seite zusammengefasst.

Zu Beginn der Pandemie starteten Edward Mills von der McMaster University in Hamilton, Kanada, und seine Kollegen eine Studie in Brasilien, um herauszufinden, ob vorhandene Medikamente die schwerwiegendsten Folgen einer Covid-19-Erkrankung verhindern können. Als sie die Studie mit dem Namen TOGETHER Anfang 2020 auf den Weg brachten, lag der Anteil der Studienteilnehmer, die ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten oder starben, bei 16 Prozent. Diese Zahl sank auf drei bis fünf Prozent, nachdem die Impfstoffe verfügbar wurden. Um weiter testen zu können, ob bestimmte Medikamente schwer wiegende Folgen verhindern, mussten die Organisatoren daher mehr Menschen aufnehmen, die Gefahr liefen, schwer zu erkranken. Das bedeutete eine Ausweitung der Studie auf weitere Standorte – in Südafrika, Pakistan, der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda.

Wer will schon das experimentelle Mittel, wenn es eine sichere Alternative gibt?

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen befürchten zudem, dass selbst die Menschen, die noch für Studien in Frage kommen, inzwischen eher zögern, daran teilzunehmen, als dies noch zu Beginn der Pandemie der Fall war. Als Elizabeth Hohmann Anfang 2020 die so genannte ACTT-Studie zur Erprobung von Covid-19-Behandlungen leitete, ging die Rekrutierung schnell vonstatten: Patienten hatten schlichtweg keine bessere Option. Bis April 2020 konnten die Forscher mehr als 1000 Personen in die Studie aufnehmen, die Ende 2020 schließlich zeigte, dass das antivirale Medikament Remdesivir die Genesung beschleunigt und das Risiko, zu sterben, senkt.

Doch nachdem wirksame Mittel wie Remdesivir zur Verfügung standen, wurde es immer schwieriger, Teilnehmer für nachfolgende Studien zu gewinnen, schildert Hohmann. Viele Menschen fühlen sich wohler mit der bewährten Behandlung, die heute sowohl Remdesivir als auch das Steroid Dexamethason umfasst, als wenn sie zusätzlich ein experimentelles Medikament ausprobieren. »Man muss schon sehr viel abenteuerlustiger sein, um sich auf dieses dritte Medikament einzulassen«, sagt Hohmann. Zudem gehöre ein gewisses Maß an Bürgersinn dazu, sich für eine Studie anzumelden, wenn das eigene Leben nicht in Gefahr ist – und womöglich habe der Stress durch die Pandemie den Altruismus der Menschen geschwächt, vermutet die Expertin.

Eine andere Art von Zurückhaltung könnte eine klinische Studie aus Kanada beeinträchtigt haben, in der das Medikament Losartan gegen schwere Covid-19-Verläufe getestet werden soll. Die Mehrzahl der Menschen in Kanada hat sich 2021 impfen lassen, so dass die meisten Personen, die noch für die Teilnahme an der Losartan-Studie in Frage kommen, ungeimpft sind. Während Mitte 2021 rund 18 Prozent der angefragten Patienten die Studienteilnahme ablehnten, waren es Ende des Jahres 2021 bereits 35 Prozent. Die Organisatoren vermuten, dass die gleichen Faktoren, die Menschen bei der Impfung zögern lassen – zum Beispiel das Misstrauen gegenüber der Schulmedizin –, sie auch davon abhalten, experimentelle Arzneimittel einzunehmen.

Für statistisch signifikante Ergebnisse werden immer mehr Testpersonen benötigt

Je mehr Behandlungsmöglichkeiten es gibt, desto komplexer werden außerdem die statistischen Berechnungen, die erforderlich sind, um festzustellen, ob ein neues Medikament wirksam ist. Infolgedessen müssen die Forscher möglicherweise mehr Studienteilnehmer rekrutieren, was mehr Zeit in Anspruch nimmt.

Genau das ist den Organisatoren der britischen PRINCIPLE-Studie passiert, die derzeit testet, ob umfunktionierte Medikamente die Genesung beschleunigen oder dafür sorgen können, dass Infizierte nicht ins Krankenhaus müssen. Alle Studienteilnehmer erhalten die derzeitige Standardversorgung, ihre Ärzte können also zusätzlich zu dem getesteten Medikament weitere Behandlungen verschreiben. Dadurch werden etwaige Ergebnisunterschiede zwischen den Teilnehmern, die ein Placebo erhalten, und denjenigen, die die zu untersuchenden Medikamente einnehmen, abgeschwächt, sagt Studienautorin Ly-Mee Yu, Medizinstatistikerin an der University of Oxford. Geringere Unterschiede bedeuten wiederum, dass die Forscher mit größeren Gruppen von Teilnehmern arbeiten müssen und die Studien länger dauern.

Wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein neues, hochwirksames Medikament mit Paxlovid vergleichen, dem antiviralen Mittel, das derzeit die führende Therapie für Covid-19 im Frühstadium darstellt, müssen sie eine große Zahl von Studienteilnehmern rekrutieren, um einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den beiden Behandlungen festzustellen, erklärt Hohmann. Man bräuchte schon einen echten »game changer«, um es mit Paxlovid aufzunehmen, sagt sie.

Womöglich führt aber kein Weg daran vorbei, dass Forschende sich an diese Herausforderung heranwagen: Jüngste Zellexperimente deuten darauf hin, dass paxlovidresistente Stämme des Virus entstehen könnten – eine deutliche Erinnerung daran, dass das Virus die Spielregeln bestimmt, egal wie komplex das Spielfeld wird.

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte