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Dokumentarfilm »Rückkehr ins Weltall«: Raumfahrt mit SpaceX-Gefühl

Dank SpaceX fliegt man wieder von den USA aus ins All. Mit wiederverwertbaren Raketen. Spannend! Leider geht es in »Rückkehr ins Weltall« mehr um beeindruckende Bilder als um beeindruckende Forschung. Eine Rezension
Das SpaceX Crew Dragon Endeavour-Raumschiff wurde kurz nach seiner Landung im Golf von Mexiko vor der Küste Floridas am 8. November 2021 aus dem Wasser gehoben.

Ominöse Musik, Totale: Eine riesige Rakete steht auf der Startrampe, zwei weiße Teslas mit NASA-Abzeichen passieren eine jubelnde Menge. Über Funk meldet eine geschäftsmäßige Stimme: »Zwei Stunden und 57 Minuten bis zum Start.« So spannend beginnt der Netflix-Dokumentarfilm über den bisher größten Coup von Elon Musks Start-up SpaceX. Der Milliardär hatte geschafft, woran die NASA gescheitert war: Am 27. Mai 2020 sollte die Crew Dragon, das erste private Raumschiff der Welt, nach neun Jahren wieder Astronauten von amerikanischem Boden aus ins All befördern.

Der Film »Rückkehr ins Weltall« soll laut dem Streamingdienst »seltene Einblicke in die NASA und SpaceX« geben und die »aufregende, jahrzehntelange Geschichte« amerikanischer Astronauten erzählen, die an Bord von US-Raketen zurück ins All fliegen. Doch wer sich detaillierte Informationen zu den Raketen, Kapseln und Starts erhofft, wird enttäuscht. Wer hingegen Raumfahrt gern aufpoliert glänzen sieht und Elon Musk die Zukunft der Menschheit gestalten hört, darf sich freuen. Und ja, das wird ausgesprochen unterhaltsam präsentiert.

SpaceX transportierte erst Fracht, dann Menschen

Im Juli 2011 endete in den USA eine Ära der bemannten Raumfahrt. Das letzte aktive Spaceshuttle mit dem Namen »Atlantis« kehrte von seinem Flug zur Raumstation ISS auf die Erde zurück und verbringt seitdem seinen Ruhestand im Besucherzentrum des Kennedy Space Centers in Florida. Die USA mussten für den Zugang zur ISS teure Plätze in der russischen Sojus-Kapsel kaufen – aus amerikanischer Sicht eine Demütigung. Die Raumfahrtbehörde NASA war daran nicht ganz unschuldig. Man hatte zwar Konzepte für Nachfolgeprogramme entworfen, diese jedoch alle verworfen. Und so stand das einzige Land, das jemals Menschen auf den Mond gebracht hatte, plötzlich komplett ohne Transportvehikel für Astronauten da.

Gegen beträchtlichen Widerstand im Kongress setzte die NASA durch, dass kommerzielle Unternehmen dieses Manko möglichst schnell beheben sollten. Nach einem mehrstufigen Auswahlprozess beauftragte die Weltraumbehörde im September 2014 die Unternehmen SpaceX und Boeing mit der Entwicklung neuer bemannter Raumschiffe. Eine vernünftige Wahl: Das Start-up SpaceX transportierte mit seinem Dragon-Raumschiff bereits regelmäßig Fracht zur ISS. Die Dragon sollte sich also mit überschaubarem Aufwand zu einer bemannten Version, genannt Crew Dragon, ausbauen lassen. Der gigantische Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing, in vieler Hinsicht das Gegenteil eines agilen Start-ups, brachte dagegen jahrzehntelange Erfahrung als NASA-Partner mit.

Bis 2017 sollten die Raumkapseln fertig sein. Ganz so schnell kamen die beiden Auftragnehmer dann aber doch nicht voran. Nach etlichen Verzögerungen und einer Explosion des Prototypen wurde der erste bemannte Flug der Crew Dragon schließlich auf den 27. Mai 2020 festgelegt.

»Ein Versagen unserer Nation«

Die beiden Astronauten kommentieren das Geschehen aus ihrer Sicht, Elon Musk wird immer wieder angemessen ins Bild gerückt, und auch Gwynne Shotwell, die Präsidentin von SpaceX, kommt mehrfach zu Wort. Während der Start näher rückt, rollt der Film in mehreren Rückblenden die Vorgeschichte auf. Man erfährt, dass SpaceX nach dem dritten Fehlstart der neu entwickelten Rakete Falcon 1 im Januar 2008 vor dem Aus stand und nur durch den erfolgreichen Start der vierten Rakete im September 2008 gerettet wurde. Der Chefingenieur Hans Königsmann berichtet über sein erstes Treffen mit Elon Musk, zeigt seine Modelleisenbahn und erinnert sich mit Bedauern daran, dass er nach dem ersten Fehlversuch der Falcon 1 vor lauter Enttäuschung zu Hause kein Wort mehr gesprochen hat – zwei Monate lang.

Elon Musk präsentiert seine Visionen und das Motto seiner Firma: »Der absolut grundlegende Durchbruch, den die Menschheit braucht, um eine multiplanetare Spezies zu werden, ist ein Raketensystem, das komplett und schnell wiederverwendbar ist.«

Auch Jim Bridenstine, der damalige Administrator der amerikanischen Weltraumbehörde, darf sich äußern: »50 Jahre lang ist die NASA vernachlässigt worden. Als NASA-Administrator sage ich Ihnen: Das ist ein Versagen unserer Nation.«

Der Film blendet zurück zur großen Zeit der NASA, als sie mit der gigantischen Saturn-V-Rakete die ersten Menschen auf den Mond brachte. Dann folgte der Abstieg mit den überteuerten und technisch unzulänglichen Spaceshuttles. Zwei der fünf Shuttles, die Challenger und die Columbia, stürzten ab und rissen 14 Astronauten in den Tod. Nach diesen traurigen Bildern geht es weiter mit der Crew Dragon Demo-2.

Man erlebt die Enttäuschung des Teams, als der Start in letzter Sekunde wegen schlechten Wetters abgesagt werden muss. Erst drei Tage später, am 30. Mai 2020, klappte es. Die beiden Astronauten Douglas Hurley und Robert Behnken hoben um 21:22:45 Uhr mitteleuropäischer Zeit ab und dockten nach einem perfekten Flug 19 Stunden später an die ISS an. Nach zwei Monaten auf der Raumstation bringt sie die Crew Dragon sicher auf die Erde zurück. Inzwischen hat SpaceX fünf weitere bemannte Flüge erfolgreich absolviert.

Viel Lob für SpaceX, wenig Kritik an der NASA

Der konkurrierende Flugzeug- und Raumfahrtkonzern Boeing kommt dagegen nicht recht voran. Sein Raumschiff, die CST-100 Starliner, sollte ursprünglich 2015 zum ersten Mal abheben. Daraus wurde aber nichts. Technische Probleme verzögerten die Starts immer weiter. Beim ersten unbemannten Testflug im Dezember 2019 traten massive Softwarefehler zu Tage und die Kapsel konnte nicht an die ISS andocken. Noch im Flug spielte Boeing ein Software-Update ein, das immerhin eine erfolgreiche Rückkehr zur Erde ermöglichte. Die NASA verlangte daraufhin einen zweiten unbemannten Testflug, der nach neuen Verzögerungen derzeit für Mai 2022 vorgesehen ist.

Davon berichtet die Dokumentation allerdings kaum. Sie beschränkt sich weitgehend darauf, den sicherlich aufregenden Werdegang der Firma SpaceX und ihres Führungspersonals zu beleuchten.

Die Autoren haben auf eigene Kommentare verzichtet und lassen lediglich die Beteiligten sprechen. Der erwartbare Effekt: Alle betonen, wie wunderbar die Zusammenarbeit ist, wie begeistert sie das Programm vorangetrieben haben und wie gut ihre Familien sie unterstützen. Wir sind Zeuge der herzlichen Begrüßung der Astronauten auf der ISS und lassen uns einige Einzelheiten des Lebens im All zeigen. Und schließlich dürfen wir verfolgen, wie die Raumkapsel nach einem Bilderbuchflug im Wasser landet.

Das ist durchaus aufregend gemacht, aber leider erfahren die Zuschauenden in der Dokumentation keinerlei technische Einzelheiten. Wie ist die Dragon-Kapsel aufgebaut? Wie viele Astronauten kann sie befördern? Was unterscheidet sie von der Apollo-Kapsel oder der CST-100 Starliner? Warum sind die Spaceshuttles in ihren 30 Betriebsjahren nicht weiterentwickelt worden, und woran scheiterten die Nachfolgeprogramme? Etwas mehr Kritik an der mit den Jahren bürokratisch erstarrten NASA wäre auch angebracht gewesen.

Eine Art überlanges SpaceX-Werbevideo

Die Regisseure sind Jimmy Chin und Elisabeth Chai Vasarhelyi. Für den Film »Free Solo« über Freikletterer Alex Honnold gewann das Ehepaar im Jahr 2019 den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Als Raumfahrtspezialisten sind sie bisher nicht aufgefallen. Und auch mit »Rückkehr ins Weltall« zeichnen sie sich nicht dafür aus.

Die meisten Videosequenzen dürften Raumfahrtinteressierten bekannt vorkommen; sie stammen aus den Archiven der NASA oder von SpaceX. Viele sind längst Ikonen, wie die Starts der Saturn 5, die Landungen der Falcon 9 und die Zerstörung der Spaceshuttles. Lediglich die Interviews mit den Astronauten, Hans Königsmann, Gwynne Shotwell und einigen anderen Beteiligten scheinen extra für die Dokumentation angefertigt worden zu sein.

Der Film ist flott geschnitten, mit emotional passender Musik unterlegt und betont die menschliche Komponente der Raumfahrt. Wie auch bei der Netflix-Miniserie »Countdown«, die sich mit dem ersten Touristenflug einer Crew Dragon befasst, hat man aber gelegentlich den Eindruck, in ein überlanges Werbevideo von SpaceX geraten zu sein. Man sieht wunderbaren Menschen dabei zu, wie sie gut gelaunt absolute Spitzenleistungen vollbringen und sich durch Rückschläge niemals entmutigen lassen.

Am Ende des Films fühlte der Autor dieses Textes die vertraute Erleichterung, die ihn immer beschleicht, wenn der Gastgeber die Leinwand aufrollt, auf der er zwei Stunden lang glanzvolle Bilder und Videos eines unvergesslichen Urlaubs präsentiert hat.

»Rückkehr ins Weltall«. Regie: Jimmy Chin und Elisabeth Chai Vasarhelyi. Seit 07.04.2022 bei Netflix.

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