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Inseln

Doppelschlag gegen Invasoren

Palmyra ist ein Südseeparadies - das von Ratten heimgesucht wurde. Eine Ausrottungskampagne hatte jetzt unerwartete positive Nebenwirkungen.
Rußseeschwalben auf Palmyra

Palmen, Strand, kristallklares Wasser und unzählige Seevögel – das Palmyra-Atoll im Pazifik gilt als eines der größten Naturparadiese der Südsee und eines der größten Eilande der Region, das nie dauerhaft besiedelt wurde. Dennoch trieben Ratten hier ihr Unwesen, die mit verschiedenen Seeleuten, dem Militär während des Zweiten Weltkriegs und wagemutigen Siedlern auf Palmyra ankamen. Frei von Fressfeinden und umgeben von reichhaltigen Nahrungsquellen vermehrten sie sich prächtig, was die anderen Arten des Atolls bald als deutlich weniger paradiesisch empfanden. Die Nager überrannten die Insel und fraßen sich durch die Seevogelkolonien, Krustentierbestände und Wälder, weshalb Ökologen schließlich 2011 eine groß angelegte und sehr erfolgreiche Ausrottungskampagne gegen die Ratten durchführten: Bis heute ist Palmyra rattenfrei; und die Vergiftungsaktion hatte noch einen positiven Nebeneffekt, wie Kevin Lafferty vom US Geological Survey in Santa Barbara und sein Team in den "Biology Letters" melden: Mit den Ratten verschwanden auch die gefürchteten Tigermücken (Aedes albopictus), die verschiedene Krankheiten übertragen können und prinzipiell als lästige Plagegeister gelten.

Diese Insekten wurden ebenfalls auf Palmyra eingeschleppt und pflanzten sich massenhaft fort. Doch in den Jahren nach dem Massenaus bemerkten Feldforscher auf dem Atoll, dass sie tagsüber nicht wie früher von Mücken heimgesucht wurden. Nur noch nachts surrte es rund um die Ohren der Wissenschaftler, was aber besser zur Lebensweise der zweiten, heimischen Mückenart auf dem Eiland passte: der Südlichen Hausmücke (Culex quinquefasciatus). Könnte es also sein, dass mit dem Ende der Ratten den Tigermücken die wichtigste Nahrungsquelle abhandengekommen war? Tatsächlich saugen Tigermücken bevorzugt an Säugetieren, während die Hausmücken sich vorzugsweise an Vögel halten. Beide können allerdings bei Bedarf auch die jeweils andere Blutbahn anzapfen. Den Tigermücken gelang dies jedoch nicht in ausreichendem Maß, nachdem die Ratten ausgerottet waren. Trotz intensiver Suche gingen den Biologen um Lafferty über mehr als zwei Jahre hinweg keine Aedes albopictus mehr in ihre speziellen Fallen. Nach gängigen Kriterien gilt die Plage daher auf Palmyra ebenfalls als eliminiert.

Neben Nahrungsmangel könnte noch ein zweiter Faktor eine wichtige Rolle gespielt haben, so die Autoren: Die Ratten sorgten auch dafür, dass die Mücken überhaupt Brutplätze hatten. Palmyra besitzt wenig offene Süßwasserflächen, doch nagten die Säuger Kokosnüsse auf, die dann wie Wasserschalen wirkten. Nach Regenfällen stand darin so lange Wasser, dass sich Mücken dort entwickeln konnten. Ohne die Nager fehlte der Nachschub an frischen Schalenhälften, während die bereits vorhandenen nach und nach verwitterten oder zugeschüttet wurden und keine Mückenkinderstube mehr bildeten. Für die Biologen ist damit das Arbeiten auf Palmyra deutlich angenehmer geworden: Früher mussten sie sich Tag und Nacht dick mit Insektenschutzmitteln eincremen, um die schmerzhaften Stiche zu vermeiden – heute geht es zumindest bei Sonnenschein auch ohne.

10/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10/2018

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