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Klimawandel: Hitzewelle

Für die einen war es die schönste Freibadsaison, für viele andere endete er tödlich: Der Hitzesommer 2003 war der wahrscheinlich heißeste seit dem Jahr 1500. Stellte er aber nur eine Ausnahmeerscheinung oder schon einen konkreten Vorboten kommender Treibhausverhältnisse dar?
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Es war ein Sommer der Rekorde – positiver wie negativer: Während Winzer, Eisverkäufer und Freibadbesitzer jubilierten, schmolzen die Alpengletscher 2003 in zuvor nicht gekanntem Ausmaß ab. Am Matterhorn kollabierten ganze Felswände: Der sie zusammenhaltende Permafrost war abgetaut. Waldbrände verheerten große Teile Portugals, auf deutschen Flüssen musste die Schifffahrt eingestellt werden, und auch das Kühlwasser für Kraftwerke wurde knapp. Schätzungen von Versicherungen kalkulieren den Hitze bedingten Gesamtschaden des Jahres 2003 auf mindestens 12 Milliarden Euro.

Vor allem aber waren auch vielfach menschliche Schicksale zu beklagen: In ganz West- und Mitteleuropa trauerten Tausende über Angehörige, die an den Folgen der Hitze gestorben waren. In Frankreich etwa stieg die Todesrate aller Altersgruppen über 45 Jahren während der heißesten Phase Anfang August um 54 Prozent, in Baden-Württemberg starben 900 bis 1300 Menschen mehr als in normalen Augusttagen.

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Hitzewelle in Europa | Rekordtemperaturen mit positiven Abweichungen bis zu zehn Grad Celsius über dem Durchschnitt hatten West- und Mitteleuropa im Sommer 2003 im Griff. Selbst die Alpen und Schottland waren wärmer als normal. Die Hitze ließ Gletscher großflächig dahinschmelzen, Flüsse austrocknen und Wälder in Flammen aufgehen. Noch tragischer: Die Sterberaten lagen um einiges höher als in normalen Sommern.
Rekordtemperaturen gab es allerdings auch schon in früheren Sommern und in vergangenen Jahrhunderten. War folglich die Hitzewelle 2003 nur eine weitere Anomalie und hat nichts zu bedeuten? Oder zeigt sich schon ganz konkret der Klimawandel, der Extremereignisse ohnehin häufiger werden lassen soll?

Natürlich kann man in der Klimaforschung bestimmte Wetterlagen nicht an einzelnen Gründen festmachen. Die Wahrscheinlichkeit aber, mit der ein bestimmtes Ereignis eintritt, lässt sich sehr wohl berechnen: Wissenschaftler um Peter Stott von der Universität Reading simulierten dazu verschiedene Klimaszenarien im Computer und betrachteten deren Auswirkungen auf die europäischen Sommertemperaturen seit 1900. Während das eine Modell den realen Einfluss von zunehmenden Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre sowie die konkret beobachtete Sonnen- und Vulkanaktivität nachzeichnete, bildete die zweite Simulation eine fiktive Klimaentwicklung ohne zusätzliche menschliche Luftverschmutzung ab.

Nach einem Vergleich der beiden Berechnungen zeigte sich wie schon in anderen Analysen zuvor, dass menschliche Einflussnahme für die Zunahme der Durchschnittstemperaturen gegen Ende des 20. Jahrhunderts verantwortlich war: Gesteigerte Sonnenaktivität und Emissionen aus Vulkaneruptionen allein hätten keine Steigerung bewirkt.

Darüber hinaus kommen die Wissenschaftler aber auch zu dem Schluss, dass Hitzerekorde wie 2003 durch den anthropogenen Treibhauseffekt jetzt um mindestens 100 Prozent wahrscheinlicher sind, als sie es ohne menschliches Zutun eigentlich wären. Schon die hohen Temperaturen 2003 waren mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit durch den Menschen mit verursacht. Erstmals konnte dadurch der konkrete menschliche Beitrag zu einzelnen Extremereignissen quantifiziert werden.

Und Peter Stott und seine Kollegen prognostizieren – basierend auf gegenwärtigen Emissionsraten – weitere, noch außergewöhnlichere Sommertemperaturen in Europa bis 2040, denn gesteigerte Durchschnittstemperaturen bilden die Basis für noch extremere Hitzesommer. Die möglichen Hitzewellen lassen das Jahr 2003 in der Retrospektive sogar als vergleichsweise kühl erscheinen.

Eisdielen, Bikinihersteller und Biergartenbesitzer können also optimistisch in die Zukunft blicken, Landwirte und Versicherungen dürften allerdings schon jetzt ins Schwitzen kommen, und von Bergtouren ist dann wohl abzuraten: Es könnte sein, dass manche Gipfel Hitze bedingt abhanden kommen.
02.12.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 02.12.2004

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