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Kreativität: Wie Aha-Momente entstehen

Gute Einfälle kommen einem manchmal in den seltsamsten Situationen: beim Spazierengehen oder unter der Dusche. Ein Experiment zeigt nun, inwiefern bewusstes Denken dazu beiträgt.
Leiter führt in eine rosafarbene Wolke

Die meisten Menschen dürften sich schon einmal mit der Lösung eines Problems abgemüht haben, nur um dann bei einem Spaziergang oder beim Abwasch wie aus dem Nichts die Antwort zu finden. Solche Geistesblitze ereilen uns nicht nur, wenn wir über Problemen brüten, sondern auch, wenn wir plötzlich einen Witz oder einen Kreuzworträtselhinweis verstehen oder von einer Erkenntnis über uns selbst übermannt werden.

In den vergangenen Jahren konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestimmte Muster der Hirnaktivität identifizieren, die auf Momente der Einsicht hindeuten. Doch es ist immer noch unklar, ob solche Geistesblitze tatsächlich auf einer eigenen Form des Denkens beruhen – oder nicht vielleicht einfach der letzte, befriedigendste Schritt in einem bewussten Denkprozess sind.

Eine neue Studie eines belgischen Psychologenteams liefert weitere Beweise dafür, dass bei Aha-Momenten unbewusste Vorgänge eine Rolle spielen, die sich von analytischem, schrittweisem Denken unterscheiden. Selbst wenn Menschen mehrere Dinge gleichzeitig tun müssen und abgelenkt sind, können sie offenbar immer noch zu spontanen Einsichten gelangen.

Für die Untersuchung, deren Ergebnisse die Gruppe um Hans Stuyck von der Université Libre de Bruxelles und der KU Leuven in Belgien in der Fachzeitschrift »Cognition« veröffentlichte, erstellten die Psychologinnen und Psychologen 70 Worträtsel, die Studierende entweder mit analytischem Denken oder aber mit spontanen Geistesblitzen lösen konnten. Die Aufgabe bestand darin, zu drei vorgegebenen Wörtern ein viertes zu finden, das zu jedem Wort passt. (Wäre der Test auf Deutsch durchgeführt worden, hätten die Teilnehmer beispielsweise die Wörter »Gruppe«, »Armut« und »Wurst« erhalten, wobei »Blut« die richtige Lösung gewesen wäre: »Blutgruppe«, »Blutarmut«, »Blutwurst«.)

Glühbirne oder Dimmschalter?

Die 105 Studierenden, von denen die meisten Frauen waren, hatten 25 Sekunden Zeit, um jede Aufgabe zu lösen. Nachdem sie geantwortet hatten, gaben sie an, ob sie mit Hilfe eines spontanen Geistesblitzes zum Ziel gelangt waren, sie sich also »der Lösung plötzlich und klar bewusst wurden«, wie bei einer Glühbirne, die schlagartig einen dunklen Raum erhellt. Oder ob sie die Lösung Schritt für Schritt »ohne Aha-Moment« erarbeitet hatten – als ob ihr Gehirn ein Raum wäre, der langsam mit einem Dimmschalter beleuchtet wird.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe erhielt nur die Rätsel. In der zweiten Gruppe blinkten zwei zufällige Ziffern nacheinander auf dem Bildschirm auf, bevor die Wörter erschienen, und die Probanden mussten versuchen, sich nach Beendigung des Rätsels an diese Zahlen zu erinnern. Die dritte Gruppe musste schließlich versuchen, sich vier statt zwei Ziffern zu merken.

»Die kognitiven Ressourcen, der Pool, den wir anzapfen können, um etwas bewusst zu tun, sind begrenzt«(Hans Stuyck, Psychologe)

Der Zweck der Zahlenübung bestand dabei darin, das Gehirn der Teilnehmer mit einer weiteren Aufgabe zu belasten, um ihre Fähigkeit, Probleme logisch zu lösen, zu beeinträchtigen. »Die kognitiven Ressourcen, der Pool, den wir anzapfen können, um etwas bewusst zu tun, sind begrenzt«, sagt Stuyck. Aber würde sich das auch nachteilig auf die Fähigkeit auswirken, spontan Einsichten zu erzeugen?

Wie erwartet schnitten die Teilnehmer umso schlechter ab, je fordernder die Merkaufgabe war, wenn sie auf analytisches Denken zurückgriffen, wenn sie also zum Beispiel nacheinander einzelne Wörter ausprobierten. Mit dieser Taktik lösten sie im Schnitt 16 Rätsel richtig, wenn sie sich keine Zahlen merken mussten, aber nur zwölf, wenn sie sich zwei Ziffern, und acht, wenn sie sich vier Ziffern einprägen mussten.

Verließen sich die Versuchspersonen jedoch auf ihre Eingebung, war die Erfolgsquote nicht nur insgesamt höher, sie nahm durch die Gedächtnisaufgabe auch nicht ab. Probanden, die auf Geistesblitze warteten, lösten in allen drei Gruppen im Durchschnitt zwischen 17 und 19 Rätsel richtig. »Unabhängig davon, ob sie keine Gedächtnisaufgabe hatten oder ob sie eine Gedächtnisaufgabe mit geringer oder mit hoher Anforderung hatten, blieb die Anzahl der Rätsel, die sie mit Einsicht lösten, konstant«, sagt Stuyck. »Das ist das interessanteste Ergebnis.«

Ein Geben und Nehmen zwischen bewussten und unbewussten Prozessen

Unser Gehirn tut viele Dinge, ohne dass sie in unser Bewusstsein vordringen – deshalb finden wir scheinbar automatisch den richtigen Weg zur Arbeit und sind uns nicht immer der Voreingenommenheit bewusst, die unsere Entscheidungen beeinflusst. Kognitionspsychologen sind sich jedoch uneinig darin, ob tatsächliches Denken unterhalb der Bewusstseinsebene stattfinden kann. »In der Literatur gibt es darüber viele Debatten«, erklärt Stuyck.

Der Belgier glaubt, dass in Aha-Momenten eine Art Geben und Nehmen zwischen bewussten und unbewussten Prozessen herrscht. Wenn Menschen zum Beispiel solche Wörterrätsel lösen müssen, werden mehrere Wortassoziationen aktiviert, aber nur die stärksten sind dem Bewusstsein zugänglich. Ist die richtige Antwort zufällig eine schwächere Assoziation, fühlen sich die Betroffenen vielleicht festgefahren, doch unter der Oberfläche, ohne dass sie es merken, kann ihr Verstand diese ins Bewusstsein bringen.

»Eine kreative Lösung für ein Problem zu finden, ist wie der Versuch, nachts einen dunklen Stern zu sehen. Man muss das Problem sozusagen aus dem Augenwinkel betrachten«, sagt der Neurowissenschaftler Mark Beeman von der Northwestern University, der nicht an der Studie beteiligt war. Geistesblitze ereilen uns in der Regel dann, wenn wir eine Weile über einem Problem gebrütet haben und es beiseitelegen. Sobald die Grundlage durch bewusste geistige Anstrengung gelegt wurde, scheint ein Spaziergang, ein Nickerchen oder eine ablenkende Aufgabe einen kreativen Durchbruch zu ermöglichen, glaubt Beeman.

»Eine kreative Lösung für ein Problem zu finden, ist wie der Versuch, nachts einen dunklen Stern zu sehen. Man muss das Problem sozusagen aus dem Augenwinkel betrachten«(Mark Beeman, Neurowissenschaftler)

Die Aufmerksamkeit auf eine leise Idee im Hintergrund zu lenken, scheint dabei keine geistige Anstrengung zu erfordern. Das schließt Stuyck aus der Tatsache, dass auch Gedächtnisübungen spontane Aha-Momente nicht unterdrücken konnten. Beeman stimmt dem zu, warnt aber davor, die Ergebnisse der neuen Studie direkt auf die reale Welt zu übertragen. Die Aufgabe, sich an Zahlen zu erinnern, mag einfach genug gewesen sein, um als nützliche Ablenkung zu dienen und den Knoblern zu ihrem Heureka-Moment zu verhelfen. Er bezweifelt jedoch, dass die gleichen Ergebnisse auch eintreffen, wenn die Hirnleistung von Menschen stärker beansprucht wird. Menschen, die bei der Arbeit kreativer sein wollen, mehr Arbeit aufzubürden, sei deshalb sicher nicht empfehlenswert.

Stuycks Team bereitet sich schon auf eine weitere Studie mit Worträtseln vor. Dabei wollen die Forscher gezielt einen Teil des präfrontalen Kortex vorübergehend deaktivieren, ein Hirnareal, das wir zur bewussten Verarbeitung von Informationen nutzen. Dazu werden sie eine harmlose, nicht invasive Methode verwenden, die so genannte transkranielle Magnetstimulation, bei der die Hirnzellen durch Magnetfelder stimuliert werden. Dann wird sich zeigen, ob sich Geistesblitze auch dadurch nicht aufhalten lassen.

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