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Kulturelle Entwicklung: Neandertaler so kunstsinnig und intelligent wie wir?

Neu datierte Höhlenmalereien und Neandertaler-Werkzeuge heizen einen alten Streit an: War der Homo neanderthalensis etwa genauso intelligent wie der moderne Mensch?
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In der feuchten Luft einer nordspanischen Höhle ertönt ein feines, hohes Schrillen wie von einem Zahnarztbohrer. Es ist das kleine Handschleifgerät, mit dem Alistair Pike, Archäologe der University of Southhampton, an den ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt zugange ist. Alle paar Minuten unterbricht er die Arbeit, um einer Touristengruppe Platz zu machen. Die Besucher bewundern Scheiben in mattem Rotton, Negative von Händen, Umrisse von Wisenten und stapfen dann weiter. Die Kratzspuren, die seine Behandlung an der Wand hinterlässt, sollten ihnen nicht weiter auffallen, hofft der Archäologe.

Natürlich arbeitet Pike mit voller Genehmigung der spanischen Behörden. Denn sein Schleifgerät und das Skalpell, mit dem er winzige Proben abkratzt, richten keinen Schaden an den eigentlichen Kunstwerken an. Pike interessiert sich ausschließlich für die dünne Schicht aus Kalzit, die die aufgetupften Malereien überzieht. Sie entstand durch Grundwasser, das über Zehntausende von Jahren die Wände herablief. In den weißen Flocken, die Pike abschabt, tickt eine radioaktive Uhr: ein winziges bisschen Uran, dessen Zerfall ihm verrät, seit wann sich oberhalb der Malschicht das Kalzit anlagerte.

Erste Ergebnisse einer solchen Datierung aus der El-Castillo-Höhle hatten die Forscher vergangenen Juni publiziert [1]. Auf 40 800 Jahre kam die älteste Malerei, ein einfacher roter Punkt. Damit entstand sie etwa zu jener Zeit, als der anatomisch moderne Mensch bis ins westliche Europa vordrang. Nun aber hoffen die Forscher, Hinweise auf einen weit früheren Entstehungszeitpunkt zu finden – vielleicht sogar einige tausend Jahre früher. Das aber schlösse den modernen Menschen als Urheber aus: Kein anderer als der Neandertaler käme als Künstler in Frage.

Spuren einer Neandertalerkultur

Vor Jahresfrist ist nicht mit Ergebnissen zu rechnen. Doch sollten sie tatsächlich auf ein so hohes Alter hindeuten, könnten sie eine alte Debatte in eine neue Richtung lenken – oder sogar endgültig entscheiden. Es geht dabei um eine Frage, an der sich seit Jahrzehnten die Geister scheiden: Wie ähnlich war uns der Neandertaler, jener stämmige, archaische Mensch, der jahrtausendelang mit uns in Europa koexistierte und dann plötzlich verschwand? Hatten die ursprünglich als dumpfe Höhlenbewohner karikierten Neandertaler nicht vielleicht doch einen dem unseren vergleichbaren Verstand? Waren sie zu abstraktem Denken, symbolischem Handeln und womöglich gar künstlerischem Ausdruck befähigt? Für viele Forscher auf diesem Gebiet dürfte das die quälendste Frage sein.

Besonders für den schmächtigen, dunkelhaarigen Mann, der Pike bei der Arbeit zusieht. Sollten die Malereien derart früh entstanden sein, brächte es ihm die lange ersehnte Bestätigung. João Zilhão gilt als der prominenteste Fürsprecher der Neandertaler. Mit aller Vehemenz versucht er seinen Forscherkollegen die Vorstellung auszutreiben, der moderne Mensch sei dem Neandertaler kognitiv überlegen gewesen. Im Grunde hält der Archäologe vom Institució Catalana de Recerca i Estudis Avançats (ICREA) der Universitat de Barcelona die Sache längst für entschieden: Es gebe bereits ausreichend Belege einer ausgereiften Neandertalerkultur. Doch sei er bereit, die Debatte zu den Bedingungen seiner Gegner zu führen: "Ich persönlich denke, wir benötigen diese Ergebnisse nicht unbedingt", findet Zilhão, "aber ich schätze, viele meiner Kollegen verlangen nach einer 'smoking gun'."

Forscher finden erstaunlichen Mix

Die am heißesten umkämpfte Front im Neandertaler-Streit verläuft quer durch eine andere Höhle: die Grotte du Renne, die Rentierhöhle, gut 1000 Kilometer entfernt im Herzen Frankreichs. Bereits in den 1950er Jahren brachten Ausgrabungen ein merkwürdiges Sammelsurium von Funden ans Tageslicht, darunter Knochennadeln, charakteristisch geformte Steinwerkzeuge sowie altsteinzeitliche Schmuckanhänger – die Zähne von Füchsen oder Murmeltieren, in die Rillen oder Löcher geschnitzt wurden, um sie an einer Schnur zu befestigen. Sie kamen unter einer Schicht zum Vorschein, die typische Artefakte der ersten modernen Menschen in Europa enthielt, was nahelegte, dass sie älter sind als diese. Ein damals atemberaubender Verdacht lag in der Luft: Könnten diese und stilistisch ähnliche Funde, die dem so genannten Châtelperronien zugeordnet werden, nicht in Wirklichkeit vom Neandertaler stammen?

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Uralte Handabdrücke | Die mit der eigenen Hand als Schablone ausgeführten Malereien in der El-Castillo-Höhle zählen zu den ältesten weltweit: Vor über 37 000 Jahren verewigten sich hier Steinzeitkünstler. Einige rote Flecken sind sogar noch älter – sie datierten Forscher auf über 40 600 Jahre.

Die uns stammesgeschichtlich sehr nahestehenden "Cousins" entstanden im Westen Eurasiens und hatten Europa mehr als 200 000 Jahre lang für sich – eine Zeitspanne, in der sie mehrere Kaltzeiten durchleben mussten. Trotz dieser zähen Überlebensfähigkeit und ihrer vergleichsweise großen Gehirne, die in etwa den unsrigen entsprachen, kam niemand auf die Idee, sie mit der Anfertigung der fortschrittlichen Steingeräte oder gar des Schmucks in Verbindung zu bringen. Dann aber stießen Archäologen im Jahr 1980 bei einer anderen Ausgrabung in Frankreich auf das Skelett eines Neandertalers inmitten von Châtelperronien-Artefakten [2]. Und 1996 identifizierten Forscher um Jean-Jacques Hublin ein Schädelfragment aus der schmuckreichen Schicht der Grotte du Renne eindeutig als das eines Neandertalers [3].

Von diesem Moment an avancierte die französische Höhle zum zentralen Beweisstück der Vertreter einer Gleichstellung von modernem Mensch und Neandertaler. Sie sahen darin den Beleg, dass beide Menschenformen Gegenstände mit symbolischer Bedeutung hergestellt hätten – um die eigene Individualität auszudrücken oder die Identität ihrer Gruppe. Jean-Jacques Hublin schloss sich ihnen nicht an. Der Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig schlug stattdessen eine andere Interpretation vor: Anscheinend, so vermutete er, sei der Neandertaler im Châtelperronien unter den Einfluss seiner neuen Nachbarn geraten. Entweder hätten sie sich den neumodischen Schmuck von den Neuankömmlingen beschafft oder dessen Anfertigung von ihnen abgeschaut.

Als Zilhão von dieser Interpretation hörte, kochte in ihm die Wut hoch, und er wurde zu dem leidenschaftlichen Streiter, der er heute ist. Prompt stellte er die Auffassung in Frage, dass der moderne Mensch seinerzeit bereits vor Ort war, und verwies auf eine gewollte oder ungewollte Bevorzugung des Homo sapiens. "Warum wurde die ebenso plausible oder sogar noch plausiblere Hypothese, dass die Neandertaler diese Gegenstände selbst hergestellt haben, nicht einmal in Betracht gezogen?", fragt er.

Zweifrontenkrieg für den Neandertaler

Bei einem Besuch von Höhlenmalereien in Portugal diskutierte er Hublins Studie mit Francesco d'Errico, einem Archäologen, der heute an der Université Bordeaux forscht. D'Errico habe ähnlich reagiert, erinnert sich Zilhão, "und er meinte: 'Okay, tun wir etwas dagegen!'". Seitdem führt das Duo einen Zweifrontenkrieg, indem sie einerseits Belege für die kognitive Gleichrangigkeit des Neandertalers liefern und andererseits Studien hinterfragen, die Symbolgebrauch und abstraktes Denken allein dem modernen Menschen vorbehalten.

Heute, mehr als 15 Jahre später, taugt die Grotte du Renne noch immer als Zankapfel für die Forscher. Seit 2010 haben drei Studien einander widersprechende Interpretationen der artefaktreichen Schichten vorgelegt. In der ersten, die von einer Gruppe um den Datierungsexperten Thomas Higham von der University of Oxford veröffentlicht wurde, legten die Forscher neue Radiokarbondaten auf den Tisch, die eine Durchmischung der Schichten nahelegen [4]. Sollte das der Fall sein, ließen sich aus der räumlichen Nähe von Schädelfragment und Schmuck keinerlei Schlüsse ziehen – Letzterer könnte dann ebenso gut aus späterer Zeit stammen.

Innerhalb von Monaten schossen Zilhão, d'Errico und Kollegen zurück [5]. Sie analysierten, wie verschiedene Fundarten in der Höhle verteilt waren, und kamen zum Schluss, dass die Schichten ungestört seien. Die Neandertalerknochen-Schmuck-Assoziation sei nach wie vor glaubwürdig, so ihre Schlussfolgerung.

Datierung – ein wundersamer Zufall?

Eine Gruppe um Hublin stellte schließlich im vergangenen Jahr eigene Daten vor, die Zilhãos Deutung unterstützten [6]. Trotzdem verweigerte Hublin dem Neandertaler die volle Anerkennung: Zwar hätte dieser die auf 45 000 bis 40 000 Jahre datierten Objekte hergestellt, aber erst nachdem er mit dem modernen Menschen in Kontakt getreten sei. Und dieses Mal konnte Hublin neue Belege ins Gefecht führen.

Radiokarbondaten von Higham und anderen Forschergruppen aus Höhlen in Italien, Großbritannien und Deutschland legen nämlich nahe, dass der moderne Mensch bereits vor rund 45 000 Jahren nach Europa einwanderte – und damit einige Jahrtausende früher als gedacht. Zwar widerspricht Zilhão diesen Befunden energisch – die Datierung der Tierknochen und Muschelschalen verrate nichts über das Alter der benachbarten menschlichen Überreste, und die Belege einer frühen Anwesenheit moderner Menschen in Europa seien "heutzutage schlechter als noch vor 20 Jahren". Doch sein Kollege Hublin sieht nach wie vor keinen Grund, daran zu zweifeln. Anzunehmen, dass der Neandertaler von selbst auf diese Technologie gekommen sei, hieße, an einen "wundersamen Zufall" zu glauben, meint Hublin. "Just in dem Moment, als die modernen Menschen mit diesen Sachen im Gepäck eintreffen, soll es 'bingo!' gemacht haben?"

Um der Pattsituation zu entkommen, verweist Zilhão auf das Verhalten der Neandertaler in den zehntausenden Jahren vor der Ankunft des Homo sapiens. So nehmen einige Forscher an, dass sie ihre Toten bestatteten, was auf ein gewisses Maß an Spiritualität deute. Außerdem stellten sie einen Kleber zur Befestigung von Speerspitzen her, indem sie Birkenrinde unter Luftabschluss erhitzten, eine Technik, die auch für heutige Experimentalarchäologen mitunter schwer nachzuahmen ist.

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Das ganze Bild | Kamen einst Neandertaler in diese Höhle und bemalten die Wände? Sicher ist, dass die Höhle bis lange nach dem Aussterben der Neandertaler von menschlichen Künstlern besucht wurde. Um unsere eiszeitlichen Vettern als Künstler zu identifizieren, müsste man die Malereien auf eine Zeit datieren, als der moderne Mensch noch nicht Europa lebte.

An vielen Fundstellen tauchen überdies pigmenthaltige Brocken aus rotem Ocker oder schwarzem Manganmineralen auf, die den Eindruck von abgenutzten steinzeitlichen Malkreiden machen. Zilhão ist nicht der einzige Wissenschaftler, der daher davon ausgeht, dass unter den Neandertalern Körperbemalung verbreitet war. Die kräftigen roten Striche auf ihrer bleichen nordeuropäischen Haut müssen sicher recht eindrucksvoll gewirkt haben und waren – folgt man dieser Deutung – keinen Deut weniger "symbolisch" als die Malereien und Verzierungen unserer direkten Ahnen: "Man braucht keine Muschelperlen und auch keine zeichnerischen Darstellungen, um bestimmte Verhaltensweisen im archäologischen Sinn als symbolisch zu bezeichnen", meint der Forscher. "Seine Verstorbenen zu vergraben, ist symbolisches Verhalten. Und komplizierte chemische Verfahren anzuwenden, um seine Speere zu schäften, setzt die Fähigkeit zu planen voraus – ein abstraktes Denken, das unserem in allen wesentlichen Belangen ähnlich ist."

Neandertaler-Gräber entpuppen sich als Täuschung

Wo Zilhão ein klares Muster erkennt, sehen Skeptiker vor allem Unwägbarkeiten. Harold Dibble, ein Anthropologe der University of Pennsylvania in Philadelphia, hat die vermeintlichen Belege für Neandertalergräber genauer überprüft. Eines davon in der französischen Höhle Roc de Marsal sehe zwar aus wie ein planvoll ausgehobenes Grab, gehe aber in Wirklichkeit auf eine natürliche Grube zurück. Bei einem anderen, in La Ferrassie, sieht er Hinweise, dass Sedimente, die durch Wasser in die Höhle geschwemmt wurden, die sterblichen Überreste von Neandertalern begruben – und nicht etwa trauernde Angehörige.

Auch vom angeblichen Ockermalkasten hält er nicht viel: "Man sieht ein bisschen Abrieb an einem Stück Ocker, und schon ist die Rede von Neandertalern mit Körperbemalung", sagt er. "Das sind mir zu viele logische Sprünge." Wie einige seiner Kollegen weist auch Dibble darauf hin, dass Ocker eine ganze Reihe von denkbaren Anwendungen bietet: als Insektenschutzmittel, als Konservierungsmittel für Nahrung oder Tierhäute und als Beimischung in Klebstoffen. Auch Will Roebroeks von der Universität Leiden, der bei eigenen Ausgrabungen in den Niederlanden Hinweise auf eine 250 000 Jahre alte Nutzung von Ocker durch Neandertaler fand [7], ist skeptisch. "Zilhãos Argumentation springt zu schnell vom bloßen Vorhandensein von Ocker auf einen Nachweis von Körperbemalung."

Fragt man nun Dibble, Hublin und die anderen Skeptiker, was sie bräuchten, um sich überzeugen zu lassen, geben sie eine einfache Antwort: ein wiederkehrendes Muster künstlerischer Betätigung oder eine vergleichbar hochstehende Ausdrucksform symbolischen Denkens, die zudem aus einer Zeit stammt, als definitiv noch kein moderner Mensch nach Europa eingewandert war. "Ich glaube allerdings nicht, dass es so etwas gibt", fügt Hublin hinzu.

Muschelschmuck und Farbpalette

Zilhão jedoch verweist auf einen Einzelfund, den er vor drei Jahren der Fachwelt publik machte [8]. In einer Neandertalerstätte in Spanien fand er drei Herzmuscheln, die allesamt an einer Seite ein Loch aufwiesen, als seien sie als Schmuckstück getragen worden. Eine enthielt darüber hinaus sogar Spuren eines rötlichen Farbstoffs. Und eine vierte Muschel wies Überreste von verschiedenen Farben auf – was sie in den Augen der Forscher wie ein Behälter für angerührte Farben aussehen ließ. Die Muschelschalen, resümiert Zilhão, legen ein symbolisches Denken nahe, das dem jener modernen Menschen, die vor 75 000 Jahren in Südafrika dutzendweise Muschelschalen hinterließen, in nichts nachsteht. Vor allem aber: Mit einem Alter von rund 50 000 Jahren datieren die spanischen Schalen deutlich in die Zeit vor Ankunft des modernen Menschen.

Den Kritikern reicht das nicht. Die Durchbohrungen sind natürlichen Ursprungs, wie schon Zilhão feststellte, und so sei es ebenso gut möglich, meinen Hublin und Dibble, dass ein Neandertaler aus einer Laune heraus ein paar seltsam geformte Muscheln auflas. "Wenn man nur Einzelstücke hat, Ausreißer sozusagen, überzeugt das die wenigsten von uns", sagt Dibble.

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Große Jakobsmuschel mit Pigmentresten | Pecten maximus, die große Jakobsmuschel, könnte die Neandertaler wegen ihres roten Inneren (links) fasziniert haben. Das weiße Äußere der Schale (rechts) bemalten sie mit roter Farbe. Unter dem Mikroskop wird deutlich, wo die Farbstoffe der Muschelschale anhaften.

Die Wandmalereien von El Castillo könnten jetzt helfen, das gesuchte Verhaltensmuster zu rekonstruieren. Bei ihrer Veröffentlichung von vergangenem Juli blieb das Team konservativ bei den Altersangaben: Auf 41 000 Jahre datierten sie die älteste Kalzitschicht. Aus Angst, das eigentliche Pigment zu beschädigen, hatten sie überall mehrere Millimeter des Überzugs intakt gelassen. Tiefer liegende – und damit ältere – Schichten könnten das Minimalalter noch um mehrere Jahrtausende nach hinten verschieben.

Diese Aussicht trieb das Team letzten Oktober zurück in die spanische Höhle, wo sie tagelang kratzten und schliffen. Diesmal konzentrierten sie sich auf die roten Scheiben und Handabdrücke, die bei der früheren Untersuchung die frühesten Daten erbracht hatten. Ihr Ziel sei, erklärt Zilhão, "die Pigmente in diesen Malereien auf ein Alter zu datieren, das eindeutig und zu jedermanns Zufriedenheit jenseits des Eintreffens des modernen Menschen liegt."

Alt, aber nicht alt genug?

Doch fraglich ist, ob ein solcher früher Befund tatsächlich die Debatte beilegen würde. Hublin beispielsweise hat die Latte bereits hochgelegt. "Wenn Zilhão ein Alter von über 50 000 Jahren findet, würde ich mich überzeugen lassen!", sagt er. Ein bisschen jünger, und der Einfluss des modernen Menschen bliebe als Möglichkeit bestehen, erklärt er mit Verweis auf jüngere Studien, die ein Vordringen unserer Vorfahren in die heutige Türkei und sogar Mitteleuropa vor gut 50 000 Jahren nahelegen. Davon abgesehen reicht womöglich ein bisschen "Neandertalergekritzel", wie Dibble die simplen Malereien nennt, womöglich nicht aus, um die Zweifler zu bekehren. Statt wie erwartet den finalen Schlag zu liefern, könnte Zilhão den Streit nur weiter anfachen.

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Durchlochte Muscheln | Diese Muscheln der Art Acanthocardia tuberculata (Mitte oben) und Glycymeris insubrica wurden offenbar von Neandertalern verwendet: Die Löcher könnten ihnen geholfen haben, sie an einer Schnur aufzufädeln.

Doch vereinzelt werden auch Stimmen laut, die auf einen Kompromiss hindeuten. Chris Stringer, ein Paläoanthropologe vom Natural History Museum in London, erzählt, wie er vor 20 Jahren noch geglaubt hatte, dass die Neandertaler die Châtelperronien-Artefakte lediglich blind vom modernen Menschen abkupferten. "Wir nahmen damals an, dass sie bloß imitierten, aber von ihrer Hirnleistung her gar nicht in der Lage waren, die Bedeutung der Dinge einzuschätzen, die sie herstellten." Heute würde er das nicht mehr so sehen. Nach zwei Jahrzehnten, in denen wieder und wieder komplexe Neandertalerwerkzeuge und -waffen ans Tageslicht kamen, habe er seine Ansicht geändert: "Die Kluft war wohl doch nicht so groß", sagt er – und der Unterschied zwischen uns und ihnen eher eine Frage der Kultur als der Könnens.

Neandertaler lebten unter widrigsten Umständen

"Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass die Neandertaler von einer Reihe von Faktoren zurückgehalten wurden, die nichts mit ihrem Hirn zu tun hatten", fügt er hinzu. Auf Grund der klimatischen Bedingungen im eiszeitlichen Europa sei ihre Population "beängstigend klein" gewesen – mitunter lebten nur ein paar tausend Neandertaler auf dem gesamten Kontinent, von denen die meisten gerade einmal ein Alter von 30 Jahren erreichten. Wie soll ein derart gebeuteltes und verstreut lebendes Volk eine komplexe Kultur entwickeln und aufrechterhalten?

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt heute auch d'Errico, Zilhãos langjähriger Kampfgenosse. Er glaubt zwar immer noch, dass die Neandertaler die Châtelperronien-Artefakte vor dem Eintreffen ihrer neuen Nachbarn entwickelten. Allerdings sei er offen für die Idee, dass bestimmte Aspekte der modernen Kultur schon vor dem Eintreffen unserer Vorfahren stückchenweise nach Europa diffundierten. "Es ist möglich, dass sich ein gewisser Einfluss ausbreitete. Ich bin da weniger militant als Joao", sagt er. Das nehme den Neandertalern im Übrigen auch nichts weg, fügt er hinzu: "Fremde Einflüsse aufzunehmen, zu verändern und der eigenen Kultur einzuverleiben, ist im Grunde ein sehr modernes Verhalten."

Dennoch, ein letzter Graben zwischen den Fraktionen bleibt, den keine der beiden freiwillig überwinden will: Waren die Neandertaler – in geistiger Hinsicht – wirklich wie wir? Nein, sagt Stringer. Er verweist auf die Entzifferung des Neandertalergenoms im Jahr 2010 [9], der zufolge ihr Erbgut in einigen Bereichen, die mit der Hirnphysiologie in Verbindung stehen, vom unsrigen abweicht. Anfang des Jahres publizierte Stringer außerdem einen Aufsatz, in dem er argumentierte, dass Neandertaler mehr Hirnmasse für die visuelle Wahrnehmung und die Steuerung ihrer massigen Körper aufwendeten als der moderne Mensch [10]. In der Folge blieb womöglich weniger Platz für soziale Kognition. "Wenn man einen Neandertaler in die heutige Zeit versetzen würde, wäre da wohl immer noch ein Unterschied", glaubt er.

Zilhão hingegen lehnt nach wie vor jede Unterscheidung ab. Als er aus der Höhle in die verregnete Abenddämmerung hinausklettert, sinniert er, was wohl passieren wird, wenn die Datierungen das erhoffte hohe Alter liefern: Wahrscheinlich würden seine Kritiker behaupten, er habe damit zweifelsfrei belegt, dass der moderne Mensch sogar noch früher als gedacht eingewandert sei. "'Ganz richtig', werde ich ihnen dann antworten. 'Neandertaler waren eben auch moderne Menschen.'"

Dieser Beitrag erschien unter dem Titel "Old Masters" in Nature 497, S. 302-304, 2013

24. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24. KW 2013

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