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Ukraine-Krieg: »Die Energiewende muss jetzt schneller gehen«

Explodierende Strompreise durch ein Gasembargo hätten schwer wiegende Folgen, sagt Simone Peter, die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien. Kann Ökostrom das auffangen?
Offshore-Windpark Middelgrunden vor Kopenhagen

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Preise für Öl, Erdgas, Benzin und Diesel bereits stark steigen lassen. Nun kündigte US-Präsident Joe Biden an, künftig kein Öl und Erdgas mehr aus Russland beziehen zu wollen. Die Europäische Union und Deutschland setzt das zusätzlich unter Druck: Sollten sie mit den Vereinigten Staaten gleichziehen und ebenfalls die Einfuhr unterbinden?

Simone Peter, die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE), ist skeptisch, was einen Lieferstopp angeht. Sie fürchtet die sozialen Folgen dieser Entscheidung. Im Interview erklärt sie, wieso die Regierung schnell handeln solle, um Strom zu verbilligen, und warum der Preisvorteil von Ökostrom derzeit nicht an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben wird.

Simone Peter | Seit 2018 ist Simone Peter die Präsidentin des Bundesverband Erneuerbare Energie, in dem sich Verbände, Organisationen und mehr als 5000 Unternehmen der Branche zusammengeschlossen haben. Zuvor war sie von 2013 bis 2018 eine von zwei Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen und von 2009 bis 2012 Ministerin für Umwelt, Energie und Verkehr des Saarlandes.

»Spektrum.de«: Die EU diskutiert einen Lieferstopp für Steinkohle, Öl und Erdgas aus Russland als Reaktion auf den Ukraine-Krieg. Wie stehen Sie dazu, was Deutschland anbelangt?

Simone Peter: Ich teile die Einschätzung der Bundesregierung, dass uns soziale Schieflagen und massive wirtschaftliche Verwerfungen auf Grund ausbleibender Energielieferungen drohen. Explodierende Energiepreise, die mit einem Embargo verbunden wären, stellen eine Gefahr für die Stabilität Europas dar. Die früheren Regierungen haben uns in eine extreme Abhängigkeit gebracht. Wir brauchen in diesem Konflikt, dessen Ende nicht absehbar ist, aber die Stabilität Europas – auch sicherheitspolitisch.

Was würde bei einem Embargo oder Lieferstopp auf dem deutschen Energiemarkt passieren?

Ein Importstopp von Energierohstoffen würde zu weiter steigenden Preisen führen, die sich vermutlich über ein bis zwei Jahre halten würden. Hier helfen uns beim Strom auch Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken nichts, zumal die für einen längeren Betrieb nötigen Brennelemente kurzfristig fehlen. Experten halten es für möglich, dass bestimmte Industriezweige ihre Produktion drosseln müssten, wenn Gaslieferungen ausbleiben. Da unsere Abhängigkeit sowohl Erdgas als auch Kohle, Öl und Uran betrifft, hätten wir bei einem Embargo oder Lieferstopp also ein echtes Problem. Weitere Preisexplosionen bei Gas und Öl, verbunden mit wirtschaftlichen Einbrüchen, wären die Folge.

Also ein klares Nein, dem Vorbild der USA zu folgen?

In der Sanktionslogik sollte es kein festgelegtes Nein für ein Embargo geben, aber erst mal sollten die kürzlich beschlossenen, weit reichenden Maßnahmen wirken. In enger Abstimmung mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten, die sich mit uns im europäischen Binnenmarkt befinden, kann eine solche Maßnahme dennoch notwendig werden.

Was sollte die Bundesregierung tun, um die drohenden Folgewirkungen möglichst klein zu halten?

Neben dem kurzfristigen Plan der Bundesregierung, bei den Erdgaslieferungen zu diversifizieren, ist jetzt alles zu tun, um kurz- bis mittelfristig die installierte Leistung bei heimischen erneuerbaren Energien zu erhöhen. Wir müssen massiv in Wind- und Solarenergie investieren, bürokratische Hemmnisse beseitigen und Flächen und Genehmigungen schnell bereitstellen. Zudem brauchen diejenigen Energiequellen Anreize, die unabhängig vom Wetter flexibel steuerbar sind. Das sind Bioenergie, Kraft-Wärme-Kopplung, Wasserkraft, Speicher und perspektivisch Grüner Wasserstoff und andere Technologien. Sie sind der dezentrale Ausgleich für die wetterabhängigen Energiequellen Wind und Sonne.

Themenwoche: Wie die Energiewende klappen kann

Deutschland hat einiges zu tun, damit die Energiewende hin zu einer klimaneutralen Versorgung bis 2045 gelingt. Auf Grund des Krieges in der Ukraine ist die Energieversorgung noch unsicherer geworden. Wie lässt sich die Versorgung ohne russische Energieimporte gewährleisten? Sind erneuerbare Energien schon so weit, dass man auf Kohlekraft verzichten kann? Diese und weitere Fragen behandelt »Spektrum.de« in der Themenwoche »Energiewende«.

Was könnte das konkret heißen?

Allein durch die Abschaffung des »Biogasdeckels« im Erneuerbare-Energien-Gesetz könnte die Biogaserzeugung um 20 Prozent erhöht werden, was fünf Prozent der Gasimporte aus Russland entspricht. Perspektivisch können bis zu 80 Prozent des russischen Erdgases in Deutschland durch Biogas oder Biomethan ersetzt werden, wenn verstärkt Rest- und Abfallstoffe und Flächen für EU-Umweltagrarmaßnahmen genutzt werden. Erdgas kostet aktuell 250 Euro je Megawattstunde, Biomethan 55 Euro je Megawattstunde.

Über Strom wird viel mehr gesprochen als über Wärme, für die ein Großteil der Energie eingesetzt wird. Wie sieht es da aus?

Im Wärmebereich ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen notwendig, von der gezielten Förderung des Heizungsaustauschs über das Verbot fossiler Energieträger bis hin zu klaren Vorgaben bei der Gebäudesanierung, natürlich sozial abgefedert. In Privathäusern wie in den kommunalen Wärmenetzen und bei der Fernwärme sind Solarthermie, Wärmepumpen und Geothermie sowie Bioenergie zu nutzen. Und auch bei der Mobilität muss das ganze Portfolio an Einsparungen und die Abkehr vom fossilen Verbrenner vorangetrieben werden. Wir müssen – ob mit oder ohne Embargo – jetzt zeigen, dass heimische erneuerbare Energien perspektivisch die Versorgung günstig und klimaschonend sichern können. Darauf sollten wir uns jetzt, neben der Energieeinsparung, mit voller Kraft konzentrieren.

»Jedes eingesparte Kilowatt Gas oder Öl hilft uns über den nächsten Winter«(Simone Peter)

Sie sprechen den Punkt Einsparung bereits an: Soll die Bundesregierung jetzt aktiv den Energieverbrauch drosseln, etwa durch Tempolimits, verbilligten öffentlichen Verkehr oder andere Maßnahmen?

Ich halte es für angebracht, die Energieeinsparung jetzt voranzutreiben, und sehe auch die Akzeptanz dafür. Vom Appell, das Heizungsthermostat etwas herunterzuschrauben, Sparduschköpfe einzubauen bis hin zu den von Ihnen genannten verkehrspolitischen Maßnahmen. Jedes eingesparte Kilowatt Gas oder Öl hilft uns über den nächsten Winter.

Selbst Anbieter von Ökostrom kündigen aktuell Preiserhöhungen an. Warum eigentlich? Es heißt doch immer, Ökostrom sei in der Herstellung inzwischen viel billiger als fossile Stromquellen.

Der Preisvorteil der Erneuerbaren ist real. Strom aus erneuerbaren Energien senkt auch aktuell die Börsenstrompreise. Das hat man in den vergangenen wind- oder sonnenreichen Wochen immer wieder gut in Europa gesehen: Länder mit einem hohen Anteil an Wind- oder Solaranteil waren mit deutlich niedrigeren Preisen klar im Vorteil.

»An der Strombörse setzt das letzte und damit das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, den Preis. Das sind seit einiger Zeit Gaskraftwerke«(Simone Peter)

Aber warum dann diese Preissteigerungen? Es klingt doch absurd, wenn Ökostromanbieter wegen steigender Gaspreise die Tarife erhöhen.

Grundsätzlich setzt an der Strombörse das letzte und damit das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, den Preis. Das sind seit einiger Zeit Gaskraftwerke, die derzeit mit extrem teurem Erdgas befeuert werden. Das treibt die Preise in die Höhe. Und obwohl Ökostrom nicht an der Strombörse gehandelt wird, sind auch Ökostromanbieter von Strompreissteigerungen betroffen. Denn sie schließen mit Betreibern von Ökostromanlagen bilaterale Lieferverträge ab. Und die orientieren sich wiederum mit ihren Preisvorstellungen am aktuellen Niveau an der Strombörse.

Also liegen die hohen Preise für Ökostrom hauptsächlich daran, dass die Betreiber der Anlagen Preise wie die von Gaskraftwerken verlangen, obwohl sie selbst viel niedrigere Kosten haben?

Das ist der Systematik geschuldet und kann und soll auch geändert geben. Neben dem, dass es heute immer öfter schon zu Direktverträgen mit Betreibern kommt, die den günstigen Strompreis weitergeben, braucht es grundsätzlich einen neuen Marktrahmen. Denn die Gaskraftwerksbetreiber verdienen derzeit auch über Gebühr. Deswegen muss man das Gesamtsystem und die optimale Umsetzung der Energiewende in den Fokus nehmen.

Könnte und müsste das kurzfristig geschehen, damit der niedrigere Ökostrompreis stärker weitergegeben werden kann?

Eine kurzfristige Änderung des bestehenden Systems ist wenig sinnvoll. Aber Ökostromanbieter haben die Möglichkeit, sich durch langfristige Abnahmeverträge zu festen Preisen, die direkt mit Anlagenbetreibern abgeschlossen werden, von der Logik der Strombörse zu lösen. Bei neuen Freiflächen-Fotovoltaikanlagen ist das ein Thema. Der Bundesverband Erneuerbare Energien hat zudem in seiner aktuellen Studie zum Design des Strommarkts mit zwei Fraunhofer-Instituten gezeigt, wie ein Stromsystem nach den Bedürfnissen der erneuerbaren Energien neu auszurichten ist. Wir wollen das in die geplante Plattform »klimaneutrales Stromsystem« der Bundesregierung einbringen.

Was fordern Sie, damit die Menschen in Deutschland von billigerem Ökostrom stärker profitieren können?

Für dauerhafte Bezahlbarkeit ist der beste Weg, die erneuerbaren Energien beschleunigt und bürgernah auszubauen. So werden Menschen direkt am günstigen Ökostrom beteiligt. Denn die Stromgestehungskosten von Wind und Solar von nur wenigen Cent je Kilowattstunde sind heute schon global die billigsten. Grundsätzlich ist es jetzt notwendig, die Stromnebenkosten für Verbraucher zu senken. Dies kann wie bei der EEG-Umlage vollständig passieren. Bei variablen Netzentgelten ist es möglich, den Verbrauch in jene Zeitfenstern zu verlegen, in denen viel erneuerbare Energien ins Stromnetz eingespeist werden. Auch die Stromsteuer kann auf das europarechtlich mögliche Minimum abgesenkt werden.

Am günstigsten sind die Erneuerbaren | Die Stromgestehungskosten verschiedener Energieträger unterscheiden sich teils deutlich. Sie umfassen die Kosten für Investitionen, den Betrieb der Anlage und Brennstoff, nicht aber für Verteilung und Speicherung. Die Grafik zeigt die Ergebnisse einer Studie des Fraunhofer ISE von 2021.

Welche Erwartungen haben Sie an die von der Bundesregierung geplante »Plattform Klimaneutrales Stromsystem«?

Ein klimaneutrales Stromsystem muss zum einen die betriebswirtschaftliche Grundlage dafür legen, dass die erneuerbaren Energien ausgebaut werden können. Und zum anderen muss es garantieren, dass die Strompreise bezahlbar sind, dass die Klimaziele eingehalten werden und dass Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Was ist dafür notwendig?

Mehr Flexibilität im Stromsystem und die genannten Anreize für flexibel steuerbare Einheiten wie Bioenergieanlagen, Speicher, Kraft-Wärme-Kopplung oder Wasserkraft, um zu den Zeiten zu produzieren, in denen der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Hier haben wir heute schon große ungenutzte Potenziale. Wir haben in unserer Studie die Rahmenbedingung hierfür skizziert.

Haben Sie schon Signale von Bundeswirtschaftsminister Habeck, ob er diese Forderung ernst nimmt?

Wir haben Minister Habeck bei unserem ersten Gespräch im Januar bereits darauf angesprochen, denn das Vorhaben ist im Koalitionsvertrag verankert. Ich nehme an, dass der Krieg in der Ukraine und die wie unter einem Brennglas verdichtete Energiepreisdebatte solche Überlegungen beschleunigen, denn die Energiewende muss jetzt schneller gehen. Und dafür brauchen wir den intelligenten Einsatz des gesamten Spektrums erneuerbarer Energien.

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