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Menschwerdung und Migration: Unser aller Heimatland?

Geht die heutige Menschheit auf eine einzige Urpopulation zurück? Eine Gruppe von Forschern meint Ja und hat die Ursprungsregion ermittelt. Ihre These ist allerdings strittig.
Eine Familie der Ju'hoansi im Gespräch mit der Genetikerin Vanessa Hayes von der New South Wales University.Laden...

Die Ursprungsregion des anatomisch modernen Menschen lag im Süden des afrikanischen Kontinents. Das vermuten jedenfalls Genetiker und Klimaforscher um Eva Chan und Vanessa Hayes von der University of New South Wales. Sie haben mit Hilfe von Genanalysen und Landschaftsrekonstruktionen das »Urland« auf ein Gebiet eingegrenzt, das heute vom östlichen Namibia über den Norden Botswanas bis in den Westen Simbabwes reicht. In ihrer Studie im Fachjournal »Nature« zeichnen die Wissenschaftler auch die Migrationsgeschichte der ersten anatomisch modernen Menschen von vor 100 000 bis 200 000 Jahren nach. Ihre Ergebnisse widersprechen allerdings der von anderen Forschern vertretenen These, dass sich Homo sapiens »multiethnisch«, also in verschiedenen Regionen des afrikanischen Kontinents entwickelt habe. Zudem weist die Studie methodische Mängel auf.

Studie über prähistorische Migration – ohne alte DNA

Für ihre Studie sammelten die australischen Genetiker um Chan und Hayes insgesamt 198 Blutproben von Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen im Süden Afrikas, vor allem von den Jäger- und Sammlergruppen der Khoisan, die aus genetischer Sicht als älteste lebende Menschengruppe gelten. Aus den Proben haben die Forscher das mitochondriale Genom ausgelesen. Die mitochondriale DNA wird nur von der Mutter vererbt. Hierüber versuchten die Forscher quasi die Urmutter des anatomisch modernen Menschen zu ermitteln, indem sie die Entwicklungsgeschichte des Erbguts zurückverfolgten.

Im Fall von Chans und Hayes' Studie fällt auf, dass die Genetiker keine Ergebnisse archäogenetischer Analysen einbezogen haben, also keine DNA aus prähistorischen Knochenfunden auswerteten. Ungewöhnlich ist auch, dass sie nur die mitochondriale DNA, nicht aber das gesamte Genom untersucht haben. Die Entwicklungsgeschichte der »Väter« blieb somit unangetastet. Eine Abstammungsgeschichte des Menschen lässt sich auf dieser Datenlage also kaum rekonstruieren.

Genealogien, wie sie Chan und Hayes aufstellen, haben Genetiker schon zuvor errechnet und Genome der Linie L0, also mit der Haplogruppe L0, als eine der ältesten identifiziert. Diese Linie haben Chan und Hayes nun feiner aufgegliedert, indem sie ihre 198 modernen Gendaten mit bereits analysierten 1217 Genomen aus dieser Region kombinierten. In einem nächsten Schritt glichen sie die Ergebnisse der Genanalyse mit Daten zur Landschaftsentwicklung, dem Paläoklima und mit der Verteilung archäologischer Fundorte ab.

Ihr Fazit: Dort, wo sich heute die Salzpfannen von Makgadikgadi und das Okavango-Delta im Norden Botswanas befinden, existierte vor 200 000 Jahren ein ausgedehntes Feuchtgebiet, das für den Menschen äußerst gute Lebensbedingungen geboten haben könnte. Ungefähr 70 000 Jahre lang sei das so geblieben. Dann, vor 130 000 bis 110 000 Jahren, habe ein Teil der Urgruppe diese Region verlassen, weil durch Klimaverschiebungen auch anderswo lebensgünstige Gebiete entstanden waren. »Die ersten Migranten wagten sich nach Nordosten, gefolgt von einer zweiten Welle von Migranten, die nach Südwesten wanderten. Eine dritte Population blieb im Heimatland – bis heute«, erklärt Vanessa Hayes.

Nicht einer, sondern viele Ursprünge?

Da Chan und Hayes ausschließlich moderne Genome untersucht haben, können sie jedoch nur die gegenwärtige Verbreitung des L0-Stammbaums kartieren. Migrationsbewegungen, die sich in der Vergangenheit ereigneten, lassen sich aus diesen Gendaten nicht erschließen. Das wäre nur durch eine Analyse alter DNA aus fossilen Knochen möglich, wie die Genetikerin Chiara Barbieri von der Universität Zürich gegenüber »The Atlantic« betont.

In ihrer Studie gehen die australischen Forscher auch nicht auf Fossilfunde früher Formen des Homo sapiens ein. Die ältesten bekannten Überreste eines frühen anatomisch modernen Menschen kamen in Jebel Irhoud in Marokko ans Licht. Sie werden auf ein Alter von rund 315 000 Jahren datiert. Sie sind damit sehr viel älter als Chans und Hayes' Urpopulation.

Die These einer einzigen Ursprungsregion des anatomisch modernen Menschen ist überhaupt strittig. So kommen andere Studien zu einem gegenteiligen Ergebnis – nämlich, dass sich der Mensch an vielen Orten auf dem afrikanischen Kontinent entwickelt habe. Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und ihr Team rekonstruierten die regionale Entwicklung von Steinwerkzeugen und werteten die anatomische Evolution des Menschen aus. Ihres Erachtens zeigen menschliche Knochenfunde, dass sich der anatomisch moderne Mensch nicht überall gleich entwickelt habe, was die Anteile von modernen und archaischen Knochenmerkmalen angeht. »Die Entwicklung der menschlichen Bevölkerung in Afrika war multiregional. Unsere Abstammung war multiethnisch. Und die Entwicklung unserer materiellen Kultur war multikulturell«, resümierte Eleanor Scerri 2018.

Nachtrag vom 7. November 2019: Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, haben Chans und Hayes' These stark kritisiert. Anthropologen, Archäologen und Geologen um Rebecca Rogers Ackermann von der University of Cape Town bemängeln, dass die australischen Genetiker keine anerkannten Erkenntnisse aus der Paläoanthropologie und Paläogenetik beachtet hätten. Ebenso würden die Studienautoren mit rassistischen Begriffen wie »homeland« hantieren, die während der Apartheid in Südafrika genutzt wurden. Verwunderlich sei vor allem, dass die Studie auf Grund dieser Defizite nicht schon im Peer-Review-Prozess von »Nature« disqualifiziert wurde. Ihre Erwiderung haben Rogers Ackermann und ihre Kollegen am 6. November 2019 bei »Nature« eingereicht und vorab im Netz publiziert.

44/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2019

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