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Persönlichkeitspsychologie: »Wir können uns aktiv verändern – ein Leben lang«

Welche einschneidenden Momente wir erleben, hängt von unserer Persönlichkeit ab – und auch, ob wir daran wachsen. Die Psychologin Eva Asselmann über Lebenskrisen, Gene und den Selbstoptimierungswahn.
Ein blühender Kaktus vor schwarzem Hintergrund
Persönliches Wachstum ist in jedem Lebensabschnitt und bis ins hohe Alter möglich – man muss nur wollen.

Lange dachte man, die Persönlichkeit reife im Kindes- und Jugendalter, und so wie man mit etwa 20 Jahren sei, bleibe man bis zum Tod. »Wir wissen aber bereits seit einigen Jahren, dass dem glücklicherweise nicht so ist«, sagt die Persönlichkeitspsychologin Eva Asselmann von der Health and Medical University in Potsdam. »Wir sind keine Opfer unserer Gene oder frühkindlicher Erlebnisse.« Gerade ist ihr Buch »Woran wir wachsen. Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt« erschienen. Im Interview spricht sie darüber, was uns widerstandsfähiger macht, wo gesundes Dazulernen aufhört und wo problematische Selbstoptimierung anfängt.

»Spektrum.de«: Als Persönlichkeitspsychologin haben Sie viel mit Menschen zu tun. Man stellt sich Psychologen als einfühlsam und gesellig vor. Waren Sie schon immer so oder entwickelt sich das mit der Zeit?

Eva Asselmann: Das ist natürlich schwer zu sagen, weil man sich selbst kontinuierlich wahrnimmt. Aber einfühlsam war ich schon als Kind, denke ich, gesellig bin ich nur manchmal. Insgesamt würde ich mich tatsächlich eher als introvertiert bezeichnen.

Haben Sie schon mal versucht, Ihre eigene Persönlichkeit zu verändern?

Eva Asselmann | Die Psychologin ist Professorin an der Health and Medical University in Potsdam und forscht zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung, Gesundheitsförderung und Prävention.

Nicht mit einer gezielten Persönlichkeitsintervention. Aber ich rege mich manchmal über Kleinigkeiten im Alltag auf. Da versuche ich gezielt etwas cooler und gelassener zu sein, etwas großzügiger mit mir und auch mit anderen umzugehen. Das klappt mal mehr und mal weniger gut. Ich habe mich jedoch schon in der Schule gefragt, warum sich Menschen überhaupt voneinander unterscheiden. Wie kann es sein, dass andere Kinder Sport so faszinierend finden und ich dagegen für Mathe brenne?

Und woran liegt das?

Unserer Psyche ist komplex, dementsprechend ist auch unsere Persönlichkeit komplex. Aber ein beachtlicher Anteil an Unterschieden zwischen Menschen lässt sich mit fünf Persönlichkeitsmerkmalen erklären. Das sind die so genannten Big Five: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität.

Und das äußert sich wie?

Offene Menschen sind solche, die sich sehr für Neues interessieren. Die setzen sich gern mit Kunst auseinander, bereisen fremde Länder, probieren gern exotisches Essen. Gewissenhafte Menschen haben ihre sieben Sachen penibel beisammen, sind sehr ordentlich, pünktlich, zuverlässig, fleißig – so wie man sich den perfekten Mitarbeiter des Monats vorstellt. Extravertierte Personen sind gesellig, reden viel, sind gesprächig, gern unter Leuten, fröhlich und aktiv. Introvertierte Menschen, zu denen ich mich zähle, sind dagegen eher zurückhaltend und ruhig. Verträgliche Menschen kommen gut mit anderen zurecht, legen Wert auf gute, harmonische Beziehungen. Und emotional stabile Menschen können gut mit Stress und Herausforderungen umgehen. Aber natürlich bewegen wir uns da immer auf einer Skala: Es gibt zum Beispiel nicht die Extravertierten auf der einen und die Introvertierten auf der anderen Seite, sondern die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen.

Wie sehr können wir diese Eigenschaften denn beeinflussen? Also können wir uns bewusst verändern?

Unser ganzes Wesen wird sowohl von unseren Genen als auch von der Umwelt bestimmt. Das ist ein Wechselspiel. Man kann grob sagen, dass zumindest ein Drittel genetisch bedingt ist. Auf einen exakten Wert kann man das aber nicht festzurren. Das Spannende ist, dass man lange Zeit dachte, die Persönlichkeit reift im Kindes- und Jugendalter, und ab etwa 20 war's das dann mit der Persönlichkeitsentwicklung. So bleiben wir dann, bis wir sterben. Wir wissen aber bereits seit einigen Jahren, dass dem glücklicherweise nicht so ist, dass sich unsere Persönlichkeit ein Leben lang verändert. Es tut sich erstaunlich viel im frühen Erwachsenenalter und dann noch mal im ganz hohen Alter. Eine wichtige Rolle dabei spielen einschneidende Lebensereignisse. Welche wir davon erleben und wie wir diese verarbeiten, hängt wiederum auch von unserer Persönlichkeit ab. Daraus folgt, dass wir uns aktiv verändern können – ein Leben lang. Wir sind keine Opfer unserer Gene oder dem, was in der Kindheit möglicherweise schiefgelaufen ist.

»Bevor man anfängt, ins Blaue hinein die eigene Persönlichkeit umkrempeln zu wollen, rate ich dazu, das erst mal kritisch zu hinterfragen«

Also wenn ich jetzt sage: Ich bin grundsätzlich offen für neue Erfahrungen, bin aber vielleicht nicht immer der Mitarbeiter des Monats und eher der introvertierte Typ, und irgendwas davon passt mir jetzt nicht. Wie kann ich aktiv darauf Einfluss nehmen und etwas ändern?

Sie können versuchen, sukzessive in Ihrem Alltag Dinge zu tun, die Menschen, die etwa sehr extravertiert oder auch besonders gewissenhaft sind, auszeichnen. Ich empfehle allerdings, erst mal darüber nachzudenken, warum Sie sich überhaupt verändern wollen. Warum möchten Sie unbedingt extravertierter werden oder gewissenhafter? Bei der Persönlichkeit gibt es kein Besser oder Schlechter. Ja, wir wissen, dass höhere Ausprägungen in den Big Five mit vielen positiv besetzten Eigenschaften zusammenhängen. Zum Beispiel sind gewissenhafte Menschen im Schnitt gesünder, weil sie sich abwechslungsreicher ernähren, mehr Sport treiben und häufiger zum Arzt gehen. Aber möglicherweise sind weniger gewissenhafte Menschen besser dran in Situationen mit extrem vielen Aufgaben: weil sie nicht so perfektionistisch sind und weniger Gefahr laufen, sich zu übernehmen. Bevor man nun anfängt, ins Blaue hinein die eigene Persönlichkeit umkrempeln zu wollen, etwa weil man genauso erfolgreich und beliebt sein möchte wie die beste Freundin, rate ich dazu, das erst mal kritisch zu hinterfragen.

Was wäre also besser?

Es wäre wahrscheinlich zielführender, zu überlegen, wie man mit der eigenen Persönlichkeit besser zurechtkommt. Wie kann ich mir meinen Alltag so gestalten, dass er zu mir und meiner Wesensart passt? In einzelnen Bereichen kann ich natürlich trotzdem versuchen, mein eigenes Verhalten gezielt anzupassen. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich berufsbedingt viele Vorträge gebe, Vorlesungen und Seminare halte. Wenn ich mich da nicht nach vorne trauen würde und es mir extrem schwerfiele, frei zu reden, dann wäre das natürlich problematisch.

Es kann aber ja Momente geben, in denen ich mich zurückziehe, obwohl ich als extravertierter Mensch sonst gerne im Mittelpunkt stehe. Wie unterscheidet sich dieses situationsabhängige Verhalten von der Persönlichkeit?

Die Persönlichkeit ist die Gesamtheit aller Eigenschaften, die jemand über einen längeren Zeitraum und in verschiedenen Situationen zeigt und in denen er sich systematisch von anderen Menschen unterscheidet. Das Verhalten ist ein Teil davon, so wie auch das Denken oder die Gefühle. Im Schnitt wären Sie, wenn Sie sehr extravertiert sind, eher ein geselliger, gesprächiger Typ – auch wenn Sie mal keine Lust haben zu reden. Ausnahmesituationen kann es natürlich hier und da geben.

Sie sagten vorhin, dass wir vor allem an einschneidenden Lebenserfahrungen wachsen. Welche sind das zum Beispiel?

Ich habe mir angeschaut, inwiefern die Geburt des ersten Kindes wichtig ist für die Persönlichkeitsentwicklung oder ein Jobwechsel oder der Verlust eines nahestehenden Menschen. Und da kam überraschenderweise heraus, dass man sich kaum verändert, nachdem man ein Kind bekommen hat, aber recht stark, wenn man ins Berufsleben eingestiegen ist.

Das ist tatsächlich erstaunlich. Man könnte meinen, es sei umgekehrt, da es ja gewissermaßen eine Erfindung des modernen Menschen ist, einen Beruf auszuüben, aber evolutionär angelegt ist, Kinder zu bekommen. Warum ist das eine psychologisch so viel tiefgreifender als das andere?

Es gibt eine wichtige Annahme zur Persönlichkeitsentwicklung: das soziale Investitionsprinzip. Das geht davon aus, dass wir uns bei einschneidenden Ereignissen verändern, weil wir neue soziale Rollen einnehmen. Wenn ich in den Job einsteige, bin ich plötzlich eine Arbeitnehmerin. Und diese neue soziale Rolle geht mit ganz bestimmten Rollenanforderungen einher. Ich muss mich da gewissenhaft verhalten, muss pünktlich erscheinen, mich einigermaßen ordentlich anziehen, professionell auftreten. Natürlich ergeben sich auch neue Anforderungen, wenn ich ein Kind bekomme. Da muss ich mich fürsorglich um den Nachwuchs kümmern. Aber eine Hypothese ist, dass die Anforderungen im Berufsleben klarer sind. Wenn wir uns zu Hause nicht adäquat verhalten, dann ist da in der Regel niemand, der uns so klar und deutlich Feedback gibt wie im Job.

Von welchen Faktoren hängt denn unsere psychische Widerstandsfähigkeit ab? Wie schaffen wir es, dass uns ein Schicksalsschlag nicht so tief in ein Loch zerrt, dass wir nicht mehr herausfinden?

Prinzipiell hängt das – wie so oft in der Psychologie – wieder von vielen Faktoren ab. Wenn wir etwa Gewalt oder Missbrauch in frühester Kindheit erfahren haben, kann das dazu führen, dass sich unser Gehirn anders entwickelt und wir später im Leben sehr viel sensibler auf Stress reagieren. Wir können aber auch im Erwachsenenalter noch viel dafür tun, um widerstandsfähig zu sein. Entscheidend ist, sich auf verfügbare Ressourcen zu fokussieren. Welche Stärken habe ich? Woraus kann ich im Alltag Kraft schöpfen? Was macht mich glücklich? Wir wissen aus der Resilienzforschung, dass soziale Beziehungen nach schweren Schicksalsschlägen unheimlich wichtig sind. Dankbarkeit ist ebenso ein wichtiger Aspekt. Es kann nützlich sein, sich immer mal wieder darauf zu besinnen, dass man im Hier und Jetzt lebt, und bewusst zu genießen. Außerdem helfen Fragen wie: Was habe ich schon alles erreicht? Welche Herausforderungen habe ich gemeistert? Worauf bin ich stolz?

Sie haben über all das gerade ein Buch geschrieben: »Woran wir wachsen. Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt«. Was hat Sie denn bei der Arbeit daran selbst überrascht?

Ich forsche schon viele Jahre dazu und habe das Buch in erster Linie über meine eigenen Erkenntnisse geschrieben. Deshalb wusste ich das meiste natürlich schon vorher und musste nicht von Grund auf recherchieren. Aus meiner Sicht ein sehr spannendes Feld ist das der gezielten Persönlichkeitsentwicklung. Wie kann ich mich aktiv verändern? Daran gibt es ein wahnsinniges populärwissenschaftliches Interesse. Das ist ein riesiger Markt mit vielen kommerziellen Angeboten. Ich sage nur Change Management, Coaching, Workshops. Damit ist dann meistens eine positive Weiterentwicklung des eigenen Selbst gemeint.

Was sagt denn die Wissenschaft dazu?

Aus der Persönlichkeitspsychologie im engeren Sinn gibt es dazu bislang erst wenig Erkenntnisse. Aus einigen Studien können wir schließen, dass konkrete Ziele helfen, wenn man sein eigenes Verhalten ändern will. Es reicht etwa nicht aus, sich einfach nur zu sagen: »Ich werde jetzt extravertierter.« Vielversprechender ist es, sich konkrete Dinge vorzunehmen, wie: »Nächste Woche werde ich mich dreimal abends mit Freunden verabreden und mich jeden Tag einmal im Unterricht zu Wort melden.« Aber ob sich solche Veränderungen auch wirklich langfristig in der Persönlichkeit verankern, dazu muss noch weiter geforscht werden.

»Ich glaube, wir brauchen mehr Debatten über diese Frage, wie viel Selbstoptimierung wünschenswert und gesund ist«

Das ganze Thema Selbstoptimierung beschäftigt ja sehr viele Menschen. Wir wollen uns ständig verbessern, verändern, an uns selbst wachsen. Aber wenn das Feld doch eigentlich noch nicht richtig erforscht ist: Was bedeutet das für Coachingkurse und Change Management? Ist das aus wissenschaftlicher Sicht alles Quatsch?

Der Knackpunkt ist: Wo hört persönliches Dazulernen auf und wo fängt problematische Selbstoptimierung an? Das Ganze kann ja sehr exzessiv werden – so stark, dass Menschen sich selbst komplett ablehnen, so wie sie sind. Sie versuchen sich dann krampfhaft in irgendeine Schablone zu pressen. Ich glaube, wir brauchen mehr Debatten über diese Frage, wie viel Selbstoptimierung wünschenswert und gesund ist. Ein wichtiges Ziel meines Buchs ist auch, die Vielfalt der Persönlichkeit zu zeigen, deutlich zu machen, worin sich Menschen unterscheiden können und welchen Mehrwert das hat. Unsere Welt wäre total langweilig und unsere Gesellschaft nicht tragfähig, wenn wir alle gleich extravertiert wären oder alle gleich gewissenhaft. Wenn man alle Menschen in ihrer Diversität nimmt, dann ist es wie ein Puzzle – es fügt sich zu einem Ganzen zusammen.

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