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»Tyrannen«: 20 Menschen, denen man nicht begegnen möchte

Der Sammelband stellt 20 berüchtigte Herrscher vor und erweitert dabei den historischen Horizont. Eine Rezension
Schachfiguren

Wenn man ein Buch mit dem Titel »Tyrannen« geschenkt bekommt, könnte man das eventuell persönlich nehmen. Vielleicht wird es als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden, als ein Hinweis auf die Sozialkompetenz. Allein die Nennung des Worts »Tyrann« löst ein Bündel von Bildern und Emotionen aus, ausgehend vom berühmten »Haustyrannen« über den tyrannischen Chef bis hin zu den bekannten Tyrannen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Der Sammelband »Tyrannen. Eine Geschichte von Caligula bis Putin« nimmt sich des Themas aus geschichtlicher Perspektive an. Auf jeweils etwa 15 Seiten werden 20 Tyrannen von verschiedenen Autorinnen und Autoren vorgestellt, immer unter der Maßgabe, was ausgerechnet diesen Herrscher zum Tyrannen macht oder warum er von seinen Zeitgenossen oder von späteren Epochen so gesehen wurde.

Genug Material zum Nachdenken

Daraus ergibt sich die faszinierende Grundfrage des Buchs, die unwillkürlich beim Lesen entsteht: Was ist die Quintessenz der tyrannischen Herrschaft? Um sich in diese Frage zu vertiefen, steht für die Leserin und den Leser genug Material für Vergleiche und zum Nachdenken bereit.

Schon das Lesen des Inhaltsverzeichnisses ist ein interessanter, fast kurioser Gang durch die Weltgeschichte: Auf »Ibrahim den Wahnsinnigen« folgt »Ivan der Schreckliche«, Friedrich Wilhelm I. taucht als ein König auf, der sich selbst stolz als Tyrannen bezeichnet hat. Im darauf folgenden Artikel ist zu lesen, warum Napoleon kein Despot war. Etwas schmunzeln lassen auch die Abschnitte zu Recep Tayyip Erdoğan und Donald Trump. Ersterer wird im Pseudoglanz seiner selbst erträumten »neo-osmanischen« Herrlichkeit beschrieben und Letzterer bekommt das Etikett eines »authentischen Möchtegerndespoten«.

Bei der Auswahl der vorgestellten Tyrannen fällt auf, dass neben sehr bekannten Namen Machthaber auftauchen, die man zwar kennt, über deren Hintergründe ihrer Herrschaft man jedoch nicht unbedingt tiefergehend informiert ist. Dazu könnten etwa Augusto Pinochet, Idi Amin, Robert Mugabe oder Francisco Franco zählen. Artikel dieser Art sind eine gute Horizonterweiterung.

Tyrannen scheinen Menschen zu sein, die absolut von sich überzeugt, selbstverliebt und machtgierig sind und oft nur durch die Zufälle der Zeitläufe an die Macht gespült werden. Das wichtigste Merkmal eines Tyrannen scheint aber ihre Grausamkeit zu sein beziehungsweise ihre mangelnde Fähigkeit zum Mitleiden.

Ein Beispiel hierfür ist Friedrich Wilhelm I., König von Preußen. Ein unbarmherziges, gewalttätiges Wesen zeigte er schon als Kind, und seine Mutter, Sophie Charlotte, fürchtete, einen zweiten Nero in die Welt gesetzt zu haben. Neben seiner autokratischen Regierungsführung schreckte Friedrich Wilhelm nicht vor körperlicher Gewalt zurück – es konnte jeden treffen, ob bürgerlich oder adlig. Vor allem seine eigenen Kinder hatten darunter zu leiden. Als sein Sohn, Kronprinz Friedrich, vor der Gewalt seines Vaters zu fliehen suchte, verurteilte Wilhelm ihn wegen Desertion und Hochverrat zum Tod. Der Kaiser selbst und zahlreiche Fürsten konnten zwar die Todesstrafe verhindern, in Festungshaft kam der Kronprinz trotzdem und musste der »stellvertretenden« Hinrichtung seines Freundes zusehen.

Zuweilen erschreckt auch die Doppelgesichtigkeit der Tyrannen. Der König von Belgien, Leopold II., bestieg 1865 den Thron. In seinem Heimatland war er ein konstitutioneller Monarch mit eingeschränkter Macht, die er für soziale Reformen wie das Verbot der Kinderarbeit, Einführung der Schulpflicht und die Verbesserung des Lebens der Fabrikarbeiter einsetzte. Ab 1885 war er aber auch absoluter Herrscher des »Kongo-Freistaats«, einer schrecklichen Kolonialherrschaft, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Obwohl schon Ende des 19. Jahrhunderts die Gräueltaten eine weltweite Empörung auslösten, nahm man in der belgischen und europäischen Öffentlichkeit das Ausmaß der Gewalt erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wahr. Vorher hatte man, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, kein Interesse daran. Schließlich profitierte die gesamte europäische Wirtschaft von der Ausbeutung des Kongo.

Welches Fazit lässt sich aus der Lektüre des Buchs ziehen? Es erweitert den geschichtlichen und politischen Horizont, wenn es um die Frage des Missbrauchs von Macht geht. Und das betrifft alle Menschen, die selbst im kleinsten Kreis irgendeine Form von Macht im Sinne »Verantwortung für Menschen« tragen. Vielleicht ist gerade darum das Buch als Geschenk geeignet. Falls dies zu sozialen Verstimmungen im Nahbereich führen sollte, kann ja diese Rezension beigelegt werden.

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