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Coronavirus: Unnötiger Alarm bei Covid-19?

Der Astrophysiker Harald Lesch, einer der bekanntesten Wissenschaftserklärer des deutschen Fernsehens, hat zwei Videos veröffentlicht, in denen er unsinnige Behauptungen zur Corona-Pandemie entkräftet und die Unterschiede in der Fallsterblichkeit zwischen Deutschland und Italien diskutiert.
Coronavirus: Unnötiger Alarm bei COVID-19?

Veröffentlicht am: 20.03.2020

Laufzeit: 0:09:11

Sprache: deutsch

Der YouTube-Kanal Terra X Lesch & Co wird vom ZDF in Zusammenarbeit mit objektiv media produziert.

Einige selbst ernannte Fachleute behaupten, dass uns die Pandemie gar nicht aufgefallen wäre, wenn man das neue Virus Sars-CoV-2 nicht entdeckt hätte. Die Pandemie, so sagen sie, wäre in der Vielzahl der winterlichen Erkältungskrankheiten untergegangen. Angesichts der erschreckend vielen Todesfälle in Italien, Spanien, Frankreich und New York müsste man eigentlich kaum über den Unsinn diskutieren. Selbst als der Ausbruch noch auf die Stadt Wuhan in China begrenzt war, konnte niemand übersehen, dass dort die Gesundheitsversorgung langsam zusammenbrach. Trotzdem: Hier zu Lande fällt es dennoch einigen Menschen schwer, die Notwendigkeit des »social distancing« einzusehen.

Harald Lesch lässt in seinem Video die Zahlen sprechen. Wenn die Pandemie wirklich im statistischen Rauschen verschwände, würde man keinerlei Übersterblichkeit sehen. In manchen Städten und Regionen Italiens, Spaniens, Frankreichs und Chinas ist die Übersterblichkeit aber geradezu Furcht erregend hoch. Die vielen gleichartigen Lungenentzündungen mit hoher Letalität (Verhältnis der Todesfälle zur Anzahl der Erkrankten) hätte man nie und nimmer übersehen können. In den am schlimmsten betroffenen Gebieten müssen die Ärzte bereits entscheiden, wer behandelt werden kann und wer unbehandelt sterben soll. Dieses als Triage (französisch für sortieren) bezeichnete Verfahren sollte dem Krankenhauspersonal erspart bleiben, wann immer möglich. Wenn über Wochen hinweg wiederholt todkranke Patienten abgewiesen werden müssen, bringt das Ärzte und Pflegekräfte an den Rand ihrer Kräfte, mehr noch als die nicht endende Arbeit. Man darf nicht vergessen, dass auch das Krankenhauspersonal von dem Virus nicht verschont bleibt, also binnen weniger Wochen die Kapazität der Krankenhäuser eher ab- als zunimmt. Nein, die Behauptung, dass die bloße Entdeckung eines neuen Erregers bereits für Hysterie unter Ärzten und Politikern gesorgt habe, ist unsinnig. Das bringt Harald Lesch sehr gut auf den Punkt.

Dann rechnet er vor, wie viele schwer kranke und beatmungspflichtige Patienten das deutsche Gesundheitssystem maximal behandeln kann. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ohne eindämmende Maßnahmen die Krankenhäuser bereits Anfang April überrannt würden – und dabei ist seine Rechnung noch optimistisch. Er lässt alle zeitlichen und örtlichen Häufungen außer Acht und geht davon aus, dass Patienten und Geräte optimal verteilt sind. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Die im Dauerbetrieb überlasteten Geräte fallen irgendwann aus. Betten, Wäsche und Räume müssen stetig ausgetauscht, gereinigt und sterilisiert werden. Und wie schon erwähnt, würde das Personal trotz aller Vorsicht irgendwann krank werden. Das alles wird binnen weniger Wochen zu einer gleitenden Abnahme der Kapazität führen. Während Harald Lesch davon ausgeht, dass bei 40 000 neu Infizierten pro Tag das deutsche Gesundheitssystem zu kollabieren beginnt, wäre 30 000 vermutlich realistischer. Zurzeit zählt das Robert Koch-Institut rund 5 000 Neuinfektionen pro Tag für Deutschland. Spätestens Mitte April kämen unsere Krankenhäuser in echte Schwierigkeiten, wenn wir die Zunahme nicht aufhalten.

Die Entwicklung des Coronavirus in Deutschland | Den ersten Coronavirus-Fall gab es in Deutschland Ende Januar 2020. Seitdem sind mehr und mehr Menschen erkrankt. Klicken Sie in die Grafik, um zu sehen, wie viele das Virus nachweislich in sich tragen, wie viele an den Folgen starben und wie viele als genesen gelten. Die Werte des jeweiligen Tages sehen Sie rechts oben. Mit den Schiebereglern im unteren Abschnitt lässt sich der Zeitraum einschränken.

Leschs Video widerlegt überzeugend und verständlich die Behauptung, die Staaten der Welt reagierten übertrieben, und rechnet korrekt vor, welche fatalen Konsequenzen ein tatenloses Zuwarten in Deutschland gehabt hätte. Ich empfehle es allen Menschen, die angesichts der zahlreichen Meinungen und Kommentare nicht mehr wissen, was sie glauben sollen. In einem zweiten Video befasst sich Harald Lesch mit der Frage, warum eigentlich in Italien so viele Menschen an Covid-19 sterben, während es in Deutschland vergleichsweise deutlich weniger sind.

Übrigens: Falls Sie sich immer schon gefragt haben, woher der seltsame Name der Krankheit kommt: Covid-19 steht ganz einfach für Coronavirus Disease 2019. Der Name des Virus Sars-CoV-2 ist die Abkürzung von Severe acute respiratory syndrome coronavirus 2. In Italien betrug die Letalität am 2. April 2020 knapp 12 Prozent (13 155 von 110 574), in Deutschland 1,2 Prozent (931 von 77 981). Warum erinnern die Todesraten in Italien an eine mittelalterliche Pestepidemie, in Deutschland eher an einen bösartigen Stamm der Influenza? Herr Lesch bemüht sich redlich um Erklärungen, verheddert sich dabei aber ziemlich in den vielen vorläufigen Zahlen und nebeligen Definitionen, die Regierungen, Organisationen und Forschergruppen derzeit hastig ins Netz stellen.

 

Sicher nachprüfbar ist bislang, dass in Deutschland wesentlich mehr getestet wird und in Italien die Erkrankten deutlich älter sind. Damit tauchen in der deutschen Statistik auch jene Infizierten auf, die nur leichte oder überhaupt keine Beschwerden entwickeln. Weil jüngere Menschen die Erkrankung offenbar besser verkraften, wäre der Altersunterschied bei den Erkrankungen allein ein Grund für die Differenz. Und in Deutschland fängt das Gesundheitssystem – bisher jedenfalls – alle schweren Fälle gut auf, während Italien in den am schlimmsten betroffenen Gebieten wegen der Vielzahl der Fälle bereits kapitulieren musste. Es weiß auch niemand, wie hoch die Dunkelziffer bei Erkrankten und Verstorbenen sein könnte. Im Moment fehlt selbst die Grundlage für eine seriöse Schätzung. Jeder echte Vergleich wird noch zusätzlich durch die komplizierte und nicht einheitlich gehandhabte Definition des Wortes Fallsterblichkeit erschwert.

Herr Lesch wirft zudem die Frage auf, ob das Virus zwischenzeitlich mutiert ist, so dass in Italien und Deutschland unterschiedlich gefährliche Varianten unterwegs sind. Wie Tanja Stadler von der ETH-Zürich in Basel der »Neuen Zürcher Zeitung« sagte, gebe es zwar genetische Unterschiede zwischen der chinesischen und europäischen Variante. Die reichten aber nicht aus, um die hohen Sterberate in Italien zu erklären. Dennoch ist die von Herrn Lesch aufgestellte Behauptung, nur ein so genannter Genshift könne eine neue Pandemie auslösen, nicht haltbar. Unter Genshift versteht man einen Austausch größerer Gensegmente, also eine deutliche Veränderung der Erbmasse. Im unglücklichsten Fall reichen schon einige wenige Punktmutationen aus, um die Eigenschaften von Viren so zu verändern, dass sie als Auslöser einer neuen Krankheit um die Welt reisen können. Die Viren der Corona-Familie mutieren vergleichsweise langsam: Sie verfügen über einen Mechanismus zur Stabilisierung des Genoms (das Stichwort heißt Proofreading). Den brauchen sie auch, denn sie haben das längste bisher bekannte Genom aller RNA-Viren. Anders als bei den wesentlich kleineren Grippeviren würden sich bei ihrer Replikation ohne zusätzlichen Schutz zu viele Fehler einschleichen, so dass die Viren schon nach wenigen Generationen nicht mehr lebensfähig wären. Trotzdem erscheint mir Leschs Vorhersage, dass Mutationen von Sars-CoV-2 in nächster Zeit nicht zu erwarten sind, doch etwas gewagt.

Das Video ist sichtlich etwas hastig produziert. Es begründet die Unterschiede in der Letalität mit drei Faktoren, die auf eingeblendeten Tafeln als Faktor 1, 2 und 4 bezeichnet werden. Faktor 3 ist offenbar dem Schnitt zu Opfer gefallen. Aber letztlich ist es auch zu früh, um mitten in der Phase ansteigender Fallzahlen über regionale Unterschiede bei der Schwere des Verlaufs zu spekulieren. Zweifellos richtig ist Leschs Appell an alle Zuschauer, den Zusammenbruch des deutschen Gesundheitssystems zu verhindern. Denn dann würde die Letalität mindestens um das Vierfache zunehmen. Und das kann niemand wollen.

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