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Krebs verstehen: Gibt es Spontanheilung bei Krebs?

Ein Patient mit einem aggressiven, als unheilbar geltenden Krebs zeigt plötzlich keine Anzeichen der Krankheit mehr. Wie dieses Wunder zu erklären ist und ob es Spontanheilungen wirklich gibt, erklärt Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne.
Patient wird einer MRT-Untersuchung unterzogen
Ein MRT-Bild wird genutzt, um den Verlauf einer Krebserkrankung und den Erfolg einer Behandlung zu verfolgen (Symbolbild).

Statistisch gesehen erkrankt fast jeder zweite Mensch im Lauf seines Lebens an irgendeiner Art von Krebs. Weil man selbst betroffen ist oder eine betroffene Person kennt, geht das Thema damit alle etwas an. Gleichzeitig wissen viele Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen sehr wenig über die Erkrankung. Was passiert dabei im Körper? Warum bekommt nicht jeder Krebs? Und wie individuell läuft eine Krebstherapie eigentlich ab? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ärztin Marisa Kurz in ihrer Kolumne »Krebs verstehen«.

Letztes Jahr habe ich einen Patienten mit einer sehr aggressiven, metastasierten Krebserkrankung behandelt. Statistisch gesehen lag seine Lebenserwartung selbst bei einer Behandlung bei nur einem Jahr. Er begann daraufhin seine Chemotherapie und ich kontrollierte den Verlauf seiner Erkrankung mit regelmäßigen Computertomografien.

Als ich eines Tages den Befund einer Untersuchung in den Händen hielt, konnte ich es nicht glauben: In seinem Körper war kein Krebs mehr zu sehen. Ich stellte den Fall daraufhin erneut in einem Tumorboard vor, einer Besprechung mit Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten, die sich mit seiner Erkrankung gut auskennen. Sie schlugen weitere Untersuchungen vor: Kernspintomografie, PET-CT, Blutanalysen. Doch auch diese Kontrollen zeigten keinerlei Spur von Krebs. Schließlich stoppten wir sogar die Chemotherapie und überprüften engmaschig, ob sich ohne Therapie wieder Tumorzellen zeigen würden. Doch sogar noch sechs Monate nach der letzten Therapie war der Patient – zumindest soweit technisch feststellbar – frei von Krebs. Laut Statistik hätte er zu diesem Zeitpunkt bereits tot sein müssen.

Spontanheilung und Rückgang uneinheitlich definiert

Haben wir den Patienten geheilt – oder hat sich seine Erkrankung von selbst zurückgebildet? Liegt hier vielleicht eine »Spontanheilung« vor? Leider nicht. Was ich hier beschreibe, ist eine Momentaufnahme über einen kurzen Zeitraum von sechs Monaten. Von einer Heilung von Krebs spricht man in der Medizin in der Regel, wenn es nach dem Ende einer Krebstherapie fünf Jahre keine Anzeichen für einen Rückfall (Rezidiv) gibt. Doch auch dann ist es möglich, dass eine Krebserkrankung wiederkehrt. Mit fortlaufender Zeit wird dies nur immer unwahrscheinlicher.

Unsere damalige Erklärung war, dass die Erkrankung des Patienten ungewöhnlich gut auf die Chemotherapie angesprochen hat und sich die Krebszellen so stark verringert haben, dass sie in bildgebenden Untersuchungen wie der Computer- oder Kernspintomografie nicht mehr sichtbar waren. Tatsächlich zeigte sich im Nachhinein, dass der Patient eine bestimmte erblich bedingte Veranlagung für Krebs hatte, die dazu führen kann, dass seine Krebszellen von genau dem erhaltenen Chemotherapeutikum besonders effektiv zerstört werden.

Das, was ich im Falle des Patienten beobachtet habe, war also keine Heilung, sondern eine so genannte Remission, also ein Rückgang der Erkrankung. Sie kann komplett sein, wie in diesem Fall, oder sich nur in manchen Körperbereichen zeigen. In der wissenschaftlichen Literatur zu Spontanheilung bei Krebs sind die Begriffe nicht immer einheitlich definiert. Auch der Begriff »spontan« kann unterschiedliche Bedeutungen haben: etwa dass eine Krebserkrankung sich ganz ohne Therapie zurückbildet oder aber auf eine Behandlung besser als erwartet anspricht oder sich nach einer Therapie, die man für unwirksam gehalten hat, zurückbildet.

Fallberichte zum Teil schwer bewertbar

Leider weiß ich nicht, wie es mit dem Patienten weitergegangen ist. Ich arbeite inzwischen in einer anderen Klinik und da ich ihn nicht mehr behandle, darf ich aufgrund der Schweigepflicht keine Informationen zu seinem weiteren Krankheitsverlauf erhalten. Es ist durchaus möglich, dass einzelne Krebszellen in seinem Körper zurückgeblieben sind, die in den Untersuchungen nicht sichtbar waren. Manchmal brauchen sie mehrere Monate oder sogar Jahre, um sich bemerkbar zu machen. Hätten wir damals einen Bericht über diesen interessanten Patientenfall veröffentlicht, wäre die Aussagekraft sehr gering gewesen. Schließlich kann es gut sein, dass die Erkrankung des Patienten doch wiedergekommen ist. Ich weiß nicht einmal, ob er heute noch lebt.

Eine weitere Frage hat uns damals im Tumorboard beschäftigt, weil der Erkrankungsverlauf des Patienten so ungewöhnlich war: War die ursprüngliche Diagnose des Patienten überhaupt korrekt? Die Pathologen berichteten, dass die Krebszellen des Patienten sich sehr stark von gesundem Gewebe unterschieden. Das machte es schwer, herauszufinden, aus welchem Gewebe der Krebs einmal entstanden war. Um die Diagnose zu stellen, wurden mehrere Erkenntnisse zusammen betrachtet: das Ausbreitungsmuster der Erkrankung, die Eigenschaften der Krebszellen, die Beschwerden des Patienten und die Laborwerte. Daran, dass der Mann an Krebs erkrankt war, bestand kein Zweifel. Jedoch ist nicht auszuschließen, ob doch eine andere Art von Krebs, vielleicht eine weniger aggressive, vorlag.

Spontanheilung lässt sich kaum untersuchen

Ich bin allerdings überzeugt davon, dass mein Patient einfach außergewöhnlich gut auf die Krebstherapie ansprach. Gibt es auch Beispiele, in denen Erkrankte keinerlei Krebstherapie erhielten und spontan wieder gesund wurden? Einzelne solcher Fälle sind in der Literatur tatsächlich beschrieben. Jedoch sind solche Spontanheilungen wissenschaftlich sehr schwer zu untersuchen. Krebs ist eine Erkrankung, die in der Regel und aller Erfahrung nach unbehandelt zum Tod führt. Aus ethischen Gründen kann man also keine Studie durchführen, in der Patienten oder Patientinnen eine wirksame Therapie vorenthalten wird. Entscheiden sich Betroffene gegen eine Krebstherapie, sind sie ab diesem Zeitpunkt womöglich nicht mehr in ärztlicher Behandlung. Wie sich ihre Erkrankung weiterentwickelt, kann dann nicht mehr lückenlos nachverfolgt werden.

Laut Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums lassen sich spontane Remissionen oder Heilungen aus den genannten Gründen kaum beziffern. Schätzungen zufolge könnte es bei einem von 60 000 bis 100 000 Krebserkrankten zu einer Spontanremission kommen – diese muss aber nicht unbedingt von Dauer sein. Tatsächliche spontane Heilungen sind zwar in Fallberichten beschrieben, jedoch sehr selten.

Studiert man die Berichte von Spontanrückgängen bei Krebs, zeigt sich, dass diese bei bestimmten Krebsarten häufiger als bei anderen vorkommen. Dazu gehören zum Beispiel Nierenzellkarzinome, Lymphome, Neuroblastome und maligne Melanome. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Immunsystem dabei eine zentrale Rolle spielt. In einigen Fallberichten gingen Infektionen oder Biopsien dem spontanen Rückgang der Erkrankung voraus. Womöglich haben sie das Immunsystem aktiviert.

Kann man Spontanheilung beeinflussen?

Wissenschaftler versuchen, solch ungewöhnliche Erkrankungsverläufe zu verstehen, um schließlich Krebstherapien verbessern zu können. Bereits existierende Therapien wie Immuntherapien machen sich das körpereigene Immunsystem zu Nutze.

Eine Möglichkeit, seine »Selbstheilungskräfte« irgendwie zu aktivieren, gibt es nach dem heutigen Wissensstand leider nicht. Krebspatienten sind an ihren Erkrankungen und Krankheitsverläufen nicht schuld und können sie nicht etwa durch eine positive Einstellung beeinflussen. Dass die seltenen Fälle von Spontanrückgängen besonders bei bestimmten Krebsarten auftreten, lässt vermuten, dass spezifische Eigenschaften dieser Krebszellen den Verlauf beeinflussen.

Wenn ich Patienten die Nachricht überbringen muss, dass ihre Krebserkrankung nicht heilbar ist, hoffen viele von ihnen auf ein Wunder. Einerseits möchte ich meinen Patienten gegenüber ehrlich sein und ihnen keine Informationen vorenthalten. Wenn ich weiß, dass ein Patient statistisch gesehen eine begrenzte Lebenserwartung hat, hat er meiner Meinung nach ein Recht darauf, das zu wissen. Denn vielleicht gibt es Dinge, die er noch erleben oder regeln möchte. Vielleicht entscheidet er sich gegen eine Therapie, wenn er weiß, dass sie zwar sein Leben verlängern, aber nicht retten kann. Vielleicht möchte seine Familie wissen, was sie erwartet, damit sie die verbliebene Zeit nutzen können, um Abschied zu nehmen.

Andererseits gibt es in der Medizin nur eine einzige hundertprozentige Gewissheit: die, dass wir alle irgendwann sterben werden. Wann und wie das sein wird, kann ich nicht mit Sicherheit vorhersagen. Der Fall meines Patienten hat mir gezeigt, dass eine Krankheit auch ganz anders verlaufen kann als erwartet. Leider habe ich viel mehr Fälle erlebt, in denen Patienten genau in dem Zeitrahmen der statistischen Lebenserwartung verstorben sind. Auch sind Patienten deutlich früher gestorben, als ich erwartet habe.

Wenn Patienten mich fragen, ob sie auf ein Wunder hoffen können, sage ich manchmal, dass ich keine Glaskugel habe und nur in Wahrscheinlichkeiten sprechen kann. Ich versuche, sie auf den wahrscheinlichsten Ausgang vorzubereiten. Und der ist, dass ich im Laufe meines Berufslebens vermutlich niemals ein solches Wunder erleben werde – auch wenn ich mich darüber freuen würde.

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