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Klimaschutz: Die Klimaprotest-Debatte ist das eigentliche Problem

Man kann darüber diskutieren, ob man sich auf die Straße kleben sollte. Doch man darf das nicht als Ausrede nehmen, um vom nötigen Klimaschutz abzulenken, kommentiert Daniela Mocker.
Hand eines Klimaaktivisten, der sich auf die Straße geklebt hat. Einsatzkräfte versuchen, die Hand von der Straße abzulösen.
Um für mehr Klimaschutz zu protestieren, klebten sich Aktivisten der »Letzten Generation« mehrfach mit der Hand an der Straße fest – hier in München in der Nähe des Hauptbahnhofs.

Ich weiß nicht, ob Sie es schon mitbekommen haben: Derzeit treffen sich wieder Regierungsvertreter aus rund 200 Ländern, um auf der 27. UN-Klimakonferenz in Scharm el Scheich in den kommenden Tagen über Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu beraten. Was Sie vermutlich schon häufiger gehört oder gelesen haben: Klimaaktivisten der Bewegung »Letzte Generation« haben sich Ende Oktober im Rahmen einer Protestaktion in Berlin auf die Straße geklebt. Durch die Aktion steckte ein Spezialfahrzeug im Stau, das dabei helfen sollte, eine Fahrradfahrerin zu befreien, die von einem Betonmischer überrollt worden war. Später starb die Radfahrerin. Andere Aktivisten der britischen Gruppe »Just Stop Oil« klebten sich an namhafte Gemälde und wurden dafür teils zu Haftstrafen verurteilt. Und in Bayern nahmen Behörden Klimaaktivisten nach einer Protestaktion sogar ohne Gerichtsverfahren für 30 Tage in Präventivhaft.

Die Kritik an den Aktionen der »Letzten Generation« und von »Just Stop Oil« beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Politiker warnen vor der Entstehung einer »Klima-RAF«, und Medien widmen sich der Frage, ob man künftig nicht härter mit Klimaaktivisten ins Gericht gehen müsste. Die eigentlich wichtigen Fragen zum Klimaschutz, die derzeit zum Beispiel auf der Weltklimakonferenz diskutiert werden, treten dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Und das ist unendlich bitter.

Der Klimaschutz hat keine besonders mächtige Lobby

Es war schon lange nicht mehr so schwierig, über Klimaschutz zu reden, wie dieser Tage. Die Energiekrise überschattet derzeit alle anderen Themen, und in den meisten Staaten sind Politiker gerade hauptsächlich mit Sorgen beschäftigt, die die Bevölkerung viel unmittelbarer belasten als die Angst vor den langfristigen Folgen der globalen Erderwärmung.

Und selbst wenn die Welt gerade nicht von einer Krise in die nächste schlittert, hat der Klimaschutz keine besonders mächtige Lobby: 26 UN-Klimagipfel und wir sind noch immer weit davon entfernt, die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Angesichts dieser Bilanz habe ich bis zu einem gewissen Maß Verständnis für jeden, der nicht mehr daran glaubt, dass die Welt in Sachen Klimaschutz noch die Kurve kriegt, und nichts mehr davon hören will.

Gerade das Jahr 2022 hat uns aber auch erneut vor Augen geführt, wie dringlich es ist, den globalen Temperaturanstieg zu bremsen. Die lang anhaltende Hitzewelle samt Dürre im Sommer, der warme Oktober – all diese Klimaphänomene werden inzwischen im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrzehnten immer häufiger, wie die Daten der Wetterdienste zeigen. Und sie werden auch hier zu Lande zunehmend ihren Tribut fordern. So werden die Böden in Deutschland beispielsweise immer trockener und auch die Grundwasserstände sinken stetig. Gleichzeitig bedroht die Hitze unsere Gesundheit und macht auch Tieren sowie Pflanzen zu schaffen. Auf der anderen Seite der Erdkugel lässt sich bereits beobachten, wie Menschen durch den Klimawandel zunehmend ihre Lebensgrundlage verlieren und Landstriche unbewohnbar werden.

Die Klimaaktivisten der »Letzten Generation« wollen auf genau diese Probleme aufmerksam machen. Dass sie mit ihren Protesten keine besonders kluge Form dafür gewählt haben und zum Teil immer noch wählen, darüber sind sich inzwischen die meisten Menschen einig. Und natürlich darf man und sollte man sich als Gesellschaft mit der Frage befassen, wie mit bestimmten Arten des Protestes am besten umzugehen ist – gerade wenn diese Straftatbestände wie Sachbeschädigung einschließen oder Rettungseinsätze durch die Aktionen behindert werden könnten. Statt sich auf die Straße zu kleben oder die Glasscheiben vor Kunstwerken mit Kartoffelbrei zu beschmieren, hätten die Aktivisten schlauere Formen des Protests wählen können, die auch inhaltlich mit der Erderwärmung in Zusammenhang stehen.

Die Diskussion über die Proteste lenkt die Debatte auf Nebenschauplätze

Die Aktivisten sind aber längst nicht die Einzigen, die Schuld daran tragen, dass die Diskussion um den Klimaschutz derzeit in die falsche Richtung läuft. Die Tatsache, dass sich Medien und Politik seit Tagen lieber über »Klimaterroristen« als über den Klimawandel ereifern, zeigt auch, welch beispielloses Talent unsere Gesellschaft dafür besitzt, eine Debatte zu vergiften.

Ganz gleich, wie sehr man die Mittel und Wege der »Letzten Generation« auch missbilligen mag: Am Ende werden sie mit dem, was sie fordern, Recht behalten

Wer derzeit lieber lang und breit darüber debattiert, ob die Klimabewegung gerade dabei ist, sich zu radikalisieren, statt darüber zu reden, wie sich die Erderwärmung wirkungsvoll bremsen lässt, der verkennt, dass große Teile der Klimabewegung seit Jahren überwiegend auf friedlichem und legalem Wege für mehr Klimaschutz demonstrieren. Menschen, denen der Klimaschutz ohnehin noch nie sonderlich wichtig war, missbrauchen die Handlungen einiger weniger jetzt dafür, die Debatte künstlich aufzublasen und auf Nebenschauplätze zu lenken. Ähnlich war es vor einigen Jahren bei »Fridays for Future«, als manche die wahre Katastrophe darin sahen, dass Schüler für die Klimademos ein paar Schulstunden ausfallen ließen.

Wer sich mit der »Letzten Generation« auseinandersetzt, muss sich auch mit ihren Forderungen befassen

Ganz gleich, wie sehr man die Mittel und Wege der »Letzten Generation« auch missbilligen mag: Das Anliegen der jungen Aktivistinnen und Aktivisten ist wichtig und richtig. Wir können Klimaaktivisten in Präventivhaft stecken und Schulschwänzer zurück in die Schule schicken und ihre Themen in der Öffentlichkeit damit vielleicht wieder ein wenig unsichtbarer machen. Am Ende aber werden sie mit dem, was sie fordern, Recht behalten: Wir tun zu wenig für den Klimaschutz und haben keine Zeit mehr zu verlieren, das zu ändern.

Es führt also letztlich kein Weg daran vorbei, sich nicht nur mit den Handlungen der »Letzten Generation« auseinanderzusetzen, sondern auch mit ihrem Anliegen. Wir täten daher gut daran, unsere Aufmerksamkeit endlich wieder ein wenig mehr zurück zu den zentralen Fragen des Klimaschutzes zu lenken. Zu diesen zählen etwa: Wie lässt sich der Ausbau erneuerbarer Energien weiter beschleunigen? Wie kann die Welt ihren Kohlendioxidausstoß noch stärker senken – und gleichzeitig ärmeren Ländern, die besonders unter den Folgen der Erderwärmung leiden, dabei helfen, sich an den Klimawandel anzupassen?

Der Mensch hat die Erderwärmung zu einem großen Teil zu verantworten – daran zweifeln Experten heute nicht mehr ernsthaft. Damit hat er aber auch die Mittel, sie wieder zu verlangsamen. Die Ergebnisse der vergangenen Klimakonferenzen mögen nicht das gewesen sein, was man sich erhofft hat. Doch vieles ist schon geschafft. Nun gilt es, nicht nachzulassen und weiterzumachen. Und dann kommt vielleicht ohnehin niemand mehr auf die Idee, sich irgendwo hinzukleben.

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